TripAdvisor: Österreich im Zerrbild der Online-Reiseführer

Auch Schloss Schönbrunn weiß die TripAdvisor-Mitglieder nicht restlos zu überzeugen

Auch Schloss Schönbrunn weiß die TripAdvisor-Mitglieder nicht restlos zu überzeugen

Das Kunsthistorische Museum? Zu viel altes Zeug. Das beste Restaurant in Wien? Eine Bar im 5. Bezirk. Das Österreich-Bild, das Online-Bewertungsplattformen wie TripAdvisor zeichnen, entspricht nicht immer der Realität. Manchmal aber eben doch.

Vielleicht hatte er den Urlaub nicht gewollt. Vielleicht hatte er auch Sorgen im Job. Stress mit den Kindern. Vielleicht war der Kaffee zu schwach. Fest steht: Vergangenen Juli verbrachte Alex aus Huddersfield in Yorkshire, England, seinen Urlaub in Wien. Und er war ziemlich enttäuscht. Dabei war das Hotel, Hilton Plaza, ein guter Griff gewesen: 1A-Lage, Frühstück üppig, Happy Hour günstig. Leider mussten auch ein paar Sehenswürdigkeiten abgeklappert werden. Und auf diesem Gebiet schwächelte Wien gewaltig. Das Kunsthistorisches Museum: "Okay für sehr alte Kunst. Etwas langweilig, um ehrlich zu sein. Zu viel vom immergleichen Zeug. Hat die Kinder zu Tode gelangweilt." Prater: "Das Riesenrad ist okay, aber nichts im Vergleich mit dem London Eye. Kann man sich sparen." Stephansdom: "Angesichts der Größe eine Enttäuschung. Es gibt viel bessere Kirchen in Europa." Schönbrunn: "Verschwende keine Zeit hier!" Mumok: "Um jeden Preis vermeiden!" Die Multimedia-Ausstellung "Time Travel Vienna" dagegen: "Tolle Überraschung. Guter Spaß."

Dazu muss man wissen, dass Alex aus Huddersfield in Yorkshire ein kritischer Geist ist, einer, der gern gegen den Mainstream schwimmt. Erst kürzlich war er in Florenz. Die Uffizien? "Ganz okay, wenn man sich wirklich für Renaissancekunst interessiert." Ponte Vecchio? "Nur eine Brücke mit ein paar Gebäuden drauf." Wer Alex persönlich kennt, kann seine Kritik wahrscheinlich gut einschätzen. Leider kennen die meisten, die das lesen, Alex nicht persönlich. Sie lesen es im Internet, auf der Reise-Site TripAdvisor, weil sie vielleicht einen Urlaub in Wien planen und wissen wollen, wie es dort so ist und was man dort so machen kann. Und wenn sie Pech haben, gehen sie dann nicht ins Kunsthistorische, weil: "etwas langweilig".

Alex ist einer von vielen Millionen Touristen, die auf der Plattform TripAdvisor von ihren Reisen berichten. Es bleibt, so will es die Site, nie nur beim Bericht. Jede Sehenswürdigkeit, jedes Restaurant, jedes Hotel muss auch bewertet werden. Die Welt wird auf TripAdvisor in ein Fünf-Punkte-Schema gepresst. Die Vermessung reicht von "ausgezeichnet" bis "ungenügend". Insgesamt hält die Site als klare Marktführerin in ihrem Segment derzeit bei 630 Millionen Bewertungen für 1,2 Millionen Hotels und Pensionen, 4,6 Millionen Restaurants und 940.000 "Aktivitäten", wie TripAdvisor Sehenswürdigkeiten nennt, weil sich das besser verkaufen lässt. 455 Millionen Menschen besuchen die Website monatlich. Sie sehen die Welt mit den Augen anderer.

Trügt die Innenperspektive?

