60 Millionen Einsparungen am Küniglberg:
Wrabetz versucht Befreiungsschlag

Drei Direktoren weniger, 60 Millionen Euro Einsparungen – ORF-General Alexander Wrabetz versucht mit seinem Reformkonzept den Befreiungsschlag. Doch mitten im Überlebenskampf eskaliert ein Streit im Top-Management. Im Mittelpunkt des Konflikts: Marketingchef Pius Strobl, der ­umstrittenste Mann im ORF.

Von Gernot Bauer und Rosemarie Schwaiger

In der zweiten Jännerwoche, als das ganze Land erst langsam wieder aus Weihnachts-, Silvester- und Ferienlaune auf Betriebsmodus umschaltete, wurde im ORF-Zentrum am Küniglberg schon emsig und konzentriert gearbeitet. Am 8. Jänner hatte Generaldirektor Alexander Wrabetz seine sechs Direktoren sowie leitende Mitarbeiter zur Klausur versammelt. Das Generalthema: die nahe und ferne Zukunft und ob der ORF überhaupt eine habe. Strikte Konfidenz verstand sich von selbst und blieb – wie fast immer im geschwätzigen ORF – ein Wunschtraum. Zwei Tage nach der Klausur referierten Zeitungen recht lückenlos die Tagesordnung: von Detailplänen zum Personalabbau über Neuordnungen im Hörfunk bis zur möglichen Fusion der Wetterredaktionen.

Einem Mann platzte da der Kragen: Elmar Oberhauser, 62. Der Direktor für Information teilte Wrabetz mit, fortan an keiner Sitzung mehr teilnehmen zu wollen, wenn auch Pius Strobl anwesend sei. Schon seit Langem verdächtigte Oberhauser den Unternehmenssprecher, heikle Informationen aus dem Innersten des Rundfunks gefiltert nach außen zu geben. Strobl beteuert gegenüber profil reinen Gewissens seine Unschuld: „Bei dem Teil, der öffentlich wurde, war ich gar nicht dabei. Ob ich an Sitzungen teilnehme oder nicht, entscheidet der Alleingeschäftsführer.“

Vergangenen Freitag tagte die ORF-Geschäftsführung erneut vertraulich. Oberhauser war dabei, Strobl die meiste Zeit nicht. Auch Montag und Dienstag dieser Woche treffen sich Wrabetz und die sechs Direktoren zur Klausur, um ihr Strategie- und Sparkonzept zur Reform des angeschlagenen ORF fertig zu stellen. Zwei Tage später, am 19. März, bekommen es die Mitglieder des Stiftungsrats zur Lektüre. Am 30. März tagt dessen Finanzausschuss, am 2. April wird der Stiftungsrat über die Vorschläge abstimmen. „Wir arbeiten jetzt mit Hochdruck an Zukunftskonzepten“, sagt Generaldirektor Alexander Wrabetz. „Und ich glaube, dass wir die richtigen Fragen ansprechen. Ich gehe davon aus, dass in einigen Schritten dann auch die notwendigen Beschlüsse gefasst werden.“

Über Details will Wrabetz nichts verraten. profil erfuhr jedoch einige der noch streng geheimen Ideen: Vorgesehen sind unter anderem Einsparungen in Höhe von mindestens 60 Millionen Euro sowie die Verkleinerung des Direktoriums von sechs auf nur noch drei, in einer Extremvariante sogar auf nur noch zwei Personen. Eine Online-Direktion wird es im ORF neu nicht mehr geben. Der kaufmännische Bereich und die Technik sollen zusammengelegt werden, ebenso die Programm- und Informationsdirektion. Mehr Gewicht würden dafür die einzelnen Sendungsverantwortlichen bekommen. Die schlankste ORF-Führung aller Zeiten müsste allerdings durch ein neues Gesetz ermöglicht werden; derzeit sind mindestens vier Direktoren vorgeschrieben. Und Wrabetz müsste, falls er als Generaldirektor die Gesetzesänderung überlebt, nach diesem Konzept drei seiner derzeitigen Direktoren feuern oder zumindest degradieren, was den Teamgeist nicht unbedingt fördern dürfte. Das Betriebsklima in der ORF-Chefetage ist derzeit – ausgerechnet in der kritischsten Phase der Unternehmensgeschichte – ohnehin vergiftet. Im Mittelpunkt heftigster Kontroversen: Pius Strobl.

Dem Unternehmenssprecher und Leiter der Abteilung für Marketing und Kommunikation in der Generaldirektion ist es gelungen, nahezu alle ORF-Direktoren gegen sich aufzubringen. Der jüngste Konflikt: Im Hintergund hatte Strobl einen Deal zwischen der ORF-Werbetochter Enterprise und dem Produzenten Georg Hoanzl zur Verwertung der Archivschätze des ORF mit eingefädelt – an sämtlichen betroffenen Gremien vorbei. Der Aufruhr war groß (siehe profil 11/2009), vor allem in der Online-Direktion (Chef: Thomas Prantner) und der kaufmännischen Abteilung (Direktorin: Sissy Mayerhoffer). Nur Alexander Wrabetz hatte Bescheid gewusst. Dienstag vergangener Woche wurde der Vertrag wieder aufgelöst.

