Udo Jürgens (1934-2014): „Denn wer brav ist, wird nirgendwo vermisst”

Dieses Interview führten die profil-Redakteurinnen Angelika Hager und Nina Horowitz 2002 mit Udo Jürgens anlässlich der Veröffentlichung seines Albums „Es lebe das Laster”. Es sollte auf Grund von späteren Terminproblemen nie erscheinen.

Anlässlich des plötzlichen Tods von Udo Jürgens wollen wir unseren Lesern Jürgens’ höchst amüsante, manchmal auch durchaus diskussionswürdige Ansichten über Laster, Lust am Leben, Sex und Emanzipation nicht vorenthalten.

profil: Herr Jürgens, Alice Schwarzer behauptet, dass Sie ihr in den Sechzigern in Agadir an die Wäsche wollten. Wie ist denn da Ihre Sicht der Dinge?
Udo Jürgens: Naja, sie schwärmt ja noch heute von meinem federnden Gang. Wir sind ja befreundet und machen noch heute viel Blödsinn miteinander. Die Frau war ja damals eine richtige Bombe- sexy, intelligent, eine tolle Figur.

profil: Bedauerlicherweise kam es nie zur Traumpaarung. Frau Schwarzer sagt, Sie wären ihr am Ende doch zu eitel gewesen.
Jürgens: Zu eitel? Das hat sie gesagt? Kann schon sein, dass ich so gewirkt habe. Ich war ja damals auch nur ein junger Bursche.

profil: Sind Sie jenseits der Lebensmitte vernünftiger geworden?
Jürgens: Natürlich. Früher habe ich ohne Ende Gas gegeben. Während der sexuellen Revolution haben wir alle nach dem Motto „Wer zwei Mal mit der selben pennt, gehört zum Establishment” gelebt. Diese wüste Herumnudlerei mit jeder, die eben daher kommt, habe ich längst eingestellt. Da habe ich viel von meinen Kindern, Johnny und Jenny, gelernt. Die haben ihr Liebesleben immer mit einer so viel größeren Verantwortung geführt, dass ich mich irgendwann einmal vor ihnen geschämt habe.

profil: Auf ihrer neuen CD mit dem Titel „Es lebe das Laster” rufen Sie aber nachgerade zur Rebellion gegen die Vernunft auf. Im Titelsong heißt es: „Denn wer brav ist, wird nirgendwo vermißt.”
Jürgens: Dieser Satz ist auch wörtlich zu nehmen. Die Kreuzbraven werden doch nie zu den Parties eingeladen, weil sie einfach zu langweilig sind. Trotzdem mich bitte nicht so mißzuverstehen, dass ich die Menschheit jetzt zum Huren, Fressen und Saufen auffordere.

profil: Was wünschen Sie sich denn von der Menschheit?
Jürgens: Dass sie sich zur Lebensfreude und zu Spurenelementen der Sünde bekennt. Denn auch für die braven Spießer kommt irgendwann einmal der letzte Tag. Mit einem Bekenntis zum Genuß hätten sie mehr Spaß gehabt.

profil: Hatten Sie Ihre Genußfähigkeit eigentlich immer im Griff? Oder gab es Augenblicke, wo Sie sich in die Gefahrenzone der Sucht begeben haben?
Jürgens: Ich hatte zwischen 30 und 40 eine schwere Krise, die vor allem mit Alkohol zu tun hatte. Durch den ständigen Druck hatte ich es mir vor meinen Auftritten zur Angewohnheit gemacht, zu trinken. Als junger Mensch kann man ja erstaunlich viel vertragen. Nach meinem zweiten „Grand Prix”-Auftritt (Anm.: 1965) in Neapel erlitt ich einen schweren Zusammenbruch. Wir saßen zu fünft in einem Taxi im Stau in diesem Unterwassertunnel. Lautes Gehupe. Ich bekam einen pelzigen Gaumen, sah Sterne, kalter Schweiß stand auf meiner Stirn. Ich war überzeugt, dass ich jetzt gleich einen Herzinfarkt bekomme. Der Arzt, der mich an Ort und Stelle behandelte, stellte aber nur einen Calciummangel, bedingt durch unsoliden Lebenswandel, fest.

profil: Kamen Sie dann auch in therapeutische Behandlung?
Jürgens: Nein, ich habe mich aus diesem Tiefpunkt mit eigenen Kräften wieder raus gezogen. Zehn Monate keine Zigarette und keinen Alkohol angerührt und alle großen Auftritte abgesagt. Ich war damals psychisch so schlecht beisammen, dass ich klaustrophobische Zustände im Kino oder im Aufzug bekommen habe. Das Höchste der Gefühl war, ein kleines Lied bei einer Fernsehshow zu singen.

profil: Das heißt, Sie haben sich seit über 30 Jahren wieder fest im Griff?
Jürgens: Wenn ich heute lange durch die Nacht ziehe, bin ich am nächsten Tag dermaßen gerädert, dass ich noch mehr Schlaf als meine üblichen acht Stunden brauche. Das geht aber meistens schon rein zeitlich nicht. Durch diese Schwäche kann ich mich vor mir selbst ganz gut schützen.

