70 MOL-Tankstellen eröffnen in Österreich

Zsolt Hernádi, Chef des ungarischen Energieunternehmens MOL, bricht sein Schweigen: seine Enttäuschung von OMV-General Ruttenstorfer, seine Expansionspläne in Österreich.

profil: Sie sprechen ausgezeichnet Deutsch. Das haben Sie nicht nur im Urlaub in Österreich gelernt, nehme ich an?
Hernádi: Ich habe es an der Schule gelernt, aber große Fortschritte habe ich erst gemacht, als ich vor vielen Jahren eine Freundin aus Berlin hatte. Aber ich bin in der Tat auch gern in Österreich, erst im Januar war ich mit der Familie auf Skiurlaub.

profil: Hat sich Ihr Verhältnis zu Österreich im letzten halben Jahr verändert?
Hernádi: Nein, ganz bestimmt nicht! Allerdings glaube ich, dass mein Familienname jetzt in Österreich etwas bekannter ist als vorher.

profil: Am 1. April haben Sie die erste MOL-Tankstelle in Österreich eröffnet. War das ein einmaliger Aprilstreich, oder kommt da noch mehr?
Hernádi: Im österreichischen Großhandel sind wir ja bereits sehr stark. Bei den Tankstellen war das nur der erste Streich. Wir werden bis Ende des Jahres 70 MOL-Tankstellen in Österreich eröffnen, bis 2010 mindestens 100. Wir werden sowohl zukaufen als auch einige neu bauen.

profil: Dürfen die Konsumenten auf billigeren Sprit hoffen?
Hernádi: Wir werden den Kunden ein Gesamtangebot machen, das ihnen gefallen wird.

profil: Ihre Tankstellen sind vor Kurzem vom MOL-Rot auf Grün umgefärbt worden und nähern sich damit den OMV-Farben an. Wollen Sie sich etwa doch auf einen Zusammenschluss vorbereiten?
Hernádi: Aber nein, unsere Tankstellen hatten schon immer Grün dabei. Und unser Grün ist ein viel wärmeres als das der OMV! Außerdem hat die OMV auch Blau im Design, und das ist eine kalte Farbe.

profil: Ich nehme an, Sie wollen mir damit sagen, dass Sie auch das freundlichere Unternehmen leiten. Die OMV betont doch aber stets, dass sie mit einem „freundlichen“ Kooperationsangebot an Sie herangetreten sei …
Hernádi: Natürlich kann man Freundschaft im Mund führen, aber die harten Fakten sprechen eine andere Sprache. Schon 2000 hat die OMV in einem Handstreich zehn Prozent MOL-Aktien gekauft, obwohl sie uns in einem solchen Fall vorher Bescheid geben wollte. Wir haben gesagt: Okay, das war vielleicht ein Missverständnis. Bis 2007 haben wir dann verschiedene Kooperationen in einzelnen Geschäftsbereichen geplant, wir haben sogar gemeinsam an Ausschreibungen teilgenommen. Aber im Juni 2007 hat die OMV plötzlich wieder ohne Absprache ihr Aktienpaket erhöht und uns einen Brief mit dem so genannten Annäherungsversuch geschickt. Unser Vorstand hat das klar und einstimmig abgelehnt.

profil: Wie haben Sie persönlich auf das Angebot reagiert?
Hernádi: Ich kenne OMV-Chef Ruttenstorfer seit 2000, wir sind gute geschäftliche Partner und Konkurrenten gewesen. Das war wirklich eine runde Beziehung. Er kannte die Philosophie und die Werte der MOL sehr genau. Und trotzdem hat er diesen Versuch gemacht. Natürlich bin ich menschlich enttäuscht von Ruttenstorfer. Er hätte wissen müssen, dass das für uns nicht infrage kommt.

profil: Wenn Sie die OMV hätten beraten können – hätte es einen Weg gegeben, die Herzen der Ungarn zu erobern?
Hernádi: Muss man unbedingt irgendjemand erobern? Man muss sich doch als Manager viel eher fragen, wie man zusätzlichen Wert schaffen kann. Ein Zusammenschluss zwischen MOL und OMV bringt ein wenig mehr Größe, aber keinen Mehrwert. Wir müssten einige Teile von Geschäftsbereichen verkaufen, um keine Schwierigkeiten mit der Wettbewerbsbehörde zu bekommen. Das wäre in Deutschland, Serbien oder Italien zum Beispiel anders.

profil: Das heißt, Partner aus Deutschland wären Ihnen willkommener als die Österreicher?
Hernádi: Richtige Partnerschaften sind uns immer willkommen. Aber wir wollen heute nicht fusionieren. Mit niemandem.

