Absage an die Egomanie: Josef Hader kehrt mit "Der Knochenmann" zurück ins Kino

Sein Fleiß hält sich in Grenzen, und seine Bescheidenheit kommt der Selbstbeschädigung bisweilen nahe: Die erstaunliche Karriere des Kabarett- und Filmstars Josef Hader hält dennoch an.

Von Stefan Grissemann

Vom Publikum geliebt zu werden, das muss man erst einmal aushalten. Josef Hader macht sich da keine Illusionen. Die Spezies Hader-Fan kommt in den Texten, die er schreibt und spielt, nur unwesentlich besser weg als er selbst – also richtig schlecht. In „Hader muss weg“, seinem jüngsten, 2004 uraufgeführten Kabarettprogramm, tritt er auf die Bühne, wartet das Abebben des Applauses ab und sagt dann vorwurfsvoll: „Sie brauchen mich gar nicht so unter Druck setzen.“ Ovationen sind Nervensache. Die Liebe von Fremden ist keine gute Nachricht.

Der Hass von Fremden ist aber auch nicht schöner, das macht die Sache kompliziert. Vermutlich versucht Hader deshalb, die hohen Erwartungen, die man an ihn stellt, wenigstens halbwegs zu erfüllen. Denn Kritik hält er am allerwenigsten aus, wie er offen zugibt. Leicht zu finden ist sie nicht. Josef Hader gilt längst als der beste Autor und originellste Denker seiner Branche, als begnadeter Darsteller der eigenen Texte und als grundsympathisch sowieso. Harald Schmidt hat Josef Hader der seltenen Gattung jener Kabarettisten zugeschlagen, über die niemand schlecht rede. Hader selbst bestreitet das, nicht vehement, bloß dünnhäutig. „Gewisse Postings sollte ich nicht lesen, um besser schlafen zu können“, sagt er im profil-Gespräch. Aber er gibt zu, sich „vermutlich automatisch“ einen Weg gesucht zu haben, „wo mich kaum jemand angreift“. Er neige dazu, „zwar populäre Sachen zu schreiben“, die aber „all jene, die dagegen sein könnten“, nicht erreichten. Wenn er etwas Neues präsentiere, „geht ja kein Aufschrei durch die Bevölkerung. Die einen finden’s gut, den anderen geht es am Arsch vorbei.“

Man muss das so deutlich sagen, denn die gemähte Wiese, die der Bühnenkünstler Josef Hader, 47, allabendlich abschreitet, ist jene letzte Grenze, die er – bei allem Erfolg – nicht zu überschreiten vermag. „Manchmal wäre ich schon lieber der wilde Hund und hätte gern mehr Gegner, aber das wäre ja eh nicht ich.“ Am Ende siege meist die Harmoniesucht, „der Wille, dass nicht zu viele aus dem Saal rennen“. Gerade seine bösesten Texte spiele er dann jedes Mal so, „dass die meisten bleiben“.

Pathologisch. Josef Hader hat eine Schwäche für Keller. Nicht so sehr für unterirdische Kleinkunstbühnen, diese Karrierestufe hat er vor 20 Jahren schon hinter sich gelassen, spätestens aber mit der Erfolgstragikomödie „Indien“ (1993), seinem – auf Basis des gleichnamigen Theaterstücks von 1991 – gemeinsam mit Alfred Dorfer geschriebenen und gespielten Kinodebüt. In den Keller geht man in Österreich bekanntlich nicht nur zum Lachen, man bewahrt dort gern auch, sprichwörtlich, seine Leichen auf. Das muss nichts Böses sein, solange man sie sachgerecht zu behandeln weiß: Derzeit bereitet Hader eine sechsteilige ORF-Fernsehserie vor, die in der Pathologie im Keller eines Krankenhauses spielen wird. Dieser Tage legt er letzte Hand an sein Skript, ab April soll unter der Regie von David Schalko gedreht werden. „Mich interessiert dieses Berufsfeld, das eben nicht, wie das Fernsehen suggeriert, Gerichtsmedizin ist, sondern Krankenhausalltag“, erläutert Hader. „Ein Pathologe ist jemand, der im Leben steht, aber viel mit Toten zu tun hat.“

Das gilt nun auch für den Brenner , den von Josef Hader so unnachahmlich verkörperten Helden aus Wolf Haas’ Kriminalgrotesken. Brenner ermittelt in „Der Knochenmann“ – nach „Komm, süßer Tod“ (2000) und „Silentium“ (2004) – zum dritten Mal, in jener neuen Haas-Adaption, die Hader als Hauptdarsteller und Co-Autor, inszeniert wieder von Wolfgang Murnberger, diese Woche in Österreichs Kinos bringt. Im Keller spielt sich das Grauen vornehmlich ab, das einem dieser Film in erstaunlicher Liebe zum Detail näherbringt. Damit beherzigt „Der Knochenmann“ das eherne Gesetz des Genres: Im Horrorfilm steigen aus den Kellern wie aus dem Unbewussten die schlimmsten Menschenängste hoch. Man muss nicht erst an die Fälle Natascha K. und Josef F. denken, um die Schrecken in den Souterrains der Provinz als genuin österreichisch zu erkennen. Hader, selbst ein Kind der Provinz – er stammt aus dem oberösterreichischen Waldhausen im Strudengau –, sieht das dennoch allgemeiner: „Der Keller ist eben ein hochinteressanter Ort für jemanden, der Geschichten erzählen will. Er ist das, was in den Märchen früher der Wald war, hochbefrachtet mit Assoziationen.“

