Abfall: Hau weg den Mist!

Die Österreicher sind Europameister bei der Mülltrennung. Der ökologische und ökonomische Nutzen dieser Einstellung wird von Experten jedoch bezweifelt. Ist das emsige Trennen am Ende nichts als ein großer Schwindel?

Der Mensch konstruiert Supercomputer, hochsensible Detektoren und Robotermaschinen von erstaunlicher Flexibilität. Sollte er dann nicht auch fähig sein, eine automatische Sortiermaschine für gewöhnlichen Hausmüll zu bauen? Die RWE Umwelt AG meint, eine solche Maschine gebe es schon. Auf der Fachmesse Entsorga in Köln stellte das große deutsche Müllentsorgungsunternehmen im Herbst des Vorjahres eine Sortieranlage vor, die angeblich in der Lage ist, Eisen, Glas, Aluminium, Tetra Paks und Kunststoffe vollautomatisch aus dem Hausmüll zu fischen.

Mehr als zwei Tage lang rüttelte, siebte und schüttelte das stählerne Ungetüm 15 Tonnen Müll pro Stunde durch seine Innereien. Magnete separierten Eisen, Wirbelströme isolierten Aluminium, optische Sensoren fixierten Flaschen, und Windgebläse wirbelten Kunststoff auf vorbestimmte Förderbänder. Die Ausbeute war keinesfalls schlecht: 34 Prozent des Restmülls waren stofflich wiederverwertbar, sogar einige Kunststoffe wurden sortenrein separiert. Die Fachpresse jubelte.

Wenig später musste RWE allerdings kleinlaut einräumen, dass die Anlage doch noch nicht ganz so reibungslos funktioniere. Papier und Bioabfall waren nie Probemüll gewesen. Vom Ende der herkömmlichen Mülltrennung könne man daher wohl noch nicht sprechen. Realistischerweise, so Dieter Schade, Ex-Direktor der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg, sei damit erst nach 2010 zu rechnen: „Außer einer grauen Tonne, wo fast alles hineinkommt, wird man dann nur noch einen separaten Sammelbehälter für Papier benötigen.“

Europameister. Für viele Österreicher würde die Trennung von der Trennung freilich den Abschied von einer lieb gewonnenen Routine bedeuten. Denn auf die Frage, welche Aktivität des Umweltschutzes sie am häufigsten praktizieren, antworten heute zwei von drei Österreichern: Müll trennen.

Seit Inkrafttreten der Verpackungsverordnung Anfang der neunziger Jahre haben sich die Österreicher zu den fleißigsten Müllsortierern Europas entwickelt. Zwei Drittel des gesamten anfallenden Hausmülls werden heute in Österreich separat gesammelt. Das ist einsamer Europarekord. Holland, Deutschland und Luxemburg erreichen nur vergleichsweise bescheidene 40 Prozent.

Wiederverwertungsquoten von 88 Prozent bei Glas und fast 70 Prozent bei Papier verschaffen den Österreichern auch in diesen beiden Disziplinen einen Spitzenplatz in den Sammelstatistiken. Die Frage, ob der Breitensport Mülltrennung auch heute noch so sinnvoll erscheint wie vor zehn Jahren, ist allerdings weniger eindeutig zu beantworten: Nach dem Inkrafttreten des letzten Teils der Deponieverordnung am 1. Jänner dürfen brennbare Müllfraktionen wie Papier oder Kunststoff nicht mehr auf die Deponien; sie müssen wiederverwertet oder verbrannt werden.

Mittlerweile zweifeln nicht nur Öko-Ketzer wie der dänische Statistikprofessor Björn Lomborg, ob es tatsächlich vernünftig ist, Altpapier aufwändig zu sammeln, um es dann auf dem Recyclingweg wiederzuverwerten. „Vielleicht wäre es sinnvoller, Altpapier und Kunststoff gleich in Müll-öfen als Energielieferant zu verbrennen, statt Energie zum Sammeln, Vorbereiten und Aussortieren zu verbrauchen“, schreibt Lomborg in seinem Buch „Apokalypse No!“, das inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist (Klampen Verlag).

Wird nämlich in der Ökorechnung auch der Brennwert von Papier berücksichtigt, so ist das Recycling „nicht mehr zwingend ökologischer“, schreibt das Schweizer Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft in seiner im Jahr 2001 veröffentlichten Studie zu Verwertungsszenarien von Altpapier. Denn bei der Erstellung von Ökobilanzen gilt das Verbrennen von Holzprodukten wie Papier als CO2-neutral, da dabei nicht mehr klimawirksames Kohlendioxid freigesetzt wird, als ein Baum zuvor der Atmosphäre entzogen hat. Nach diesen – unter Experten nicht unumstrittenen – Prämissen ist auch für heimische Verhältnisse „der Unterschied zwischen Verbrennen und Recyceln von Altpapier nicht signifikant“, sagt Gudrun Wassermann vom Institut für Abfallwirtschaft an der Universität für Bodenkultur.

