profil vor 25 Jahren: Das Ende des Prager Frühlings. 20 Jahre danach

20 Jahre nach dem Einmarsch des Warschauer Paktes in die CSSR recherchierte profil für die Titelgeschichte vom 16. August 1988 die aktuelle Lage im Land – und stieß auf „noch nicht vernarbte Wunden“, die das gewaltsame Ende des Prager Frühlings 1968 hinterlassen hatte. Das KP-Regime zeigte „wachsende Nervosität“ und schickte bekannte Oppositionelle „durch Weisungen an deren Arbeit­geber auf Landurlaub“ – nicht ohne ­ihnen vorbeugend in Verhören einzuschärfen, sich rund um den 22. August von westlichen Reportern und von Prag fernzuhalten. Offizielle Jubiläumsfeiern zum Jahrestag der „brüderlichen Hilfe“ durch die Sowjetunion plante das ­CSSR-Regime nicht. In Moskau hatte ­inzwischen Präsident Michail Gorbatschow Perestroika und Glasnost ausgerufen, und auch wenn weder er noch sein Premierminister Nikolai Ryschkow den Einmarsch von 1968 nachträglich kritisierten, war es für die Exponenten des Prager Frühlings doch „in gewisser Weise ein Triumph“, dass der neue Mann im Kreml quasi zu ihren „Losungen von 1968“ griff und von einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ sprach. „Im Grunde ist die Politik Gorbatschows ­eine Rehabilitierung des Reformexpe­riments in der Tschechoslowakei im Jahre 1968, unabhängig davon, was Gorbatschow selbst dazu ­sagen kann oder will“, zitierte profil Zdenek Mlynar, seinerzeit ZK-Sekretär. Dass die UdSSR unter Gorbatschow ­eigentlich dabei war, die Pläne der CSSR-Reformer von 1968 zu verwirklichen, fand auch der in St. Gallen lehrende Wirtschaftsprofessor Ota Sik, im Prag der späten 1960er-Jahre Chef­ökonom und Ideengeber einer Wirtschaftsreform, bemerkenswert: „Unser Reformkampf entsprang der gleichen Logik wie die heutige sowjetische ­Reformbewegung, leider kam unser ­Bemühen um 20 Jahre zu früh.“

Nicole Schmidt