„Venus im Pelz” von Roman Polanski: ein SM-Kammerspiel

Psychokammerspiel: Roman Polanskis neuer Film „Venus im Pelz” begreift das Theater als sadomasochistische Anstalt.

Die Filme von Roman Polanski, changierend zwischen Psychothriller, Vampirkomödie, Sozialgroteske und Historiendrama, sehen in der Regel unpersönlicher aus, als sie sind. Schon die blutigen Gewaltexzesse in seiner Shakespeare-Bearbeitung "Macbeth“ (1971) waren nur zwei Jahre nach dem Mord an seiner schwangeren Frau, der Schauspielerin Sharon Tate, als fernes Echo, als versuchter Exorzismus des Horrors jenes Gewaltaktes zu verstehen. Ohnehin traumatisiert von einer Kindheit im Krakauer Ghetto und der Ermordung seiner Mutter 1942 in Auschwitz, scheint der polnisch-französische Filmemacher in weiten Teilen seines Werks eigene psychische Belastungen zu bearbeiten - auch solche, die er höchstpersönlich verschuldet hat: 1977 nötigte Polanski eine 13-Jährige sexuell, seit damals wird er von den US-Behörden strafrechtlich verfolgt und in seinem Aktionsradius merklich einschränkt. Seither werden seine Filme immer deutlicher zu giftigen Abrechnungen mit dem Tugendterror einer von der Idee der politischen Korrektheit fixierten Welt.

Den Verdacht, Polanski kommentiere in seiner Kunst unablässig das eigene Leben, nährt auch "Venus im Pelz“ (Kinostart: 22.11.) - dreht sich das Werk doch um einen Regisseur, der an einer Stelle sogar verärgert in Abrede stellt, dass das Stück, das er gerade inszeniere, vor allem von Kindesmissbrauch handle.

Offensichtlich hat Polanski in seinem 81. Lebensjahr keine Lust mehr auf ausufernde Filmprojekte: Bereits die Yasmina-Reza-Adaption "Der Gott des Gemetzels“ demonstrierte 2011 das Abtauchen des Regisseurs in die Gefilde der well made plays, seine Lust an unaufwändig abgefilmtem Theater: 80 Minuten Kino, ein Schauplatz, vier Mimen, die in heftigem Dialoge-Ping-Pong ihre stark divergierenden Weltanschauungen geräuschvoll zur Kollision bringen. "Venus im Pelz“ bietet erneut ein Stakkato aus Rede und Widerrede, diesmal noch minimalistischer - in Form eines Zwei-Personen-Stücks. Als Vorlage dient ein Stück des Amerikaners David Ives, das von einem fiktiven Theaterprojekt handelt, das den berühmtesten Roman des Altösterreichers Leopold von Sacher-Masoch, eben "Venus im Pelz“, variiert. Polanskis 20. Spielfilm in einem guten halben Jahrhundert (1962 debütierte er mit dem jazzigen Drei-Personen-Thriller "Das Messer im Wasser“) ist eine Studie der komischen Übertreibung: Emmanuelle Seigner, im wirklichen Leben Polanskis Ehefrau, versucht als Schauspielerin in einem kleinen Pariser Theater einen etwas prätentiösen Regisseur (Mathieu Amalric) davon zu überzeugen, dass sie der ideale Star für die von ihm verfasste "Venus“-Variation sei.

Seigners grelle, aber unberechenbare Darstellung ist das Zentrum dieses Films: Die Frau tritt leicht derangiert in Szene, in punkig-prolligem Outfit, Kaugummi kauend und scheinbar ohne jede Ahnung von dem Stoff, den sie sich anmaßt, aber es gelingt ihr schließlich doch, dem widerwilligen Theatermann Sacher-Masochs Wanda vorspielen zu dürfen - und sich dabei überraschend zu verwandeln und den eit-len Spielleiter systematisch in die Enge zu treiben. Das Casting kippt unversehens in ein psychoanalytisches Rollenspiel, das eine Reihe erotischer und künstlerischer Machtkämpfe in immer neuen Konfigurationen durchexerziert. Dabei wird das leere Theater zum Spiegelkabinett: Was ist - oder wird - hier noch gespielt? Wer foltert, feiert oder verführt eigentlich wen?

Die beiden Darsteller, die in guter Form agieren, tragen die bissige Komödie, obwohl deren "sadomasochistische“ Autoritätsverschiebungen früh abzusehen sind, sicher über die Runden. Die Selbstreflexion ist hier eine Arbeitsgrundlage: Schon Sacher-Masochs Werk, erschienen 1869, ist als Roman-im-Roman konzipiert, Ives’ Stück als Diskurs über das Theatralische - und Polanskis Film folgerichtig als Studie des schmalen Grats zwischen Kinospuk und körperlicher Realität.