profil: Sie sollen einmal gesagt haben, dass Ihnen die Russen lieber wären als die Österreicher.
Hernádi: Ich habe nur die Synergien betrachtet. Es gibt wenige Gesellschaften, mit denen wir weniger Synergien erzielen können als mit der OMV, egal, woher sie kommen. Mit der OMV bestehen starke Positionen auf überlappenden Märkten. Wir sind seit 2007 die effizienteste Energiegesellschaft in ganz Europa. Was sollten wir von der OMV lernen können? Eigentlich läuft es immer so, dass die effektivere Gesellschaft die weniger effektive übernimmt. Die MOL müsste die OMV übernehmen – wenn überhaupt. Aber das haben wir natürlich nicht vor, weil es nicht möglich ist und dieselben wettbewerbsrechtlichen Probleme hervorrufen würde.

profil: Wenn eine Fusion so offensichtlich keinen Sinn macht, wieso lassen Sie nicht die Aktionäre entscheiden?
Hernádi: Wir lassen die Aktionäre entscheiden – es gibt allerdings nichts, wor­über sie entscheiden könnten. Es gibt kein gültiges Übernahmeangebot der OMV. Sie sagen nur, dass sie MOL gern übernehmen würden, wenn die Statuten völlig anders wären.

profil: Auch wenn Sie effizienter sein mögen – die besseren Jahreszahlen 2007 hatte die OMV. Bei Ihnen ist der Gewinn gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent eingebrochen.
Hernádi: Das Vorjahr ist keine gute Vergleichsbasis für uns. 2006 hatten wir durch einen Einmaleffekt aus dem Verkauf von Teilen unseres Gasgeschäfts einen besonders hohen Gewinn. Rechnet man den korrekterweise heraus, haben wir 2007 hervorragende Zahlen.

profil: Sie haben bisher sehr geschickt die nationalen Gefühle der Ungarn benutzt, um Stimmung gegen die Österreicher zu machen.
Hernádi: Ich will keine Rechnung aufmachen, wer nationalistischer ist. Aber: Erinnern Sie sich, wie österreichische Politiker reagiert haben, als ein Stahlunternehmen von einem amerikanischen Fonds übernommen werden sollte?

profil: Sie meinen Böhler-Uddeholm. Damals war von einer „nationalen Katastrophe“ die Rede …
Hernádi: 1960 war nur ein Prozent der Ölreserven in Staatshand, heute sind es 65 Prozent. Es ist ein Faktum, dass man im Energiegeschäft mit Politik zu tun hat. Die Politiker wollen heutzutage bei Energiedeals mitreden.

profil: Warum ist es denn so wichtig, dass MOL in ungarischer Hand bleibt?
Hernádi: Sieht man sich die Eigentümerstruktur an, ist MOL längst nicht mehr in ungarischer Hand. Allerdings braucht jede Gesellschaft nationale Champions, die eine Vorreiterrolle im Land übernehmen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus haben viele ausländische Unternehmen hier investiert. Ungarn hat nur drei große aus Ungarn geführte Unternehmen – MOL ist das größte davon. Außerdem: Es ist sehr leicht, aus einer Position heraus zu meckern, wenn man selbst nicht zu haben ist. Die OMV ist unter staatlicher Kontrolle und wirft den anderen vor, dass sie dem freien Markt nicht entsprechen. Die Doppelzüngigkeit der OMV ist nicht akzeptabel.

profil: Sie kreiden der OMV an, dass bei ihr der österreichische Staat beteiligt ist. Doch vor Kurzem haben Sie ein großes Aktienpaket an die Oman Oil Company verkauft. Die steht nicht nur zu einem Teil, sondern zu 100 Prozent in staatlichem Eigentum.
Hernádi: Oman hat nie gesagt, dass sie MOL übernehmen wollen. Außerdem bezieht sich die Partnerschaft auf bestimmte Anlagevermögen, es gibt klare Synergien.

profil: Medienberichte rechnen die OOC-Anteile Ihrem Einflussbereich zu – insgesamt sollen Sie mithilfe von Aktienverleih-Konstrukten 40 Prozent kontrollieren, um die Übernahme abzuwehren.
Hernádi: Das stimmt nicht. Wir haben einige Aktienpakete verliehen, aber die Stimmrechte sind an die jeweiligen Institute übergegangen. Es gibt keine Abstimmungsvereinbarungen. Wir halten uns an das ungarische Aktiengesetz, in dem Aktienverleih-Konstrukte klar geregelt sind.

profil: Die Kosten für diesen Kauf eigener Aktien sollen mehr als eine Milliarde Euro betragen. Wo ist der Vorteil für Ihre Aktionäre?
Hernádi: Eine bessere Kapitalstruktur nützt dem Unternehmen und den Aktionären. Die Wertpapierleihverträge garantieren, dass die ökonomischen Vorteile aus der Dividende dem Ausleiher und dadurch
im Endeffekt den Aktionären zugute­kommen.

