86 Jahre mumifiziert: Wie starben die drei österreichisch-ungarische Soldaten?

Zeitgeschichte. Die Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, deren Leichen vorvergangene Woche im Gletscher gefunden wurden, starben als österreichisch-ungarische Kaiserschützen in einer sinnlosen Schlacht um einsame Gipfel.

Erst dachte Maurizio Vicenzi, es seien Steine, die da vor ihm aus der Gletscherwand ragten. Nach sechsstündigem Aufstieg hatte der Trentiner Seilbahnangestellte am Freitag vorvergangener Woche gegen elf Uhr vormittags den Gipfelgrat am Piz Giumella erreicht. Erst als er sich den vermeintlichen Steinen nähert, nehmen sie Gestalt an. Schmutzig-braune, seltsam ineinander verhakte Figuren entwachsen der Eisdecke, und Vicenzi erkennt plötzlich Knochen, einen Arm, eine Wirbelsäule, einen Schädel, sogar Kleiderreste.
Da liegen drei Leichen, halb herausgeschmolzen, halb im Gletscher verborgen. Eine lässt die Arme hängen, als würde sie den Todeskampf gerade verloren geben, eine zweite kauert, als würde sie frieren, die dritte ist völlig verstümmelt.
Vicenzi beginnt im Eis zu scharren und macht weitere Entdeckungen. Die Stoffreste lassen Uniformen erahnen. Dann taucht eine Mütze auf, und der Hobbyhistoriker weiß seine Vermutungen bestätigt: Er hat in einer Höhe von 3550 Metern die Leichen dreier Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg gefunden. Als Betreiber eines kleinen Museums mit Exponaten aus dem Ersten Weltkrieg kann Vicenzi auch die Herkunft der Toten bestimmen. Es sind Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee, und eine etwas undeutliche Buchstabenkombination auf der Innenseite der Mütze gibt noch präziseren Aufschluss: „KSch“ – die Männer waren Tiroler Kaiserschützen.
86 Jahre lang hat der Gletscher die Körper der drei umfangen, konserviert und den Augenblick ihres Todes festgehalten.
Vicenzi steigt ab und meldet seinen Fund den örtlichen Carabinieri. Bergrettungskameraden helfen dem 42-Jährigen, die Leichen mit dem Hubschrauber zu bergen. Seit Jahren sucht Vicenzi im Gletscher des Ortler-Massivs nach Relikten der österreichisch-italienischen Schlachten. Helme, Geschütze, ganze Baracken hat er dabei schon freigelegt, einiges davon findet sich in seinem kleinen Museum in der nahe gelegenen italienischen Ortschaft Peio. Eine Entdeckung wie dieses Mal jedoch hat er noch nie gemacht.

Bald macht der Fund auch international Schlagzeilen. Es ist ein merkwürdiger Zufall. Gerade als sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum 90. Mal jährt und der „große Krieg“ in TV-Dokumentationen und Bestsellern eine nie da gewesene Konjunktur erlebt, tauchen drei ziemlich gut erhaltene Gestalten auf, die den Erzählungen vom großen Sterben schaurigen Realismus verleihen. Der Geschichtsschreibung mag das unvermutete Erscheinen nichts hinzufügen, doch emotional zeigt sich die Öffentlichkeit in Italien wie in Österreich berührt.
Es sind bloß drei Männer aus einem Heer von insgesamt zehn Millionen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren haben, 400.000 sind allein in den Bergen umgekommen. Doch diesen drei gilt jetzt die Aufmerksamkeit. Wer waren die drei Kaiserschützen? Was haben sie da oben im Massiv des Ortler-Gebirges erlebt? Wie sind sie gestorben?

Höchste Schlachten. Das Schicksal hatte die drei Männer an den höchstgelegenen Frontschauplatz des Ersten Weltkriegs verschlagen. Im Gebiet um den Ortler, dem mit 3905 Metern höchsten Berg der österreichisch-ungarischen Monarchie, hatte sich nach dem Kriegseintritt Italiens im Jahr 1915 eine Kampflinie gebildet, die in Geschichtsbüchern vor allem wegen der wahnwitzigen Höhen, der Naturgewalten und der daraus resultierenden Leiden erwähnt wird. Hier fanden keine großen Schlachten statt, keine Seite erzielte entscheidende Gebietsgewinne.
In den ersten Wochen nach dem Kriegseintritt Italiens am 23. Mai 1915 wurde diese Front auf österreichischer Seite nur von den Tiroler Standschützen gesichert, einem Freiwilligenverband, bestehend aus Bauern, die jüngsten 16, die ältesten über 80 Jahre alt. Die mit modernen Waffen ausgestattete Eliteeinheit der k. u. k. Armee, die Tiroler Kaiserschützen, war zu diesem Zeitpunkt noch in Galizien eingesetzt. Im Juni 1915 wurden die Kaiserschützen dann in ihre Heimat zurückgeholt. Im südlichen Ortler-Massiv besetzten sie eine Gebirgskette, die sich über 15 Kilometer hinzieht, vom Monte Mantello (3517 m) zur Punta San Matteo (3678 m) hinauf, vom Piz Giumella (3549 m) bis zum Monte Vioz (3644 m). In diesem Frontabschnitt waren die drei Soldaten stationiert, deren Leichen jetzt gefunden wurden.

