60 Jahre. Und ein bisschen weise?

Die Zweite Republik wird gefeiert – nicht ohne Kratzer, aber mit Recht.

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, ersann einst Udo Jürgens, und der Einfall stimmt zuversichtlich, denn was sollte die Republik Österreich davon abhalten, im Jahr 2011 eine vitale Demokratie zu werden? Ansätze dafür gibt es ja schon genug, wir müssen bloß „achtsam“ bleiben, dürfen uns nicht ständig mieser machen, als manche Äußerungen befürchten lassen, und wenn wir die marginale Hürde überspringen können, von einer „Institutionenlandschaft“ zu einer wählenden und gewählten Gemeinschaft zu werden, sind sicher wahrhaft wehrhafte Riposten allem Reaktionären gegenüber in unserem aufklärenden Arsenal.

Es würde in diesem Fall nicht immer dieselbe Leier heruntergenudelt werden, die ordentliche Beschäftigungspolitik, die Gaskammern, die Kameradschaftsmörder, immer der Kampf der Gutmenschen gegen die zumindest Gedankenloskreaturen, immer dieselben Blattsalate und Kopfstücke, immer die Kotankos, Rauschers, Thurnhers – es würde eine abwechslungsreichere Entspannung im Land Platz greifen.

Schon jetzt sind wir in einer beneidenswerten Lage. Während in Deutschland die ökonomischen Fetzen fliegen, Massenarbeitslosigkeit gegen Massengewinne, bezieht unser expansiv exportierendes Land sein Selbstverständnis und sein Nichtverständnis aus dem gschamigen Überwuzeln einer vergangenen Zeit und daraus, dass wir manchmal die richtigen jungen Leute nach Mauthausen auf Besuch schicken, manchmal die falschen älteren nicht.

Der Handel entwickelt sich prächtig, eine Kette überbietet im Unterbieten die andere, sie kochen alle mit dem Wasser, das sie jenen selektiven Geschäften abgegraben haben, in denen das Personal noch kundig war, nur angesichts der progressiven Rechtschreibung frage ich mich, warum das Wort „Dumping“ nach wie vor mit nur einem m geschrieben wird.

Die Frauen in Österreich, mein Gott, würde jeder Kirchenfürst dazu sagen, wir trauen ihnen halt noch immer nicht über den Weg, aber wir wissen ja, die Geschichte mit dem Apfel, das war doch eine ziemliche … Aber sie werden pekuniär doch zu zwei Dritteln eines männlichen Leistungsvermögens anerkannt.

Das werden sie, weil die Erkenntnisse einer vor zwei Wochen erschienenen Studie noch nicht Allgemeingut sind, wonach Firmen, die Frauen mit Kindern hoch positionieren, einen Umsatzzuwachs bis zu 58 Prozent erzielten.

Unsere Kinder würden dazu logo sagen: Mütter müssen Krisenmanagement im Gspür haben.

Mit den Ausländern sind wir, generös und urban, per Du, wenn sie nicht aus devisenstarken Staaten kommen, vor denen wir Angst haben, für sie perdu zu werden. Wir haben uns mit unserer bekannten Xenophilie daran gewöhnt, dass unser kroatischer Bäcker besser Deutsch spricht als wir. Mit den „Europäern“ – dieser Begriff muss bei uns immer noch in die Anführungszeichen eines Approbanden gesetzt werden, der mit weißen Zwirnshandschuhen das internationale Tanzparkett betritt – verhalten wir uns so wie einst die US-Cavalry mit den Apachen: Sie mögen beherzte, schwer einzuschätzende, uneinsichtige oder nützliche Wilde sein, von deren Absichten kein gültig getaufter Mensch auch nur die geringste Ahnung hat. Die EU könnte mittels „Wer EU hat, hat’s gut“ genauso angedreht werden wie One, A1, telering – der Rund- und Rand-Blick des Österreichers, von globalisierender Vogelpest getreu informiert, hat sich zum Horizont nun den Dessertteller genommen.

Er könnte sich selbst individueller mit den Ereignissen der Welt identifizieren, könnte er seine Gedanken in den Mund der ihm gezeigten Größen legen; darum bin ich für die Einführung des Stummfernsehens. Schon die letzte Etappe des Stummfilms hat eine künstlerische und publikumsintensive Wirkung verübt, die der banal vorgeplapperte Tonfilm jahrelang nicht erreichen konnte. Was wir bei politischen Reportagen, den Spielfilmen, dem Sport und der Volksmusik persönlich gewännen, ist fast unbeschreiblich. Wir hätten eine dann hoffentlich irreversible Imagination, uns den Kitsch as Kitsch can selbst zuzumurmeln, der offensichtliche und offenmündliche Kretinismus wäre unsere Klientel; wir könnten Substandard-Stammlern ganze Sätze in den Mund befehlen; wir würden erleben, wie der stumme Schrei, das ungehörte Lügen in den Zügen der Erkorenen, vor unseren Augen schlagartig beredt wird, wie kein blind machendes Wort die Sprache der zynisch zuckenden Mundwinkel jener durchbricht, die sich’s mit passional pathetisch gen oben, gen Gott gerichteten Armen heimtückisch in einem Machtwinkel eingenistet haben, aus dem sie in aufrechter Haltung hervorgekrochen kommen, ohne von den Halbwahrheiten ihrer populistischen Placebos durch gängigen Geifer ablenken zu können. Das würde manchem testimoniären Terror ein beglückend stummes Ende bereiten, dem Fluch der blöden Tat, die fortzeugend Brechreiz muss gebären (das wär doch was im Schiller-Jahr, hm?).

Doch wer wollte so vermessen sein, uns Selige infrage zu stellen? Einstige und heutige verkappte 68er wie Gatterer und Pluch, Huemer und Spira stellten die Frage: Wer sind wir? Sie war und ist müßig, denn wir alle kennen die richtige Antwort darauf: Wir sind wer.