Wiener Festwochen-Chef Markus Hinterhäuser: „Wollen wir das alles zerstören?“

Wiener Festwochen-Chef Markus Hinterhäuser: „Wollen wir das alles zerstören?“

Krise am Burgtheater, die Blackfacing-Debatte und die immer schnellere Intendanten­ablöse bei den Salzburger Festspielen.

Interview: Karin Cerny

profil: Sie legen heuer Ihr erstes Festwochenprogramm vor. Für 2017 haben Sie bereits den nächsten Job fix in der Tasche – ab dann werden Sie die Salzburger Festspiele leiten. Wird man bei so viel beruflicher Sicherheit nicht zwangsläufig zur lahmen Ente?
Markus Hinterhäuser: Dieser kausale Zusammenhang erschließt sich mir nun wirklich nicht. Ich fühle mich definitiv nicht als lahme Ente. Dass ich die Festwochen nur drei Jahre lang leite, war ja nicht meine Entscheidung, sondern wurde von der Politik so gewünscht. Wir haben Anfang 2011 erste Gespräche geführt, damals war ein möglicher Abgang von Alexander Pereira noch gar kein Thema.

profil: Finden Sie eine Intendanz auf drei Jahre nicht ungewöhnlich knapp bemessen: Kann man da überhaupt ein Profil entwickeln?
Hinterhäuser: Das ist tatsächlich knapp bemessen. Und es ist für einen Betrieb wie die Festwochen strukturell und finanziell schwierig, diese kurzfristigen Intendantenwechsel bewältigen zu können. Mittlerweile hat bereits ein Umdenken stattgefunden, man geht von diesem etwas rigorosen Zeitkorsett ab und plant wieder länger.

profil: Bei Ihrem Team setzen Sie allerdings selbst nicht auf Kontinuität: Ihre Schauspielchefin Frie Leysen verlässt Sie nach nur einer Saison, es folgen zwei Kuratoren für jeweils ein Jahr.
Hinterhäuser: Stefan Schmidtke ist ein sehr erfahrener Theatermacher und hat bereits unter Marie Zimmermann für die Festwochen gearbeitet. Er kennt den Betrieb, ist 2015 für den Schauspielbereich verantwortlich und fungiert auch als Dramaturg für Marina Davydova, eine interessante Publizistin und Festivalleiterin aus Moskau, die 2016 hier als Programmkuratorin tätig sein wird. Es wird also Kontinuität geben.

profil: Wie viel in dem aktuellen Programm ist denn von Frie Leysen programmiert, wie viel von Ihnen?
Hinterhäuser: Frie Leysen hat einen immensen Beitrag geleistet. Es ist aber nicht so, dass wir „Apartheitspolitik“ betrieben hätten. Wir haben uns sehr intensiv ausgetauscht. Natürlich hat das Musiktheatralische eher mit mir zu tun, Performance und Schauspiel kommen von Frie Leysen, wobei es da viele Schnittpunkte gibt.

profil: Bereits vor Beginn der Festwochen zeichnete sich eine heftige Debatte um die Produktion „Die Neger“ ab, bei der sich anscheinend weiße Schauspieler schwarz schminken werden. Wie stehen Sie zum so genannten Blackfacing?
Hinterhäuser: Es ist jetzt eine große Debatte entstanden über den Titel „Die Neger“ und das Blackfacing. Gegen diese Diskussion habe ich gar nichts, ich finde sie wichtig. Man sollte allerdings Vorurteile nicht mit Vorurteilen bekämpfen. Schon vor dem ersten Probentag gab es im Internet Aufrufe, diese „rassistische“ Inszenierung abzusetzen. Mit Pawlow‘schen Reflexen kommt man hier nicht weiter. Niemand der Beteiligten macht diese Arbeit, um andere zu beleidigen. Wir stellen ein Stück von Genet zur Diskussion.

profil: Angestachelt wurde die Diskussion zuletzt durch ein Zitat von FPÖ-Politiker Andreas Mölzer, der die EU als „Negerkonglomerat“ bezeichnete. Offensichtlich herrscht hierzulande noch immer ein Mangel an sprachlicher Sensibilität.
Hinterhäuser: Der Mangel an sprachlicher Sensibilität ist ein Punkt, die Äußerungen von Herrn Mölzer sind allerdings strategisch beleidigend und von bemerkenswerter Dummheit. Letztendlich hat die Inszenierung einzulösen, was das Stück tatsächlich ist: eine hochkomplexe Auseinandersetzung mit rassistischen Klischees, ein antirassistisches Statement par excellence.

