125 Jahre Burgtheater: Die Crew hinter der Illusionsmaschinerie

Techniker-Crew auf der Feststiege des Burgtheaters

Wer hilft Voss beim Hänger, schickt Melles durch die Luft, lockt die Happel und hat Schokolade, wenn es bei der Probe nicht so gut lief? Rund 600 Köpfe zählt die Crew, die die Illusionsmaschinerie Burgtheater allabendlich am Rotieren hält. Eine Reportage anlässlich des 125. Jubiläums.

Franz Hundsamer besitzt die optimalen Voraussetzungen für seinen Job als Burgtheater-Portier. Er war schon drei Mal klinisch tot. Nach solchen Erfahrungen kann einen im irdischen Leben "wirklich gar nichts mehr erschüttern“. "Servus, Dörte!“ Frau Lyssewski deponiert einen Schlüsselbund. "Hallo, Michel!“ Herr Heltau rauscht herein zu seinem Fototermin. "Es geht bei uns sehr familiär zu, mit den meisten bin ich per du.“ Seit 21 Jahren sitzt Herr Hundsamer in der Portiersloge des Burgtheaters, nach einem schweren Motorradunfall konnte er seinen Beruf als Elektriker nicht mehr ausüben. Manchmal harren ihm gegenüber Autogrammjäger auf der Bank, die ihre Lieblinge abpassen wollen - der Spitzenwert an Fanausdauer betrug acht Stunden: "Das war allerdings bei den Toten Hosen.“

Sind Schauspieler im Vergleich zum Rest der Menschheit schwierige Menschen? Auf diese Frage schenkt er uns nur einen milden Blick. Wie im richtigen Leben gilt für Herrn Hundsamer auch in der Künstlerbranche die Formel: Die erste Liga ist meist besonders unkompliziert; beim Grüßen Probleme haben eher "die nicht so berühmten …“. Man merkt ihm an, dass er seine Funktion als Torwächter zum elitärsten Vergnügungsdampfer Österreichs mit Herzblut betreibt. Die Liebe zur Institution Burgtheater ist erblicher Natur. Sein Vater war Chef der Theater-Feuerwehr und hat noch das Ronacher erlebt, wo die Burg nach dem Krieg zwischengelagert war. Auf dem Monitor in seiner Loge läuft Theater in der Endlosschleife: Alles, was auf den Brettern da drinnen passiert, kann er mitverfolgen. Oder besser könnte. Denn leidenschaftlicher Theaterkonsument ist er nicht; das letzte Mal saß er im Zuschauerraum in der Ära Peymann: "Ich glaube, es war eine Komödie. Welche, weiß ich nicht mehr. Meins ist weniger das Theater, sondern eher das Radfahren.“ Für den Fußballfan Claus Peymann musste er die Matches mitverfolgen, wenn der seine Durchläufe nicht unterbrechen konnte: "Der hat dann immer wieder zwischendurch ganz aufgeregt angerufen: Franz, wie steht’s?“

"Theater kann man nicht alleine machen“, sagt Burgschauspieler Ignaz Kirchner. Das Burgtheater schon gar nicht: Rund 600 Menschen werken hinter den Kulissen und in der Verwaltung, um hier jeden Abend die Illusionsmaschinerie auf volle Strahlkraft zu bringen. Anlässlich der 125er-Jubiläumsfeierlichkeiten (vom 11. bis 13. Oktober findet ein Kongress im Haus statt) begaben sich zwei profil-Reportageteams auf die Suche nach jenen Menschen, ohne die "die göttlichsten Schauspieler des Universums“ (Gerhard Roth in seinem Burgtheater-Essay "perpetuum mobile“) auf dem "geistigsten Mittelpunkt der Erde“ einpacken könnten.

