9/11: Was sich seit den Anschlägen von New York und Washington geändert hat

Globalisierter Terror, Isolation der USA, transatlantisches Zerwürfnis, eine Religion unter Generalverdacht, ein weiter destabilisierter Naher Osten, teures Öl – was sich seit den Anschlägen von New York und Washington geändert hat.

Das war die Welt vom 10. September 2001: Die Nachrichtenlage – unspektakulär. Russlands Staatschef Wladimir Putin besucht China und äußert sich zufrieden über die bilateralen Beziehungen. In Israel sagt die Palästinenserführung ein Treffen zwischen Jassir Arafat und Außenminister Shimon Peres ab. Österreich streitet mit Tschechien über das Atomkraftwerk Temelin. Aus Tokio wird der erste BSE-Verdachtsfall in Japan gemeldet.

Die Weltwirtschaft: nach dem Platzen der New-Economy-Börsenblase im Jahr zuvor immer noch geschwächt. Der britische Notenbankchef Eddie George konstatiert jedoch, das Wachstum in Europa sei nunmehr nahe dem Tiefpunkt angelangt. Der Präsident des Internationalen Währungsfonds, Horst Köhler, muss seine globale Wachstumsprognose für das Jahr 2001 von 3,2 auf 2,7 Prozent zurücknehmen. Der Ölpreis hält bei rund 35 Dollar pro Fass.

Das beherrschende Thema: die Globalisierung. Teile der Jugend der reichen Welt haben sich zu immer häufigeren, immer größeren Protestkundgebungen formiert. Ihre Bewegung hat längst eine Dimension erreicht, die sie zu einem ernst zu nehmenden Akteur macht. Hunderttausende Menschen stehen noch immer unter dem Eindruck der Demonstrationen gegen den G8-Gipfel in Genua wenige Wochen zuvor. Die Kritik an der Ausbeutung des armen Südens durch den reichen Norden steht auf der politischen Agenda ganz oben, und weder Parteien noch Medien können sich dem Thema entziehen.

Der 10. September 2001 ist ein ruhiger Tag. Und dennoch: Im Rückblick erscheinen manche der Meldungen von damals in einem neuen Licht. Es ist ein undeutliches Rumoren, nicht viel mehr, aber die bestimmenden Themen der nahen Zukunft sind bereits irgendwie präsent.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld warnt vor einer wachsenden Gefahr, die vom Irak ausgehe: Die Regierung von Saddam Hussein arbeite an der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen, das Problem müsse mit „breit angelegten Methoden“ angegangen werden. Bei religiösen Unruhen zwischen Christen und Moslems kommen in Nigeria dutzende Menschen ums Leben. In der Nähe des deutschen Konsulats in Istanbul sprengt sich ein Selbstmordattentäter in die Luft. Und in Afghanistan wird Ahmed Schah Massud, Militärchef der international anerkannten Regierung des Landes und Gegenspieler des Taliban-Regimes, bei einem Attentat getötet.

Aber all das scheint noch sehr weit weg an diesem „letzten Tag unseres früheren Lebens“, wie der Journalist und Autor Tiziano Terzani in seinem Buch „Briefe gegen den Krieg“ schreibt. Und dann ist es 8.46 Uhr Ortszeit am 11. September 2001 in New York. Das erste Flugzeug kommt.

Perspektivenwechsel
Ein anderer Blick auf die Welt

In den Monaten nach 9/11 verbreitete sich unter amerikanischen Schulkindern eine schwarzhumorige Formulierung für besondere Langeweile: „Das ist total 10. September.“ Der Satz ist geschmacklos und komisch, aber irgendwie auch wahr, denn er spielt mit der zynischen Übertreibung eines allgemeinen Eindrucks: dass die Welt vor den Anschlägen des 11. September ein vergleichsweise unspannender Ort war, ohne globalen Nervenkitzel oder spektakuläre Agenda, und dass die Terroranschläge dieser Harmlosigkeit ein Ende gesetzt haben.

Die Welt nach 9/11 pendelt zwischen den Alarmstufen Orange und Rot und befindet sich in einem permanenten Kriegszustand. Die Welt ist, kurz gesagt, nicht zu vergleichen mit der, die man kannte, ehe Mohammed Atta und seine Mitkämpfer vier Flugzeuge in ihre Gewalt brachten.