Mythos Berg. Selbst für die bergerfahrenen Kaiserschützen war die Sicherung der Front eine gewaltige Aufgabe. Lebensmittel, Waffen und Teile von schweren Geschützen wurden mit Handseilaufzügen bis auf 100 Meter unter den Gipfel des Piz Giumella gebracht. Große Geschützteile wurden mit Mauleseln und von Menschenhand hochgezogen. Die Rucksäcke der Soldaten wogen bis zu 60 Kilo. Kriegsgefangene, meist Serben und Russen, wurden zum Schneeschaufeln und Eishacken eingesetzt. Alles folgte einem Prinzip: Die Gipfel mussten besetzt werden, denn gemäß der damals herrschenden Doktrin der Kaiserarmee bedeutete die Macht über die Gipfel auch die Macht über die Täler.
Die Italiener taten es den Österreichern gleich. Der Mythos der Berge, der Kampf gegen die Gewalten der Natur und gegen den Feind, das hatte auf beiden Seiten Tradition. Die Alpini hielten die Gipfel und Pässe nordwestlich der österreichischen Frontlinie besetzt, manchmal nur wenige Meter von den Kaiserschützen entfernt. Und zwischen ihnen ein Abgrund aus Eis und Schnee. Wenn ein Gipfel bezwungen wurde, „wussten wir nie, ob nicht auch die Italiener einen Aufstieg von ihrer Seite aus machten, bevor wir selber oben waren“, berichtete in den fünfziger Jahren der Grazer Arzt Hans Kutschera, Sanitätsreferent des Dritten Kaiserschützenregiments.
Waren die Gipfel einmal besetzt, mussten die Posten in Eis und Schneestürmen die Stellung halten. Vor allem in den Wintermonaten waren die Soldaten beider Seiten mit dem nackten Überleben beschäftigt, an Kämpfe war nicht zu denken. Der Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner berichtet, dass im Gebirgskrieg mehr Soldaten an den Folgen von Abstürzen, Hunger, Kälte und Lawinen starben als durch den Feind (siehe Interview Seite 35). In der wärmeren Jahreszeit zwischen April und November flammten immer wieder Kämpfe auf, es gab Scharmützel, man schoss von Gipfel zu Gipfel, zu militärisch entscheidenden Veränderungen kam es nicht. Der Krieg war auf den Gletschern zum Stillstand gekommen und wurde dennoch mit irrwitziger Verbissenheit weitergeführt. Konnte man einen Gipfel nicht einnehmen, versuchte man ihn zu sprengen, indem man tonnenweise Sprengstoff durch eigens vorgetriebene Stollen in das Innere des Berges transportierte.

Gipfel um Gipfel. Bei Temperaturen bis zu minus 40 Grad, orkanartigen Stürmen und Gewittern setzten unterernährte Soldaten alles daran, Erhebungen zu erobern, die kaum 20 Leuten Platz boten. Auch als der Krieg sich insgesamt dem Ende näherte und ganz Europa vom großen Sterben und Hungern ausgelaugt war, machten die Kämpfer des Gebirgskrieges keine Anstalten, den sinnlosen Gipfelsturm einzustellen. Heinz von Lichem, der Paradehistoriker für den Gebirgskrieg, dessen Vorfahren ebenfalls hier gekämpft hatten, interpretiert diese Besessenheit in seinem Buch „Gebirgskrieg 1915–1918“ als heroischen Patriotismus und Heimatliebe: „Bis zur letzten Sekunde des großen Ringens gaben die Verteidiger keinen Meter Tiroler Bodens – abgesehen von unbedeutenden Frontstrichen – preis.“
Das große Ringen ging im August und September des Jahres 1918 in die letzte Runde. Zwei Siege wurden im südlichen Ortler-Massiv errungen, einmal von den Italienern und dann, drei Wochen später, von Soldaten des Dritten und Ersten Regiments der Kaiserschützen, unter ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit die drei Soldaten. Denn der Berg, auf dem man sie fand, stand im Zentrum der Schlacht.
Es handelt sich um das Gletschergebiet rund um die Punta San Matteo, einen weithin sichtbaren, pyramidenförmigen Gipfel. Hier oben, ebenso wie auf dem nahe gelegenen Mantello und dem Piz Giumella, saß jeweils eine 25 Mann starke Wachmannschaft, die, wenn es das Wetter zuließ, alle 14 Tage abgelöst wurde. Zum Schutz vor Sturm und Kälte hatten die Soldaten Kavernen in Fels und Eis geschlagen. Auf dem Matteo waren sie auf eine natürliche Eishöhle gestoßen, die sie zu einem 80 Meter langen Stollen ausbauten, schräg aufwärts quer durch das Eis. An dessen Ende waren vier Gebirgskanonen postiert, mit denen über den Forno-Ferner hinweg die Stellungen der Italiener im Norden beschossen werden konnten.
Am 13. August um zwei Uhr morgens wurden die Kaiserschützen auf dem Matteo plötzlich von einem Trupp der italienischen Einheit der Alpini überwältigt. Es herrschte ein orkanartiger Sturm, niemand hatte damit gerechnet, dass unter diesen Wetterverhältnissen ein Angriff überhaupt möglich sein könnte. Der Matteo ging an Italien – zumindest vorübergehend.

