„Ab und zu gibt’s schärfere Töne“

Interview: Teamkapitän Andreas Ivanschitz über Fußballfans, zweisprachige Ortstafeln und nationale Gefühle im Sport.

profil: Herr Ivanschitz, auf welcher Tribüne hier im Hanappi-Stadion sitzen denn die Problembären unter den Fans?
Ivanschitz: Problembären? Die Fans haben uns durch die ganze Saison getragen. Ich möchte daher gar nicht über irgendwelche Probleme sprechen. Diese Stimmung war wichtig und in manchen Fällen entscheidend, dass wir den Meistertitel geschafft haben.
profil: Wenn Sie nicht im Heimstadion spielen, bekommen Sie wahrscheinlich nicht immer so freundliche Zurufe wie hier in Hütteldorf. Political Correctness ist ja nicht unbedingt die Stärke von Fußballfans.
Ivanschitz: Das gehört am Fußballplatz dazu. Da sind oft sehr viele Emotionen im Spiel, auch bei uns Fußballern auf dem Platz. Das überträgt sich auf die Fans. Und da gibt es ab und zu schon ein paar schärfere Töne. Aber das macht nichts, das muss man als Fußballer wegstecken.
profil: Wie ist das mit rassistischen Zwischenrufen mancher Fans?
Ivanschitz: Das kommt in den letzten Jahren erfreulicherweise immer seltener vor. Es gibt ja auch immer mehr schwarze Spieler, das ist ein sehr positiver Punkt.
profil: Wenn Spieler merken, dass ihr schwarzer Mannschaftskollege von den Rängen beschimpft wird – was auch in Österreich schon vorgekommen ist –, haben dann die Spieler mit ihrer Autorität bei den Fans nicht die Pflicht zu sagen: so nicht?
Ivanschitz: Das ist hundertprozentig richtig. Natürlich kommt man in Stadien, wo es ab und zu solche Zwischenrufe gibt. Aber ich habe gemerkt, dass die ganze Mannschaft hinter den jeweiligen Spielern steht und sie auch unterstützt. Man ist froh, in so einer Mannschaft spielen zu können, in der alle Spieler jeden Mannschaftskameraden respektieren.
profil: Sie sind für viele da oben auf der Tribüne ein Idol. Überfordert es Sie als 21-Jährigen nicht, gleichsam eine erzieherische Aufgabe für die Fans wahrzunehmen?
Ivanschitz: In den letzten Jahren habe ich genug Zeit gehabt, mich weiterzuentwickeln. Ich durfte schon mit 15 Jahren im Profikader mittrainieren, ich konnte mich langsam ans Profigeschäft gewöhnen. Das hat mir sicher geholfen, besser damit umzugehen.
profil: Sie verdienen wahrscheinlich zwanzigmal so viel wie Ihre Fans. Lässt man
Sie das spüren, wenn es einmal nicht so läuft?
Ivanschitz: Mit dem muss man ganz einfach umgehen lernen. Es gibt natürlich hohe Erwartungshaltungen. Wenn man einmal vier, fünf Spiele gewinnt und dann einmal eine Niederlage einstecken muss, sind schon wieder viele unzufrieden.
profil: Der Fan ist ein undankbarer Geselle?
Ivanschitz: Manchmal schon. Aber auch das gehört zum Fußball. Da darf man sich nicht gleich aus der Bahn werfen lassen, sondern muss einfach konzentriert weiterarbeiten. Auch in dieser Saison hat es kleinere Tiefpunkte gegeben, obwohl wir dann die Meisterschaft gewonnen haben.
profil: Mit 21 verbringt man seine Zeit normalerweise anders, als ständig zu trainieren und früh schlafen zu gehen. Würden Sie manchmal auch gerne erst heimkommen, wenn die Vögel schon zwitschern?
Ivanschitz: Ja, ab und zu schon. Für mich ist Fußball schon von klein auf immer sehr wichtig gewesen. Aber es war für mich auch nicht immer leicht, den Freunden abzusagen, wenn die in eine Diskothek gegangen sind.
profil: Kann man als Profifußballer überhaupt Freundschaften aufrechterhalten?
