Volkstheater: Mit Anna Badora geht die Kulturpolitik auf Nummer sicher

Volkstheater: Mit Anna Badora geht die Kulturpolitik auf Nummer sicher

Mit Anna Badora als designierter Intendantin des Wiener Volkstheaters geht die Kulturpolitik auf ­Nummer sicher. Falsch ist das nicht, findet Karin ­Cerny – ein wenig mutlos wirkt es dennoch.

Jede Zeit hat ihre Modewörter. Während sich die Wiener Grünen fast schon fanatisch auf den Begriff „postmigrantisch“ festgelegt haben, erhofft sich der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny von dem Zauberwort „niederschwellig“ wahre Wunder: junges Publikum, urbane Themen und – ganz schlicht – ein volles Volkstheater, damit sich der zuständige Politiker zufrieden zurücklehnen kann und möglichst wenig Scherereien hat.
Insofern ist es nur folgerichtig, dass sich die Volkstheater-Privatstiftung – mit Abgesandten der Stadt und des Bundes in der Jury – für die Konsens-Kandidatin Anna Badora entschieden hat. Bei der erfahrenen Stadttheaterfrau, die derzeit als geschäftsführende Intendantin das Schauspielhaus Graz leitet, weiß man eben, was man kriegt. Oder wie es Noch-Intendant Michael Schottenberg bei der Pressekonferenz seiner Nachfolgerin, die ab Herbst 2015 das Haus am Weghuberpark übernehmen wird, formulierte: „Es wurde kein Geschirr zerschlagen, kein unnötiges Aufsehen verursacht.“

Dabei ist „niederschwellig“ ein ebenso verschwommener Begriff wie jener des „Volkstheaters“ – als ob die anderen Bühnen der Stadt von Außerirdischen besucht würden. Zwar sind die Kartenpreise des Volkstheaters tatsächlich etwas niedriger als in der Josefstadt und im Burgtheater, und die verstaubten Filialen „Volkstheater in den Bezirken“ führt man eher als soziokulturelles denn ästhetisch interessantes Projekt; aber im Grunde ist das Volkstheater ein ganz normales Stadttheater, das freilich noch immer ziemlich verkrustete Strukturen und eine reichlich baufällige Substanz aufweist. Das Volkstheater radikal neu zu denken, dafür fehlt es den Politikern allerdings an Mut und Visionen. Schon die Ausschreibung legte nahe: Alles soll so bleiben, wie es ist. Mit einer Ausnahme: Immerhin wird das chronisch unterdotierte Haus in Zukunft jährlich 600.000 Euro mehr an Subvention erhalten, je 300.000 von Stadt und Bund. Auch ein Übergangsbudget von 100.000 Euro soll zur Verfügung gestellt werden. Badora erhält einen Fünfjahresvertrag. Beworben hatten sich 32 Volkstheater-Kandidaten, davon waren 40 Prozent Frauen.
Anna Badora, 1951 in Polen geboren, wäre beinahe Leichtathletik-Profi geworden, auch ihre neue Theateraufgabe sieht sie sportlich. Sie habe sich entschieden, die „Komfortzone Graz“ zu verlassen, meinte sie und forderte zugleich „Geduld und Vertrauen“ vom Wiener Publikum. Sie sehe im Volkstheater „riesiges Potenzial“, das sie mit internationalen Koproduktionen „in die EU einführen“ wolle, aber das gehe nicht „innerhalb von ein oder zwei Jahren“, kündigte die Theatermacherin schon jetzt an. Was Badora in der Tat stets gelang, war nicht wenig: ihr Publikum zu motivieren.

Nach oft mühsamen ersten Jahren verließ die energetische Wahlösterreicherin die Städte ihres Wirkens meist als Intendantin der Herzen. In Düsseldorf ermöglichte sie das radikale Alterswerk des deutschen Regisseurs Jürgen Gosch, in Graz zeigte sie Arbeiten des ungarischen Bildertheatermachers Viktor Bodó und der israelischen Reality-Forscherin Yael Ronen, und setzte damit durchaus zeitgemäß auf den Trend, das traditionsreiche Stadttheater für internationale Produktionen zu öffnen. Auch mit angesagten Formaten wie Laienschauspiel und Thematisierung virulenter Stadtprobleme konnte Badora in Graz Erfahrungen sammeln.

Was allerdings nicht übersehen werden darf: Badora reiht sich nahtlos in eine nicht sonderlich überzeugende Volkstheatertradition ein. Nach Emmy Werner (1988–2005) und Michael Schottenberg (2005–2015) steht erneut eine eher mittelmäßige Regiekraft an der Spitze, die jährlich sicher ein bis zwei Inszenierungen selbst stemmen wird. Und mit 62 wirkt Badora, der man ihr Alter freilich nicht anmerkt, nicht gerade als innovative junge Wahl. Hinzu kommt: Wer das gigantische Volkstheater aufregend neu bespielen möchte, wird nicht, wie es die Politik gern hätte, allein auf Quote schielen können. Sonst muss man wie Schottenberg auf seichten Boulevard setzen. Ganz ohne zerschlagenes Geschirr wird das Volkstheater nämlich nie zu einer spannenden Bühne.