Eines ist sicher: Nach 9/11 war die bestimmende Agenda der Globalisierungskritik erst einmal gestrichen. Der Konflikt zwischen reicher Erster und armer Dritter Welt musste einem anderen Gegensatzpaar weichen – auf der einen Seite die USA in der Rolle des Opfers und auf der anderen Seite ein Feind, dessen Identität sich erst langsam herausstellte und der im Laufe der Zeit immer neu definiert wurde.

Erst waren es die al-Qa’ida und deren Schutzmacht, die Taliban. Wobei noch niemand wusste, wie viele potenzielle Kämpfer sich bereits außerhalb Afghanistans versteckt hielten. Bald kamen andere – oft auch nur behauptete – Komplizen ins Spiel: Islamistische Gruppierungen auf der ganzen Welt wurden dem „Netzwerk der al-Qa’ida“ zugerechnet; Terrorchef Osama Bin Laden, der anfangs als Hauptziel der amerikanischen Militäroperation galt, geriet im Lauf der Zeit fast ein wenig in Vergessenheit.

In seiner „Rede zur Lage der Nation“ im Jänner 2002 prägte US-Präsident Bush den Begriff der „Achse des Bösen“, um eine angebliche Allianz dreier Hauptfeinde (Nordkorea, Iran und Irak) zu brandmarken, zuvorderst galt der Irak als Haupttäter.

So wurde der Täterkreis immer wieder modifiziert und dabei meist erweitert. Neben der Ortung der realen Feinde gewann jedoch eine Ideologie an Zulauf, die das unübersichtliche Sammelsurium an Personen, Gruppierungen und Staaten, die als potenzielle Angreifer galten, in eine übergeordnete Theorie einbettete: in den „Kampf der Kulturen“, postuliert in dem gleichnamigen Buch des amerikanischen Politologen Samuel P. Huntington.

Huntington, der diese Theorie in groben Zügen bereits 1993 veröffentlichte, geht davon aus, dass kulturelle und religiöse Identitäten der Ursprung globaler Konflikte seien. In den fünf Jahren seit dem 11. September 2001 wurde diese Sichtweise zur Leitidee. Das Gegensatzpaar „westlich versus islamisch“ bestimmt das Denken in allen wichtigen politischen Fragen wie Einwanderung, Sicherheit, Außenpolitik und Integration.

Wenn der 11. September 2001 schon nicht die Welt geändert hat, dann zumindest unseren Blick auf sie. Und zwar von Grund auf.

Orient und Okzident
Der sakralisierte Kulturkampf

Manchmal genügt es dieser Tage schon, arabisch zu sprechen, um als mutmaßlicher Terrorist zu gelten. An einem Freitag im vergangenen August wurden am Flughafen Malaga zwei Passagiere eines britischen Ferienjets von der Besatzung und Mitreisenden gezwungen, die Maschine zu verlassen. Sie waren verdächtig erschienen, weil sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten hatten. Bei ihrer Vernehmung stellte sich heraus, dass sie vollkommen harmlos waren. „Meuterei auf Flug 613“, titelte die englische Zeitung „Mail on Sunday“ zwei Tage später.

Eine Religion steht unter Generalverdacht: Der Islam ist in den USA und in Europa zum Sündenbock der Weltgeschichte geworden, zum Inbegriff des Bösen – wie umgekehrt die westliche Welt für eine Vielzahl von Moslems.

Vor 9/11 waren Debatten um Zuwanderung und Integration von der Sorge vor „Überfremdung“, vor Kulturverlust und Arbeitsplatznot geprägt. Glaubensfragen spielten nur eine untergeordnete Rolle. Inzwischen hat sich das Konfliktfeld in den Bereich des Sakralen verschoben. Ein Moslem gerät schnell unter Verdacht, ein potenzieller Glaubenskrieger zu sein. Arbeitet er – wenn er schon keine Bomben legt – nicht möglicherweise zumindest daran, Europa in ein Kalifat zu verwandeln, in dem das Recht der Scharia gilt? Die Frau mit dem Kopftuch: Wird sie nicht zwangsläufig unterdrückt, wie es der Koran gängiger europäischer Meinung nach vorschreibt? Der moslemische Erdkreis: Ist er nicht eine Brutstätte des „Islamofaschismus“ (US-Präsident George W. Bush in einer Rede vor wenigen Tagen), gewaltbereit, mittelalterlich, menschenverachtend?