Ivanschitz: Ich habe zum Glück sehr gute Freunde, die ich schon seit Jahren kenne. Wenn ich am Wochenende ein Spiel habe und nicht dabei sein kann, wenn sie irgendwas unternehmen, dann verstehen sie das voll und unterstützen mich. Das ist mir sehr wichtig, das gibt mir den nötigen Halt.
profil: Sie sind ein etwas untypischer Fußballer: Sie haben Matura, eines Ihrer Hobbys ist Hausmusik. Prägt das auch den Kontakt mit Ihren Mannschaftskameraden?
Ivanschitz: Sie lassen es mich jedenfalls nicht merken, außerdem gibt es bei uns viele Spieler mit Matura. Mein Vater ist Musiklehrer am Haydn-Konservatorium in Eisenstadt, und ich habe von klein auf neben dem Fußball und der Schule verschiedene Musikinstrumente gelernt. Diese Zeit hat mich stark und positiv geprägt.
profil: Hans Krankl hat Sie schon als 19-Jährigen zum Teamkapitän gemacht. Normalerweise sind das eher ältere Spieler, die eine gewisse Autorität haben. Wie werden Sie damit fertig?
Ivanschitz: Das war für mich natürlich eine große Auszeichnung – wahrscheinlich die größte Auszeichnung meiner Karriere, weil ich ja alles für Österreich gebe. Das als Kapitän tun zu dürfen macht es noch reizvoller.
profil: Für wen strengen Sie sich eigentlich an, wenn Sie auf das Spielfeld laufen? Für Österreich, für die Mannschaft oder für sich selbst?
Ivanschitz: In erster Linie ist es sicher so, dass man für sich selbst spielt. Man trainiert für sich selbst, um in Form zu kommen. Aber Fußball ist ein Mannschaftssport. Man muss gemeinsam am Platz agieren, alleine wird man kein Spiel gewinnen. Und dass man für Rapid Titel gewinnen soll, weil es unsere sportliche Heimat ist – das ist bei uns in der Mannschaft auch allen klar.
profil: Fußball wird bei Länderspielen als nationale Veranstaltung zelebriert – mit Fahne und Nationalhymne. Ist das nicht ein Widerspruch zur zunehmenden Internationalität?
Ivanschitz: Nein. Gerade bei Länderspielen gibt es viele Emotionen, und die gehören im Fußball einfach dazu. Ein Ländermatch ist für mich immer wieder ein besonderes Gefühl.
profil: Werden die Spieler eigentlich dazu aufgefordert, die Nationalhymne mitzusingen?
Ivanschitz: Aufgefordert nicht. Das ist die Sache jedes Einzelnen. Ich singe eigentlich immer mit.
profil: Sie sind Musiker.
Ivanschitz: Man muss kein Musiker sein, um da mitsingen zu können. Die Hymne müsste jeder Österreicher können.
profil: Redet ihr vorher in der Kabine darüber?
Ivanschitz: Nein, das bleibt jedem überlassen. Wir sind nicht verpflichtet mitzusingen. Aber ich glaube, es gehört sich einfach. Ich glaube, das strahlt auch den Stolz aus, für Österreich zu spielen.
profil: Sie schießen im Durchschnitt in jedem sechsten Spiel ein Tor. Ist das der Höhepunkt, oder sind Sie manchmal mit den Spielen zufriedener, bei denen Sie drei tolle Vorlagen gemacht haben?
Ivanschitz: Das kommt darauf an. Wenn die Mannschaft gewinnt, bin ich immer zufrieden. Wenn ich dann noch ein Tor geschossen habe, ist das ein besonderes Highlight. Nach meinem Geschmack könnten es noch mehr Tore sein.
profil: Es gibt beim Fußball eine gewisse Typologie: die Besonnenen, das sind die Mittelfeldspieler, wie Herbert Prohaska, Franz Beckenbauer und Sie selbst. Die Stürmer, das sind eher wildere Burschen wie Hans Krankl oder Toni Polster. Prägt der Job am Fußballfeld den Menschen, oder sind die schon vorher so und werden entsprechend eingesetzt?
