Vereinsmeierei im ÖFB: Neustart ohne Konzept

ÖFB-Präsident Leo Windtner und der neue Sportdirektor Peter Schöttel

ÖFB-Präsident Leo Windtner und der neue Sportdirektor Peter Schöttel

Der ÖFB will ohne Grund bei null beginnen und wirkt dabei konfus. Jetzt wurde gar ein neuer Sportdirektor verpflichtet, obwohl der kein Konzept parat hatte. Der österreichische Fußball wird wieder nach dem Zufallsprinzip von Vereinsmeiern verwaltet.

Männer in Anzug und Krawatte, Richter, Rechtsanwälte und Bürgermeister haben derzeit im österreichischen Fußballbund (ÖFB) Hochsaison. Die ehrenamtlichen Entscheidungsträger des Verbandes basteln seit Wochen an einem Neustart, der gar nicht wirklich nötig ist. Das Nationalteam gewann zuletzt 3:2 gegen Serbien, spielte dominant in Wales und Irland. Von den letzten fünf Spielen wurde bloß eines verloren. Ein Scherbenhaufen sieht anders aus. Was aber genauso stimmt: Die Qualifikation war ergebnismäßig enttäuschend und strategisch keine Offenbarung. Teamchef Marcel Koller und Sportdirektor Willi Ruttensteiner haben Fehler gemacht. Es wurde kein idealer Linksverteidiger gefunden, die Alaba-Positionierung hat die Mannschaft entzweit, am Feld griff der Teamchef oft zögerlich und ungelenk ein, manches wurde schöngefärbt. Es würde ein paar Spachtelarbeiten benötigen, derzeit wird aber das Haus niedergerissen. Anstatt zarte Ausbesserungen vorzunehmen wird mit dem Vorschlaghammer hantiert. Teamchef Marcel Koller muss gehen, Sportdirektor Willi Ruttensteiner auch. Die wiedererstarkten Landespräsidenten des Verbandes haben die Komplettrenovierung ausgerufen.

Eigentlich wären die Landeschefs ja für ihre Länder zuständig – auf Dorfplätzen und in Provinzkantinen. Das ist aber weniger glamourös als die große Fußballbühne. Wenn ÖFB-Präsident Leo Windtner derzeit vor die Mikrofone tritt, ist er nur mehr der Pressesprecher seiner Landesvertreter, die mittlerweile für die großen Entscheidungen verantwortlich sind. Durften die machtbewussten Herren bei der Wahl Kollers nur zustimmend nicken, sitzen sie aktuell wieder mit breitem Grinsen an den Schalthebeln. Der jüngste Coup: Peter Schöttel, ehemaliger Teamspieler, zuletzt als Sportdirektor vor zwölf Jahren aktiv, ist seit Samstag der neue Kreativchef des österreichischen Fußballs. Doch das war eigentlich zweitrangig. Die Landespräsidenten des ÖFB hatten in erster Linie die Absetzung des bisherigen sportlichen Leiters Willi Ruttensteiner im Sinn. Der Mann mit geschliffener Rhetorik und wissenschaftlichem Zugang war ihnen schon lange zuwider. Jetzt wurde die alte Rechnung mit dem Mann beglichen, der die Landesfürsten immer wieder mit neumodernen Vorschriften in ihren Landesausbildungszentren quälte. Mit Peter Schöttel wurde rasch ein Gegenkandidat aus dem Hut gezaubert. Beide präsentierten ihre Zugänge am Samstag offiziell dem ÖFB-Präsidium, obwohl schon Tage davor durchgesickert war, dass Schöttel den Job in der Tasche hat. Erstaunlich dabei: Schöttel präsentierte kein Konzept. Dafür fehlte die Zeit. „Ich kann ihnen kein detailliertes Konzept geben. Ich sage es ihnen ganz ehrlich.“ Auf Nachfrage folgten Phrasen: Er wolle die Arbeit Ruttensteiners fortsetzen, die Jugend fördern, den richtigen Weg finden.