profil: Was halten Sie von dem Begriff des postmigrantischen Theaters?
Hinterhäuser: Ich kann damit nicht allzu viel anfangen. Das „Postmigrantische“ war ein zentraler Diskussionspunkt am Beginn meiner Tätigkeit, als ich mit Shermin Langhoff zusammenarbeiten sollte. Ich mag diese dogmatischen Begrifflichkeiten nicht, in letzter Konsequenz geht es doch immer um die ernsthafte Auseinandersetzung mit Stücken und Stoffen, die wir interessant finden. Dafür braucht man keine Klassifizierung.

profil: Bei jedem Festwochenprogramm stellt sich die Frage, wie viele heimische Künstlerinnen und Künstler vertreten sind. Warum sind das heuer so wenige?
Hinterhäuser: Wir sind ein internationales Festival. Wenn ich etwas so wesentlich finde wie die Oper „Bluthaus“ des Grazer Komponisten Georg Friedrich Haas und des Tiroler Autors Händl Klaus, denn zeige ich es gerne. Aber ich kann keine Quotenregelung einführen, bei der festgelegt wird, wie viele Österreicher, Asiaten oder Afrikaner vertreten sind. Programme entstehen nicht auf dem Reißbrett, wir können und wollen keine künstlerische Planwirtschaft machen.

profil: Michael Hanekes Mozart-Inszenierung „Così fan tutte“ ist eine der teuersten Arbeiten dieser Festwochen. Lohnt sich diese Gastspiel-Einladung? Schließlich gibt es bereits eine DVD-Ausgabe, und die Arbeit wurde sogar im ORF schon gezeigt.
Hinterhäuser: Es ist die letzte Möglichkeit, diese großartige Inszenierung auf der Bühne zu sehen. Sie ist von einer seltenen Intelligenz und Präzision. Ich hatte keine Sekunde lang Zweifel, dass diese gedankliche Auseinandersetzung für Wien wichtig ist.

profil: Sie haben die Salzburger Festspiele als Ihren „Lebenstraum“ bezeichnet. Was sind die Festwochen im Vergleich?
Hinterhäuser: Das habe ich so nie gesagt, aber natürlich bedeuten mir die Festspiele sehr viel. Sie sind wesentlicher Teil meines Lebens. Bei den Festwochen sammle ich nun Erfahrungen, die ich in dieser Form in Salzburg nie hätte machen können. Die Festwochen als urbanes Festival sind eine wunderbare Erweiterung meines Repertoires. Allerdings sind die Möglichkeiten der Wiener Festwochen, selbst zu produzieren, überschaubar. Salzburg ist ein produzierendes Festival.

profil: Die Festspiele befinden sich in einer Dauerkrise, der Intendantenjob ist ein Schleudersitz. Woran liegt das?
Hinterhäuser: Eine Dauerkrise kann ich nun wirklich nicht erkennen, sehr wohl aber so etwas wie eine Verwundbarkeit. Salzburg hat eine lange und sehr starke Geschichte. Gerard Mortier und Hans Landesmann haben das Festival in den 1990er-Jahren gegenwärtig gemacht, das war richtig und notwendig. Dann begann, was die Intendanten betrifft, eine gewisse Diskontinuität. Auch die internationale Festivallandschaft hat sich seitdem stark verändert und damit auch die Monopolstellung der Salzburger Festspiele. Hinzu kommt ein massives finanzielles Problem, das ist in Salzburg ähnlich wie am Burgtheater oder an der Wiener Staatsoper.

profil: Und wie intrigant geht es in Salzburg zu? Befinden sich die Festspiele nicht im Würgegriff der Lokalpolitik?
Hinterhäuser: Das ist Unsinn. Intriganz gibt es in Wien, Paris und Berlin genauso. Das ist kein salzburgspezifisches Phänomen, und das Lokalpolitische ist auch nicht mehr als ein Klischee. Sicher, das Festspielkuratorium ist in Salzburg politisch besetzt. Ob das richtig ist, kann man diskutieren. Ich habe aber bislang nie erlebt, dass dieses politisch besetzte Gremium als Zensor aufgetreten wäre. Das Kuratorium ist nicht der natürliche Feind des künstlerischen Leiters. Und umgekehrt auch nicht. Es geht um ein Zusammenspiel. Wir hatten heftige Diskussionen, aber letztlich konnte ich so viel Neue Musik aufführen, wie ich wollte. Es ist nichts verhindert worden. Man soll Salzburg nicht unrecht tun und es auf eine vermeintlich provinzielle und lokalpolitische Dimension herunterbrechen.

