Wie Facebook und Tinder das Beziehungsleben prägen

Wie Facebook und Tinder das Beziehungsleben prägen

Anbaggern, chatten und auch schon wieder entsorgen. Nähe war gestern. Angelika Hager über das Paarungs- und Kommunikationsverhalten im digitalen Irrsinn.

„Es ist nichts als ein Fleischmarkt“, seufzte die Jane Austen-Heroine Emma frustriert auf einem dieser Londoner Bälle, die im 19. Jahrhundert als Eheanbahnungsbörse dienten. Die Regency-Periode war eine harte Zeit, in der Romantik und Zuneigung in die Kategorien Unvernunft und Gefühlsduseleien fielen. Doch im Spiegel der turbokapitalistischen Brutalität von „Tinder“ wirkt die frühere Form des Partnerverschacherns wie ein Schäfchenspiel. „Tinder“ bedeutet in der wortwörtlichen Übersetzung so viel wie „Zunder“. Im digitalen Esperanto der „Generation Y“, wie die Gruppe der Spätteenager und Besser-noch-nicht-Erwachsenen beschlagwortet wird, hat die Phrase „Gemma tindern!“ jedoch nichts mit pyromanischen Neigungen zu tun. „Tinder“ ist eine Dating-App, die kostenlos bei iTunes und Google Play heruntergeladen werden kann. Die Anmeldung erfolgt via Facebook-Profil, Datenklau ahoi! Doch diese dunklen Verlinkungsmachenschaften sind dem Gros der 600 Millionen User so egal wie Büttenpapier und Federkiele. Denn „Tinder“ ist hormonelles Zeitmanagement in seiner effizientesten Form. Im rasanten Tempo wirft man dort sein Foto als Köder aus, gibt den Bagger-Radius in Kilometern und die gewünschte Altersgruppe an, und innerhalb von Minuten docken gegengeschlechtliche Schatzi-Sucher im nächsten Umfeld an.

„It’s a match!“
„Zache Labberflashs“, wie die jungen Social-Network- Eingeborenen sinnlosen Anbahnungs-Smalltalk klassifizieren, fallen beim „Tindern“ flach: Denn die App hat ein höchst zeitökonomisches Selektions-Fallbeil eingebaut. Trägt ein Typ eine „ur-spastige“ Boygroup-Frisur aus den Zehnerjahren und ein „Mary-Kate Olsen“-T-Shirt, hat er sich schon einmal im Vorfeld als „das volle Opfer“ geoutet und bekommt den „Tinder“-Todesstoß, indem man ihn links für immer „wegwischt”. Hat er einen „sausweeten“ James-Franco-Bart und einen Hauch von Ryan Gosling, bekommt er mittels Druck auf das Herzchen „fix“ eine Chance. Und schon schlägt das Imperium der Marktgesetze manchmal auch grausam zurück.

Denn nur, wenn die Franco-Raubkopie auch Gefallen an dem „Pic“ der „Slitch“ (Worthybrid aus Schlampe und Bitch, das einer Frau erotischen Begehrenswert attestiert) findet und das Herzchen drückt, tritt die gegenseitige Marktwertversicherung in Kraft, die sich auf dem Display in der Erlösungsparole „It’s a match!“ oder in der deutschen Variante „Es passt!” manifestiert. Dann darf gechattet werden, und das Eröffnungsrepertoire der Knaben, wie es meine Kollegin
Salomea Krobath für diese Geschichte testete, ist eher ergreifend schlicht als schlicht ergreifend: „Hey U!“ (8 Mal), „Hey, what’s up?“ (6), „Hallo! Wie geht’s?” (4), „Was läuft?“ (2). Nach Jahrzehnten des digitalen Kommunizierens, in dem wie wild verbal verknappt, verdichtet, abgekürzt und in Formeln und Comicsblasen gesprochen wurde, ist das „Sprachkleid“, wie Bertolt Brecht das individuelle Ausdrucksrepertoire einer Theaterfigur bezeichnete, zu einer Einheitsuniform geschrumpft. Initialen-Kombinationen wie OMG (Oh My God = an der Grenze zur Hysterie schrammende Empörung) oder LOL (Laughing Out Loud = finde ich lustig) schwirrten in den letzten Jahren milliardenfach durch den Cyberspace und sind inzwischen nur mehr „irgendwelchen“ vorbehalten. „Irgendwelche“ ist die aktuelle dürre Bezeichnung der Teenies für Altersgenossen, die trendtechnisch total den Anschluss verpasst haben oder bestenfalls deprimierende Mitläufer sind. Solche, die noch immer Ed-Hardy-Mützen tragen und es toll finden, zu einem Miley Cyrus-Konzert zu gehen.