Offene Abneigung. Der prominenteste ORF-Direktor, Info-Chef Elmar Oberhauser, kommuniziert seine Abneigung gegen Strobl mittlerweile öffentlich. Zur Job ­Description Oberhausers gehört die Abwehr von Interventionen von außen, zuletzt kämpfte er allerdings gegen Begehrlichkeiten von innen. Nach Oberhausers Darstellung hätte Strobl im Februar versucht, an ihm vorbei auf die Zusammensetzung einer „Club 2“-Diskussion zum Thema Opernball Einfluss zu nehmen.

Das Harmoniedefizit im Umgang mit den formal höherrangigen Direktoren ficht Strobl nicht an. „Es gehört nicht zu meiner Job Description, in der Beliebtheitsskala ­einen Spitzenplatz einzunehmen. Meine ­Aufgaben sind sehr klar definiert, meine ­Loyalität gehört dem ORF und dem Generaldirektor.“ Und umgekehrt. Ein ORF-­Stiftungsrat: „Wrabetz selbst ist beratungsresistent. Der Einzige, auf den er hört, ist Strobl.“ Kein Wunder: Ohne Strobl wäre Wrabetz nicht Generaldirektor und Strobl ohne Wrabetz nicht hoch dotierter ORF-Funktionär.

Im August 2006 war Strobl , damals Vertreter der Grünen im Stiftungsrat, eines der Masterminds der Wrabetz-Wahl zum ORF-Generaldirektor. In einem sensationellen Coup gelang es einer rot-grün-orange-blauen Regenbogenkoalition, die ÖVP und ihre Kandidatin Monika Lindner auszuhebeln. An den Qualitäten der von Wrabetz – nach Regenbogen-Logik – nominierten Direktoren zweifelte Strobl freilich schon damals: „Einem Team, das nicht ein Zukunftssignal ist, das nicht einen signifikanten Frauenanteil hat und nicht die bestmöglichen Leute umfasst, stimme ich nicht zu.“ Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sieht anders aus.

Strobl selbst stieg als Dank für seinen Beitrag bei der Generaldirektoren-Kür zum Unternehmenssprecher auf, übernahm die Abteilungen für Kommunikation und Marketing und begann mit der Machtmehrung. Erst vor wenigen Wochen erhielt er zusätzlich die Verantwortung für die Programm-Promotion. Und sollte der ORF – wie in ­einigen Reformpapieren angedacht – seine gesamten Marketing-Aktivitäten in eine ­eigene GmbH ausgliedern, steht der Chef schon fest: Strobl.
Unter Wrabetz’ Vorgängern Monika Lindner, Gerhard Weis und Gerhard Zeiler waren die Unternehmenssprecher von Sitzungen des Stiftungsrats ausgeschlossen. Strobl dagegen nimmt daran wie selbstverständlich teil. Im ORF ist er omnipräsent. Ein Stiftungsrat: „Wo immer man einen Topf öffnet, schaut einem Pius Strobl entgegen.“ Der initiative Pressesprecher nimmt sich die Macht, die der zögerliche Wrabetz nicht ausüben will. De facto ist Strobl inoffizieller Generalsekretär des Rundfunks. Skepsis an seinem Wirken lässt ihn kalt: „Es ist ein beliebtes Spiel in großen Unternehmen, jemanden aus dem Umfeld zu kritisieren, wenn man den, den man eigentlich meint, nicht nennen will. Das ist oft das Schicksal des Boten, wie im alten Rom.“

Zwar wollen nicht alle Direktoren , wenn sie auf Strobl zielen, in Wahrheit Wrabetz treffen, sondern tatsächlich den Unternehmenssprecher. Doch auch das Verhältnis des ORF-Generals zu seinen wichtigsten Vorständen ist angespannt. Von Oberhauser heißt es, Beschwerden, Wünsche und Anregungen aus der Generaldirektion würden ihn nicht immer kümmern. Überdies soll es Auseinandersetzungen geben, etwa um die Doku-Sendungen „Menschen & Mächte“. Der leicht irrlichternde Programm-Direktor Wolfgang Lorenz hat Wrabetz nie die Absetzung seiner Erfindungen „Mitten im Achten“ und „Extrazimmer“ verziehen. Zuletzt rügte Wrabetz Lorenz öffentlich, weil im Comedian-Format „Dorfers Donners­talk“ ORF-Mitarbeiter auf die Schaufel genommen worden waren.