profil: Die deutsche Tageszeitung „Die Welt“ hat Sie „den kleinsten gemeinsamen Nenner“ für die Salzburger Festspiele genannt. Sind Sie vielleicht zu sehr in der Stadt verankert?
Hinterhäuser: Wenn ich mein bisheriges künstlerisches Leben vornehmlich in Salzburg verbracht habe, muss ich mich doch nicht dafür rechtfertigen, dass ich dort verankert bin.

profil: Für Außenstehende wirkt es mitunter absurd, wie sich eine Kleinstadt einmal im Jahr fast größenwahnsinnig als künstlerisches Zentrum der Welt geriert, das es längst nicht mehr ist.
Hinterhäuser: Wo ist da der Größenwahn? Die berühmtesten Festivals leben von dieser Dialektik aus Intimität und zeitlich begrenzter Öffnung zur Welt. Ob das Salzburg ist, Aix-en-Provence, Glyndebourne oder Luzern.

profil: Eine zentrale Aufgabe der Festspielleitung ist die Suche nach Sponsoren. Wie geht es Ihnen damit?
Hinterhäuser: Das ist ein Teil meines Jobs, den ich übrigens auch für die Wiener Festwochen erledigen muss, wenn auch nicht im Salzburger Umfang. Wir brauchen Sponsoren, und ich finde es nicht unanständig, sich um sie zu bemühen.

profil: Wie haben Sie die Krise am Burgtheater wahrgenommen?
Hinterhäuser: Die Krise am Burgtheater ist eine Tatsache. Die öffentliche Diskussion und ihre Dynamik haben Differenzierungen allerdings kaum Raum gelassen. Das ist eine gefährliche Situation für alle Kulturinstitutionen. Man muss schon fragen: Wollen wir das alles zerstören? Oder wollen wir den Häusern ihre Aura lassen?

profil: Würden Sie denn als Festwochen-Intendant sagen: Die Finanzen interessieren mich nicht, ich bin nur künstlerisch verantwortlich?
Hinterhäuser: Ich bin sowohl künstlerischer Leiter als auch in der Geschäftsführung. Und ich fühle mich sehr wohl verantwortlich für das Finanzielle. Ich arbeite mit meinem kaufmännischen Geschäftsführer, Wolfgang Wais, sehr eng zusammen. Aber ich weiß, Sie spielen auf Ex-Burgdirektor Matthias Hartmann an. Was in den letzten Jahren am Burgtheater schiefgelaufen ist, kann ich nicht beurteilen. Da muss man sich schon gedulden, bis alle Fakten auf dem Tisch liegen. Pauschal-
urteile emotionalisieren nur. Das schadet allen.

profil: Die Arbeit der Journalisten haben Sie doch gerade auch beurteilt. Finden Sie tatsächlich, es hätte weniger recherchiert und nachgehakt werden sollen, nur um die „Aura“ des Burgtheaters nicht zu beschädigen?
Hinterhäuser: Natürlich soll recherchiert werden und natürlich sollen Missstände aufgedeckt werden. Was mich aber an der Burgtheater-Diskussion auch beunruhigt, ist dieser Grundton: Kultur sei unverhältnismäßig teuer und eigentlich nicht wirklich notwendig, und diejenigen, die sie machen, hätten keine Ahnung von Geld. Oder würden nur in ihre eigene Tasche arbeiten Das stimmt einfach nicht.

profil: Trotzdem gibt es große Unterschiede: Während manche Institutionen wie feudale Fürstentümer geführt werden, agieren andere transparent und verantwortungsvoll. Sollte man das in der Öffentlichkeit nicht thematisieren dürfen?
Hinterhäuser: Sicherlich soll man das thematisieren. Ich bin ja auch kein Verfechter von feudalen Strukturen. Institutionen werden von Individuen geleitet. Aber wir sind nur Intendanten auf Zeit. Wir sind bloß Marginalien in der Geschichte von Festivals oder Institutionen. Wir sollten uns nicht so sehr überschätzen.