Wer noch das letzte angeschnäuzte Papiertaschentuch zum Zwecke stofflicher Verwertung aus dem Restmüll holen würde, würde daher mit seinen Bemühungen über das Ziel hinausschießen. „Das bringt nur Aufwand und der Umwelt gar nichts“, meint Andreas Windsperger, Leiter des Instituts für industrielle Ökologie in St. Pölten und Verfasser einer Studie zum Thema nachhaltige Papierproduktion.

Integrierte Papier- und Zellstoffwerke, die intelligente Kraft-Wärme-Kopplungen einsetzen, können ihren Energiebedarf heute schon zu 95 Prozent aus Bioenergie abdecken – benötigter Strom und Dampf werden aus den bei der Produktion anfallenden Holzresten produziert. Anders sieht es hingegen bei der Produktion und Aufbereitung von Recyclingpapier aus: Weil biologische Reststoffe zur Energiegewinnung fehlen, muss mehr Energie aus fossilen Quellen, heute zumeist aus Erdgas, eingesetzt werden. Damit verschlechtert sich die Ökobilanz von Recyclingpapier, besonders wenn es von Druckerschwärze gereinigt und gebleicht werden muss. „Die Recyclingquote in Österreich weiter zu erhöhen bedeutet daher, mehr Treibhausgase freizusetzen“, sagt Gerfried Jungmeier vom Institut für Energieforschung am Grazer Joanneum. Das Recyclingoptimum liege irgendwo zwischen 50 und 70 Prozent.

Papier gleich im Restmüll zu lassen lehnen Umweltexperten daher ab. „Das würde die Entsorgungskosten für Papier um das Zehnfache erhöhen“, meint Peter Lechner, Vorstand des Instituts für Abfallwirtschaft an der Wiener Universtität für Bodenkultur. Zudem sei es eine „Verschwendung von Ressourcen, minderwertige Papierqualitäten wie Toilettenpapier oder Schuhkartons aus frischen Fasern und nicht aus Altpapier zu produzieren“.

Während also das Sammeln von Altpapier durchaus noch Sinn macht, erscheint das exzessive Sammeln und Recyceln von Joghurtbechern, Fleischtassen, Billasackerln und Tetra Paks weit gehend überholt – und auch ökonomisch wenig einleuchtend. Ungefähr sieben Prozent des Kunststoffverbrauchs gelangen in den Hausmüll, der große Rest wird in Hausbau und Ausstattung verwendet. Recycling bei zu geringen Mengen wird aber teuer. In Wien, Niederösterreich und den größten Teilen Kärntens wird deshalb nur noch das in genügend großen Mengen anfallende Polyethylenterephtalat (PET-Flaschen) gesammelt. „In anderen Ballungsgebieten wie Graz oder Linz wird über eine Umstellung der Kunststoffsammlung diskutiert“, berichtet Walter Scharf, Chef der ARGEV Verpackungsverwertungs-GmbH. „Hätten wir nicht eine Sammelquote von 30 Prozent zu erfüllen, würden Joghurtbecher und Billasackerln in ganz Österreich im Restmüll der Haushalte bleiben.“

Die lasche Sammelmoral bei Kunststoffen sei aber kein Malheur, da wegen der neuen Vorschriften künftig kein Joghurtbecher mehr energetisch ungenutzt auf einer Deponie landen wird.

Neben der Energiegewinnung für Strom und Fernwärme hat die Verbrennung in modernen Anlagen aber noch einen weiteren positiven Effekt, meint Abfallexperte Paul Brunner von der Technischen Universität Wien: „Die hochgiftigen Schwermetalle wie Cadmium oder Blei, die im Kunststoff als Stabilisatoren eingesetzt werden, bleiben vollständig in den Filtern zurück. Sie können so nachhaltig aus dem Stoffkreislauf ausgeschleust werden“ (siehe auch Interview).

Die einst als „dreckige Dioxinschleudern“ verteufelten Müllverbrennungsanlagen gelten heute auch unter Umweltschützern nicht mehr notwendigerweise als Feindbilder. Denn dank moderner Filtertechnik steuern heimische Müllöfen zur gesamten Dioxinbelastung der Umwelt kaum noch ein Prozent bei.

Nachdem Österreichs karstige Geologie keinen geeigneten Standort für die sichere Deponierung der hochgiftigen Filterkuchen bereithält, werden die Rückstände – und neuerdings auch die Asche – nach Deutschland exportiert, großteils nach Heilbronn nördlich von Stuttgart. Dort wird der Sondermüll in einem 180 Meter unter dem Grundwasserspiegel liegenden Salzstock endgelagert. „Sollten die Preise für Schwermetalle einmal steigen, könnten die Lagerbestände wiederverwertet werden“, meint Abfallexperte Brunner. Derzeit ist frisches Cadmium und Blei aus Bergwerken aber noch weitaus billiger.

Während sich Altpapier und Kunststoff als Heizmaterial in Müllöfen verwerten lassen, ist Glas energetisch wertlos, denn Sand und Soda brennen nicht. Deshalb bleibt nur die stoffliche Verwertung. Doch auch das Recycling von Glas ist nicht in allen Fällen so umweltfreundlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Zwar spart ein Flaschenhersteller zehn bis 25 Prozent Energie, wenn er neue Flaschen aus altem Glas herstellt; zudem sinken die Entsorgungskosten, wenn Flaschen im Glascontainer und nicht im Restmüll landen.