Wahrscheinlich hätte auch Goethes junger Werther nach einem Viertelleben auf WhatsApp seine abtrünnige Lotte mit „Emoticons“ in Form von Totenköpfen und Anti-Smileys zugetextet und auf Facebook seinem Kummer mit einer Statusänderung („It’s complicated“) Luft gemacht, anstatt sich im blau-gelben Outfit den Schädel wegzublasen. Doch den Briefroman des Liebesjunkies kennen die Teens, die im Schlepptau meines Fortpflanzes mein Radarsystem durchflattern, im besten Fall als „Wikipedia-pitch“, wie sie den Lektürenachweis im Deutschunterricht bezeichnen.

Verbal regiert in jedem Fall – seit SMS nicht mehr die Funktion von Kurzbotschaften, sondern Befindlichkeitsminiaturen haben – die neue Bescheidenheit, obwohl pädagogische Optimisten beim Lamento über den Sprachverfall gerne das Argument „So viel geschrieben wie heute wurde noch nie!“ ins Treffen führen. Man könnte hinzufügen: So viel Schwachsinn wurde noch nie geschrieben. Und zwar ohne Interpunktion und orthografischen Ehrgeiz, verseucht mit Anglizismen, die mit Trümmern der Muttersprache zu einem digitalen Absurdistanisch verschmelzen. Eine WhatsApp- oder Facebook-Botschaft (denn die klassische SMS oder E-Mail ist inzwischen nur mehr Friedhofsdeserteuren vorbehalten)
zwischen zwei durchschnittlichen „Slitches“ liest sich in etwa so: „Hey, Alte. Bounc ma city. Will fix nicht strebern. B ist
akward. Voll das Opfer. Hab keine App mehr für den. Tinder-Revenge now. BFF (Anm.: Best Friend Forever) …“

Dauerstream und Endlos-Chat
Der Philosoph Michel Serres ortet in der 24/7-Online-Bereitschaft der Youngsters große Freiheitspotenziale. Die Generation „Petite Poucette“ (kleiner Däumling), womit sich der 83-jährige Franzose auf die dauertippende „Jeunesse Smartphone“ bezieht, wäre vom Wissensspeicher-Terror entlastet und könnte so die freien Kapazitäten für „anderes“ nutzen. Wie dieses glorreiche „andere“ aussehen könnte, spezifiziert Serres nicht. Aber man kann bereits jetzt davon ausgehen, dass die Rettung des Regenwalds und die Konsumkurve von Prousts dreibändigem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” davon nicht wesentlich betroffen sein werden. Das Leben im Dauerstream und Endlos-Chat, in dem „Likes“ und „It’s a match“-Statusmeldungen dem narzisstischen Ego das Wasserspiegelbild aus der griechischen Mythologie ersetzen, prägt nicht nur das Sprachverhalten massiv, sondern auch den „modus operandi“ der „Facetime“-Beziehungen: Noch nie waren Nähe und direkte Kommunikation so bedrohliche Größen wie für jene Jugendlichen, die sich gegen Ende ihrer Volksschulzeit ihr erstes „Facebook“-Profil einrichteten und ihr Leben seit der Vollalphabetisierung per Wischfinger organisieren. Das beweist auch das Paradoxon, dass der Ankauf von Smartphones steil nach oben steigt, aber die Anzahl der klassischen Anrufe bei den Käufern dieser Geräte erheblich abnimmt. Auch „eartime” ist sozial wesentlich fordernder als abgeschotteter Schriftverkehr. Im isolierten Raum der digitalen Kommunikation befindet man sich in puncto Versagensangst im Leo: Hier ist es egal, ob man stottert, errötet, abgekaute Fingernägel hat oder – USG! (Ultimativer Supergau) – Schweigen entsteht, gegen das kein absurdistanisches Kürzel gewachsen ist. Bei „Facetime“ ist Gefahr im Verzug, vor allem die, bloßgestellt zu werden. Hinter dem Schutzwall von „Tinder“, „Viber“, „WhatsApp“ oder „Facebook“ aber ist man im Spiel, kann sich diesem aber jederzeit entziehen und entscheiden, in welcher Dosierung die Selbstinszenierung auch zum Täuschungsmanöver wird.Denn im Netz wird ja bekanntlich seit der Erfindung des Flirtchats gelogen, dass sich die Balken biegen.