Der neue Sportdirektor kann gute, schlechte oder gar keine Ideen verwirklichen wollen. Abgeklärt wurde das nicht. Die Weiterentwicklung ist wieder dem Zufall ausgesetzt.

Dabei meinte der Wiener Landesverbandspräsident noch kurz vor der Sitzung: „Es wird sicher keiner genommen, der schlechter als Ruttensteiner ist“. Jetzt stellt sich die Frage: Woher weiß das Entscheidungsgremium, dass Schöttel nicht schlechter als Ruttensteiner ist, wenn Schöttel nichts tiefgehend Inhaltliches präsentierte? Der neue Sportdirektor kann gute, schlechte oder gar keine Ideen verwirklichen wollen. Abgeklärt wurde das nicht. Die Weiterentwicklung ist wieder dem Zufall ausgesetzt. ÖFB-Präsident Leo Windtner relativierte. Die Frage sei: „Wem traut man zu, mit seinen Konzepten den Fußball nach vorne zu bringen.“ Die Antwort hieß: Schöttel. Obwohl das weniger nach dem Abwägen von fachlichen Argumenten klang, mehr nach Bauchgefühl.

Als wollte Windtner die wahren Motive der Landespräsidenten unter Beweis stellen, bezeichnete er nicht Ruttensteiners Fachlichkeit als Problem, sondern dessen Kommunikation mit den Ländervertretern. Johann Gartner, Niederösterreichs Gesandter, betonte auf profil-Nachfrage: Ruttensteiner „wollte der Chef vom Teamchef sein. Jetzt muss er auch die Konsequenzen tragen.“ Was manche im Präsidium nicht verstehen dürften: Der Sportdirektor ist für die langfristige Entwicklung des Verbandes zuständig, der Teamchef für den kurzfristigen sportlichen Erfolg. Wenn jetzt aber mit jedem Trainerwechsel auch der Sportdirektor gehen muss, erübrigt sich das durchaus logische Alleinstellungsmerkmal des sportlichen Leiters als Designer einer Fußballnation. Bei allem bürokratischen Geschwafel von sachlicher Entscheidungsfindung standen vor allem persönliche Befindlichkeiten im Zentrum der Ablöse. Ruttensteiner musste weg, alles andere war Nebensache. Ihm wurde die Nähe zum Nationalteam negativ ausgelegt. Manche sprachen gar davon, der Sportdirektor wollte sich im Erfolg sonnen. Jetzt heißt es: Mitgehangen, mitgefangen. Klingt nach Kindergarten, ist es auch. Sogar Marcel Koller stellte gestern klar, dass es die Aufgabe eines Sportdirektors sei, nahe an der Mannschaft zu sein, um gemeinsam den gewünschten Fußball zu entwickeln.

Jetzt fürchten viele zu Recht die Rückkehr der lange gepflegten Freunderlwirtschaft. Die Fußballlegende Peter Schöttel bezeichnete bereits bei der Antrittspressekonferenz Andreas Herzog als Teamchef-Kandidaten. Obwohl dieser gar nicht in das bestehende Anforderungsprofil passt, das laut Windtner weiter gültig ist. Darin steht: Der künftige Trainer muss internationale Erfahrung und Titel auf nationaler oder internationaler Ebene vorweisen können. Damit wäre der titellose Herzog aktuell kein Kandidat. Laut Schöttel aber schon. Beim ÖFB ist die Planlosigkeit wieder modern.


Ein Mann ohne Konzept wurde von einem Gremium ohne Kompetenz verpflichtet.

Die Machtübernahme der einstigen Fußballhelden sei ein Hirngespinst, wird von Verantwortlichen betont. Auch ausländische Sportdirektoren seien im Gespräch gewesen. Doch die waren zu teuer. Billig war der Österreicher Schöttel. Auch der neue Teamchef darf nicht teuer sein, obwohl der Verband mehr Geld zur Verfügung hat als vor der Ära Koller. Schöttel plädierte bereits für einen Österreicher. Es scheint so, als ob der Budgetrahmen so abgestimmt wurde, dass jeder halbwegs ordentliche internationale Fußballfachmann diesen locker sprengen würde.