Ein gewisser Hang zur Gewalt ist Murnbergers Film, in dem sich ein paar abwegige Mord- und Liebesgeschichten auf einen Landgasthof konzentrieren, nicht abzusprechen. „Der Knochenmann“ ist auch ein Spiel mit dem Ekel, dessen heimliches Zentrum ein Schlachtraum im Keller des Hauses. Die Blut- und Fleischgerüche dort hätten sich während der Dreharbeiten zur Belastungsprobe ausgewachsen, ließ Co-Star Birgit Minichmayr wissen. Zumutungen dieser Art könne man jedoch für sich benutzen, meint Josef Hader: „Mir geht’s als Schauspieler so, dass ich von meinem Widerwillen profitiere. Ich trinke etwa Dinge, vor denen mir normalerweise grauen würde, besonders gern, wenn die Rolle es verlangt. So ist das auch mit einem Raum, in dem Schlachtvieh hängt: Man dreht dort eine Woche und vergisst dabei, die Tiere auszutauschen, was man eigentlich schon nach drei Tagen hätte tun müssen, was aber ohnehin viel zu kompliziert wäre. Also lässt man es bleiben: Das ist eben ein österreichischer Film. Da kann man froh sein, dass es noch kein Geruchskino gibt.“

Seit 1991 hat Josef Hader nur drei Bühnenprogramme verfasst („Im Keller“, 1992; „Privat“, 1994; „Hader muss weg“, 2004) und Hauptrollen in einem knappen Dutzend Filmen gespielt. Hochproduktiv kann man das nicht nennen. Dem Terminchaos, das er in diesen Wochen über sich ergehen lassen muss, entgeht er mit so viel kreativer Zurückhaltung aber auch nicht. Vor wenigen Wochen wurde „Der Knochenmann“ bei der Berlinale uraufgeführt, der Start des Films in Deutschland und Österreich wollte begleitet werden, nebenbei muss er seine Pathologenserie drehfertig machen, und seit Mitte Februar ist Hader auch wieder auf Deutschlandtournee. So sehr er sich bemüht, die beruflichen Strapazen per Selbstüberlistung auszublenden – es will nicht recht gelingen. Im Jänner etwa habe er sich einen extradünnen neuen Kalender gekauft, „wo man Übersicht über jeweils einen ganzen Monat hat – und es für jeden Tag nur eine kleine Zeile gibt. Da kann man ganz wenig eintragen.“ Leider sei die Strategie nicht aufgegangen. Der Stress ist nicht geringer geworden, nur der Weißraum, um sich daran zu erinnern.

Restangst. Die Schauspielerei sieht Hader im Übrigen „nicht als Beruf“. Ein richtig guter Schauspieler dürfe sich „nichts scheißen – und das kann ich nicht“. Er versuche, „dieses Unvermögen eh zu verschleiern, so gut es geht“, stellt er mit charakteristischem Understatement fest. Man müsse es aber ohnehin anders formulieren: „Ein Schauspieler, der sich gar nichts scheißt, ist nämlich auch nicht gut, denn er wird garantiert dazu tendieren, zu viel zu tun. Eine gewisse Restangst braucht jeder gute Schauspieler. Im Idealfall ist man von hoher Angst besetzt, zugleich aber ist man in der Lage, sie im Ernstfall über Bord zu werfen. Ich möchte mich nun weder kokett unterschätzen noch überschätzen; ich denke, dass ich Rollen, die mir liegen, ganz gut spielen kann, wenn sie sehr genau meinem Spektrum entsprechen. Es müssen Figuren sein, die an ihre Grenzen stoßen. Die nicht extrovertiert sind und vielleicht sogar Furchtbares tun. Aber man kann sie verstehen. Das ist mein Spezialgebiet. Davon sollte ich mich nicht zu weit entfernen. Ein richtig guter Schauspieler kann sich da weiter hinauswagen als ich.“

Eine bestimmte anarchische Kraft hat er sich jedoch bewahrt, als Autor und als Schauspieler. Wenn es um die Sprengkraft des Humors gehe, denke er „sofort an Gerhart Polt, der tief in die Abgründe der Menschen blicken lässt. Oder an den großen Tiroler Kabarettisten Otto Grünmandl, der sich mit 65 ohne jede äußere Komik auf die Bühne gestellt und mit der ganzen Würde seines Alters völligen Wahnsinn geredet hat. Der Witz verwandelt das Anarchische, die Auflösung der Ordnung, in etwas irrsinnig Angenehmes, fast Tröstliches.“ Scherze „über den Tod, über Krebs, über alles Existenzielle“ seien eben stärker „als Witze über Installateure, Schwiegermütter oder Bundeskanzler. Man lacht sich aus seiner eigenen Existenz hinaus. Das immerhin leistet der Witz: Er bietet Gelegenheit zum Luftschnappen, kurzfristige Freiheit. Man steht für eine halbe Sekunde außerhalb jeder Ordnung.“

Die exzellenten Kritiken , die „Der Knochenmann“ in Deutschland letzthin verbucht hat, freuen Hader ebenso wie seine auch dort wachsende Popularität als Kabarettist. An eine Ausweitung der Filmkarriere ins benachbarte Ausland glaubt er nicht. Da winkt er lächelnd ab. Jenseits von Österreich sei er leider „beschränkt einsetzbar“, schon seines Dialekts wegen. „Ich bin ja nicht ausgebildet. Mein Hochdeutsch reicht wahrscheinlich nicht einmal dafür, um im ,Winzerkönig‘ einen Burgenländer spielen zu können.“

Der Trailer zum Film "Der Knochenmann" mit Josef Hader