40 Jahre "Tatort": Hochamt mit Leiche

Lokalkolorit, Gesellschaftskritik und Ermittler mit tristem Privatleben. Angelika Hager über das TV-Phänomen "Tatort", das sein 40-jähriges Jubiläum feiert.

Die kantige Kommissarin Charlotte Lindholm aus Hannover tat unlängst das Unfassbare. Im Ermittlungsstress vergaß sie, ihren vierjährigen Sohn aus dem Kindergarten abzuholen. Und damit nicht genug: Das Kind wurde auch noch ohne Jausenbrot seinem traurigen Schicksal überlassen. Die Rabenmutter, die privat mehr eine Existenz als ein Leben führt, aß die Putenschinken-Stulle gedankenverloren selbst, während sie den Missbrauch an einem geistig behinderten Pflegekind nachzuweisen suchte.

Dass die Quotengarantin Maria Furtwängler von ihren Autoren als Versagermutter ungestraft beschädigt werden darf, ist ein "Tatort"-typisches Charakteristikum.

Denn die zurzeit insgesamt 15 Ermittlungsteams, die in oft reichlich unglamourösen deutschen Städten wie Stuttgart, Hannover oder Ludwigshafen nach dem Unrechten sehen, sind in der Regel von nahezu deprimierender Durschschnittlichkeit. Als Lebenspartner haben sie oft nur die Einsamkeit, und wenn sie abends in ihr tristes Ikea-Heim kommen, ist der Kühlschrank meistens leer. Da bleibt oft nur ein kleines Philosophikum mit dem ebenso vereinsamten Assistenten vor einer tristen Currywurstbude als Freizeit-Highlight. Das Liebesleben dieser oft nahezu erbarmungswürdigen Exekutivbeamten beschränkt sich häufig auf einen verstohlenen Flirt mit einer Hauptverdächtigen.

"Sie sind keine Bonds und auch keine spleenigen Sherlock-Holmes-Typen", schrieb die "New York Times" anlässlich der 40-jährigen Erfolgsgeschichte des TV-Phänomens über die Psyche der "Tatort"-Kommissare. "Sie sind so durchschnittlich wie ihre Zuschauer, und dieses hohe Identifikationspotenzial erklärt wahrscheinlich auch den Erfolg der Reihe, denn die Deutschen mögen das Durchschnittliche."

Ein intaktes Familienleben ist nur den wenigsten "Tatort"-Kriminesern gegönnt, wie dem neuen Stuttgarter Assi Felix Klare. Der seit 1999 amtierende Wiener Kommissar Moritz Eisner in Gestalt des zusehends erschöpft wirkenden Harald Krassnitzer bekam eine bundesdeutsche Tochter verpasst, die dem kauzigen Single ein wenig Wärme in das schicke Ermittler-Refugium bringt. Mit den Dienstjahren nähert sich Krassnitzer jedoch stetig der onkelhaften Behäbigkeit seines urzeitlichen Vorgängers Inspektor Marek, den Fritz Eckhardt von 1971 bis 1987 mit lokaltypischem Wiener Grant anlegte. Dazwischen ermittelten Michael Janisch, Wolfgang Hübsch, Klaus Wildbolz und einmal sogar Oscar-Preisträger Christoph Waltz in Österreich. "Die Quoten bestätigen Krassnitzer immer wieder", sagt der zuständige ORF-Redakteur Alexander Vedernjak. "Er ist so ein gewisser Teddybär-Typ, dem man einfach vertraut. Jetzt bekommt er die Adele Neuhauser von der Sitte zur Seite gestellt, was natürlich mehr Spielmöglichkeiten mit sich bringt. Eine wichtige Komponente des Erfolgs ist die Qualität der Schauspieler." Zwar rangiert Moritz Eisner in der heimischen "Tatort"-Beliebtheitsskala an erster Stelle, im gesamtdeutschsprachigen Raum belegt der in Wien und auch immer wieder in Tirol ermittelnde Kommissar laut einer Umfrage des deutschen Branchenmagazins "Meedia" nur den vorletzten Platz. Zu Unrecht: Die österreichischen "Tatorte" (fünf im Laufe von zwei Jahren) können den deutschen Mitbewerbern durchaus an Machart sowie Buch- und Spielqualität das Wasser reichen. "Das ist für uns ein echtes Hochglanzprodukt, für das wir die besten Autoren und Regisseure heuern und bei dem wir uns - quasi selbstverpflichtend, Auflagen gibt es ja keine - auch mit brisanten Themen wie der Macht von Sekten, Asylanten oder Gewalttaten von Minderjährigen auseinandersetzen", so der ORF-Filmchef Heinrich Mis.