Die weitere Vorgehensweise ist einfach: Schöttel soll zehn Kandidaten suchen. Die ehrenamtlichen Herren im Anzug suchen einen davon aus. Ob die Präsidiumsmitglieder genügend Kompetenz hätten, den Teamchef und Sportdirektor auszuwählen, wurde der Präsident gefragt. Die vielsagende Antwort: „Das ist keine Frage der Kompetenz, sondern des gesetzten Rechts.“ Zusammengefasst heißt das: Ein Mann ohne Konzept wurde von einem Gremium ohne Kompetenz verpflichtet.

Die Vorgehensweise der letzten Wochen bringt dem lange für seine Professionalisierung gelobten Verband viel Spott. Zuerst wurde der Teamchef überhastet und ohne Plan in der Hinterhand abgesetzt. Danach stellte man den Sportdirektor öffentlich in Frage, betonte aber: Er könne sich mit einer hochwertigen Analyse retten. Während der daran arbeitete, wurde ein Gegenkandidat organisiert. Die Analyse hielt Ruttensteiner trotzdem. Sie sei richtig, aber zu spät gekommen, hieß es – obwohl die Bestandsaufnahme genau für diese Sitzung gefordert wurde. Danach bestellte das Präsidium einen Sportdirektor, ohne zu wissen, was der im Detail vorhat. Der Neustart ist vollzogen. Auch wenn er amateurhaft orchestriert und ungelenk daherkommt.


Wenn die jetzigen Beschlüsse der Präsidiumsmitglieder scheitern, müssen sie ihre Machtgelüste reduzieren und sich auf ihre Landesverbände konzentrieren.

Wie Entscheidungen getroffen werden, ist im ÖFB schon lange ein Problem. Präsident Windtner dachte in Zeiten des Erfolges kurz sogar eine Änderung an. Gerne hätte er den eitlen Herren im Präsidium Experten zur Seite gestellt, damit Beschlüsse, so sagte er einst „von Expertise beeinflusst“ würden. Im selben Gespräch ruderte er aber zurück: „Das Präsidium wird sich nicht das Sagen nehmen lassen. Selbst nicht von Experten.“ Aktuell fragten sogar Spieler beim Präsidenten nach, ob bei derart wichtigen Entscheidungen keine Reform des Entscheidungsgremiums möglich sei. Sie hätten große Sorge um die Professionalität.

Das ÖFB-Entscheidungsgremium hat keine große Erfolgsbilanz: Die honorigen Herren hatten die Teamchefs Hans Krankl, Josef Hickersberger, Karel Brückner und Didi Constantini zu verantworten. Zählbare Erfolge: null. Willi Ruttensteiner fand Marcel Koller. Erfolge: eine EM-Teilnahme, Top-10-Weltranglistenplatzierung.

„Wenn der Teamchef scheitert, muss auch Ruttensteiner gehen“, betonte der Tiroler Vertreter, Josef Geisler, im Zivilberuf Richter, bereits nach der Koller-Bestellung trotzig streng. Die Drohung wurde jetzt umgesetzt. Man könnte den Spieß deshalb auch umdrehen und aktuell dasselbe Wildwest-Denken fordern. Wenn die jetzigen Beschlüsse der Präsidiumsmitglieder scheitern, müssen sie ihre Machtgelüste reduzieren und sich auf ihre Landesverbände konzentrieren. Und um bei derselben Härte zu bleiben: Der Erfolg oder Nichterfolg wird an der nächsten Qualifikation gemessen. So mancher Landespräsident betonte zuletzt, dass es in einer Verbandsstruktur Personen geben müsse, die Verantwortung übernehmen. Verantwortung würde aber auch bedeuten, bei ausbleibendem Erfolg die Konsequenzen zu ziehen.

Ein Vorschlag: Verpasst das neu aufgestellte Nationalteam die Teilnahme am nächsten großen Turnier, reformiert der ÖFB das Entscheidungsgremium und bestückt es neu. Mit fachlich einwandfreien Experten.