profil: Glauben Sie, dass das unstete Verhalten des Kärntner Landeshauptmanns mit psychischer Labilität zu begründen ist?
Jürgens: Das kann ich nicht beurteilen. Wenn er aber, wie in den Zeitungen steht, an einer manisch-depressiven Erkrankung leiden sollte, dann hat er in der Politik nichts verloren. Denn da schadet er seinem Land, und das wird er ja auch nicht wollen.

profil: Dass Haider diesem Land massiv geschadet hat, steht ja so oder so außer Zweifel.
Jürgens: Ich finde seine Entwicklung furchtbar. Als ich ihn kennen gelernt habe, dachte ich mir: Der ist nicht so verkrustet wie die anderen und bringt einen frischen Wind in die Politik. Da war keine Rede davon, dass der Mann rechts einzuordnen ist. Nach seinen entsetzlichen Aussagen, den Kontakten mit furchtbaren Politikern wie LePen und Faschisten wie Gaddafi, die ihre Länder verbrecherisch ausbeuten, kann ich nur sagen: Da ist eine antidemokratische Strömung im Gang, die in unserem Land nichts verloren hat.

profil: Wie ist Ihre Haltung gegenüber der abgetretenen Vizekanzlerin?
Jürgens: Die Riess-Passer habe ich für sehr kompetent gehalten. Unter ihren Flügeln ist die FPÖ zu einer demokratischen Kraft gewachsen...

profil: Unter diesen Flügeln saßen aber auch Leute wie eben Haider und Ewald Stadler...
Jürgens: Entsetzlicherweise hat sich unter diesen Flügeln rechtes Gesindel angesammelt, das deutlich faschistoide Züge aufweist. Und von diesem Gesindel muß man sich nicht nur distanzieren, sondern das muss aus der Politik verschwinden. Die Riess-Passer hat versucht, das in den Griff zu kriegen, konnte sich aber am Ende gegen diese Kräfte nicht durchsetzen.

profil: Was halten Sie von der neuen FPÖ-Führung?
Jürgens: Ich kann mir weder die Namen noch die dazugehörigen Gesichter so richtig merken.

profil: Wie sieht denn Ihre nächste Wunschregierung aus?
Jürgens: Mir ist die Farbzusammenstellung eher egal. Mir geht es vor allem darum, dass dort Köpfe sitzen, die wissen, dass sie nur unter der Voraussetzung einer fuktionierenden Wirtschaft auch soziale Leistungen vergeben können. Das sollte auch ein Sozialdemokrat und ein Grüner wissen.

profil: Das heißt, dass Sie eine rot-grüne Koalition nicht enthusiastisch stimmen wird.
Jürgens: Österreich ist ja immer in einer Art Schicksalsgemeinschaft mit Deutschland. Und Deutschland ist jetzt in eine katastrophale Lage geraten. Die Situation ist wirtschaftlich viel schlimmer, als der Mann auf der Straße sie sich überhaupt vorstellen kann. Man muß aufpassen, dass in Österreich nicht ähnliche Mechanismen zu greifen beginnen. In schwierigen Zeiten, wie wir sie jetzt durchmachen, ist eine große Koalition sicher effizienter,weil man nur so die großen Reformen überhaupt durchbringen kann.

Das Gespräch wird durch ein Telefonat mit Tochter Jenny unterbrochen.

profil: Waren Sie eigentlich ein lausiger Vater?
Jürgens: Für meine Kinder war ich der beste aller Väter. Wir haben viel gesungen und gelacht. Und dann mußte der Papa halt wieder weg – Klavier spielen und singen. Und letztendlich hat die ganze Familie davon profitiert. Ich halte nichts von diesem Weichei-Verhalten, nach der Methode: Ich schränke mich jetzt beruflich ein, weil ich Windeln wechseln muss. Das ist doch unerotisch.

profil: Eine Frau, die auf Grund ihrer Mutterrolle keinen Fuß mehr vor die Tür kriegt, ist doch auch nicht wahnsinnig erotisch.
Jürgens: Da gebe ich Ihnen ganz recht. Ich habe diesbezüglich keine Lösungen und bin selbst ratlos Durch die Selbstverwirklichung der Frau, die ich in jedem Fall begrüße, zieht sich der Mann immer mehr ins Rollenfach des Weicheis zurück. Er fürchtet die starke Frau. Mit der Leiterin eines Konzern hat man natürlich mehr Angst ins Bett zu gehen, als mit irgendeinem Sexhäschen – auch als eigener Ehemann.