Aber wie sehen sie Österreich? Die Innenperspektive trügt ja möglicherweise. Vielleicht hat das Land seinen Besuchern mehr zu bieten als nur Berge, Donau, Dome, Salzburg, Schönbrunn, Hallstatt. Eine Österreich-Rundfahrt auf TripAdvisor (mit ein paar Abstechern zu Booking, Yelp und Google) zeigt: Es gibt mehr Dinge zwischen Boden-und Neusiedler See, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt.

Das beste Restaurant von Wien zum Beispiel liegt in einer ruhigen Ecke des 5. Bezirks und ist gerade auf Betriebsurlaub. Auf TripAdvisor hat es 244 Bewertungen, Durchschnittsnote fünf von fünf Punkten, macht Nummer eins von 3828 Restaurants in Wien: Café-Bar-Restaurant "Sixta", Dienstag bis Sonntag 18 bis 24 Uhr, Montag Ruhetag. Die etablierten Gastronomie-Führer kennen das Lokal entweder gar nicht oder nur oberflächlich (der "Falstaff" notiert: "Ein Gewölbe mit viel Holz und Spiegeln, eine Küche quer durch Carpaccio und Rucola, Tafelspitz und Zwiebelrostbraten sowie ein Personal, das ungewöhnlich freundlich ist"). Zur Eröffnungsfeier gab es, laut Bilderalbum auf der Website, Extrawurst-Sandwiches und Prosecco. Die aktuelle Speisekarte ist noch verwegener. Neben Grießnockerlsuppe, Tafelspitz und Saftgulasch gibt es Rinderfilet in Schoko-Chili-Sauce oder Kochbananen mit Datteln, Nüssen und "afrikanischer Tomatensauce". Laut der Website des Wiener Tourismusverbands handelt es sich um ein "schwules Restaurant mit gutbürgerlicher Wiener Küche". TripAdvisor-Mitglied Patrick K. ergänzt: "Hier kann man wenig sagen, außer toll und weiter so."

Andererseits: "Steirereck". Üblicherweise als das herausragende Restaurant Wiens (und eines der zehn besten der Welt) gehandelt, lässt es in der Online-Bewertung etwas aus: Platz 34 von 3828 Restaurants, deutlich hinter "Sixta", der "Brau-Bar" am Hernalser Gürtel (Nummer 5) und der "Knödel-Manufaktur" auf der Josefstädterstraße (Nummer 10), aber der Wiener Filiale des "Leberkas-Pepi" (Platz 32) immerhin knapp auf den Fersen.

Bill R. aus Newport Beach, Kalifornien, ist trotzdem extra wegen des "Steierecks" nach Wien gekommen. Und dann das (automatische Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch):"Leider, obwohl wir ein sehr gutes Essen hatten, war es immer noch eine Enttäuschung für uns. Das Essen war alles sehr gut, aber es war auch fast nur eine Studie in Feinheiten. Für ein so bedeutendes Degustationsmenü habe ich mehr erwartet. Wir hatten auch überraschende Service-Fehler. Wir begannen mit grellem Licht auf unserem Tisch, viel heller als auf dem Tisch eines anderen im Esszimmer. Wir mussten darum bitten, dass es gedimmt wird, was mehr Zeit in Anspruch nahm, als es hätte sein sollen. Dann, etwa 20-30 Minuten später, leuchtete es wieder ohne Grund auf. Sehr nervig."

