20% der Österreicher leben mit Angst:
Wie Betroffene jetzt das Fürchten lernen

Ich trage jetzt immer Schwarz – das ist die einzige Farbe, die meine ständigen Schweißausbrüche verstecken kann.“ – „Ich wache jeden Tag um drei, vier Uhr morgens auf und kann nicht mehr einschlafen …“ – „Inzwischen bin ich die ständige Angst in mir gewohnt, aber ich kann nicht, ich will mich nicht daran gewöhnen.“

„Meine Mutter hat mich als Baby immer schreien lassen, bis ich blau wurde – das war mein seelisches Todesurteil.“ – „Ich habe es seit Monaten nicht mehr geschafft, meine Wohnung aufzuräumen. Es stinkt bestialisch. Ich allein schaffe es nicht, aber die Putzfrau, der man das zumuten kann, die gibt es nicht.“ – „Ich habe die ganze letzte Woche Blut gekotzt. Weil ich die Schmerzen meiner Seele mit körperlichen Schmerzen austreiben will.“ – „Ich habe solche Angst vor der Angst.“

Mit selbstverständlicher Offenheit geben die Anwesenden, die sich untereinander oft kaum kennen, Einblicke in die Abgründe ihrer Seele und einen qualvollen Alltag, in dem oft die banalsten Dinge wie Einkäufe oder Busfahrten zu schier unbewältigbaren Problemen werden. Eine Kaffeejause in einem Vereinslokal in Wien-Meidling an einem Dienstagabend. In einem Kreis um den Tisch haben sich die unterschiedlichsten Menschen versammelt: der smarte Fitnesstrainer, für den jede U-Bahn-Fahrt zur Belastungsprobe wird; der frühpensionierte Fernmeldetechniker, den der Anblick einer Schlange an der Kasse im Supermarkt in Hitzewallungen stürzt; die 27-jährige Diplompsychologin, die nach unzähligen gescheiterten Therapieversuchen sich ihrer Prüfungsangst zu stellen imstande war; die Sekretärin eines großen Finanzunternehmens, die immer mehr Aufgaben an sich gerissen hat, bis sie kollabierte und über Monate die Psychiatrie des AKH nicht verlassen konnte. Sechs Wochen ihrer Zeit im Spital sind für sie „ein schwarzes Loch, an das ich mich nicht erinnern kann“.

Der Reihe nach erzählen die Teilnehmer, wie sie ihren Alltag bewältigen oder daran scheitern, welche Fortschritte gemacht wurden und welche Rückschläge sie erleiden mussten. Geleitet wird der Gesprächskreis von Nina Salmutter, welche die Selbsthilfegruppe für Angst-, Panik- und Phobienbetroffene SPADE im vergangenen Februar gegründet hat. Salmutter, die selbst seit frühester Kindheit an Angststörungen litt und sich nach einem langen Leidensweg von ihrer Krankheit aus eigener Kraft befreien konnte, rief den gemeinnützigen Verein ins Leben, „weil viele Angstpatienten an einer so großen Einsamkeit und Isolation leiden, dass sie verlernt haben, direkt zu kommunizieren und sich oft über Jahre nicht mehr aus dem Haus trauen“.

Ausschlaggebend für die Initiative waren für Salmutter neben der eigenen ­Leidensbiografie ihre Erlebnisse in einer anderen Wiener Selbsthilfegruppe: „Dort hatte ich den Verdacht, dass man die ­Hilfesuchenden ziemlich abzockte. Denn dort saß ein Psychiater, der den Patienten gleich einmal 230 Euro pro Stunde abverlangte, was ich als ziemlich irritierend empfunden habe.“ Die Teilnahme an den SPADE-­Versammlungen kostet 20 Euro pro Monat. Den oft aufgrund von Arbeitsunfähigkeit und Frühpensionierung finanziell schwach gestellten Gruppenmitgliedern wird Hilfe bei der Suche nach einer fundierten, kostengünstigen Betreuung geboten, wie sie zum Beispiel die Wiener Sigmund-Freud-Universität mit ihrer psychotherapeutischen Ambulanz anbietet, wo für Einzeltherapien, gestaffelt nach Einkommen, von null bis maximal 75 Euro verlangt werden.

