Viennale: Will Ferrell, der lustigste Stargast der Welt

Warum ein Leben ohne Will Ferrell möglich, aber sinnlos ist: ­Sebastian Hofer über den lustigsten Viennale-Stargast aller Zeiten.

Steht ein Mann auf der Straße und brüllt. Gibt es etwas Lustigeres? Ja, gibt es: Rennt ein Mann ohne Unterhosen brüllend die Straße hinunter.

Wir sehen: Das Brüllen ist entscheidend. Vor allem aber die Frage, wer brüllt. Der Witz steht und fällt damit, dass es Will Ferrell ist, der da auf der Straße steht oder rennt, mit Hosen oder ohne. Andere würden an seiner Stelle allenfalls einen billigen Lacher erzielen, von wegen blöder Gesichtsausdruck, blanker Hintern. Ferrell dagegen, der dieses Motiv in seinem Œuvre bereits mehrfach und mit großem Baucheinsatz variiert hat, unter anderem in dem stilprägenden Bubenfilm „Old School“ (2002), erzielt mit derselben Ausgangslage sehr viel mehr, nämlich ein reiches, geistreiches, entgeistertes Lachen inklusive Zeitkommentar, Humanismus und Dadaismus. Wir sehen: Will Ferrell ist ein wichtiger Künstler des frühen 21. Jahrhunderts.

Die Viennale widmet dem 46-jährigen US-Komiker in diesem Jahr eine lange fällige Werkschau, am 6. November wird der so Geehrte seinen frühen Klassiker „Anchorman – The Legend of Ron Burgundy“ (2004) mit seiner Anwesenheit im Gartenbaukino veredeln. Der Film, Ferrells erste Kino-Arbeit mit seinem kongenialen Drehbuchautor und Regisseur Adam McKay, enthält eine berühmte Szene, die sich als Ausgangspunkt für die Erkundung des Ferrell’schen Wirkungsprinzips anbietet. Darin kutschiert der von keinen Selbstzweifeln beleckte Nachrichtensprecher Ron Burgundy (Ferrell) seine junge Kollegin Veronica Corningstone (Christina Applegate) auf ein romantisches Date in die Hügel über San Diego und glänzt mit Fachwissen über „diese großartigste Stadt der Menschheit“: „Entdeckt von den Deutschen im Jahr 1904, die es San Diago nannten, was auf Deutsch so viel heißt wie: die Vagina eines Wals.“ Die Kollegin widerspricht höflich, Burgundy beharrt milde lächelnd, aber hartnäckig, und der Zuseher weiß: Das war jetzt eine Pointe, die er nie ganz verstehen und schon gar nie vergessen wird.

Ferrell, Sohn einer Grundschullehrerin und eines Musikers, aufgewachsen in der behüteten kalifornischen Vorstadtwüste, als angehender Sportreporter zur Improv-Comedy-Truppe The Groundlings gestoßen, ab 1995 Mitglied der „Saturday Night Live“-Belegschaft, in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends bestbezahlter Hollywood-Komödiant und nachweislich bester George-W.-Bush-Darsteller seit George W. Bush selbst, tanzt in seiner Komik auf dem Drahtseil. Dass selbiges in ungefähr drei Zentimetern Höhe gespannt ist, gehört zum Wesen dieser Komik: Gerade die dramatische Verweigerung jeder Fallhöhe erzielt eine dramatisch erhöhte Wirkung. Aus der Vagina eines Wals kommt bestimmt kein dicker Fisch, aber womöglich ein Pointe von Gewicht.

Geschöpfe einer umgekehrten Verdrängung
Klassische Ferrell-Charaktere wie „Anchorman“ Ron Burgundy oder Ricky Bobby, der bis zur Unfassbarkeit unreife Nascar-Racer aus „Talladega Nights – The Ballad of Ricky Bobby“ (2006), sind Geschöpfe einer umgekehrten Verdrängung. Was der typische Mensch so sublimiert oder kompensiert, breitet der Ferrell-Typ schamlos vor sich und über seine Mitmenschen aus. Mit beharrlicher Ignoranz stürzt er sich in Komödien des Fehlers, des falschen sozialen Anschlusses, der fehlgeschalteten Verbindung zwischen Es und Super-Ich, wobei das Unbewusste dieser Machos, Maulhelden und Biedermannsbilder ein durchwegs erstaunliches Ego zeigt. Diese Typen tapsen durch eine Welt, in der sie keinen Platz (mehr) haben, behaupten Unhaltbares, zeigen Gefühle genau da, wo es gerade gar nicht angebracht ist, verkennen Tatsachen und überschreiten Grenzen, bleiben selbstbewusst bis zum Exzess und bewusstlos in der eigenen Deplatziertheit. Manchmal allerdings reiben Typ und Situation so heftig aneinander, dass alle Sicherungen durchbrennen. Dann muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss: brüllend die Straße runterrennen.

Die Dissonanz zwischen Subjekt und Welt spielt eben immer noch die schönsten Stücke. Ferrell wiederum spielt nicht, er zeigt, durchaus im Brechtianischen Sinn, und verweist dabei immer auch ein Stück über seine Titelhelden hinaus: Man kann diese Figuren gern als Allegorien Amerikas sehen, als chronische Verkenner und Missversteher der eigenen Situation und ihrer Außenwahrnehmung. Kein Wunder, dass Ferrell mit seinen George-W.-Bush-Parodien in „Saturday Night Live“ erst so richtig berühmt wurde – und dass der Bush-Parodist, weil die Darstellung seiner fehlerhaften Helden eben niemals zynisch oder denunziatorisch ­gerät, sondern immer um einen liebevollen Kern gebaut ist, gern für die ­Gerade-noch-Wiederwahl des doofen, aber irgendwie eben auch nachvollziehbar doofen US-Präsidenten verantwortlich gemacht wurde.

Das ist nur ein halber Scherz. Der ganze geht so: Steht ein Präsident auf der Straße und brüllt.