Touristische Schönheitsideale

Nervig, aber notwendig. Will ein Lokal heute international wahrgenommen werden, muss es seine Tische gut ausleuchten, am besten von oben, damit beim Handyfoto-Machen keine blöden Schatten entstehen. Wer mitspielen will, muss grammable sein, also auf der Fotoplattform Instagram herzeigbar. Das gilt nicht nur für Speiselokale. Ganze Urlaubsregionen werden heute über ihre Handyfotogenität definiert und im Zweifel dafür hergerichtet. Das Herz-Graffiti direkt neben dem Altstadtblick ist kein Zufall. Tatsächlich verändern sich mit den digitalen Bräuchen auch touristische Schönheitsideale. Wachau gut und schön, aber zeitgemäße Hashtags passen einfach besser zu einem Bild von den "5 Fingers", einer Aussichtsplattform am Krippenstein über dem Hallstättersee und, laut TripAdvisor, eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Österreichs. Am linken Finger ist ein Bilderrahmen vorinstalliert. Leider kann man es nicht einmal damit allen recht machen. Honguito aus Linz, TripAdvisor-Mitglied seit November 2006,829 Bewertungen: "Da ich nicht schwindelfrei bin, kann ich das Erlebnis der 5 Fingers leider nicht geniessen, drum gibt's von mir persönlich nur drei Sterne." Eines steht jedenfalls nicht zur Debatte: keine Bewertung abzugeben. Die Welt muss benotet werden.

Jene, die diese Welt verkaufen sollen, kann das vor Probleme stellen. Norbert Kettner, Geschäftsführer von Wien Tourismus, möchte trotzdem kein Kulturpessimist sein. "Den Tourismus hat die digitale Revolution am Anfang neben der Musikindustrie sicher am schwersten gebeutelt. Inzwischen aber hat man sich auf die Veränderungen sehr gut eingestellt." Und wenn ihm einer den Stephansdom verreißt, pendelt sich das auf lange Sicht schon wieder ein: "Gerade bei den Bewertungsplattformen gibt es eine kalibrierende Kraft. Die Extreme heben sich auf. Die frustrierten Unzufriedenen werden relativ rasch in die Schranken gewiesen. Andersherum gilt aber auch: Du kannst aus analogem Stroh kein digitales Gold spinnen. Wenn man in der realen Welt ein Qualitätsproblem hat, wird sich das in der digitalen Welt widerspiegeln."

Im Vorjahr haben 43,1 Millionen Menschen Urlaub in Österreich gemacht und dabei 144,4 Millionen Nächtigungen gebucht. Durchschnittlich haben sie im Winter 152 Euro pro Tag ausgegeben, im Sommer 125 Euro. Allein die direkte Wertschöpfung aus dem Tourismus beziffert die Statistik Austria (für das Jahr 2016) mit 19,67 Milliarden Euro. Das sind 5,6 Prozent des BIP. Laut Wirtschaftskammer ist in Österreich fast jeder fünfte Arbeitsplatz direkt oder indirekt mit dem Tourismus verbunden. Die Österreich Werbung geht davon aus, dass heute 55 Prozent der Urlaubsinformationen aus dem Internet bezogen werden. Es ist also keineswegs egal, wie das Land im Netz dasteht. Bewertungen können der Realität entsprechen oder nicht, ihre wirtschaftlichen Auswirkungen sind jedenfalls real.

Außerdem erzeugen sie Erwartungen, die nur enttäuscht werden können. Wer Erlebnisse immer nur bewertet und immer nur Bewertetes erlebt, erfährt die Welt als Defizit. Immer gibt es etwas auszusetzen, immer steht anderswo eine noch schönere Kirche. Laut einer Umfrage des Hotelbuchungsportals Booking.com sind 63 Prozent aller Reisenden überzeugt, dass sie nicht das Optimum aus ihrem Urlaub herausholen.

Schloss Schönbrunn "okay"

Hans Magnus Enzensberger erklärte vor 60 Jahren, der Tourismus sei die einzige Industrie, deren Produkte mit ihrer Reklame identisch seien. Der Tourist erlebt das, was er im Prospekt gesehen hat - und fühlt sich wie in der Werbung. Nun hat sich die Reklame aber seither verselbstständigt. Die Weisheit der Massen widersetzt sich der Imagekampagne. Schloss Schönbrunn zum Beispiel: 33.874 Bewertungen auf TripAdvisor, zweitbeste von 820 "Aktivitäten" in Wien, 4,5 von 5 Punkten. Nicht schlecht, aber auch nicht perfekt. Denesha M., die gerade eine Europareise von Prag über Wien nach Budapest macht, war "unbeeindruckt":"Es war okay. Vielleicht war die Erwartung zu groß. Wenn du hörst: 1400 Räume, denkst du dir, du wirst stundenlang wie durch ein Museum wandern. Aber viele Räume waren geschlossen, also war es nur okay für mich."