Nur bei durchschnittlich jedem fünften „Es passt!“-Treffer kommt es, so die Erhebungen, bei „Tinder“ zu einem „analogen“ Treffen, denn die bloße Aussicht auf „Facetime“-Dates erzeugt bei der generell entscheidungsschwachen Generation „Maybe“ auch Stress und Überforderung. In Helmut Dietls Kammerspiel „Rossini“ schrie der Schriftsteller, der sich misanthropisch in seiner Dachkammer verkroch und aus der Ferne die Kellnerin Serafina anbetete, „Nein, bitte nicht, das ist mir zu viel Realität, ich bin Schriftsteller!“, als ihm das Objekt seiner Sehnsucht den Mund auf die Lippen presste. Die Szene ist ein Sinnbild für die Art, wie im Facebook-Zeitalter Beziehungen geknüpft werden: Besser, die Sehnsüchte auf einen Bildschirm projizieren und dann dieses stumme Objekt der Begierde mit den eigenen Bedürfnissen auffüllen, als in der Realität in den Trümmern seiner Erwartungen stehen.

„Wir schreiben Nachrichten, statt anzurufen, wir chatten, statt uns zu treffen“, schreibt der Literaturwissenschafter Tomasz Kurianowicz in der „Neuen Zürcher Zeitung“, „das prägt die Ökonomie des Empfindens auf fundamentale Weise.“

„Wie voll analog ist das denn, bitte“
Das Leben vor dem Bildschirm lässt auch ein wichtiges Segment des Intelligenzspektrums zunehmend verdorren: die soziale Intelligenz, inklusive dem überlebensnotwendigen Empathie-Empfinden. Empathie bezeichnet ja nicht nur die Fähigkeit des Mitfühlens, sondern auch die Gabe, sich in jemanden hineinversetzen zu können. In der US-Fernsehserie „Lie to me“ erkennt Dechiffrierungsguru Tim Roth an Gesichtsausdruck und Körperhaltung, wann ein Mensch lügt oder wie sehr sich seine Gedankengänge von seiner tatsächlichen verbalen Kommunikation abheben. Computer-Nerds und Chat-Junkies haben durch ihre vorrangig menschenleere und gesichtslose soziale Interaktion keine Gelegenheit, dieses Können zu erlernen und zu kultivieren. Treten Konflikte auf, klinken die sich häufig einfach aus oder antworten nicht mehr: eine klassische Auseinandersetzung mit Argumentationsketten und Vermittlungsversuchen haben sie nicht mehr drauf.

„Wie voll analog ist das denn, bitte“, fragen sich die jungen digitalen Eingeborenen, wenn partnerlose Grufties der 50-plus-Bandbreite noch immer „so fucking old school“ auf Parship und ähnlichen antiquierten Kennlern-Plattformen brav Fragebögen ausfüllen, in der Hoffnung, eines Mr. oder einer Mrs. Right habhaft zu werden, für den oder die auch asiatische Küche, Sonnenuntergänge, Paulo Coelho und Helene Fischer zur Lebensqualität zählen.

Doch auch die „Oldies“ sind längst von der Konsum- und Wegwerfkultur, die „Facebook“ und Dating-Sites in einer Beziehungsbiografie heute ermöglichen, angesteckt. Da bedarf es auch längst keiner dramatischen Gesten oder großen Worte mehr: Ganz schnell wird emotional abgekoppelt, sollte das neue Dating-Material zu viele Fehlermeldungen aufweisen. Das Sample neuer Möglichkeiten ist groß, genauso wie die Illusion, dass beim nächsten Klick schon wieder ein anderer an der nächsten virtuellen Ecke steht. Und die Erotik der digitalen Nabelschnur scheint auch im Echtleben manchmal stärker als die des Menschen, der einem gegenüber sitzt. Als ich einmal in Paris ein japanisches Pärchen beim Kerzenlicht-Dinner in einem Bistro sitzen sah, begriff ich, wie der „emotionale Kapitalismus“, von dem die israelische Liebestheoretikerin Eva Illouz immer wieder spricht, aussehen kann. Der Champagner in ihren Gläsern wurde warm: Denn sie steigerte mit ihrem Smartphone auf eBay bei einer Louis-Vuitton-Tasche mit, während er mit Kopfhörern auf dem Handy einer Sportübertragung lauschte. Als der erste Gang gereicht wurde, fotografierten sie ihn ausführlich, um ihn auf Facebook zu posten – und überprüften während des Essens die „Likes“, die das Foto in der Facebook-Community bekam. Man wollte wie Dietls „Rossini“-Figur rufen: „Das ist mir zu viel Realität!“