Tsunami 2004: Die Katastrophe prägt das Leben damals geretteter Österreicher bis heute

Tsunami 2004: Die Katastrophe prägt das Leben damals geretteter Österreicher bis heute

Am 26. Dezember 2004 verwüstete ein Tsunami die Küsten Südostasiens und riss über 230.000 Menschen in den Tod. profil besuchte damals überlebende Österreicher für eine Reportage. Ein Jahrzehnt danach erzählen sie über ihr Leben nach und mit der Katastrophe.

Von Salomea Krobath

„Der Tod ist immer still. Zuerst gibt es ein kurzes Geräusch, und dann ist es ganz still. Auch der Tsunami war lautlos“, erinnert sich Eduard Issel. Der Wiener Geschäftsmann saß ahnungslos am Strand des thailändischen Khao Lak, als die Flutwelle auf ihn zugerast kam und er um sein Leben rannte. Auch die Psychotherapeutin Judith Kero aus Niederösterreich erlebte den Tsunami geräuschlos. Sicherlich, da muss es laut gewesen sein, erzählt sie, als auf Sri Lanka die Palmen krachten, die Scheiben zersplitterten, Häuserfronten zu Kleinholz gemacht wurden und die Menschen aufstoben, um den verheerenden Wassermassen zu entkommen. Aber als Judith Kero um ihr Leben rannte, war sie ihrem Empfinden nach von dumpfer Stille umgeben. Die Wunden, die die Dornen auf ihren bloßen Füßen hinterlassen hatten, spürte sie erst viel später, als sie in Sicherheit war.

Zehn Jahre sind seit dem Tsunami im Indischen Ozean vergangen. Die Flutwelle, ausgelöst durch ein Erdbeben der Stärke 9,1, überraschte am 26. Dezember 2004 Tausende ahnungslose Strandbewohner in den Küstengebieten von Indonesien, Sri Lanka, Thailand, Indien, Malaysia, den Malediven und der Ostküste Afrikas. Ein Frühwarnsystem, das einen Großteil der Menschenleben hätte retten können, existierte damals nicht. Kaum jemand erkannte die Anzeichen der nahenden Katastrophe. Die Menschen folgten dem sich zurückziehenden Wasser, suchten im trockenen Meeresbett eifrig nach Muscheln, oder starrten ehrfürchtig staunend auf das herannahende Weiß am Horizont. In manchen Gegenden raste das Meer in Form einer 15 Meter hohen Wand auf die Küste zu, anderswo zeigte es sich als monströser weißer Schaum, an anderen Stellen machte sich das Unheil nur durch einen stetig steigenden Wasserspiegel bemerkbar. Über 230.000 Menschen starben in den Fluten. In der Geschichte der Flutwellenkatastrophen forderte der Tsunami des zweiten Weihnachtstages 2004 die meisten Todesopfer. Bis heute leiden Angehörige und Betroffene unter den Nachwehen der Naturtragödie.

Vor zehn Jahren erzählten acht überlebende Österreicher die Geschichten ihrer Flucht aus den Fluten im Rahmen einer profil-Reportage. Heute wollen wir von ihnen wissen, wie sich die Tragödie auf ihr Leben ausgewirkt hat.
„Es war mehr als ein Tsunami – es war ein dichtes, intensives Erlebnis, das weiterhin seine Kreise zieht“, sagt die Wiener Filmemacherin Elisabeth Guggenberger, die mit ihrem Lebensgefährten Helmut Voitl zwei Jahre nach der Katastrophe auf Sri Lanka verbrachte. „Aber das Leben geht weiter. Irgendwann suchen sich die Leute ein neues Haus oder bauen
eines – und zeigen auch wieder Fröhlichkeit.“

In den Tsunami-Regionen selbst deutet nur noch wenig auf die ehemalige Komplettzerstörung der südostasiatischen Küstengebiete hin. Zwei bis fünf Jahre dauerten die Bauarbeiten im Schnitt, in Indien sogar bis 2010, und auf den Malediven hofft man gar erst, sie nächstes Jahr beenden zu können. Die meisten Häuser wurden möglichst originalgetreu nachgebaut, die von den Regierungen verlangte Mindestdistanz zum Meer wurde dabei nicht immer eingehalten. Allein im stark betroffenen Banda Aceh in Indonesien geht man davon aus, dass sich die Schäden auf umgerechnet 3,5 Milliarden Euro beliefen. Der Schock und die Trauer hatten auch ihr Gutes: Führten sie doch zu einem Friedensabkommen zwischen der dortigen Separatistenorganisation GAM und der Regierung. Die Anzeichen internationaler Solidarität sind inzwischen weitgehend verebbt. Es halten sich hartnäckig Gerüchte, dass westliche Hotelkomplexe dort gebaut wurden, wo einst Fischerhütten standen.