Experten schätzen , dass in Österreich etwa 20 Prozent an einer behandlungsbedürftigen Angstkrankheit leiden. Eine genaue statistische Erfassung, was generalisierte Angststörungen, Panikattacken, soziale und andere Phobien betrifft, existiert jedoch nicht. Der Berufsverband der österreichischen Psychologen geht davon aus, dass ein Drittel der Arbeitsunfähigkeitstage in Österreich auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind. Die Zunahme psychischer Stö­rungen schlägt sich auch in den Gesundheitsstatistiken der Krankenkassen nieder: Während die Krankenstände in Österreich zwischen 1991 und 2007 um insgesamt 9,4 Prozent zurückgingen, stiegen die Krankenstände aufgrund psychiatrischer Krankheiten um 125 Prozent auf fast zwei Millionen Krankenstandstage im Jahr 2007. Wegen Grippe und Bronchitis blieben im gleichen Jahr deutlich weniger Menschen der Arbeit fern.

Hohe Dunkelziffer. Auch bei den Psychopharmaka-Verschreibungen ist ein rasanter Anstieg zu beobachten. Im Jahr 2007 wurden um fast 30 Prozent mehr Antidepressiva (mit denen sowohl Depressionen als auch Angsterkrankungen behandelt werden) verschrieben als noch im Jahr 2004. Die Dunkelziffern belaufen sich auf ein Vielfaches. Mangelnde Aufklärung, die oft fehlende Krankheitseinsicht und die damit verbundene Schwellenangst, psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe zu suchen, sowie ein falsch empfundenes Schamgefühl lassen Menschen oft über Jahre undiag­nostiziert in ihren qualvollen Zuständen verharren. Der Göttinger Angstspezialist ­Borwin Bandelow, der die Zahl der Betroffenen im deutschsprachigen Raum auf zwölf Millionen schätzt, konstatiert, dass ein Patient im Durchschnitt sieben Jahre braucht, bis er zu einer effizienten Behandlungsmethode vordringt – verlorene Lebenszeit. Denn abgesehen von Arbeits- und Beziehungsunfähigkeit sowie wachsender Vereinsamung und Isolation ziehen unbehandelte Angststörungen auch eine hohe Rate von anderen psychiatrischen Erkrankungen mit sich. Sechzig Prozent aller an Panikattacken Leidenden erkranken in der Folge auch an Depres­sionen. Bei von einer ­generalisierten Angststörung Betroffenen werden ähnlich häufig Substanzabhängigkeiten, vorrangig von Alkohol und Tranquilizern, registriert, so die österreichische Fachzeitschrift für Neuropsychopharmakologie und biologische Psychiatrie „CliniCum“.

Wie Depressionen führen chronische unbehandelte Angstkrankheiten nicht selten zu Selbstmord. Da Angstzustände sich häufig auch in körperlichen Symptomen wie Schweißausbrüchen, Herzrasen, ­Beklemmungsgefühlen in der Brust, Schlafkomplikationen, Schwindel­gefühlen, Verdauungsproblemen oder Muskelverspannungen manifestieren, konsultieren viele zunächst einen Allgemeinmediziner, der oft nicht in der Lage ist, die Ursache für die Beschwerden zu orten. Die Fehlerquote bei der Diagnose von Angsterkrankungen liegt laut Bandelow bei nahezu 50 Prozent. Die Trenn­linie zwischen realer Angst und ihrer pathologischen Ausdrucksform ist relativ leicht zu ziehen. Pathologische Angst hat keinen spezifischen Grund. Alles, worüber man sich rein theoretisch Sorgen machen könnte, wird auch zum Angstträger instrumentalisiert. Im Gegensatz zur natürlichen Angst vor einer drohenden realen Gefahr, die der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, mit dem Begriff „Signalangst“ beschrieb, mündet eine „generalisierende Angststörung“ in einen Zustand der Handlungsunfähigkeit, der einer seelischen Lähmung gleichkommt.

