WM-Tagebuch: Russische Leier

Was von der Fußball-WM bleibt: sechs Höhepunkte und zwei niederschmetternde Erkenntnisse.

7. Juli, Samara
England gegen Schweden, Viertelfinale. Die Skandinavier sind spielerisch unterlegen, aber im Strafraum. Marcus Berg platziert einen Kopfball aufs rechte kurze Eck. Sieht nach Tor aus. Ist keines. Der englische Goalie Jordan Pickford hat einfach die linke Hand hingehalten. Die Schweden verzweifeln, Pickford erhält höchste Weihen. Gary Lineker auf Twitter: „Guter Junge!“

Job Description
Das schönste Mannschaftsfoto der WM wurde im Internet gemacht. Es zeigt das brasilianische Nationalteam. Erste Reihe, ganz unten: Neymar Jr. in seiner Lieblingspose: auf dem Boden, sich das Schienbein haltend. Für die Witzproduktion lieferte der große Schmerzensmann der WM die entscheidenden Assists. Es ist ein schmutziger Job, aber irgendwer muss ihn ja machen.

23. Juni, Sotschi
Deutschland gegen Schweden, zweiter Spieltag der Gruppe F, der Titelverteidiger muss, aufgrund mexikanischer Umstände am ersten Spieltag, gewinnen. Es steht trotzdem nur 1:1. Vierte Minute der Nachspielzeit, fünfte Minute. Letzte Sekunde, letzter Freistoß von der Strafraumgrenze. Toni Kroos zu Marco Reus, Reus stoppt, Kroos zieht ab, Kreuzeck, großes Geschrei. So muss Fußball.

24. Juni, Kasan
Carlos Valderrama bleibt unschlagbar. Der kolumbianische Schneckerl-Prohaska hält beim Vorrundenspiel gegen Polen auf der Tribüne Hof, neben ihm steht sein Landsmann René Higuita, beiden ist immer noch gut anzusehen, welchen entscheidenden Beitrag sie zur Frisurenkultur im internationalen Bewerbsfußball geleistet haben. Insgesamt gilt: Die Fußballerfrisur ist aus dem Gröbsten raus, man verzichtet auf Experimente, und Polens Robert Lewandowski, der sich, als wäre er von vorgestern, eine Art „Z“ übers linke Ohr rasieren hat lassen, musste nach der Vorrunde zurück nach Hause.

30. Juni, Kasan
Frankreich gegen Argentinien, Achtelfinale. Es könnte ewig so hin und her gehen: Frankreich vorn, Ausgleich; Argentinien vorn, Ausgleich; Frankreich vorn, Frankreich zwei vorn; Argentinien Anschlusstreffer; Abpfiff, Ende, Messi weg. Ein Spiel für die Ewigkeit und fast so schön wie Portugal gegen Spanien, erster Spieltag Gruppe B: Portugal vorn, Ausgleich; Portugal vorn, Ausgleich; Spanien vorn, Ausgleich. Ein Unentschieden für die Ewigkeit.

2. Juli, Rostow
Belgien gegen Japan, Achtelfinale. Belgien liegt gegen den Außenseiter 0:2 zurück. Dann setzt Jan Vertonghen auf eine Abwehrkerze aus dem japanischen Strafraum einen Kopfball an, der allen Gesetzen der Fußballphysik widerspricht: aus spitzestem Winkel über den japanischen Torwart Eiji Kawashima hinweggestiegen, hinabgefahren ins hinterste Kreuzeck. Tor des Jahres.

1. Coming Home

Das Ende ist nah. An diesem Sonntag geht die FIFA-Fußballweltmeisterschaft Russland 2018TM (nur echt mit Trademark-Siegel) ins Finale. Es ging dabei um alles, vor allem aber ums Geld. Zehn Jahre nach der in dieser Hinsicht wegweisenden UEFA Euro 2008 Österreich SchweizTM ist der internationale Fußball endlich ganz bei sich angekommen. Noch nie war ein Turnier fernsehtauglicher. Nicht einmal die vorab zu Todesschwadronen stilisierten russischen Hooligans setzten sich erkennbar in Szene. Vermutlich waren beim Prügeln die laminierten Identifikationstaferln im Weg, die manche Fankurve aussehen ließen wie einen Ärztekongress im Fasching.

Aber genau so soll es sein: Zahlungskräftiges Publikum macht Party – Fußball ist Nebensache. Die Wörter „Fußballfest“ und „völkerverbindend“ durften endlich wieder ungestraft im selben Atemzug ausgesprochen werden. Im Fußball sind Grenzen ja schon längst out. Die Globalisierung hat in Europa ihren Meister gefunden. Afrika, Asien, ­Australien oder Amerika dürfen mitspielen, gewinnen aber nichts, weil die Alte Welt Migration und Integration perfektioniert hat (zumindest im Sport) und damit auch ordentlich absahnt. Geld schießt Tore und hat die bessere Jugendabteilung. Die UEFA EURO 2020TM findet konsequenterweise in ganz Europa statt, konkret an zwölf ­Spielorten zwischen Amsterdam und Bilbao. Das Finale steigt dann im Londoner Wembley Stadion. Football’s coming home.