profil: Welchen Vorteil hätten dann die Unternehmen, die die Aktien ausleihen? Bekommen sie einen Teil der Dividende?
Hernádi: Die genaue Ausgestaltung dieser beiden unterschiedlichen Leihverträge möchte ich nicht kommentieren. Es ist unsere Aufgabe, Wert zu liefern. Und das garantieren wir. Die OMV will die Aktiengeschäfte noch einmal prüfen lassen. Wir haben nichts dagegen. Die Hauptversammlung wird das entscheiden.

profil: Hätten Sie das Geld nicht besser anders angelegt?
Hernádi: Wie viele andere Energieunternehmen hatten wir zu viel Cash. Das kann man natürlich als Dividende auszahlen, wenn man nicht an ein Wachstumspotenzial des Unternehmens glaubt. Man kann auch die Aktien zurückkaufen und dann löschen – das hat den gleichen Effekt für den Aktionär, weil dadurch der Wert der Einzelaktie steigt. Wir haben entschieden, dass wir unsere Aktien kaufen, um dann flexibel entscheiden zu können, ob wir bei Geschäften mit Aktien zahlen oder ob wir sie letztendlich löschen werden. Das Geschäft mit dem tschechischen Stromkonzern CEZ und Oman Oil haben wir mit diesen Aktien bezahlt und wurden dafür an deren Geschäft beteiligt. Ich kann Ihnen eine ganze Liste von Energieunternehmen schicken, die im vergangenen Jahr überschüssiges Cash in eigene Aktien in­vestiert haben.

profil: Die Leihkonstrukte machen eher den Eindruck, dass sich die MOL mit Händen und Füßen gegen die OMV wehren will.
Hernádi: In Österreich wird jede Handlung der MOL im Licht der OMV gesehen. Und es ist ein Angriff um jeden Preis. Aber wir verfolgen unsere eigene Strategie. Wir haben in Norditalien zugekauft und in Kroatien – es ist doch Quatsch zu sagen, das wäre alles Abwehrstrategie. Wir haben im Haus ein kleines Team, das sich mit dem Angebot der OMV beschäftigt. Aber ich habe anderes zu tun, als mich pausenlos um die OMV zu kümmern.

profil: In der Hauptversammlung wollen Sie sich erlauben lassen, statt bisher zehn jetzt 25 Prozent Aktien rückkaufen zu
können. Damit schaffen Sie sich ein gutes Polster gegen Übernahmen.
Hernádi: Es gibt einen gewissen Aktienbesitzer, der mehr als 20 Prozent hält. Zum Zeitpunkt, an dem die OMV aufgibt und rausgeht, müssen wir unsere Anleger vor einem Kurssturz schützen.

profil: Im Abwehrkampf springt Ihnen die ungarische Regierung mit der so genannten „Lex MOL“ bei.
Hernádi: Gibt es einen einzigen Punkt in diesem Gesetz, der sich auf MOL bezieht?

profil: Es muss nicht explizit MOL erwähnt werden, um Ihnen zu nutzen.
Hernádi: Wir haben dieses Gesetz nicht veranlasst. Es hat einen makroökonomischen Hintergrund. Ungarn hatte bisher ein ultraliberales Übernahmegesetz, das dazu führte, dass zahlreiche Firmen an der Budapester Börse denotiert haben, weil sie übernommen wurden. Jetzt soll es nach dem Willen der Regierung ein neutrales Gesetz geben.

profil: Neutral? Die EU hat ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet.
Hernádi: Nein, sie hat Ungarn schriftlich um Information gebeten und dabei aus den vielen Paragrafen zwei Details beanstandet. Juristen sagen mir, dass das Gesetz nichts Ungewöhnliches in der EU ist, in Dänemark oder sogar in Österreich ist es ganz ähnlich ausgestaltet.

profil: Mehr als unüblich ist beispielsweise, dass die Hauptversammlung des bietenden Unternehmens vorab den genauen Geschäftsentwicklungsplan für die Übernahme genehmigen muss. Das gibt den Verteidigern einen riesigen Vorsprung, um Abwehrmaßnahmen einzuleiten.
Hernádi: Die Regelung gilt nur für die strategisch wichtigen Unternehmen. Die Regierung will wissen, ob die Aktionäre dahinterstehen oder ob es nur eine verquere Idee des Vorstandsvorsitzenden ist. Das soll vorkommen. Natürlich ist dadurch der Überraschungseffekt weg. In der sensiblen Energiebranche ist noch kein einziges Mal eine feindliche Übernahme geglückt. In der Regel gibt es also sowieso keine Überraschungen.