Ständige Alarmbereitschaft. Die Hirnforschung erklärt das Entstehen krankhafter Angst durch die Tatsache, dass der Hypothalamus, das Zwischenhirnareal, das bei gesunden Menschen unter anderem für die Einschätzung von Gefahren zuständig ist, nicht in der Lage ist, reale von irrealen Bedrohungen zu unterscheiden. Das Bewusstsein kann die Signale durch diese Hyperaktivität nicht mehr auf ihre Richtigkeit hin überprüfen; der Körper befindet sich in schweren Fällen in ständiger Alarmbereitschaft. Krankmachende Angst, so der wissenschaftliche Konsens, wird durch traumatisierende ­Erlebnisse ausgelöst: Krieg, einen Unfall, den Verlust einer Bezugsperson, sexuellen, aber auch seelischen Missbrauch, eine instabile ­Mutter-Kind-Beziehung, in der die Mutter dem Kind keine Sicherheit zu vermitteln ­imstande war. Eltern, die in ihrer eigenen ­Kindheit keine Zuneigung und körperliche Nähe erfahren durften, so Nina Salmutter, ­stellen durch die Weitergabe dieser Erziehung die Weichen für spätere Angststörungen bei ­ihren Kindern. Auch können überängstlich agierende Eltern ihren Kindern die patholo­gische Furchtsamkeit als Erblast mitgeben, wobei sich „dieses ­Kettenprinzip oft über Generationen hält, wenn nicht eingegriffen wird“, so SPADE-Gründerin Nina Salmutter. „In Österreich und Deutschland hat sicher auch die NS-Historie, was die Angsterkrankungen betrifft, ihre Kerben geschlagen – und wird es in Zukunft auch weiter tun.“

„Ich frage meine Patienten, was ihre Angst sie täglich kostet“, so der Leiter der Psychiatrie am Wiener AKH, Siegfried Kaspar, „wie viele leere Kilometer sie ihnen täglich abverlangt. Denn Angstpatienten verbringen täglich zwei bis vier Stunden damit, die Symptome abzuwehren.“ Dass bei Frauen die Rate an Angsterkrankungen doppelt so hoch ist wie bei Männern, erklärt Kaspar so: „Männer haben andere Ausdrucksformen, mit Ärger umzugehen oder sich abzureagieren; Frauen hingegen neigen eher dazu, sich zurückzuziehen.“

Das Leben mit einem psychisch Kranken ohne Therapiewillen wird häufig auch für sein familiäres und partnerschaftliches Umfeld zur kräfteraubenden Belastungsprobe. Hermine Pokorny, Psychotherapeutin in Wien, leitet eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Angstpatienten: „Die Angehörigen kommen meist erst dann zu uns, wenn sie schon am Zahnfleisch kriechen. Ein Grundproblem ist, dass die Angststörung zu lange nicht als Krankheit wahrgenommen wird, sondern als temporäre Charaktereigenschaft des betroffenen Menschen, die auch von selbst wieder vergehen wird.“

Belastung für Angehörige. Der Illusion von Harmonie wegen wird die Verdrängungsstrategie des Angsterkrankten mitgetragen. Es wird zunehmend auf Urlaube, Ausflüge und Geselligkeiten verzichtet, weil diese Ängste auslösen könnten, bis die Angst schließlich das ganze Leben bestimmt – und nicht nur jenes des ursprünglich Betroffenen. Pokorny: „Das Problem ist, dass sich die Angehörigen verantwortlich fühlen und bis zur völligen Erschöpfung versuchen, Lösungen und Angebote zu liefern. Das ist gut gemeint, aber kontraproduktiv. Wichtig ist, die Normalität zu bewahren und nicht das kranke System zu übernehmen. Die Verantwortung und der Wille, wieder gesund zu werden, müssen beim Betroffenen liegen.“

