US-Soziologin Saskia Sassen: „Lebendiges Getriebe stirbt einfach aus“

US-Soziologin Saskia Sassen: „Lebendiges Getriebe stirbt einfach aus“

Die US-Soziologin und Städteforscherin Saskia Sassen zeichnet in ihrem neuen Buch ein düsteres Bild von der Großstadt der Zukunft.

profil: „Ausgrenzungen“ lautet der deutsche Titel ihres neuen Buchs. Wer ist denn von diesem Prozess am meisten betroffen?
Saskia Sassen: Die Landbevölkerung. Land wird durch Kriege zerstört oder ausgeschöpft, bis es unbrauchbar ist. Den Millionen Menschen, deren Lebensgrundlage von diesem Land abhängt, bleibt nichts anderes übrig, als in große Städte zu ziehen. Durch die Landflucht drängen wir uns auf immer kleineren Flächen zusammen.

profil: Gleichzeitig haben wir es in den Metropolen mit einem stark angeschlagenen Mittelstand zu tun. Wie wirkt sich das auf das Stadtbild aus?
Sassen: Das ist korrekt. Was meinen Sie, wo in der Finanzkrise von 2008 die höchste Zahl von Obdachlosen war? In Silicon Valley. Man hat sie nur nicht erkannt: Sie hatten teure Sneakers und erstklassige Räder. Vor der Krise hatten diese jungen Menschen viel Geld, dachten, sie könnten sich ein Haus kaufen. Dann kam der Zusammenbruch, sie wurden arbeitslos und verloren innerhalb kürzester Zeit alles. Doch die neue Elite von Silicon Valley wollte diese triste Gruppe nicht in ihrer Stadt haben, sie wurde verdrängt. All das sind bereits klare Anzeichen dafür, in welch radikaler Ausgrenzungswelt wir leben.


Nach der Finanzkrise wurde all das frei herumliegende Bargeld in urbanen Grund investiert.

profil: Eine dritte Komponente ist der zunehmend überhitzte Immobilienmarkt.
Sassen: Nach der Finanzkrise wurde all das frei herumliegende Bargeld in urbanen Grund investiert. Die Anzahl internationaler Investoren nahm massiv zu, immer größere, prunkvollere Luxuswohnungen wurden gebaut. Sie vermitteln die trügerische Illusion, dass wir uns in ständigem Wohlstandswachstum befinden. Dabei werden eine Straße weiter alteingesessene Mieter verdrängt – und nicht nur arme Schichten: In London und New York betrifft das bereits den Buchhalter oder Durchschnittsanwalt, die dachten, sie könnten sich auf ein wohliges Mittelstandsleben in ihrer Stadt freuen. Keine Chance, die sind raus!

profil: Welche längerfristigen Folgen haben diese Entwicklungen?
Sassen: Ich arbeite gerade an einem Artikel, der Antworten auf die Frage sucht „Wem gehört die Stadt?“ Man spricht vom Wohnungs- und Hauskauf – in Wahrheit kaufen diese Investoren urbanen Raum. Wer ein Haus in einer Stadt kauft, erwartet nicht, sofort Profit daraus zu ziehen. Solche Investoren hoffen auf weitere Preissteigerungen und lassen die Objekte leer stehen. In riesigen Zonen, die Megaprojekte gewidmet werden, existiert kein Platz für charmant-chaotisches Straßenleben, das zur Seele einer Stadt gehört. Lebendiges Getriebe, das davor dort geherrscht hat, stirbt auf diese Weise einfach aus. Menschen wollen sich dort aufhalten, wo sie den Raum mitgestalten können, wo Platz für soziales Gefüge ist. Daher verlieren die Innenstädte zunehmend an Reiz, die Kreativszene zieht oft direkt an die stadtrandnahen Zonen.


Europäischen Städten geht es generell noch besser als amerikanischen oder afrikanischen, in denen reiche Eliten hinter Zäunen leben und der Rest in Slums.

profil: Warum schieben die Regierungen diesem Prozess, den Sie „Ausverkauf der Stadt“ nennen, nicht einen Riegel vor?
Sassen: Unsere Regierungen sind einfach ärmer geworden: Die Verschuldung von Deutschland, einem der bestorganisierten Vorzeigeländer, stieg von 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes 1980 auf 44 Prozent im Jahr 2012. Das ist ein großer Sprung – und Deutschland ist ein reiches Land und die Verschuldung keineswegs dramatisch. Auch Stadtregierungen fühlen sich unter Druck: Wenn ein potenter Käufer auftaucht, der viel Steuergeld bringt, sagt man doch Ja!

profil: Wie schätzen Sie die Situation in Wien ein?
Sassen: Europäischen Städten geht es generell noch besser als amerikanischen oder afrikanischen, in denen reiche Eliten hinter Zäunen leben und der Rest in Slums. Ich verwende gemischte Daten verschiedener Forschungsstellen, um festzustellen, wie sehr sich die Städte verkauft haben. Die Zahlen sind gigantisch und die Folgen furchtbar. 600 Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr von privater Hand in 100 Städte investiert. Wien ist in diesem Ranking relativ weit oben.

Zur Person
Saskia Sassen, 67, lehrt an der Columbia University in den USA und ist Gastprofessorin an der London School of Economics in Großbritannien. Zu Sassens Forschungsgebieten zählen soziale Ungleichheit und Migration. 1996 prägte sie mit ihrem gleichnamigen Buch den Begriff der „Global Cities“, deren Strukturen durch das Internet und die herrschenden Machtverhältnisse geprägt werden. Ihr neues Buch „Ausgrenzungen“ erscheint am 24. September in deutscher Übersetzung (S. Fischer Verlag). Saskia Sassen ist mit dem Soziologen Richard Sennett verheiratet.

Am 20. November 2015 ist Sassen im Rahmen der Vienna Art Week im Kunsthaus Wien zu Gast.