Es ist gegen 16 Uhr. Auf der Bühne herrscht Schichtwechsel. Die Probe für die nächste Premiere "Die letzten Zeugen“ von Burg-Chef Matthias Hartmann ist beendet; jetzt werden riesige Treppen unter der Aufsicht des Gruppenmeisters Thomas Graf, bei dem alle technischen Fäden zusammenlaufen, eingerichtet. Heute wird Oscar Wildes Salonkomödie "Der ideale Mann“ gegeben. "Vom technischen Aufwand her nicht gerade mein Lieblingsstück“, erklärt Schnürbodenmeister Hermann Skorpis, mit dem man aus 25 Metern Entfernung das emsige Treiben auf der Bühne beobachtet. Skorpis sieht wie der Zwillingsbruder des Burgschauspielers Johannes Krisch aus. Was manchmal dazu führt, dass ihm Menschen auf der Straße "Guat haben S‘ des gestern wieder g’spielt!“ zurufen und es auch zu Autogrammwünschen kommen kann, die er gerne erfüllt. Auf dem Schnürboden sieht es mit seinen vielen Schaltern, Drahtseilen und Knöpfen aus wie in der Kommandozentrale eines Atomkraftwerks. "Mein Lieblingsstück haast übrigens Schließtag!“, wirft ein Kollege ein Standard-Scherzchen in die Schlacht. Auf dem Rücken des Schnürbodenmeisters, der wie viele unserer Gesprächspartner schon seit den 1980er-Jahren am Haus ist, steht das "Hamlet“-Zitat "Bereit sein ist alles“. Stolz lässt er die Flugschiene ausfahren, jenes Metallgerüst, auf dem beispielsweise Sunnyi Melles in Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige“ als Opern-Hysterikerin durch die Lüfte brettert: "Die Melles tät’ am liebsten überhaupt nur fliegen, die kennt ka Angst. Die ist sonst nur von der Gusti Wolf übertroffen worden, die ist mit 90 noch jauchzend da oben umadum gedüst.“

Einer der Stars jedes Theaterabends ist das Licht. Norbert Joachim werkt seit 30 Jahren als Beleuchtungsmeister an der Burg. Pannen können Kriege auslösen: Ein Licht-Novize drückte einmal aus Nervosität einen Knopf doppelt. Der Schauspieler Gert Voss stand im Dunkeln. "Das hat ihm natürlich überhaupt nicht gefallen“, erinnert sich Joachim, der in solchen Fällen vermittelnd eingreifen muss. "Ein Kollege hat heute einen schlechten Tag“, erklärte er dem wütenden Schauspieler, und, damit Voss es auch auf seine Erlebniswelt beziehen kann: "Das ist auch nicht anders, wie wenn ihr einen Texthänger habt.“

„Kleinen Dachschaden”
Texthänger sind die Voraussetzung für ihren Beruf: Berngard Knoll ist Souffleuse. Sie zeigt an der Unterbühne die Stelle, wo einst der Kasten stand, in dem die ausschließlich klaustrophobiefreien Vorgängerinnen ihrer Berufung nachgingen. Heute sitzt sie entweder in der ersten Zuschauerreihe oder an der Bühnenseite, um ihre Schützlinge durch die Klippen von Blackouts und Textschwächen zu manövrieren. Obwohl seit geraumer Zeit am Akademietheater stationiert, schlägt ihr Herz noch immer am lautesten in der Burg: "Alle, die hier landen, haben zumindest einen kleinen Dachschaden. Das verbindet uns irgendwie.“