Auf dem thailändischen Phi Phi Island wurde der durch Spenden finanzierte Erinnerungspark bereits wieder entfernt. Die Strategie, sämtliche Spuren der Katastrophe von den Touristen fernzuhalten, scheint aufzugehen: Seit 2005 hat sich die Anzahl der Pauschalurlauber in Thailand und Sri Lanka verdoppelt. Der Fachverband für Reisebüros verbuchte unmittelbar nach dem Tsunami lediglich einen kleinen Einschnitt im Reiseverkehr, bereits im Folgejahr flogen um 27 Prozent mehr Österreicher an die Strände Asiens, Tendenz stetig steigend. Viele Überlebende empfinden regelmäßige Urlaube in den Unglücksgebieten auch als eine Möglichkeit, der lokalen Bevölkerung für ihren Einsatz zu danken. Die Selbstlosigkeit, mit der sich Thailänder und Singhalesen in den Trümmern des Tsunamis um die Touristen gekümmert haben, beeindruckte viele der überlebenden Urlauber nachhaltig. Emmerich Steiner, ein pensionierter Beamter aus Niederösterreich, ist einer von ihnen. Im maledivischen Meeru Island Ressort saß er gerade beim Frühstück, als die Flut kam und vor seinen Augen den Tisch mitriss. Seit sein ehemaliges Hotel wieder voll funktionsfähig ist, verbringt er zwei Mal jährlich mehrere Wochen dort. „Die Angestellten haben sich damals so gewissenhaft verhalten, ich habe vollstes Vertrauen in diese Leute und fühle mich nach wie vor wohl hier“, begründet er diese Entscheidung.

Im thailändischen Khao Lak erinnert nur noch ein Militärboot an das Unglück. Es liegt zwei Kilometer im Landesinneren, an jener Stelle, wo es vor zehn Jahren durch den Tsunami hingespült worden war. Der niederösterreichische Kriminalbeamte Hans Handschuh hat den Anblick des heilen Panzerboots inmitten der kompletten Zerstörung noch plastisch vor Augen. Es war das Erste, was er sah, als er kurz vor Neujahr mit dem österreichischen DVI-Team (Desaster Victim Identification) zur Opferidentifizierung im völlig verwüsteten Küstengebiet eintraf. Im Gepäck hatte der Beamte eine 700 Namen lange Vermisstenliste des Außenministeriums. Die Thailänder hatten die Leichen bereits in Tempelhallen gestapelt und versuchten notdürftig mithilfe von Eisblöcken die klimabedingt stark voranschreitende Verwesung einzudämmen. Erst viel später trafen Kühltruhen ein, in denen die Körperteile sachgerecht aufbewahrt werden konnten. Dann begann das, was Handschuh im Nachhinein als „Puzzle“ bezeichnet: Die Opfer mussten per Zahnschema, Fingerabdruck oder DNA-Probe erkenntlich gemacht werden, sodass ihnen wieder ein Namen, eine Nationalität und ein Gesicht gegeben werden konnte und für die Angehörigen das Martyrium der Ungewissheit ein Ende hatte.

Ein Jahr dauerte es, bis das österreichische DVI-Team das Letzte von insgesamt 86 österreichischen Opfern identifizieren konnte.
Für die Hinterbliebenen war das eine qualvolle Zeit. Sie durchforsteten ständig das Internet und klammerten sich an jeden kleinsten Hoffnungsschimmer, auch wenn er noch so irrational war. „Die Unmöglichkeit, Abschied zu nehmen, erschwert den normalen Trauerverlauf“, weiß die Trauma-Psychologin Brigitte Lueger-Schuster. „Die Angehörigen erhielten häufig einen versiegelten Sarg und mussten drauf vertrauen, dass die richtige Person darin lag. Als Beweis bekamen sie oft nur einen DNA-Vergleich in die Hand gedrückt. Insbesondere, wenn die Familienverhältnisse schwierig waren oder es vor dem Urlaub noch einen Konflikt gab, haben viele Hinterbliebene aus dieser Situation heraus eine komplexe Trauerstörung entwickelt.“

Der Schock eines Nahtoderlebnisses brennt sich tief in das Bewusstsein der Überlebenden. Im Moment der Katastrophe läuft der Körper auf Sparflamme, das Denken wird ausgeblendet. Der große Zusammenbruch für viele Überlebende kommt erst, wenn das scheinbar Schlimmste überstanden ist. In der vertrauten Umgebung drehen sich dann die Gedanken im Kreis: Was wäre gewesen, wenn man versteinert stehengeblieben wäre, anstatt zu rennen? Und wieso hat man selber überlebt, während Tausende in den Wassermassen umgekommen sind? „Überlebensschuld“ nennt das die Trauma-Spezialistin Eva-Munker-Kramer, die einige Tsunami-Opfer betreute. Die Stressreaktion im Körper wirkt noch wochenlang nach und verursacht Schlaflosigkeit, Selbstzweifel und große Anspannung. Wird diese Stressreaktion chronisch, spricht man von einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Zwei Jahre nach dem Unglück, so berichtete die deutsche Psychologin Cornelia Vollath in einem Fachmagazin, litt knapp ein Drittel der Tsunami-Überlebenden noch immer an den Belastungsstörungen. Symptomatisch sind die sogenannten Intrusionen. Dieses heftige Wiedererleben bedrohlicher Situationen wird im Fall der Flutwellen-Opfer ausgelöst durch Wassergeräusche oder eine Brise Wind. Viele Überlebende kämpften, so Vollath, mit Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Alkoholmissbrauch oder Beziehungsproblemen. In ehemaligen Katastrophengebieten mit mangelhafter psychologischer Betreuung leiden bis heute zwei Drittel der Betroffenen an psychischen Störungen bis hin zu einem deutlich erhöhten Selbstmordrisiko, berichtet Lueger-Schuster. Panische Angst vor Wasser hindere viele Fischer in Banda Aceh daran, ihren Beruf auszuüben. „Gerade wer damals jung war, trägt die Angst oft noch intensiv in sich“, so Lueger-Schuster, „Wenn die Betroffenen jetzt das Bedürfnis haben, etwas dagegen zu unternehmen, ist das zu begrüßen. Wir haben gute Behandlungsmethoden, die diese Beschwerden verbessern. Niemand muss leiden.“

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