Affäre: Billiger Freibrief

Ex-Libro-Chef André Rettberg will sich freiwillig stellen. Bei seiner Einvernahme könnte er aber eine böse Überraschung erleben.

Es könnten einem fast die Tränen kommen. Mit Hilfsarbeiten „für einen Stundenlohn von vier bis fünf Euro“ will sich André Maarten Rettberg während der vergangenen 16 Monate über Wasser gehalten haben. In einem billigen Zimmer mit Schimmel an der Decke und WC und Dusche am Gang habe er gehaust, erzählte der 47-Jährige dem Magazin „News“. Heimkommen wollte er bis vor wenigen Tagen trotz dieser widrigen Umstände nicht. Schließlich hätte er hier mit seiner sofortigen Inhaftierung rechnen müssen.

Die Justiz wirft dem ehemaligen Chef und Aktionär der 2001 kollabierten Handelsgruppe Libro eine Reihe von Malversationen vor: Untreue, Betrug, grob fahrlässige Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen sowie versuchte betrügerische Krida. Zum letzten Delikt liegt unter der Aktenzahl 33UR180/02f seit geraumer Zeit eine fertige Anklageschrift vor. Ihr zufolge soll Rettberg mithilfe zweier ebenfalls angeklagter Anwälte beachtliche Summen in Sicherheit gebracht haben und bis heute über ein Vermögen von zumindest 3,4 Millionen Euro verfügen. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Dass der Ex-Manager mit seinen privaten Gläubigerbanken wegen angeblicher Mittellosigkeit einen Schuldennachlass von 85 Prozent ausverhandelt hat, erfüllt nach Ansicht der Justiz den Tatbestand der versuchten betrügerischen Krida. Am 2. Februar 2004 war deshalb gegen ihn ein internationaler Haftbefehl erlassen worden. Rettberg tauchte unter und hielt sich 16 Monate versteckt – in Amsterdam, wo er familiäre Wurzeln hat.

Dass sich Rettberg nun doch den Behörden stellen will, hat vor allem einen Grund: Sein Rechtsanwalt Elmar Kresbach hat im Justizministerium eine Art Freibrief erwirken können. Das mit 13. Juni datierte Schreiben verspricht Rettberg „das sichere Geleit“ gegen eine Kaution von 150.000 Euro. Die Summe hätten „Freunde“ aufgebracht, sagt der Ex-Manager. Wer diese sind, sagt er dagegen nicht. Unklar ist auch, wer dem Mittellosen die Anwaltshonorare finanziert – Advokat Kresbach ist nicht eben eine Mezzie.

Befristete Freiheit. Rettberg kann sich bis 30. September unbehelligt in Österreich bewegen. So lange hat er auch Zeit, sich einer Einvernahme durch den Untersuchungsrichter zu stellen. Oder auch nicht.

Der ministerielle Geleitschutz ist nicht unumstritten. Dem Vernehmen nach haben sich Staatsanwalt und U-Richter dagegen ausgesprochen. Ein Beamter: „Wir müssen nun untätig warten, ob er zur Einvernahme kommt oder nicht. Zudem stellt sich die Frage, woher die Kaution stammt. Wenn jemand im Verdacht steht, Millionen verschoben zu haben, kann man ihn doch nicht für 150.000 Euro auf freien Fuß setzen.“

Umso mehr, als die Krida-Anklage eigentlich nur ein Nebenschauplatz der Causa Libro ist. Die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt ermittelt unabhängig davon gegen Rettberg, seinen Ex-Vorstandskollegen Johann Knöbl, Ex-Aufsichtsratspräsident Kurt Stiassny und andere wegen des Verdachts des Betruges und der Untreue. Klarheit soll ein Gutachten des renommierten Sachverständigen Martin Geyer bringen. In einer ersten Teilexpertise vom Jänner dieses Jahres war Geyer bereits zum Schluss gekommen, dass es bei Libro bereits 1999, also zwei Jahre vor dem Kollaps, nicht mit rechten Dingen zugegangen sein dürfte (profil 5/05). Rettberg und seine Mitbeschuldigten haben das stets bestritten.

Das vollständige Gutachten soll spätestens im Oktober vorliegen – und wird wohl in einer Strafanzeige münden. Die Beweise könnten in diesem Fall jedenfalls ungleich schwerer wiegen als im Krida-Verfahren. Mit flapsigen Äußerungen wie jüngst in „News“ wird sich die Justiz wohl nicht abspeisen lassen. Rettberg gegenüber der Illustrierten: „Heute herzugehen und zu sagen, 1999 war die New Economy überbewertet, ist keine Kunst. Jetzt wissen wir das alle. Nur damals hatte die ganze Finanzwelt daran geglaubt.“

Von Martin Himmelbauer