Im Waffenarsenal
Eine Whiskeyflasche, die im Laufe der Vorstellung zum Einsatz kommen wird, steht schon bereit. "Das ist russischer Tee“, erzählt Martin Dürr, der in der Requisite arbeitet. Für diesen Job braucht man gute Nerven - Regisseure haben mitunter wahnwitzige Ideen - und flinke Beine: "Unser Gläservorrat steht im Keller, der drei Stockwerke tiefer ist.“ Regie-Diktatoren, die einen mit kalter Arroganz behandeln, werden immer seltener: "Bei Peter Zadek konnte ich direkt neben ihm stehen, er hat mich wie Luft behandelt und seinem Assistenten gesagt, was er mir auftragen soll. Junge Regisseure sind viel offener.“ Der Weg in den Keller ist abenteuerlich. Auf schmalen Treppen geht es immer weiter hinunter. Im "Waffenarsenal“ baumeln Galgenstricke, Hellebarden lehnen an der Wand - und echte Äxte liegen in einer Kiste. In einem schmalen Gang stehen Särge, vom Armenbegräbnis bis zum Staatstrauerfall. In einem Regal lehnt eine Puppe, die das Gesicht der Schauspielerin Birgit Minichmayr trägt, daneben türmen sich Leichenteile. "Regisseur Sebastian Hartmann wollte, dass es in ‚Romeo und Julia‘ Leichenteile regnet. Die Köpfe sprangen aber wie Gummibälle in den Zuschauerraum, deshalb haben wir nur Arme und Beine verwendet.“ Ein paar Meter weiter sind noch Requisiten von Schlingensief-Inszenierungen zu finden. "Ein super Typ“, sagt Dürr: "Er wollte Fäkalien aus Marzipan. Ich habe total gerne mit ihm gearbeitet.“ Die Unterwelt des Burgtheaters ist ein Labyrinth, eine Wunderkammer, unheimlich und voller Überraschungen: Hinter einer Tür findet sich sogar ein Fitnessstudio. Natürlich ohne Tageslicht. Wir werden sogar in das Allerheiligste des Burgtheaters vorgelassen: das "Kleine Illmitz“, jenes von den Schlossern selbstgebastelte Wirtshaus im Orkus des Burgtheaters, in dem, so geht die Legende, einst die heißesten Feste stattgefunden und die tollsten Schauspielerinnen auf den Tischen getanzt haben. Der Name nach der Neusiedler-See-Gemeinde rührt von einem Schilfgeflecht, mit dem früher der große Gemeinschaftstisch überdeckt war. Zu dem konspirativen Treff gibt es eine sehr traurige Geschichte, an die sich Feuerwehrmann Manfred Schmid noch gut erinnert: Jener Schlosser, der das "Kleine Illmitz“ einst initiiert hatte, war wenige Meter von seinem "Lebenswerk“ mit nur 48 Jahren tot umgefallen. Herzinfarkt. Die Vorstellung oben ging weiter. "Draußen könnte Krieg sein oder die Welt untergehen“, erklärte Christiane Hörbiger einmal das Prinzip Burg. "Das war völlig egal, wenn drinnen gespielt wurde.“

Theaterbaby
In seiner 125-jährigen Geschichte wurde das Burgtheater auch zum Kreißsaal und erlebte das Wunder des Anfangs. Das "Theaterbaby“ ist im "Publikumsdienst“, wie das Aufgabengebiet der 44 Billeteure, die jeden Abend im Einsatz sind, heißt, bekannt wie ein bunter Hund. 2010 setzten bei einer 40-jährigen Frau die Wehen ein, während Sunnyi Melles als "Phädra“ in den Liebeswahnsinn stürmte. Sie schaffte es nicht mehr ins Spital und gebar ihren Sohn im Foyer des Burgtheaters. "Es waren alle im Totaleinsatz - die Feuerwehr, die Rettung, die Theaterärztin“, erzählt die 61-jährige Platzanweiserin Sylvia Forstner, die tagsüber als Buchhalterin arbeitet und abends selten, aber doch, zu spät gekommene Besucher mit blanken Nerven daran hindern muss, rücksichtlos in den Zuschauerraum zu stürmen.

„Frisör und Psychiater in einem”
Gegen halb sieben kommt Leben in die neontrüben Gänge, wo sich die Maske und die Garderoben befinden. "Hat hier jemand noch ein Zigarettchen?“, fragt Caroline Peters, deren Gesicht von lauter Riesenwicklern umrahmt wird, im Bademantel und Hausschuhen. Aus einer Tür fährt ein kleiner Kopf. Er gehört der großen Kirsten Dene. Sie ruft: "Kann ich hier einmal eine Maske bekommen?“ Als sie Fremde im Gang sieht, wirft sie sofort erschrocken die Tür zu. "Es ist ein intimer Vorgang, wenn einem jemand kurz vor dem Auftritt im Gesicht herumfummelt“, sagt der Schauspieler Michael Maertens recht entspannt. Er wird gerade solariumbraun geschminkt, schließlich soll er als "idealer Mann“ an den Ex-Politiker Karl-Heinz Grasser erinnern. Seine Maske Peter Spörl lächelt und arbeitet konzentriert. "Ich bin Frisör und Psychiater in einem“, sagt er. "Die Maske ist die Kommandozentrale, wir bekommen jeden Tratsch, jede Besetzungsgeschichte mit. Wir wissen, wer schwanger ist - oft noch vor den Partnern. Irgendwem müssen es die Schauspieler ja erzählen.“ Spörl kennt die Vorlieben der Schauspieler. "Wenn ich mit Vaseline abschminke, dann bekomme ich am ganzen Gesicht Pickel“, wirft Maertens ein.