Rückeroberung. 14 Tage später erging ein verhängnisvoller Befehl des Brigadekommandos des Kampfabschnitts: Die Gletscherstellungen müssten zurückerobert werden. Unter dem Codewort „Aktion Gämse“ sollte ein erster Trupp von der Giumella aus den Matteo einnehmen, ein zweiter den Mantello. Der Angriff war – entgegen allen militärischen Regeln – für die Abendstunden geplant, um dann im Schutz der Dunkelheit die Stellungen auszubauen und die Verwundeten zu bergen. Kommandant des Dritten Kaiserschützenregiments war damals Gabriel Graf von Gudenus, ein Großonkel des freiheitlichen Bundesrates John Gudenus. Der Niederösterreicher war von der Ostfront nach Südtirol versetzt worden. Mit Ende des Krieges geriet er zwei Jahre lang in italienische Gefangenschaft.
Am Tag des geplanten Angriffs schlug in der Wachmannschaft auf dem Piz Giumella ein Blitz ein, der Kampf musste verschoben werden. Am 3. September, endlich, das erhoffte Kaiserwetter. Um 18.55 Uhr stiegen 150 Männer, ausgerüstet mit leichten Maschinengewehren und Handgranaten – vorneweg die Bergführer, am Schluss die Sanitäter –, über den Giumella-Nordhang und dann über den Osthang des Matteo-Gipfels zum Matteo auf. Vom Ziel trennten sie gerade 200 Höhenmeter und eine Strecke von eineinhalb Kilometern. Italienisches Artilleriegranatfeuer setzte ein. Die Ersten fielen.
Eine halbe Stunde später sprang der Führer der Kaiserschützen über den Drahtverhau, der um den Matteo herum angelegt worden war. Die Italiener, die zu flüchten versuchten, wurden erschossen oder stürzten über den steilen Westhang in die Tiefe. Gebirgskriegsexperte Heinz von Lichem gibt die grausige Schilderung des Gefechts von Oberstleutnant Weiser wieder: „Ein Teil der Italiener fällt in Gefangenschaft, während circa 30 Alpini ihr Heil in der Flucht im Abfahren über den steilen Hang gegen Dosegù suchen, aber unter der mähenden Garbe der Maschinengewehre des Leutnants Busch fallen.“ Auch der Berg hatte gelitten. Der Gipfel des Matteo hatte durch das Artilleriefeuer um sechs Meter an Höhe verloren.
Der Kommandant der Gegenseite,
Aldo Berni, lag unter herabstürzenden
Eismassen in der Kaverne begraben. Während auf dem Matteo schon eine Leuchtpatrone als Zeichen des Sieges in den Himmel geschossen wurde, hatte sich der zweite Teil des Trupps der Kaiserschützen von der San-Matteo-Gruppe gelöst und war nach links abbiegend in den steilen Eishang des Matteo eingestiegen, um zum Monte Mantello zu gelangen. Hauptmann Lois Molterer hatte in letzter Minute zwar noch den Plan seiner Vorgesetzten geändert, um seine Leute nicht dem steilen, von den italienischen Stellungen aus einsehbaren Hang auszusetzen, doch sein Befehl wurde nicht mehr gehört.