profil: Was rät da der Connaisseur?
Jürgens: Ich kann nur sagen: Wenn man im Bett versucht, intellektuell zu bleiben, dann ist der Sex im Eimer. Sexualität ist ja immer eine Reduzierung, auch eine geistige Reduzierung. Man wird eben so ein bißerl zum Tier. Das Liebes- und Eheleben ist unter den neuen Rollenbilder ganz allgemein viel schwieriger geworden. Die Gesellschaft sollte schleunigst über eine neue Ehestruktur nachdenken. Das, was die katholische Kirche da so verzweifelt zu schützen versucht, ist längst nicht mehr lebbar.

profil: Wie stehen Sie denn als versteckter Feminist zum Phänomen Luder?
Jürgens: Das ist für mich nichts anderes als eine von Hass und Rache getragene Erfindung der Männergesellschaft, denen die Frauen inzwischen einfach zu stark geworden sind.

profil: Sie selbst haben sich einmal zu einem Verhältnis mit der „Mutter aller Luder”, so ihre Eigendefinition, Jenny Elvers, bekannt?
Jürgens: Ich war mit der Jenny befreundet, als sie ein sehr wohl erzogenes Ärztetöchterl in Lüneburg war. Sie war auch immer besonders hilfsbereit und hat uns nach allen Konzerten den kürzesten Weg auf die Autobahn gezeigt. Von Luder war da keine Spur.

profil: Sie äußern immer wieder Ambitionen in die Politik zu gehen.
Jürgens: Die hätte ich durchaus. Nur in der Politik will man keine Menschen mit Unterleib. Und ich würde mich auch weigern, mit einer adrett frisierten Frau händchenhaltend auf Plakaten zu posieren. Wenn das mit der Zweisamkeit und den Kindern nicht stimmt, wird man doch als Politiker zur Sau gemacht.

Zur Person:
Udo Jürgen Bockelmann (1934 geboren) wuchs mit seinen zwei Brüdern John und Manfred in einem Schloss im Kärntner Ottmanach auf. Der Vater war gehobener Landwirt. Der Großvater, Bankier in Moskau, musste nach der Revolution das Land verlassen. Ein Onkel mütterlicherseits war der weltberühmte Dadaist Hans Arp. Der großbürgerliche Hintergrund verschonte Udo Bolan, so sein Künstlername nach der Matura 1951, nicht vor der künstlerischen Ochsentour. Sein erster Auftritt als Frontmann der Udo-Bolan-Band im Klagenfurter Gasthaus Valzachi fand im selben Jahr statt – zu einer Stundengage von fünf Schilling. Man spielte amerikanischen Swing und Udos Eigenkompositionen – mit 16 hatte er bereits mit dem Lied „Je t’aime“ den ersten Preis eines Kompositionswettbewerbs des Österreichischen Rundfunks gewonnen. Udo jobbte als Jazzpianist. Auf dem Klavier standen Kübel mit Eiswasser, in denen er seine blutigen Hände nach Stunden auf den Tasten kühlte. Die Kellnerin, die sie ihm reichte, sollte die erste Frau in seinem Leben werden.

Der „Troubadour der milden Mitte“
1956 spielte er seine erste Platte unter dem Künstlernamen Udo Jürgens ein: „Es waren weiße Chrysanthemen“ geriet zum Flop. Bei der dritten Teilnahme am „Grand Prix de la Chanson“ und nach Achtungserfolgen in Form des vierten und fünften Platzes kommt 1966 der große Durchbruch: Der Songcontest-Sieger „Merci Cherie“ wird zum Welthit. Shirley Bassey, Sammy Davis Jr. und Bing Crosby interpretieren seine Lieder. Jürgens, der das Singen als „Abfallprodukt“ seiner eigentlichen Bestimmung, des Komponierens, sieht, füllte die Konzerthallen wie kein anderer im deutschsprachigen Raum. Das Schlagerpublikum hat ihm verziehen, dass der „Troubadour der milden Mitte“ („Zeit“) seit den siebziger Jahren zunehmend gesellschaftskritische Töne anschlug: „Griechischer Wein“ wurde zur Gastarbeiter-Hymne; „Gehet hin und vermehret euch“ attackierte die Sturheit der katholischen Kirche.

Seine Breitenwirksamkeit erklärte sich der Schriftsteller Johannes Mario Simmel mit der Fähigkeit, „den Schmerz geschlagener Wunden zu lindern“. Udo Jürgens hat zwei eheliche Kinder (Johnny und Jenny mit dem Fotomodell Panja Jürgens) und zwei uneheliche. Auch seine Ehe mit seiner langjährigen Geliebten Corinna Reinhold sollte scheitern. Seit 1977 lebte er in der Schweiz. Jürgens war der erfolgreichste Komponist und Interpret des deutschsprachigen Raums – über 100 Millionen verkaufte Platten, 900 Eigenkompositionen. Sein Musical „Ich war noch niemals in New York“ (Buch: Gabriel Barylli) feierte 2007 in Hamburg Premiere. Am 17. März 2010 erlebte „mein Baby“ (Jürgens) im Wiener Raimund-Theater seine österreichische Uraufführung. Udo Jürgens starb am 21. Dezember 2014 in der Schweiz.