Ökobewertung. Wer aber glaubt, beim Kauf eines Getränks automatisch umweltschonend zu handeln, wenn er ein Produkt in der Glasflasche wählt, irrt: Gerhard Vogel, Professor für Technologie und Warenwirtschaft an der Wiener Wirtschaftsuniversität, hat alle im Wiener Handel erhältlichen Mineralwässer, Fruchsäfte und Biere nach Preis und Art des Gebindes analysiert. Die ökologische Bewertung der jeweiligen Ressourcennutzung sowie der Abfall- und Treibhauspotenziale lieferte überraschende Ergebnisse: Der hochpreisige Ja!Natürlich-Apfelsaft in der 0,75-Liter-Einweg-Glasflasche erhielt in der Studie 460 Öko-Schlechtpunkte. Das Billigprodukt Belsina im 1-Liter-Tetra-Pak hingegen nur 58. Ähnliche Ergebnisse lieferte die Mineralwasser-Bewertung: Wer San Pellegrino in der 0,25-Liter-Einwegflasche kauft, handelt sich 542 Öko-Schlechtpunkte ein, wer Römerquelle in der 1,5-Liter-PET-Flasche kauft, nur 23.

Glas kann also sowohl gegen die PET-Flasche verlieren als auch gegen den als Brennstoff verwertbaren Papier-Kunststoff-Mix Tetra Pak. „Der Konsument bekommt viel zu wenig Information über die richtige Ökobewertung von Produkten“, wettert Vogel. „Daher ist es für den Einzelnen gar nicht möglich zu entscheiden, was gut für die Umwelt ist und was nicht.“

Während das Sammeln und Recyceln von Abfällen ihre Wirksamkeit erst entfalten, nachdem das Problem bereits entstanden ist, konzentrieren Kommunen, Umweltschützer und Nachhaltigkeitsexperten ihre Aktivitäten zunehmend auf die eigentliche Ursache: die Entstehung des Mülls. Vor allem in entwickelten Industrienationen wird nun auch versucht, die Wechselbeziehung zwischen Reichtum und Müllproduktion aufzubrechen. Einige Städte wie Kopenhagen oder Zürich verzeichnen dabei bereits erste Fortschritte: Dort ist die anfallende Müllmenge kleiner, als sie im Verhältnis zum Einkommen der Bewohner „normal“ wäre.

Auch WU-Professor Vogel hat gemeinsam mit der Stadt Wien ein Pilotprojekt gestartet: 470 Haushalten soll ein „nachhaltiger Lebensstil“ nahe gebracht werden. Sie bekommen per Internet Zugriff auf die gesamte Getränke-Ökodatenbank. Zusätzlich werden Tipps für den Kauf müllarmer und umweltverträglicher Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung gestellt, etwa die Adressen der nächstgelegenen Car-Sharing-Projekte. Dass Müllvermeidung besser ist als Müllverwertung, liegt auf der Hand. „Recycling hat bestenfalls eine dämpfende Wirkung auf das Müllaufkommen“, sagt Vogel.

Viel Abfall. In Österreich wird zuerst viel Abfall produziert und dann eifrig getrennt. Während der Bundesabfallwirtschaftsplan (BAWP) des Jahres 1995 die Hausmüllmenge noch mit 2,5 Millionen Tonnen bezifferte, lag diese im BAWP 2001 bereits bei 3,1 Millionen Tonnen – eine Zunahme von fast 25 Prozent, die zu wesentlichen Teilen auf gesteigerte Müllmengen in den zu trennenden und wiederzuverwertenden Verpackungsfraktionen Papier, Glas und Kunststoff zurückzuführen ist.

Wurde Mineralwasser vor zehn Jahren noch fast ausschließlich in Mehrwegflaschen aus Plastik oder Glas abgefüllt, so wird heute fast schon jeder zweite Liter Mineralwasser im Ex-und-Hopp-Gebinde verkauft. Auch der Anteil des in Dosen statt in Flaschen verkauften Bieres ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die Gemeinde Wien startete deshalb kürzlich eine Kampagne für Mehrwegflaschen.

In Deutschland reagierte man auf diese Entwicklung mit der Einführung des Dosenpfands. In Österreich steht Ähnliches vorerst nicht zur Diskussion. Manche Experten zweifeln auch an den ökologischen Effekten einer solchen Maßnahme. Die gesamten Stoffkreisläufe von Kunststoff und Aluminium lassen sich durch ein Dosenpfand auf Einweggebinde kaum steuern, meint etwa Abfallwirtschaftsexperte Brunner: „Der Hausmüll macht nicht einmal zehn Prozent des Gesamtmülls in Österreich aus.“ Das Gros wiederverwertbarer Stoffe sei in Gebäuden enthalten. Deshalb sollten Bauwerke auch so gebaut werden, dass sie leicht abzureißen sind und ursprünglich verwendete Nutzstoffe möglichst wiederverwertbar bleiben.

Und das wird selbst die beste Sortieranlage der Welt nicht automatisch schaffen.