Sollte der Stiftungsrat dem Strategiekonzept eine Absage erteilen, wäre das Schicksal von Generaldirektor Alexander Wrabetz besiegelt – und mit ziemlicher Sicherheit auch jenes der Direktoren. Die ÖVP fordert seit Monaten personelle Änderungen, und auch Bundeskanzler Werner Faymann, ein Parteifreund von Wrabetz, schickt regelmäßig düstere ­Drohungen in Richtung Küniglberg. Zuletzt gab er in einem Interview mit der Tageszeitung „Kurier“ sinngemäß bereits ein Stelleninserat für den Nachfolger auf: „Ich gehe davon aus, dass sich bei guten Rahmenbedingungen gute Leute für den ORF-Chef bewerben werden.“ Hartnäckig hält sich im ORF das Ondit, Wrabetz hätte Faymann in einem persönlichen Gespräch vor wenigen Wochen die Entlassung aller Direktoren angeboten, um sich selbst zu retten. Faymann wiederum, so die Rundfunk-Fama, soll überdies den Kopf von Pius Strobl gefordert haben.

Geld vom Staat. Medienstaatssekretär Josef Ostermayer stellte einer neuen ORF-Führung großzügig die Rückerstattung der Gebührenbefreiung in Aussicht – immerhin 57 Millionen Euro jährlich, die das notleidende Unternehmen gut gebrauchen könnte. Für die derzeit amtierende Mannschaft gilt dieses großzügige Angebot leider nicht: In einem profil-Interview vor drei Wochen hatte Ostermayer eine Gebührenrefundierung noch kategorisch ausgeschlossen: „Das ist weder im Regierungsabkommen vorgesehen noch im Budget.“

Weichenstellungen gab es zuletzt auch im Stiftungsrat. So tauschten SPÖ und ÖVP unter anderem den Journalisten Paul Lend­vai gegen den Manager Alexander Hartig aus. Beide Herren gelten zwar als parteiunabhängig. Doch Lendvai war stets dem Pro-Wrabetz-Lager zuzuordnen, von Hartig ist das nicht zu erwarten. Der Vorstand der Constantia Industries ist ein Vertrauter des bekennenden Monarchisten Max Turnauer und hat in seinem bisherigen Wirken als „Krone“-Kolumnist und -Leserbriefschreiber eindeutige Sympathien für die ÖVP erkennen lassen. Vor der Bundespräsidentenwahl 2004 machte er etwa Stimmung gegen den SP-Kandidaten Heinz Fischer. Dieser habe seine linke Einstellung nie versteckt. „Sogar die Massaker in China fanden sein Verständnis“, empörte sich Hartig. Dass die SPÖ einen Stiftungsrat dieses Naturells akzeptiert, sorgte in der Partei für einige Aufregung. Doch Ostermayer-Sprecher Marcin Kotlowski gibt sich ungerührt: „Man braucht dort jetzt Leute, die im Management zugreifen können.“

Der Optimismus im ORF-Direktorium vor den entscheidenden Tagen ist unterschiedlich ausgeprägt. Programmdirektor Wolfgang Lorenz glaubt mittlerweile, dass es weniger um die Zukunft des ORF gehe als um bloßen Politpoker. „Das sind Spielchen, die man unter dem Titel Entertainment zusammenfassen könnte. Aber leider sind sie nicht sehr unterhaltsam.“ Lorenz will nicht ausschließen, dass es letztlich egal sein könnte, wie gut oder schlecht das ORF-Zukunftskonzept gelingt, weil die politischen Entscheidungen schon feststehen. „Das ist eine mögliche Auslegung. Aber ich hoffe, dass es nicht so ist.“

Hörfunkdirektor Willy Mitsche geht dagegen halbwegs beruhigt in die Entscheidung. „Ich habe meinen Teil des Konzepts schon dem Programmausschuss vorgestellt und bin dort auf breite Zustimmung gestoßen.“ Geplant hat Mitsche Einsparungen in seinem Bereich von rund acht Millionen Euro (bei einem Gesamtbudget von 104 Millionen) und einen Personalabbau von 42 so genannten Vollzeitäquivalenten – bei derzeit rund 500 Mitarbeitern. Kündigungen würden dafür kaum notwendig sein, meint Mitsche. „Das wird in erster Linie durch natürliche Abgänge ermöglicht.“
Wie angespannt die Lage im ORF derzeit ist, illustriert ein Schreiben, das 13 Hauptabteilungsleiter am Freitag vergangener Woche an die Mitglieder des Stiftungsrates schickten. Darin wird an die Solidarität mit dem ORF appelliert und Einmischung vonseiten der Politik zurückgewiesen: „Wir wehren uns gegen Zurufe aus der Politik, die darauf abzielen, die Mitglieder der Geschäftsführung kontinuierlich zu desavouieren.“

Der unabhängige Stiftungsrat Franz Küberl, hauptberuflich Caritas-Präsident, verlangt von Wrabetz & Co nicht weniger als ein Wunder: „Der ORF muss sich jetzt wie weiland Münchhausen selbst am Schopf aus dem Sumpf ziehen.“ Doch das hat bekanntlich nicht einmal im Märchen funktioniert.