profil: Sehen Sie die Kunst bedroht?
Hinterhäuser: Ich befürchte keinen Kahlschlag. Aber ich glaube, wenn nicht bald etwas auf breiter politischer Ebene passiert, laufen viele Institutionen Gefahr, an die Wand zu fahren. Es wird sie vielleicht weiter geben, aber anders als bisher. Natürlich ist Kunst ein Minderheitenprogramm. Man muss eben entscheiden, ob wir dies wollen oder nicht. Ob wir Kunst für unsere Identität notwendig finden oder nicht. Es gibt künstlerische Positionen, die viel Schutz brauchen, wir können nicht nur auf die Quote schielen.

profil: Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sie als Mischung aus Philosoph, Visionär und Filou bezeichnet. Was ist denn das Filouhafte an Ihnen?
Hinterhäuser: Ein Filou ist eigentlich ein Schlitzohr, das bin ich nicht. Aber vielleicht ist ja auch das Österreichische an mir gemeint. Es gibt hier dieses Melancholische, das mir sehr nahe ist, diese Gebrochenheit, die ich anziehend finde.

profil: Aber es gibt auch eine sprichwörtliche Wiener Bösartigkeit.
Hinterhäuser: Gerade diese Bösartigkeit kommt doch oft ziemlich durchschaubar daher. Sie überrascht oder erschüttert mich selten. Interessanter finde ich die vielen Zwischentöne, die es anderswo nicht gibt. Und diesen charmanten Mangel an Überambitioniertheit.

Zur Person
Markus Hinterhäuser, 56, ist Pianist und Kulturmanager. Er studierte Klavier in Wien und Salzburg; 1993 gründete er gemeinsam mit Tomas Zierhofer-Kin die Musikschiene „Zeitfluss“ bei den Salzburger Festspielen. Bei den Wiener Festwochen mitbegründete und leitete er gemeinsam mit Tomas Zierhofer-Kin die Reihe „Zeit-Zone“, die von 2002 bis 2004 Teil des Programms war. 2005 wurde er Konzertdirektor der Salzburger Festspiele. 2011 sprang er in Salzburg als Übergangsintendant für den vorzeitig ausgeschiedenen Jürgen Flimm ein. 2014 legt Hinterhäuser sein erstes Programm als Festwochen-Chef vor. Ab 2017 wird er die Salzburger
Festspiele leiten.

Infobox
Dandys und Mönche
Neustart nach der Langzeit-Ära von Bondy: das erste Festwochen-Programm von Markus Hinterhäuser und Frie Leysen.

Das Programm der Wiener Festwochen (9. Mai bis 15. Juni) wirkt kompakter als die Jahre zuvor, weniger ausufernd. Und es finden sich Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die man hierzulande bislang noch nicht gesehen hat, etwa die meditativen Performances des taiwanesischen Filmemachers Tsai Ming-liang, dem ein Schwerpunkt gewidmet ist.
Thematisch betreffen heuer gleich mehrere höchst unterschiedliche Abende die kritische Reflexion von Kolonialgeschichte. Der südafrikanische Künstler Brett Bailey schließt die Verdi-Oper „Macbeth“ mit der blutigen Geschichte des Kongo kurz; der niederländische Regisseur und Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons, nimmt sich Jean Genets Rassismus-Reflexion „Die Neger“ vor, und der aus dem Kongo stammende Countertenor Serge Kakudji wirft gemeinsam mit dem belgischen Theatermacher Alain Platel einen Blick auf ein interessantes Phänomen: In den Armenvierteln seiner Heimat inszenieren sich die sogenannten Sapeurs in perfekten französischen Maßanzügen als Dandys. Zudem wird die jüngste Arbeit des Extrem-Regisseurs Romeo Castellucci uraufgeführt, er schickt Glucks „Orfeo ed Euridice“ ins Krankenhaus. Unsere modernen Koma- und Intensivstationen sind für ihn das mythische Reich zwischen Leben und Tod. Vielversprechend klingt auch die kleine japanische Produktion „Die Kiste im Baumstamm“: eine aberwitzige Mischung aus Psychoanalyse und Reise in eine fantastische Parallelwelt. Zudem gibt es heuer erstmals ein Festwochen-Zentrum im Künstlerhaus, in dem u. a. Diskussionen, Lesungen und öffentliche Premierenfeiern stattfinden.
www.festwochen.at

Bild: Michael Rausch-Schott für profil