profil vor 25 Jahren: Kristallnacht 1938

"Die Österreicher haben sich sehr miserabel benommen“, fasste Henry Tauber, Großneffe des legendären Tenors Richard Tauber, im Gespräch mit profil seine Erlebnisse im Wien des Jahres 1938 zusammen. Damals arbeitete er als Piccolo im Hotel Métropole am Morzinplatz, das die Gestapo als Wiener Hauptquartier requiriert hatte. Anlässlich des 50. Jahrestags der Novemberpogrome, von den Nazis zynisch "Reichskristallnacht“ genannt, dokumentierte profil in der Titelgeschichte vom 7. November 1988 die Ereignisse: "In Wien wurden 6547 Juden verhaftet, aus Graz 350 Juden in KZ deportiert, in Innsbruck vier Juden ermordet, in der ganzen, Ostmark‘ brannten die Tempel.“ Allein in Wien wurden 42 Synagogen und Bethäuser zerstört.

Henry Tauber - damals hieß er noch Heinz - konnte gemeinsam mit Mutter und Zwillingsbruder im letzten Moment über die Schweiz nach London fliehen, wo er später ein Hotel leitete. Sein Vater verschwand in Wien, laut einem späteren Rotkreuzbericht wurde er 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert und starb in Buchenwald. "Wenn ich einen 65-Jährigen treffe, hab ich immer das Gefühl, der ist schuld an meines Vaters Tod“, erzählte Tauber über seine Besuche in Österreich; einerseits gefalle ihm die Landschaft, andererseits sei das "immer eine Quälerei“, etwa wenn er durch die Piaristengasse in Wien-Josefstadt gehe, "wo unsere Wohnung war, ich schau hinauf, und dann möchte ich schreien“. Nach dem Krieg schrieb Tauber jahrelang wegen einer Opferpension an österreichische Behörden - ohne je Antwort zu bekommen. Erst als Freunde bei hohen Politikern intervenierten, wurden ihm 1154 Schilling monatlich zuerkannt. Nicht ohne dass ein Beamter auf Taubers Hinweis, sein Vater sei im KZ umgekommen, fragte: "Kennan S‘ des beweisen?“

Nicole Schmidt