2. Bonjour Tristesse

Es hätte so schön werden können. Stattdessen wurde es, wie eigentlich fast immer bei großen Turnieren in jüngerer Zeit, rechtschaffen zäh. Bei aller unbändigen Vorfreude auf Welt- und Europameisterschaften vergisst man ­allzu gern, wie lähmend Fußball sein kann: uninspiriert, lust- und ideenlos (Wir sagen nur: Dänemark-Frankreich). Dabei ist die weltweit einzigartige Popularität dieses Sports einem wunderbaren Versprechen geschuldet: dass ein seiner Anlage nach bestechend einfaches Spiel sich im besten Fall der vollkommenen Schwerelosigkeit nähert. Zeit, Raum, Kraft und Emotion verschmelzen zu einer magisch pulsierenden Einheit. Dieses Versprechen wurde bei der WM in Russland auf geradezu mustergültige Weise nicht eingelöst.

Schlichte wie bleierne Dramaturgie
Der moderne Fußball ist ein weltumspannendes Geschäftsmodell zum Zwecke der Massenunterhaltung. ­Dafür zahlen die Massen auch brav einen Preis, und zwar einen immer höheren: Fußball ist ein verdammt teurer Spaß geworden. Nur leider blieb der Spaß in Russland meistens auf der Strecke. Das Prädikat „spektakulär“ verdienten nicht mehr als drei (!) von insgesamt 64 (!) Spielen: Spanien- Portugal, Frankreich-Argentinien und Brasilien-Belgien, weil hier jeweils zwei Mannschaften auf Augenhöhe und in der unbedingten Bereitschaft agierten, das fiebrige Potenzial des Sports maximal auszureizen. Die restlichen Matches folgten in der Regel einer ebenso schlichten wie bleiernen Dramaturgie: Schwächeres Team gibt überlegenem Team keine Gelegenheit, seine Stärken auszuspielen. Überlegenes Team müht sich trotzdem irgendwie zum Sieg (oder, siehe Deutschland, auch nicht). So konnten Russland, Dänemark, Schweden, die Schweiz und Japan mit klobigem, aber effizientem Fußball in die K.o.-Phase vorrücken; Russland und Schweden schafften es sogar ins Viertelfinale, wo dann dankenswerterweise endlich Schluss war.

Die Superstars werden es verschmerzen
Das utopische Ideal im Fußball des 21. Jahrhunderts, einträchtig gefeiert von FIFA, UEFA, Medien und Fans, heißt Offensive. Die Turnierrealität dagegen erschöpft sich in der Tristesse unterschiedlich flexibel interpretierter ­Defensivstrategien. Selbst ein so hochkarätig bestücktes Team wie Frankreich wirkte über weite Strecken seltsam schaumgebremst. Trainer Didier Deschamps war zu sehr auf strikte taktische Disziplin bedacht, um seine Jungs von der Leine und damit so etwas wie Spaß aufkommen zu lassen. Nur der phänomenale Kylian Mbappé bewahrte sich seine Unbeschwertheit und tanzte – vielmehr: sprintete – öfter mal aus der Reihe.

Ansonsten war Statik Trumpf. Mehr als 40 Prozent der Tore bei der WM in Russland fielen nach Standards (Freistößen, Eckbällen, Elfmetern). Kein Wunder: Wenn es nur noch darum geht, jeglichen Spielfluss zu unterbinden, muss man eben auf einstudierte Routine vertrauen. Die Dänen trieben dieses Stilmittel auf die Spitze: Sie stellten einen Mann praktisch ausschließlich für wuchtige Einwürfe ab. Ob Jonas Knudsen im Zweifelsfall auch Fußball hätte spielen können, war angesichts der von ihm geforderten Qualitäten völlig egal.

Und die Superstars? Räumten frühzeitig das Feld – Cristiano Ronaldo und Lionel Messi nach dem Achtel-, Neymar nach dem Viertelfinale. Sie werden es verschmerzen: Ronaldo tritt ein höchst lukratives Ausgedinge bei Juventus Turin an (30 Millionen Euro netto pro Jahr). Messi kann beim FC Barcelona (35 Millionen netto) anders als in der argentinischen Nationalmannschaft auf kongeniale Mitspieler vertrauen. Und Neymar muss vorerst alle Kräfte darauf konzentrieren, sein vergleichsweise lächerliches PSG-Jahresnettogehalt von 21 Millionen namhaft in die Höhe zu schrauben, bei welchem Verein auch immer. Spätestens bei der WM 2022 in Katar werden seine Schwalben zweifellos die höchste Stufe der Formvollendung erreichen.