Sogar die beste Sehenswürdigkeit Wiens, "Historisches Zentrum von Wien", 15.985 Bewertungen, viereinhalb von fünf Punkten, hat ihre Mängel: Stephan V, TripAdvisor-Mitglied seit 2017, sieben besuchte Städte, 24 Beiträge, 13 Fotos: "sehr hübsch aber nichts, was man nicht auch in anderen Ländern/Städten findet."

Und manchmal findet man etwas, das man sich nicht erklären kann: Ümit A.:"Am Heldenplatz entdeckte ich zwei Bauten, die nicht hierher passen. Als Student haben wir auf diesem Platz picknik gemacht und Fussball gespielt. Wie konnte das passieren? Sonst sind die Wiener bei solchen Sachen sehr heikl. Was auch immer diese Gebäude sind, es ist einfach schade." Diese Gebäude sind das Ausweichquartier des Parlaments. In diesen Gebäuden weiß man: Die öffentliche Meinung ist eine fragile Angelegenheit; vor allem, wenn sie in den digitalen Netzwerken gebildet wird. Wo viel gemeint wird, kann es auch schnell gemein werden. Außerdem steigt im Netz die Fälschungsgefahr. Das gilt für Urlaubserlebnisse genauso wie für Nachrichten aus Russland. Bei der Firma "Goldstar Marketing" sind zehn wohlwollende Hotelbewertungen schon um 229,50 EUR zu haben (inklusive Mehrwertsteuer und Rechnung zur Vorlage beim Finanzamt).

Durchaus realistisch erscheint freilich das folgende Urlaubserlebnis: Großglockner, höchster Berg des Landes, Nummer zwei der bestbewerteten Gebirge Österreichs (hinter dem Salzburger Untersberg). 329 Bewertungen, Durchschnitt: 5 Punkte. Fantastischer Ausblick. Besucher, die früher schon einmal da waren , beklagen den Gletscherschwund, andere die Mautkosten. TripAdvisor-Mitglied CalPix aus Durham, Großbritannien, war im Juli 2016 da. Sie weiß zwar nicht, wie das "Café" heißt, das sie oben auf dem Glockner besucht hat (dem beigefügten Bild zufolge handelt es sich möglicherweise um die Raststation "Hoher Sattel" beim Busparkplatz), aber sie wird sich noch lange daran erinnern (automatische Übersetzung aus dem britischen Englisch):"Wir kamen nach einer wundervollen Fahrt in diesem Café an, das Café wurde von einem Paar geführt, das ich nur als sehr seltsam beschreiben kann, ich fragte die Dame, ob sie Englisch sprach, sie zuckte nur mit den Schultern! Ich fragte dann, ob sie Sandwiches hätte? Sie ging hinter ihr in einen Schrank und stellte zwei weiße Brötchen her, einen Käse einen Schinken, dann sagte sie 'Käse oder Schinken okay?' Ich fragte, ob sie braunes Brot habe, dann schnaufte sie und redete mit sich selbst auf Deutsch. Ich kann nur eine Übersetzung erraten, wie 'sie will jetzt braunes Brot!' Ich fühlte mich sehr unwohl. Währenddessen stand ein Herr hinter dem Ladentisch und starrte auf Leute, einschließlich mich, er kam hinter dem Tresen und schwebte um die Tische herum, was mich sehr unbehaglich machte, aber ich fand bald heraus, dass er die Leute daran hinderte, die Toilette zu benutzen es sei denn, sie hatten 50 Cent !!!" Ja, so sind wir. Grantig, geizig, unheimlich. Und wenn wir Sandwich hören, machen wir irgendwas mit Weißbrot.