Denn seit der ersten Folge "Taxi nach Leipzig" im November 1970, wo der Hamburger Kommissar Trimmel (Walter Richter) einen Kindsmord und die damit verbundene Familientragödie im zweigeteilten Deutschland aufzuklären hat, entstammt die gängige "Tatort"-Leiche oft nicht dem gehobenen Bürgermilieu, wie es bei den meist gemütlichen Investigativmethoden verpflichteten Fernsehschnüfflern vom Schlage eines Inspektor Derrick (Horst Tappert) und den Kommissaren Keller (Eric Ode) oder Köstler (Siegfried Lowitz) der Fall war. Das Milieu spiegelte in der "Tatort"-Ideologie auch immer wieder bundesrepublikanische Realität wider: von Kindesmissbrauch über Schlepperbanden bis Organhandel, Euthanasie, Skinheads und niedergebrannte Asylantenheime. An den Themen, die die Chronikteile der Tageszeitungen dominierten, bissen sich im Laufe der 40-jährigen Geschichte auch bald die Ermittlerteams bei dünnem Filterkaffee die Zähne aus. Als schrägster und am meisten polarisierender "Tatort"-Ermittler galt Horst Schimanski (Götz George), der im Ruhrpott zum Frühstück zwei rohe Eier mit Bier runterspülte, fluchte wie ein Bierkutscher und bei besonders widerlichen Verdächtigen sein internes Zorn-Management gar nicht unter Kontrolle hatte. Mit seiner Macho-Präsenz brachte er 1989 erstmals etwas auf die Farbkarte, was auch bei seinen "Tatort"-Kollegen bislang als eine vernachlässigbare Eigenschaft schien: Sex-Appeal.

Um gegen die Trenchcoat-Fossilien des ZDF, die alle dann doch so wirkten, als würde sie jede mäßige Verfolgungsjagd scharf an den Rand des Herzinfarkts katapultieren, quotenmäßig anzutreten, wurde der "Tatort" ursprünglich vom WDR ins Leben gerufen. "Heben Sie mir den Kommissar aus dem Sattel!", lautete die Anweisung des damaligen Fernsehspiel-Chefs Günther Rohrbach an seinen Dramaturgen Gunther Witte bei einem Spaziergang 1969, denn Eric Ode genoss bereits in den sechziger Jahren Kultstatus. In der DDR wurden sogar Parteiabende verlegt, wenn der Onkel-Kommissar an den Türen von Gaupendach-Villen klingelte, um Fabrikantenfrauen zu Gattenmord-Geständnissen zu tricksen.

Das Prinzip, unter der Schirmherrschaft der ARD in verschiedenen Städten spezifische Ermittler loszujagen, sollte gleich zu Beginn einschlagen. Denn das jeweilige Lokalkolorit und die regionalen Eigenheiten der Bewohner sind bis heute ein wichtiges Verkaufsargument der bis zu neun Millionen Zuseher zählenden Reihe. In einer Phase der Globalisierung von Fernsehästhetik, in der das vorrangig aus den USA eingekaufte Serienangebot der privaten Kanäle immer austausch- und verwechselbarer wird, scheint das Publikum Stuttgarter Spätzle-Romantik, Kölner Currywurstbuden und das Schiffstuten in Ludwigshafen mehr denn je zu schätzen.

Die oft stagnierende und manchmal auch fast betulich anmutende Dramaturgie der "Tatort"-Krimis wirkt im Vergleich zum glatten Schick und rasanten Erzähltempo der "CSI"-Formate nahezu anachronistisch und wahrscheinlich deswegen so wohltuend. Sonntagabend wird Fernsehen dann noch einmal zu einer Art Hochamt und einem Festakt der Langsamkeit. Dann erfüllt Fernsehen noch einmal die Funktion eines Lagerfeuers, um das sich die Familie schart, wie es in der Ära vor "TV on demand" und Download-Foren noch üblich war.

Das nostalgische Gefühl wird durch die seit 1970 unveränderte Signation, in der die Augen des Schauspielers Horst Lettenmayer zu den bedrohlichen Klängen von Klaus Doldinger Angst und Panik verströmen, verstärkt. Beim Jubiläums-"Tatort" am kommenden Sonntag (Folge 781) wird übrigens Ulrich Tukur als Wiesbadener LKA-Beamter die Ermittlergeografie erstmals erweitern. Er erfüllt alle Kriterien eines anständigen "Tatort"-Kommissars: keine Frau, aber dafür einen einzigen Anzug, den er auch ständig anhat. Launenhaftigkeit. Vereinsamung. Systemekel. Zusätzlich leidet er an Kopfschmerzen, die von einem Tumor herrühren. Prognose: Totale Tristesse. Wir werden trotzdem dranbleiben.