Volkskultur: Die Trachten-Unternehmerin Gexi Tostmann im Porträt

GEXI TOSTMANN: "Sie haben es mehr mit der Heimat und weniger mit der Politik, oder?"

GEXI TOSTMANN: "Sie haben es mehr mit der Heimat und weniger mit der Politik, oder?"

Wie viel Heimat steckt im Dirndl, wie viel Politik im Jopperl? Und was bedeutet "volkstümlich" überhaupt? Die unvergleichliche Trachten-Unternehmerin Gexi Tostmann erklärt die Welt.

Mikrofone, die aus Hackstöcken ragen. Männer, die auf Dachsteinprinzessinnen starren. Brettljause, Schafalm, Humtata. Servus Österreich. Mit der Inszenierung, die sich die Bundesregierung zum Antritt der EU-Ratspräsidentschaft einfallen ließ, braucht man Gexi Tostmann nicht zu kommen. Politische Folklore gehört nicht zu den Interessengebieten der Trachten-Unternehmerin. Allenfalls amüsiert sie sich darüber, dass der kleine Koalitionspartner die große Kanzlershow geschwänzt und lieber den Grand Prix von Österreich mitgenommen hat. "Das ist schon ein bisschen bemerkenswert, oder?" Hinter der Brille blitzt der Schalk.

Tostmann empfängt in ihrem Geschäftslokal in der Wiener Innenstadt, das gleich neben der Mölkerstiege liegt, im Grätzel zwischen Universität, Burgtheater und Palais Niederösterreich. Ein sinnvoller Zufall: Tostmann gehört genau hierher, wo sich Wissenschaft, Kunst, Großstadt und Provinz berühren. Der Verkaufsraum war einmal eine Backstube, er hat meterdicke Wände, Gewölbedecken und wurde mit Geschmack restauriert. Tostmann trägt natürlich Dirndl, ein Modell in gedecktem Dunkelblaubraun, dazu dezenten Lippenstift, burschikosen Kurzhaarschnitt und flache Sportschuhe. Ihr Smartphone steckt in einem roten Plastiküberzug.

Gexi Tostmann, 75, steht für einen eigensinnigen, besonderen Weg zur Tracht, nämlich einen, der nicht im finsteren Tal endet. Sie nimmt vielmehr die Welt in den Blick. Volkskultur ist für sie etwas, das sich nur international verstehen lässt. Volkstümlich heißt für sie: für alle. Sie ist Erwin Pröll gleichermaßen freundschaftlich verbunden wie Vivienne Westwood, hat mit Klaus Maria Brandauer mindestens so viele Abende verbracht wie mit den Linzer Goldhaubenfrauen. Sie ist, buchstäblich, eine legendäre Figur -und dabei so bescheiden, dass sie manchmal selbst schmunzeln muss. Auf eine erste Anfrage nach einem Gespräch fragt Gexi Tostmann zurück: "Und das ist kein Missverständnis?" Später dann, man hat ihr erklärt, worum es gehen soll, erkundigt sie sich: "Sie haben es mehr mit der Heimat und weniger mit der Politik, oder?" Sie würde nämlich schon auch über Politik reden wollen. Eine Überschrift in einer Tostmann-Firmenchronik aus dem Jahr 1989 lautet: "Ohne Kultur geht es nicht." Eine zweite: "Ohne Politiker aber auch nicht."

"Meine Schwester und ich waren immer eher links"

Tostmann hat sich immer schon politisch engagiert, für die Friedensbewegung, für den Umweltschutz, hat gegen Hainburg und Zwentendorf demonstriert, sich mit den frühen Grünen angefreundet, hat Bürgerinitiativen und Kulturvereine gegründet und unterstützt. "Meine Schwester und ich waren immer eher links. Die Eltern haben uns auch gewähren lassen. Sie haben gesagt: Für junge Leute gehört sich das so. Trotzdem war für mich immer klar, dass ich die Firma übernehmen würde - auch wenn ich zwei linke Hände habe." Jetzt muss Gexi Tostmann, 75, Doktora der Volkskunde, ehemalige Leiterin eines weltweit renommierten Trachtenunternehmens mit Sitz in Seewalchen und Wien, schon wieder schmunzeln.