In Österreich bezeichnen nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup 40 Prozent der Bevölkerung ihre Einstellung gegenüber Moslems als negativ oder moderat negativ.

Die westliche Kultur und der Islam scheinen inzwischen vollends unvereinbar. Und als Belege dafür dienen punktuelle, aber umso heftiger ausgetragene Konflikte: der Streit um das Verschleierungsverbot an französischen Schulen oder der Konflikt um die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung. Noch am 10. September 2001 wären diese Auseinandersetzungen als minder bedeutsame Probleme abgetan worden. Heute werden sie als Schlagabtausch in einem existenziellen Kulturkampf wahrgenommen, in dem der islamische Feind vor allem eine Waffe einsetzt – den Terrorismus.

Terrorismus
Die zornigen Kinder des Dschihad

Joussef Mohamad El Hajdid leistete keine Gegenwehr, als ihn ein Einsatzkommando der deutschen Polizei am Freitag, dem 18. August 2006, am Bahnhof von Kiel festnahm. Widerstandslos ließ sich der 21-jährige Libanese Handschellen anlegen. Fünf Tage später stellte sich sein Komplize Dschihad Hamad, 20, im Libanon freiwillig den Behörden.

Die beiden jungen Männer hatten Ende Juli in Deutschland versucht, zwei Regionalzüge mit präparierten Propangasflaschen in die Luft zu jagen. Das geplante Massaker scheiterte an der dilettantischen Konstruktion der Sprengsätze, die Flucht der Möchtegernattentäter an ihrer Unvorsichtigkeit beim Telefonieren mit Eltern und Freunden. Es hätte aber auch anders kommen können.

El Hajdid und Hamad sind ein Beleg dafür, dass sich der Terrorismus nach dem 11. September 2001 sukzessive zum Spielplatz der Amateure entwickelt. Weniger gefährlich macht ihn das nicht: Er ist vielmehr komplett unberechenbar geworden.

Eigentlich hatte man nach der Katastrophe von New York und Washington angenommen, es mit einer extrem gut organisierten Bande zu tun zu haben. Die USA und Europa befürchteten, hunderte so genannte „Schläfer“ hielten sich in den Metropolen versteckt und warteten nur noch auf den Einsatzbefehl. Als in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah im Februar 2002, fünf Monate nach dem 11. September, die Olympischen Winterspiele stattfanden, war die Angst vor Terroranschlägen groß.
Doch es geschah nichts.

Eine Großveranstaltung nach der anderen verlief ungestört, von Popkonzerten über politische Versammlungen bis zur Oscar-Verleihung. Tatsächlich ereignete sich in den fünf Jahren seit dem 11. September 2001 in den USA kein einziger nennenswerter Terroranschlag.

Der „Krieg gegen den Terror“ jedoch, den die Regierung Bush ausgerufen hatte, sollte nicht nachlassen. Er wird weltweit geführt und kann niemals enden, weil es immer irgendwo auf der Erde Terroristen geben wird.

Die alteingesessenen Terrorgruppen funktionierten anders als das Phantom, das nach 9/11 geboren wurde. Die IRA in Nordirland, die ETA im spanischen Baskenland, die Hamas in den Palästinensergebieten, die Hisbollah im Libanon und viele weitere verfolgen eine regional begrenzte, bis zu einem gewissen Grad rationale politische Agenda: Autonomie für eine Volksgruppe, Befreiung von Besatzungsmächten, Kampf gegen Regierungen oder diktatorische Regime – Ziele, die zumindest theoretisch erreichbar sind.

Auch Osama Bin Laden und seine al-Qa’ida hatten zunächst klare Ziele: den Abzug der in seiner Heimat Saudi-Arabien stationierten US-Truppen zu erzwingen sowie die Herrschaft des Saud-Clans zu stürzen und damit auch den Fall anderer, nach Meinung Bin Ladens zu sehr westlich orientierter arabischer Regierungen zu befördern.

