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Bewegung als Suchtmittel oder Wie verbissen kann Sportsgeist machen?

Bewegung ist gesund, lautet das zentrale Dogma der Fitness-Gesellschaft. Wer es mit Winston „No Sports“ Churchill hält, gilt im Zeitalter von Nordic Walking und Kangoo’Robic bereits als Todgeweihter. Der durchaus krank machende Suchtfaktor von Sport wird dabei gern vernachlässigt. Viele Intensivsportler kennen jenes Gefühl der Euphorie, das sich beim Überschreiten der Leistungsgrenze einstellt. Das schmerzfreie Glück verdankt der Ausdauersportler den körpereigenen Opiaten, auch Endorphine genannt. Durch regelmäßiges Training, so der Mediziner und Fitness-Experte Gunter Frank im „Lexikon der Fitness-Irrtümer“, gewöhne sich der Körper an sein eigenes Doping; eine Abhängigkeit entstehe. Und wer abhängig ist, muss wieder und wieder Sport bis zur Erschöpfung treiben, um Entzugserscheinungen zu vermeiden – Symptome, die bis zur schweren Depression gehen können.

Doch auch diesseits der Extreme ist längst nicht alles so lebensverlängernd und wohlbefindenfördernd, wie es die Fitness-Gurus glauben machen. Allein im vergangenen Mai wurden in Österreich rund 17.000 Sportunfälle verzeichnet – neben Stürzen und Zusammenstößen zählt Überbelastung zu den wichtigsten Ursachen. Schon bei so unverdächtigen, „trottelsicheren“ Sportarten wie Jogging oder Aerobics besteht erhöhtes Belastungspotenzial für Bänder und Gelenke. Der in immer neuen hoch glänzenden Fitness-Gazetten und Lifestyle-Berichten verschriebene Bewegungszwang führt so nicht selten direkt zum vorzeitigen Knorpelschaden. Ausdauersportler, so rechnet Gunter Frank vor, entwickeln in bis zu 70 Prozent der Fälle chronische Abnutzungserscheinungen. Gesund? Nicht umsonst plädiert Wildor Hollmann, Ehrenpräsident des Weltsportbundes, für Bewegung – aber nur dann, wenn es die Gesundheit zulässt. Unter „Bewegung“ fallen übrigens auch so Glamour-arme Alltagsaktivitäten wie Radfahren, Stiegensteigen oder Spazierengehen.

Fakten:
1. Regelmäßige Überbelastung im Training kann zur Sucht nach den körpereigenen Opiaten (Endorphinen) führen – mit massiven Entzugserscheinungen bis hin zur Depression.
2. Die meistverbreitete Ursache für Sportverletzungen ist Überbeanspruchung – vor allem von Bändern und Gelenken.
3. Bis zu 70 Prozent der Ausdauersportler entwickeln chronische Abnutzungserscheinungen. Hauptproblem: Knorpelschäden.