Sinnloser Sieg. Etwa 70 Männer mussten im Gänsemarsch mitten auf dem Eishang anhalten, dem feindlichen Feuer preisgegeben, zeitweise geschützt durch eine Wolkendecke, die der italienischen Artillerie das Zielen schwer machte. Vorne hackten die Bergführer mühsam Stufen ins Eis, das kostete Zeit, von hinten schrien die Kameraden verzweifelt: „Weiter! Weiter!“ Steigeisen hatten nur die Offiziere zur Verfügung, die einfachen Soldaten mussten sich mit Bergstöcken begnügen. Nach einer langen Dreiviertelstunde war der gefährliche Eishang überquert. Nicht alle hatten es geschafft. Einige Männer waren durch herabrollende Fels- und Eisbrocken in Schründen und Gletscherspalten verschwunden, andere von schweren Granaten getroffen worden.
Als die Mantello-Gruppe um 20.45 Uhr den Gipfel eroberte und dann noch eine Wachmannschaft der Italiener auf dem Villacorno-Grat überwältigt hatte, waren 17 Kaiserschützen umgekommen. Ein geringer Verlust im Vergleich zu dem der Italiener, doch nicht minder sinnlos. Die verwundeten Kaiserschützen konnten nicht mehr geborgen werden. „Sofort nach der Einnahme des Matteo lagen wir in einem derartigen Trommelfeuer, dass nichts und niemand mehr durchkam, nicht eine Nachricht, nicht Hauptmann Molterer, auch nicht die Sanität“, berichtete später Hans Tabarelli, Oberleutnant im Kaiserschützenregiment I. Die Sanitäter waren das Schlusslicht. Sie hatten auf dem gefährlichen Eishang am längsten ausharren müssen. „Sie sind“, so Tabarelli, „auf dem Matteo-Platt zerschlagen worden.“ Etwa dort, wo jetzt die Leichen im Eis aufgetaucht sind.
Ein altes Foto aus dem historischen Archiv in Rom, aufgenommen am 3. September 1918 um 18.55 Uhr, zeigt Soldaten, die mit Schneeumhängen bekleidet sind, und drei nur in dunkler Uniform, die Sanitäter, die üblicherweise am Ende gingen. Giuseppe Magrin, Autor des Buches „La Battaglia più alta della storia“ (Die höchste Schlacht der Geschichte), hält es für wahrscheinlich, dass es sich um die Männer aus dem Eis handelt: „Die drei dürften sich als Letzte von dem Bunker unterhalb der Giumella entfernt haben und ganz hinten marschiert sein.“

Unbekannte Soldaten. Die Leichen geben wenig Aufschluss. Als Todesursache kommen Verletzungen durch Granaten infrage. Einem der Toten fehlt der halbe Schädel, einem der ganze Kopf, einer hat ein großes Loch im Rücken. Einer der Soldaten dürfte aus gutem Hause gestammt haben. Sein Gebiss war mit einer Brücke aus mehreren falschen Zähnen ergänzt, wie sie sich nur Adelige oder reiche Bürger leisten konnten. Die Namen der drei sind wahrscheinlich nicht mehr zu eruieren, die Leichen hatten keine Erkennungskapseln bei sich.
Die letzte Schlacht ging als herausragender Erfolg der Kaiserschützen und laut dem Historiker Heinz von Lichem als „letzter siegreicher Gefechtsbericht der kaiserlichen Armee“ in die Militärhistorie ein. Zwei Monate später kapitulierte die Monarchie.
86 Jahre danach kommen die Leichen der drei Soldaten ins Tal nach Peio, der 1800-Seelen-Gemeinde, von der aus sie zu den Schlachtfeldern aufgestiegen sind – zur Verteidigung des Dorfs vor italienischen Truppen. Nun liegt der kleine verwinkelte Ort so tief auf italienischem Hoheitsgebiet, dass hier kaum noch jemand Deutsch spricht. Aber die drei werden nicht als Feinde in Empfang genommen, sondern als bedauernswerte Opfer. Zu hunderten kommen die Dorfbewohner am Dienstag vergangener Woche zum Begräbnis der drei Unbekannten auf dem ehemaligen k. u. k. Militärfriedhof. „Sie haben tapfer gekämpft“, sagt eine alte Dame, „egal auf welcher Seite. Ihnen die letzte Ehre zu erweisen ist das Mindeste, was wir tun können.“
Als die Bergretter die Särge ein letztes Mal auf ihre Schultern nehmen, wird den Toten noch einmal Respekt gezollt. Eingebettet in eine Welle von Applaus, finden sie im Grab unter namenlosen Kreuzen ihre letzte Ruhe. „Die Toten“, sagt der italienische Pfarrer in seinem einzigen deutschen Satz, „sind nicht nur eure Brüder. Es sind auch unsere Brüder.“ Über den Gräbern wehen die Flaggen Österreichs, Italiens und der Europäischen Union.