Doch nach dem 11. September 2001 wurden der al-Qa’ida-Terror und die Anti-Terror-Maßnahmen der USA in der Rhetorik beider Kontrahenten auf die Ebene eines Weltkriegs gehoben: der Endkampf zwischen der denkbar rigidesten Form des Islam und der säkularen westlichen Kultur. Es ist ein Waffengang, bei dem keine Seite gewinnen kann.

Längst sind die Strukturen der al-Qa’ida in Afghanistan zerstört, ein Großteil der Hierarchie verhaftet, ausgeschaltet oder handlungsunfähig, die Kombattanten in alle Welt zerstreut. Manche haben sich wohl auch den Taliban angeschlossen, die inzwischen wieder auf dem Vormarsch sind, Teile der südlichen und östlichen Provinzen Afghanistans kontrollieren und den Truppen der NATO-geführten Koalition blutige Gefechte liefern. Das Terrornetzwerk selbst war aber – außerhalb des Irak, wo Abu Mussab al-Zarkawi sein blutiges Handwerk trieb – nach 2001 an keinem Anschlag operativ beteiligt: nicht im tunesischen Djerba, nicht in Madrid, nicht in London (siehe Zeitleiste).

Aber die Idee vom globalen Dschihad hat weltweit Metastasen gebildet: Viele der al-Qa’ida-Kämpfer, die den Krieg in Afghanistan überlebt hatten, kehrten in ihre Heimatländer zurück – auch nach Europa. Und dort machen sie nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden im kleinen Kreis von Freunden, Bekannten und interessierten Jugendlichen Werbung für den Dschihad. Ähnliches gilt nun für die Veteranen des heiligen Krieges im Irak, der zu einer Art Truppenübungsplatz des Terrors geworden ist. Kämpfer kommen, lernen und kehren wieder nach Hause zurück.

Ein weiterer Grund dafür, dass sich immer neue, radikale Zellen bilden können, ist die Tatsache, dass arabische Regierungen nach 9/11 alles darangesetzt haben, ihre heimischen Terrorgruppen zu zerschlagen – Ägypten etwa die fundamentalislamische Gama’a al Islamiya. Der Effekt: Die Radikalen flüchteten vor dem Druck ins Ausland und bauten dort neue Strukturen auf. Auch in Europa.

Und dann gibt es noch die Kohorten der vorerst Namenlosen. Einwanderer der zweiten oder dritten Generation: frustriert über mangelnde Aufstiegschancen, empört über die Erniedrigung der moslemischen Welt durch den Westen, auf der Suche nach einer eigenen kulturellen Identität vom Märtyrerkult des Islam infiziert.

Sie alle brauchen keine Einsatzbefehle von Osama Bin Laden, sie müssen keine Ausbildungslager in Afghanistan absolviert haben. Und sie haben bis zur Aufdeckung oder Umsetzung ihrer tödlichen Pläne zumeist keine Spuren im Raster der Behörden hinterlassen, weil sie unbescholten sind und die Verdachtsmomente, die auf sie zutreffen, millionenfach vorliegen: jung, männlich, moslemisch. „Junge Radikale treffen einander auch kaum in Moscheen, sondern eher in Fitnessclubs“, sagt der Islamgelehrte Tariq Ramadan (siehe Interview Seite 120): „Solche potenziellen Attentäter sind nur sehr schwer aufzuspüren, und auch Prävention ist da extrem schwierig.“

Ihre Ziele haben diese Terroristen längst aus den Augen verloren. Sie versuchen, möglichst viele Menschen in den Tod zu reißen, ohne irgendeine Strategie erkennen zu lassen. Sie sind zornige Kinder, die mit dem Tod spielen. Und sie haben die Wut der größten Militärmacht der Welt entfacht.

USA und Europa
Als sich die Wege trennten

„Wir sind alle Amerikaner“, titelte die französische Zeitung „Le Monde“ nach den Anschlägen, und fast die ganze Welt stimmte zu. Aller Anti-Amerikanismus war obsolet. Eine enorme Welle an Mitgefühl schwappte über den Atlantik. Im Land selbst rückten Bevölkerung und Politik zusammen. Präsident George W. Bush erhielt in einer Umfrage unglaubliche 86 Prozent Zustimmung. Ausgerechnet Bush, der zu Amtsantritt die Parole ausgegeben hatte, die USA würden sich nur noch im Ausland engagieren, wenn ihre eigenen Interessen bedroht wären, sollte fortan einen Großteil seiner Zeit damit zubringen, Weltpolitik zu betreiben.