Ihre Eltern sind ein eigenes Kapitel: Marlen Tostmann, geborene Fischer, Kind aus gutem Linzer Hause, Absolventin der Modeklasse an der damaligen Kunstgewerbeschule in Wien, heute Universität für angewandte Kunst, bei Eduard Wimmer-Wisgrill, seinerseits Schüler von Koloman Moser und Leiter der Modeabteilung der Wiener Werkstätte. Jochen Tostmann, gebürtiger Hamburger, gelernter Jurist und leider auch Nationalsozialist. "Meine Eltern haben nichts ausgelassen. Der Vater war SSler in relativ hoher Position. Er fiel dann aber in Ungnade und wurde nach Lenzing versetzt. Dort hat er meine absolut unpolitische Mutter kennengelernt. Das war seine Rettung." Die Hintergründe für Jochen Tostmanns Demission liegen im Dunkeln; sie blieben auch innerhalb der Familie ein Tabu. Der ehemalige NS-Funktionär wurde im KZ Mauthausen interniert, später an die "Bewährungsfront" verbracht - "als Kanonenfutter, aber er hat überlebt, überraschenderweise".

Inzwischen war Gexi (eigentlich: Gesine) zur Welt gekommen, 1942 in Vöcklabruck. Es war eine schwere Zeit und der Anfang "einer sehr offenen, sehr freien Kindheit". Die Mutter nähte Kleider aus alten Uniformresten und "Fahnen, die zu hissen niemand mehr gezwungen werden konnte". Marlen Tostmann kannte aus ihrer Zeit als Modestudentin in Wien viele Künstler, unter ihnen auch einige Homosexuelle: "Aber das durften wir nicht laut sagen, weil es ja strafbar war. Da hat sich bei mir zum ersten Mal eine kritische Haltung gegenüber dem Gesetzgeber verfestigt." Jochen Tostmann, politisch geläutert, prägte seine Tochter mit seiner sozialen Haltung. "Wir hatten als Kinder auch Kontakt mit Betrügern oder Totschlägern, denen er eine Chance und eine Arbeit gegeben hat. Im Haus haben zwei asoziale Familien gelebt, Leute, die sich für den Heimweg vom Gefängnis ein Fahrrad gestohlen haben." Das färbte ab. Später hat sich Gexi Tostmann eine Zeit lang nicht mehr in öffentlichen Verkehrsmitteln bewegt, denn: "Man findet ja immer einen Sozialfall, dem man helfen will. Und ich kann schwer wegschauen. Ich bin nie enttäuscht worden, aber es war anstrengend, vor allem psychisch."

Eine andere, vielleicht die entscheidende Kindheitslektion: "Es gab in der Familie alles: Monarchisten, Nazis, Sozialisten. Aber das war nicht schlimm - im Gegenteil: Es war schön. Man hat miteinander geredet. Damals habe ich gelernt, dass man völlig unterschiedlicher Ansicht sein und trotzdem gut miteinander auskommen kann."

"Ich denke ja so wenig nach"

Das Leben als Patchwork. Hat sie gar eine Metapher zum Beruf gemacht? "Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber wissen Sie: Ich denke ja so wenig nach." Das ist eine fromme Lüge. Tostmann unterspielt ihre Intellektualität mit großem Charme. Mit 25 Jahren, im Herbst 1967, legte sie am Institut für Volkskunde ihre Dissertation vor: "Tracht und Mode in Österreich. Traditionseinflüsse in der Kleidung der Gegenwart." Bekenntnis der Autorin: "Und seither hab ich zu dem Thema halt immer wieder dasselbe geschrieben." Andererseits lasse sich aber auch schwer leugnen, dass sie als Volkskundlerin und Trachten-Unternehmerin ein erkleckliches Wissen angesammelt habe. "Ganz objektiv muss man sagen, dass ich ja wirklich die Fachfrau bin."

Ganz objektiv muss man auch sagen: Sie hat ihr Fach nicht nur studiert, sie hat es geprägt. Die Tracht ist nämlich kein Abbild der Provinzialität, auch wenn es manchmal so aussieht. Auf der Planai vergangene Woche zum Beispiel. "Meine Mutter hat immer gesagt: Was kann die Tracht dafür, dass sie missbraucht wurde?" Missbraucht, vor allem, von den Nationalsozialisten zum Zwecke der Verklärung und Verkleidung des Volkes. Entsprechend verpönt war sie nach dem Krieg. "In der Löwingerbühne trugen die Dorftrottel Tracht und im echten Leben die unverbesserlichen Nazis. Diese Leerstelle musste gefüllt werden."