In der Damengarderobe ist inzwischen Maria Happel frisch von ihrem Soko-Donau-Dreh eingetroffen und atmet einmal tief durch, ehe ihr eine Mischung aus Korkenzieherlocken und Afrokrause gedreht wird. Die Dame ihres Vertrauens ist eine junge deutsche Schönheit namens Kristin Barthold, deren erste Jobstation nach dem Maskenstudium in Dresden schon der Olymp der deutschsprachigen Schauspielkunst werden sollte: "Wenn eine Schauspielerin bei der Tür hereinkommt, spüre ich schon intuitiv, wie sie psychisch drauf ist. Ob sie eher Stille braucht oder ihr nach einem kleinen Gespräch ist.“

Boxenstopp
Jetzt müssen noch die Kostüme angelegt werden. "Wenn ein Schauspieler die Hosen herunterlässt, kann man dezent wegschauen, alles will man doch sowieso nicht sehen“, sagt die Garderobiere Karin Knapp. "Es ist wie bei einem Boxenstopp, wir reißen den Schauspielern die Kleider vom Leib und ziehen ihnen das neue Kostüm an.“ Der Alptraum einer Garderobiere sind simple Reißverschlüsse, die nicht funktionieren. Da kann es in der Eile auch passieren, dass ein bisschen Haut eingeklemmt wird. Knapp hat aber auch schon selber einiges abgekommen, etwa ein Knie, das ihr im Handgemenge ins Gesicht geknallt wurde. Ergebnis: ein blaues Auge. Schwierig ist auch, wenn die Akteure zunehmen. Vor allem die Damen geben das nicht gerne zu und wundern sich dann lautstark, dass ihr Kostüm in der Reinigung wohl eingegangen sei.

Inspizientin Sonja Schmitzberger prüft inzwischen auf der Hinterbühne noch schnell, ob alle Signalleuchten funktionieren. Der Kamin ist wichtig. Wenn vorne ein Schauspieler einen kompromittierenden Brief verbrennen möchte, dann muss hinten ein Bühnenarbeiter mit Feuerzeug bereitstehen. Sonja Schmitzberger ruft die Schauspieler für ihren Auftritt aus: "Wenn ich ihren Vornamen sage, dann wissen sie, jetzt gibt es kein Herumtrödeln mehr.“ Die roten Lichter leuchten auf, die Schauspieler begeben sich in Startposition.

Trinkgeldfreudigkeit
Die Hygienepräsidentin Veronika Fileccia steht mit strahlendem Rot auf ihren Lippen und im blauen Anzug auf ihrer Toilette. Der erste Tross an Damen ist abgefertigt. Sie ist eigentlich auch aus der darstellenden Branche und viele Jahre als Revuetänzerin durch Europa und den Nahen Osten gezogen. Mit Federn am Kopf und Millionären - fast - in der Tasche. Auch mit ihren 52 Jahren kann sie ihr Can-Can-Bein noch nahezu bis an die Nasenspitze bringen, wie sie uns kess vorführt. Noch eine Stunde und 25 Minuten, bis die nächste Karawane kommt. Heute ist ein guter Abend, denn Komödien sind ideal für die Trinkgeldfreudigkeit ihrer Besucherinnen. Abende wie der sechs Stunden lange "Hamlet“ bringen da weit weniger ein: "Die vielen Morde machen die Leit’ ganz fertig, da schleppen sie sich nur mehr so dahin. Und ich kann sie dann nur noch mit an Schmäh aufmuntern: Gehen oder nicht Gehen - das ist hier die Frage.“

Fotos: Philipp Horak und Sebastian Reich

Herzlichen Dank an Konstanze Schäfer, Pressechefin des Burgtheaters, für die Organisation.