Absturz auf Raten

Vor sechs Monaten galt die AUA als „saniert“, jetzt muss sie notverkauft werden – von den Herren, die das Desaster mitverantwortet haben.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass Repräsentanten eines österreichischen Konzerns, zumal mit staatlicher Beteiligung, die eigene Hilflosigkeit öffentlich einbekennen. Dienstag vergangener Woche trat also AUA-Chef Alfred Ötsch in Begleitung seines Aufsichtsratsvorsitzenden Peter Michaelis vor Journalisten, um zu offenbaren, was letztlich niemanden mehr überraschte: Die AUA braucht einen „strategischen Partner“, und das ziemlich prompt. Andernfalls nämlich, so Ötsch wörtlich, drohten „alle Grausamkeiten, die Sie sich nur vorstellen können“. Nun können wir uns tatsächlich eine ganze Kette an Grausamkeiten vorstellen: Weniger Personal bekommt weniger Gehalt für weniger Service auf weniger Strecken, wo dann weniger Passagiere für weniger Einnahmen sorgen. Weil dadurch aber die Schulden (im Falle der AUA fast zwei Milliarden Euro) nicht automatisch weniger werden, droht früher als später das Unvermeidliche: die Pleite.

Die gewerbliche Fliegerei ist kein einfaches Geschäft. Einst große Namen wie PanAm, Swissair, Sabena oder Ansett Australia sind längst im Pantheon der Luftfahrt, anderen wie Alitalia und eben Austrian Airlines fehlt nicht mehr viel dahin. So betrachtet dürfte man dem AUA-Management eigentlich keinen Vorhalt machen. Aber ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Denn das Wie wirft Fragen auf: Wie ist es möglich, dass Alfred Ötsch noch im Februar dieses Jahres öffentlich beteuerte, die AUA sei „saniert“, nun aber plötzlich auf einen Jahresverlust von 90 Millionen Euro zusteuert? Wie ist es möglich, dass ebendieser Alfred Ötsch noch bis vor wenigen Wochen davon überzeugt war, das Unternehmen werde aus eigener Kraft bestehen können? Wie ist es möglich, dass Ötsch seit Amtsantritt 2006 eine ganze Reihe defizitärer Strecken streichen ließ, die jetzt von anderen Airlines profitabel betrieben werden? Vor allem aber: Wie ist es möglich, dass dieser Mann immer noch im Amt ist?

Auf solche Fragen hat der AUA-Chef die immergleichen Erklärungen parat: Mal ist es der Wettbewerbsdruck durch Billigflieger, mal sind es die Personal- und Wartungsaufwendungen, neuerdings aber immer öfter die Treibstoffpreise. Dann wären da noch steigende Zinsen (verteuern Kredite), fallende Aktienkurse (erschweren die Kapitalbeschaffung), verwöhnte Passagiere (wollen First-Class-Service, aber nichts zahlen), Dann-doch-nicht-Investor Mohammed Bin Issa Al Jaber (will die versprochenen 150 Millionen Euro auch nicht zahlen), die Medien (ahnungslos und anmaßend) – und wenn gar nichts mehr hilft: das Wetter (mit Gegenwind fliegt es sich bekanntlich schwerer). Das mag, unterschiedlich abgestuft, auch alles zutreffen. Aber sind das nicht Fährnisse, denen jedes Unternehmen, egal in welcher Branche, ausgesetzt ist? Rohstoffe werden immer teurer, gutes Personal ist es sowieso, Kunden sind prinzipiell anstrengend, und die Konkurrenz schläft nie. Genau deshalb braucht es alerte Führungskräfte – hat Ötsch denn ernsthaft geglaubt, er bekomme seine Jahresgage von zuletzt 523.200 Euro fürs Papierfliegerfalten?

Als er die AUA-Spitze im April 2006 erklomm, hatte der frühere Siemens-Manager zwei sehr präzise Direktiven im Gepäck: Er sollte die Airline sanieren – und deren Eigenständigkeit sichern. Ötsch hat kaum mehr als zwei Jahre gebraucht, um an beiden Vorgaben kolossal zu scheitern. Und dieser Mann soll die AUA nun in Verkaufsgespräche führen? Dass ihm Peter Michaelis dabei zur Seite steht, wirkt in diesem Kontext eher wie eine gefährliche Drohung. Als Aufsichtsratschef und Vertreter des AUA-Hauptaktionärs ÖIAG, also der Republik Österreich, sollte Michaelis eigentlich darüber wachen, dass die Vorgaben der Aktionäre aus 2006 auch tatsächlich umgesetzt werden. So gesehen ist Ötschs Versagen auch das seine. Anders gesagt: Das 42,75-prozentige AUA-Paket der ÖIAG ist – auch unter dem Eindruck der Finanzkrise, aber eben nicht nur – an der Börse heute keine 150 Millionen Euro mehr wert. Vor einem Jahr waren es noch fast 500 Millionen Euro – wir reden hier von Steuergeld.

Und trotz allem erliegen Ötsch und Michaelis dem Trugschluss, sie könnten mit Mitbewerbern wie etwa der Lufthansa demnächst auf Augenhöhe verhandeln. Jener Lufthansa, die in einem Arbeitskampf steckt, weil das Management nicht gewillt ist, die Belegschaft am unternehmerischen Erfolg teilhaben zu lassen. Töricht ist, wer ernsthaft annimmt, Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber würde die desolate AUA fortan besser behandeln als die eigenen Leute. Da hilft es auch nichts, dass er Österreicher ist. Der Mann wurde schließlich nicht ins Unternehmen geholt, um Geschenke zu verteilen.
Die Deutschen würden die AUA zum Schleuderpreis ­erstehen und trotzdem nicht umhinkommen, eine Reihe der zitierten „Grausamkeiten“ Wirklichkeit werden zu lassen; am Ende wäre die AUA kaum mehr als eine zusammengestutzte Regionalfluglinie. Ist es wirklich das, was die Bundesregierung will? Oder ist es nicht vielmehr Eingeständnis des eigenen Unvermögens, weil man die AUA-Gremien gar so lang unbehelligt zaudern ließ?