Wie bei Depressionserkrankungen ist die Kombinationstherapie seit Langem State of the Art, sprich eine medikamen­töse Behandlung sollte im akuten Stadium durch eine psychotherapeutische ergänzt werden. Prinzipiell sind Angststörungen, auch in ihrem Behandlungszugang, zu unterscheiden: Die „generalisierte“ Angststörung – laut Kaspar leiden fünf bis acht Prozent aller Angsterkrankten daran – lässt die Betroffenen ständig an überdimensionierten Befürchtungen und Sorgen leiden, die unabhängig von realen Bedrohungen sind. Denn im Gegensatz zu dem Klischee, wonach traumatisierende kollektive Ereignisse wie die 9/11-Tragödie, der Irak-Krieg oder das gegenwärtige globale Finanz­desaster bei zur Angst und Ängstlichkeit neigenden Menschen den Leidensdruck erhöhen, konstatiert die Psychiatrie diesbezüglich keinen direkten Zusammenhang. „Weder bei 9/11 noch bei der Vogelgrippe­welle hat sich bei uns ein zusätzlicher Patient gemeldet“, so der deutsche Angstspezialist Bandelow gegenüber profil.

„Menschen, die krank vor Angst sind , haben ganz andere Probleme, wie Fahrstühle, Menschenmengen oder das Betreten von Einkaufszentren.“ Unter den Phobien, den spezifischen Ängsten wie vor Höhen, Flugzeug­reisen oder Spinnen, wird vor der Agoraphobie, der Angst vor öffentlichen Räumen, die soziale Phobie weltweit am häufigsten diagnostiziert. Menschen, die daran leiden, fürchten sich beständig davor, von anderen negativ beurteilt zu werden, und haben große Hemmungen, mit Fremden zu kommunizieren. „Ich konnte nicht einmal mehr ins Restaurant gehen“, erzählt ein SPADE-Teilnehmer. „Der bloße Gedanke, dem Kellner meine Bestellung ansagen zu müssen, hat bei mir Herzrasen und Schwitzen ausgelöst.“ Einfache, isolierte Phobien wie die Angst vor Hunden oder Spinnen fallen für Kaspar unter jene Angststörungen, mit denen es sich am uneingeschränktesten leben lässt, da die Vermeidungsstrategien relativ einfach in den Alltag zu integrieren sind. Phobiker haben die größten Heilungschancen durch eine kognitive Verhaltenstherapie, mit deren Hilfe der Patient durch die Konfrontation mit den angsterzeugenden Situationen und Entspannungstechniken von seinem Leiden befreit werden kann. Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe, der an einer schweren Höhenangst litt, wendete das Verfahren selbstheilend schon vor über 200 Jahren an, indem er sich zum Besteigen von Kirchen und Türmen zwang.
An Panikattacken Leidende bilden mit zwei bis drei Prozent unter den pathologischen Angstfällen die kleinste Gruppe. Sigmund Freud, der selbst an Todesängsten litt, benannte das Phänomen 1895 mit dem Ausdruck „Angstanfälle“. „Wenn Ängste das Ich so überschwemmen, dass das Ich ausgeschaltet wird und es zu einem Zusammenbruch aller physischen Funktionen kommt, haben wir es mit Panikattacken zu tun. Panik ist ein primär körperlicher Zustand, ein psychosomatisches Geschehen“, sagt die Wiener Psychiaterin und Psychoanalytikerin Andrea Bronner. Eine allgemein gültige Heilmethode gegen Panikzustände gebe es nicht: „Für mich ist die Psychoanalyse natürlich der tiefste und gründlichste Zugang, da sie nicht nur Symptome bekämpft, sondern den Ursachen nachgeht.“ Eine systemische Therapie, bei der die beruflichen und familiären Umfelder des Betroffenen nach Entzündungsherden untersucht werden, wäre eine alternative Methode, um Ursachenforschung zu betreiben. Bei der medikamentösen Therapie ist ein regelmäßiges Updating mit dem Psychiater notwendig – im Falle von notwendigen Neudosierungen und Umstellungen.

Das letzte prominente Todesopfer seiner eigenen Ängste war der Hollywood-Star Heath Ledger, der im vergangenen Jänner im Alter von 28 Jahren an einem Medikamentencocktail aus Angsthemmern, Tranquilizern und Schlafpulvern starb. In einem seiner letzten Interviews sagte er: „Die Angst ist ein Ganztagsjob.“

Von Angelika Hager, Sebastian Hofer