Ivanschitz: Ich glaube, man kommt schon mit dieser Einstellung zum Fußballsport. Man weiß, man möchte der Stürmer, der Vollstrecker, sein oder Mittelfeldspieler, der Stratege. Oder eben der Verteidiger, der etwas Robustere.
profil: Oder der Tormann, der Wahnsinnige, der sich jemandem entgegenwirft, der mit 25 Stundenkilometern daherbraust.
Ivanschitz: Wahnsinnig würde ich nicht sagen. Aber Tormänner sind ein eigenes Kapitel ...
profil: ... sie springen oft – wie erst unlängst passiert – heraus und brechen einem gegnerischen Spieler die Nase.
Ivanschitz: Solche Situationen kommen leider vor, meist durch Emotionen hervorgerufen. Leider hat es vor einigen Wochen unseren Axel Lawaree erwischt, das war mit Sicherheit nicht schön anzuschauen und nicht fair von Austria-Torhüter Didulica. Aber das müssen sich die zwei untereinander ausmachen. Ich habe kein Vorurteil gegenüber Tormännern.
profil: Ihr Trainer Josef Hickersberger hat unlängst in einem Interview gesagt, er habe die Niederlage als Teamchef gegen die Faröer-Inseln noch immer nicht ganz verdaut. Schleppt man so etwas ein ganzes Leben mit?
Ivanschitz: Ja, ich bin sicher, dass das einen Menschen prägt. Aber ich bin auch überzeugt, dass der Meistertitel von Rapid für Herrn Hickersberger ein Highlight war. Dieser Erfolg hat ihm sicher geholfen, die Faröer-Niederlage weiter zu verdauen.
profil: Haben Sie Angst, dass Sie in so eine Rolle kommen, wo jeder Ihrer privaten Schritte so unter Beobachtung steht wie etwa bei David Beckham?
Ivanschitz: Bei Beckham ist es extrem. Aber das ist eine Sphäre, in die man erst einmal kommen muss. Er ist ein weltweites Idol. Wenn bei dem einmal irgendetwas passiert, weiß es die ganze Welt. Ich glaube aber, dass er mit dieser Situation ganz gut umgeht. Ich persönlich bin froh, dass ich jetzt den Status als Führungsspieler bei Rapid habe, aber ich bin schon der Typ, der das Privatleben eher geheim halten will, der nicht jeden Tag in der Zeitung stehen möchte. Neben dem Fußball brauche ich meine Ruhe.
profil: Bei Rapid haben immer Politiker hohe Funktionen bekleidet: ÖGB-Chef Anton Benya war Ehrenpräsident, der jetzige Präsident von Rapid, Rudolf Edlinger, war früher Finanzminister. Ist Rapid so etwas wie eine „sozialdemokratische Mannschaft“?
Ivanschitz: Ich glaube, dass Rapid einfach Tradition hat. Unser Präsident Edlinger hat uns zum Meistertitel geführt. Wenn das in Zukunft so bleibt, haben wir nichts dagegen.
profil: Sie kommen aus einem burgenländischen Ort namens Baumgarten/Pajngrt, der eine zweisprachige Ortstafel hat, eine deutsche und eine kroatische. Wieso stört das im Burgenland im Gegensatz zu Kärnten niemanden?
Ivanschitz: In unserem Dorf herrscht eine sehr positive Stimmung, jeder wird mit offenen Armen empfangen, und ich finde es schön, dass wir eine zweisprachige Ortstafel haben. Ich würde mir wünschen, dass das überall so ist. Warum das in Kärnten nicht klappt, kann ich nicht nachvollziehen. Das ist sehr schade. Mein Vater spricht übrigens Kroatisch, meine Mutter nicht. Ich habe es leider nie gelernt.
profil: Ist das nicht schade, dass dieses Stück Kultur vielleicht verloren geht, weil immer weniger Leute die Sprache beherrschen?