Natürlich weckte das von Anfang an auch Ängste. Als profil zwei Wochen nach den Anschlägen den Schriftsteller Paul Auster in dessen Wohnung in New York interviewte, sagte dieser: „Ich fürchte mich davor, was die Regierung unter Präsident George W. Bush tun könnte.“ Auster befürchtete „einen groß angelegten Krieg gegen mehrere Länder“.

Vorerst jedoch bemühte sich die Bush-Administration darum, eine möglichst breite Koalition für ihr Vorgehen zu finden. Der Krieg gegen Afghanistan begann erst am 7. Oktober 2001. Dass die USA die Taliban-Regierung stürzten, stieß weltweit auf viel Verständnis. Doch das war erst der Anfang des „Kriegs gegen den Terror“.

Im Jänner 2002 meldete die „Washington Post“, dass Gefangene aus Afghanistan in ein neu errichtetes Lager in dem US-Stützpunkt Guantanamo auf Kuba gebracht worden sind. In den folgenden Jahren wurde dieses Camp zum Synonym für die groben Verletzungen von Menschenrechten, welche die Bush-Administration im Namen des Kampfes gegen den Terror beging.

Die US-Regierung bastelte sich eine Doktrin zurecht, der nationales Recht und internationale Regeln der Kriegsführung nicht im Wege stehen sollten. Besonders in Europa schlug die Sympathie für die USA in Entsetzen und bald in offene Gegnerschaft um. Als die Vereinigten Staaten den Irak wegen dessen angeblicher Unterstützung der al-Qa’ida und des Besitzes von Massenvernichtungswaffen zum Kriegsziel im Anti-Terror-Kampf erklären, kommt es Anfang 2003 zum Bruch zwischen den USA und wichtigen europäischen Staaten – Frankreich, Deutschland, Russland. Nur Großbritannien unter Premier Tony Blair bleibt unverändert an der Seite Washingtons.

Mit dem Irak-Krieg beginnt ein beispielloser Imageverlust der USA in allen Teilen der Welt. In Großbritannien sinkt der Prozentsatz der Bürger, die eine positive Meinung von den USA haben, laut dem amerikanischen Pew-Institut von 83 im Jahr 2000 auf 56 im Jahr 2006. In Frankreich (von 62 auf 39), Deutschland (von 78 auf 37), Indonesien (von 75 auf 30) und der Türkei (von 52 auf 12) ist es nicht anders. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind in den Augen eines großen Teils der Weltbevölkerung zu einer rücksichtslosen, arroganten Militärübermacht mutiert. Das angebliche Vorhaben, dem Nahen Osten die Demokratie bringen zu wollen, ist bereits so gut wie vergessen. Im Gegenteil: Wo bei freien Wahlen – etwa in den Palästinensergebieten – die falsche, weil islamistische Partei an die Macht kam, setzte es vonseiten der USA Sanktionen. Und mit Guantanamo, mit der Entführung von Terrorverdächtigen durch die CIA, mit den Geheimgefängnissen und den Folterbildern von Abu Ghraib haben die Vereinigten Staaten jeden Kredit als Schutzmacht der Demokratie verspielt.

Es ist dies nur indirekt eine Folge des 11. September, und ganz bestimmt hätte es keine logische Folge sein müssen, wenn die Regierung Bush einen anderen Weg gegangen wäre. Jetzt erlebt der Präsident auch im eigenen Land eine Talfahrt seiner Beliebtheitswerte. „Das Problem ist, dass Bush und seine Regierung taub dafür sind, wie man eine Demokratisierung angeht“, sagt Fareed Zakaria, einflussreicher Chefredakteur der internationalen Ausgabe des US-Magazins „Newsweek“ gegenüber profil: „Sie wollen die Welt verändern, aber aus einem Kampfbomber in 10.000 Meter Höhe. Wenn man heute sagt, Bush will den Nahen Osten reformieren, halten die Leute das für einen Witz.“ Nicht nur in Europa, sondern zunehmend auch in den USA.

Von Georg Hoffmann-Ostenhof, Martin Staudinger und Robert Treichler