Viennale-Zwischenbilanz: Schulstress, Berliner Mädchen und das Ende der Welt

"Kein großes Ding"

"La última pelicula"

Wie viel ist ein Menschenleben in der Ukraine wert? Kann der Schulalltag zu Mord und Selbstmord treiben? Und wie soll man seinen letzten Film gestalten, wenn das Ende der Welt ohnehin kurz bevorsteht? Ein Streifzug durch die erste Woche des Filmfestivals Viennale.

Von Philip Dulle

Samstag, 26.10. Kurz vor Mitternacht.
Die Wiener Gemütlichkeit schien kurz aus den Fugen zu geraten. Der kanadische Filmemacher Matt Johnson erzählte im aufgedrehten Stakkatovortrag von seinem Mockumentary-Film „The Dirties“, der soeben im Kino am Schwarzenbergplatz vorgeführt wurde: Der Film zeigt zwei filmbesessene Außenseiter, die versuchen, die Mitglieder einer Highschool-Schulbande mittels Filmprojekt vorzuführen, dabei selbst vom Publikum beobachtet werden und von Opfern zu Tätern mutieren. „The Dirties“ ist ein Kino-Zitatfeuerwerk, das fast nur mit improvisierten Szenen arbeitet und die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt. So schön hat man sich seit Banksys „Exit Through the Gift Shop“ nicht mehr vorführen lassen.

Sonntag, 27.10. Abend.
Nach knapp vier Stunden Claude Lanzmann/Benjamin Murmelstein-Monument („Der letzte der Ungerechten“/„Le Dernier des Injustes“) , erste Gerüchte um den Tod des US-Rockpoeten Lou Reed machten die Runde, ging es vom Gartenbaukino Richtung Künstlerhaus und zum slowenischen Schulalltagsdrama „Razredni Sovražnik“. Der Klassenfeind, der hier beschrieben wird, ist der neue Deutschlehrer. Mittelpunkt der Handlung: Thomas Mann, der Selbstmord einer Schülerin – und das furchteinflößenden Gebaren des gehassten Lehrers, der sogleich für die Schultragödie verantwortlich gemacht wird. Regisseur Rob Bicek stellt sich die Frage, was passiert, wenn ein bestimmtes Ereignis eine ungeahnte Dynamik geriert, die nicht mehr kontrolliert werden kann. Die Rebellion braucht eben stets einen konkreten Feind, um eine Gruppe zusammenzuschweißen. Da hilft auch Thomas Mann nicht mehr.

Sonntag, 27.10. Nacht.
„Sickfuckpeople“. Ein Titel wie ein Faustschlag mit gehörigem Nachhall. Die Kamera heftet sich an eine Gruppe drogensüchtiger Straßenkinder im ukrainischen Odessa, von Eltern und staatlicher Obhut alleingelassen. Die Dokumentation erzählt in bewegenden Bildern vom Leben und langsamen Sterben auf der Straße. Ein Leben im Elend, mit dreckigen Spritzen und ohne Ziel. Filmemacher Juri Rechinsky sieht sich als stiller Beobachter, der nicht erklären will, sondern von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Jugendlichen erzählt. Dass Rechinsky den Zuseher dabei auf halber Strecke verliert, dürfte ihn wenig stören.

Montag, 28.10. Abend.

Das Ende Welt beginnt an einem Montag im Oktober 2013, kurz nach 21 Uhr: Im Wiener Künstlerhauskino präsentiert Co-Regisseur und Autor Mark Peranson mit „La última pelicula“ eine Reise durch Yukatan, bei der ein Filmemacher nicht nur über das Ende der Welt sinniert, sondern auch seinen letzten Film vorbereitet (angelehnt an Dennis Hoppers „Last Movie“ von 1971). Bei der Suche nach möglichen Drehorten kommt das Regieteam (gedreht wurde mit einfachen Handkameras) auch bis zur Maya-Ruinenstätte Chichén Itzá, wo sie im Dezember 2012 auf eine surreale Versammlung von Weltuntergangs- und New-Age-Anhängern treffen. Halb Fiktion, halb Dokumentation. Großer Wahnsinn.

Samstag, 26.10. Nachmittag.
Für ein wenig Entspannung im Filmfestival-Trubel sorgten indes zwei aktuelle Filme aus Deutschland. Viennale-Dauergast Klaus Lemke präsentierte bei strahlend schönem Nationalfeiertagswetter seinen neuen Berlin-Film „Kein großes Ding“ im fast ausverkauften Metro-Kino. Ein Lustspiel um eine Runde gutaussehender Berlinerinnen und Berliner, die sich das Leben untereinander nicht allzu leicht machen wollen. Lebenskrisen, Knasttraumata und unbedarfte Lemke-Mädchen und -Buben, die sich zwischen schummrigen Etablissements und halbkriminellen Machenschaften verlieben und verlieren. Ein Film für die ganz normalen Außenseiter, die jedes Mal aufs Neue mit Anstand, Würde und betont sexy scheitern dürfen.

Dienstag, 29.10., Abend.

„Das merwürdige Kätzchen“, vom Schweizer Filmstudenten Roman Zürcher in minutiöser Kleinarbeit choreografiert, wurde schon bei der Berlinale 2013 als Überraschungserfolg gefeiert. Als Tanzparkett der Familiengeschichte dient eine gemütliche Berliner Innenstadtwohnung; als Darsteller eine verschrobene Familie, ein Hund und eine Katze. Inspiriert durch Kafkas „Die Verwandlung“ wird „Das merkwürdige Kätzchen“, das gar nicht merkwürdig ist, zum Inbegriff einer latenten Bedrohung, die diese Familie umgibt. Ein familiärer Reigen, verwirrend und alltäglich zugleich. Was dahinter steckt, bleibt im Verborgenen.

Infos: Viennale: 24.10. – 6.11.