Ivanschitz: Ich glaube, dass das immer in dieser Region erhalten bleiben wird. Schon mein Opa und Uropa haben diese kroatische und österreichische Mentalität gehabt.
profil: Gibt es einen Politiker, von dem Sie sagen: Der macht das gut, so stelle ich mir das vor?
Ivanschitz: Ich bin ein großer Fan unseres Bundespräsidenten und sehr froh, dass er gewählt wurde. Positiv finde ich auch, dass er ein eingefleischter Grün-Weißer ist. Er füllt sein Amt perfekt aus.
profil: Auch im österreichischen Fußball werden immer öfter große Wirtschaftskapitäne zu wichtigen Sponsoren. Austria Wien wird seit einigen Jahren von Frank Stronach gesponsert, Austria Salzburg hat ab dieser Saison Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz als Partner. Ist das eine gute Entwicklung?
Ivanschitz: Es tut der Bundesliga sicher gut, weil die Mannschaften stärker werden, sich weiterentwickeln können. Ich bin aber auch froh, dass es Mannschaften wie Rapid gibt, wo man bescheiden bleibt und eine Mannschaft zusammenstellt, die auch auf dem Spielfeld funktioniert. Sonst hätten wir den Meistertitel ja nicht geschafft.
profil: Der Erfolg von Rapid würde ja dafür sprechen, dass nicht nur das Geld allein über den sportlichen Erfolg entscheidet. Ist das die Ausnahme?
Ivanschitz: Das kann schon sein, aber immerhin hatten wir das zweithöchste Budget. Wenn die Mannschaft zusammenbleibt, können wir auch im nächsten Jahr vorne mitspielen.
profil: In einem Interview, das Sie zu Beginn der vorigen Meisterschaft im „Kurier“ gegeben haben, haben Sie gesagt: Ich wünsche mir nichts mehr, als Rapid zum Meistertitel zu führen und dann ins Ausland zu gehen. Der erste Teil Ihres Wunsches ist eingetreten, der zweite Teil noch nicht. Bleiben Sie vorerst in Österreich?
Ivanschitz: So wie es ausschaut, bleibe ich bei Rapid. Ich fühle mich hier sehr wohl, das Umfeld passt. Aber als Fußballer sucht man sich immer neue Herausforderungen. In erster Linie ist jetzt meine Herausforderung, mit Rapid in der Champions League Erfolg zu haben und dann früher oder später auch ins Ausland zu kommen.
profil: Haben Sie sich schon einmal überlegt, was Sie tun würden, wenn Sie nicht Fußballer wären?
Ivanschitz: Wenn ich ehrlich bin: eher nicht. Ich bin sehr froh, dass momentan alles gut läuft, dass ich gesund bin. Ab und zu macht man sich schon Gedanken, wie das sein könnte, wenn man einmal nicht mehr Fußball spielen kann, aber ich lasse das an mich herankommen.
profil: Früher haben Fußballer nach dem Ende ihrer Karriere eine Tankstelle oder eine Trafik bekommen. Würde Sie das reizen, oder ist Ihnen das intellektuell zu wenig anspruchsvoll?
Ivanschitz: Nein, das würde mich nicht reizen. Aber ich will das nicht abwerten. Ich wäre eher der Typ, der sich eine neue Herausforderung sucht.
profil: Sie könnten studieren, Sie haben Matura. Gibt es ein Fachgebiet, das Sie interessiert? Musik vielleicht?
Ivanschitz: Das wäre eine Möglichkeit. Ich habe von klein auf Klavier, Oboe und Schlagzeug gelernt.
profil: Was ist denn Ihr Lieblingsstück? Was spielen Sie am besten?
Ivanschitz: Da gibt es einiges. Zum Beispiel Stücke von Telemann, Mozart und Haydn.
profil: Das wäre etwas für die nächste Meisterschaftsfeier: Andreas Ivanschitz spielt Telemann.
Ivanschitz: Das könnte man sich tatsächlich überlegen.

Interview: Herbert Lackner