profil: Warum haben Sie die Tagesordnungspunkte abgewiesen, die die OMV für die Hauptversammlung am 23. April vorgeschlagen hat?
Hernádi: Weil zwei der drei Vorschläge den ungarischen Gesetzen widersprechen. Der OMV geht es darum, Wirbel zu machen.

profil: Sie versuchen, mit anderen Projekten fernab der OMV Wirbel zu machen. Wie realistisch ist Ihr Projekt, die Gas­pipelines in Zentral- und Osteuropa in einer Gesellschaft zusammenzulegen?
Hernádi: Wir haben diesen Vorschlag in sieben Ländern unterbreitet, und alle sind dem gegenüber positiv eingestellt – wir hoffen, dass Österreich keine Ausnahme wird.

profil: Es ist unüblich, dass sich Energieunternehmen von selbst dazu verpflichten, ihre Infrastruktur auszugliedern.
Hernádi: Wir stellen uns damit auf das von der EU geforderte Unbundling ein. Wir wurden vor drei Jahren aus wettbewerbsrechtlichen Gründen gezwungen, unser Pipeline-Netz auszugliedern. Inzwischen haben wir aber die Vorteile des Unbundling kennen gelernt. Um erfolgreich zu sein, muss man den anderen voraus sein. Mit dieser Idee haben wir die Nase vorn.

profil: Wenn es so gut um das Projekt steht – wann wird es umgesetzt?
Hernádi: Das ist heute ein Traum. Und bei einem Traum kann man nicht sagen, wann er Wirklichkeit wird.

profil: So ähnlich wie bei der europäischen Pipeline Nabucco?
Hernádi: Bei Nabucco gibt es bereits ein Konsortium. Aber das Management von Nabucco spricht zu viel und tut zu wenig.

profil: Wollen Sie etwa die Federführung der OMV loswerden?
Hernádi: Nicht das wollte ich sagen. Es braucht nur mehr Power dahinter. Auch von politischer Seite. Es reicht nicht, dass die EU sagt, es handle sich um das wichtigste Projekt, man muss auch entsprechend handeln. Nur gemeinsam haben wir die notwendige Verhandlungsmacht. Wir haben noch immer keine einzige fixe Zusage für Gas.

profil: Woher soll das Gas kommen? Aus dem Iran?
Hernádi: Wir müssen mit Amerika über den Iran sprechen. Dazu kommt aber, dass wir nicht wissen, wie viel Gas im Iran ist und wie viel es wirklich kostet, es zu fördern und über die weite Strecke innerhalb des Iran zu transportieren. Um an turkmenisches Gas zu kommen, müssen wir mit den Russen sprechen. Die Turkmenen werden nicht gegen den Willen der Russen handeln.

profil: Das heißt, wir sind auf die Russen angewiesen?
Hernádi: Es ist eine Illusion zu glauben, dass Nabucco uns von Russland völlig unabhängig macht. Wir brauchen die Russen weiterhin als Partner, nicht als Feind.

profil: Ungarn hat sich mit der Unterzeichnung des Vertrags zur Nabucco-Konkurrenz-Pipeline South Stream den russischen Interessen gebeugt.
Hernádi: In Ungarn heizen 90 Prozent der Bevölkerung mit Gas. Ungarn konnte das russische Angebot nicht zurückweisen. Es ist verständlich, dass die Regierung jede Möglichkeit nutzt, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen und das Transitrisiko zu mindern.

profil: Sind zwei Pipelines nicht eine zu viel?
Hernádi: Das ist Verhandlungssache. Oft laufen sechs oder acht Pipelines nebeneinander, um das Volumen zu transportieren. Es ist vorstellbar, dass in diesem Fall die Pipelines verschiedenen Eigentümern ge­hören.

profil: Das russische Ölunternehmen Luk­oil hat jüngst gesagt, dass der Höhepunkt der russischen Ölförderung überschritten sei. Müssen wir uns Sorgen machen?
Hernádi: Nein. Allerdings muss Russland mehr Anreize für Unternehmen schaffen, in die Erforschung von Reserven zu inves­tieren. Das passiert derzeit nicht. Es gibt genug Reserven, es wird nur immer teurer, sie zu fördern.

profil: Ein sinkender Ölpreis ist also nicht in Sicht?
Hernádi: Nein. Die Nachfrage wird steigen – zu zwei Dritteln kommt der Mehrbedarf aus China und Indien. Die einzige Chance ist es, dass die Länder mit großen Reserven mehr in Forschung investieren, damit das Angebot steigt. Wenn sie das nicht tun, wird es richtig teuer.

Von Andrea Rexer