Tostmann füllte sie, gemeinsam mit ihrer Mutter Marlen, die im vergangenen Herbst 102-jährig verstorben ist, und mit ihrer Tochter Anna, die seit 2004 das Unternehmen leitet. Dass das Unternehmen Tostmann Trachten, in dem die Frauen immer den Ton angaben, in Seewalchen am Attersee entstanden ist, in einer ehemaligen Sommerfrische-Villa, ist kein Zufall. Das Salzkammergut war die entscheidende Schnittstelle von bürgerlicher Gesellschaft und ländlicher Kultur in Österreich. An dieser Kreuzung ist der später weltberühmte "Austrian Look" eigentlich erst entstanden. "Tracht" war vorher ja schlicht das, was man halt trug: ein einfaches Arbeitsgewand. Erst die bürgerlichen Idealisten des 19. Jahrhunderts steckten Bedeutung in diese Kleider, erkannten im Bäuerlichen das Ursprüngliche, Echte. In der Sommerfrische kam die Tracht zu sich, wurde das Dirndl salonfähig.

Geschichten von vor zigtausendundeiner Nacht

In dieser Gemengelage liegt der Humus der Firma Tostmann Trachten. Die vier Kinder der Maria Christ, Gexis Großmutter, hatten am Attersee selbstverständlich Umgang mit den großbürgerlichen Sommerfrischlern dieser Zeit, mit Emilie Flöge und Gustav Klimt und Katharina Schratt, der Geliebten des letzten Kaisers und Taufpatin von Gexi Tostmanns "Tante" (eigentlich: Nachbarin) Mizzi Medici. Geschichten von vor zigtausendundeiner Nacht: "Die Frau Schratt war der Spielsucht verfallen und hat die Tante Mizzi im Zuge dieser Leidenschaft auch ins Casino in Cannes mitgenommen. Dort lernte sie einen Grafen Medici kennen. Beide nahmen an, der andere sei eine Spitzenpartie. Das war weder hier noch dort der Fall. Aber sie haben sich auch wirklich geliebt!"

Gexi Tostmann verkörpert ihr Lebensthema. Wie die Tracht steht auch sie in der Gegenwart und gehört einer früheren Zeit an. Vergangen ist die Ära jenes seltenen, selbstbewussten, unverkrampft patriotischen, österreichischen Weltbürgertums, eines gesellschaftlichen Biotops, das bei Tostmann eine Heimat fand. Beim Hinabsteigen in den Keller kommt die Vergangenheit hoch: Ziegelwände, schiefe Bögen, der Geruch von 1000 Jahren. Stück für Stück, Gang für Gang hat Gexi Tostmann diese Gewölbe erkundet und erschlossen, immer tiefer gegraben in die Geschichte des Mölkerstifts. Da hinten, Gänge aus der Zeit der Türkenkriege. Dort vorn, gleich links, wurden die Grünen gegründet. "Ich war mit Freda Meissner-Blau befreundet. Als sich 1986 die Gelegenheit ergab, dass sie als Bundespräsidentin kandidiert, hat sie kurzfristig ein Wahlkampfbüro gebraucht. Ich hatte hier ein paar Räumlichkeiten, die ich zur Verfügung stellen konnte. Und dann haben sich hier im Keller die Leute getroffen, die offiziell nicht mit den Grünen gesehen werden wollten. Das war schon interessant. Peter Pilz hat dann versucht, die Bürgerlichen wegzubeißen, zum Teil auch mit Erfolg. Mich hat er nicht hinausekeln können, ich war ja die Gastgeberin. Und außerdem hatte ich keinen politischen Ehrgeiz."

Bundespräsident wurde im Frühsommer 1986 dann Kurt Waldheim. Bei den Nationalratswahlen im Herbst zog die Grüne Alternative unter Freda Meissner-Blau mit acht Mandataren, darunter auch Peter Pilz, ins Parlament ein. Bei seinem Putsch am FPÖ-Parteitag wenige Wochen davor hatte Jörg Haider ein Trachtenjopperl getragen. Heimat ist, was man daraus macht.