Affäre: Citizen Shame

Megastar Michael Jackson muss sich wegen „mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen“ vor Gericht verantworten. Der Prozess beginnt am 9. Jänner 2004. Die Hintergründe eines lange angekündigten Karriere-Endes.

"Lügen sind Sprinter“, erklärte Michael Jackson in einem auf CNN ausgestrahlten Statement vergangenen Freitag mit allem gebotenen Zweckpathos. „Die Wahrheit läuft Marathon. Die Wahrheit wird diesen Marathon im Gericht gewinnen.“

Auf diesen Marathonsieg hofft allerdings auch Tom Sneddon, Staatsanwalt im kalifornischen Distrikt Santa Barbara, für den der Fall Jackson eine besondere persönliche Bedeutung besitzt. Sah er sich doch vor zehn Jahren um den Karrierecoup seines Lebens, den „King of Pop“ hinter Gitter gebracht zu haben, schmählich betrogen. Schon damals war Jackson unter der Anklage „sexueller Missbrauch von Minderjährigen“ gestanden.

48 Stunden dauerte es diesmal, bis sich Sneddons Beute stellte. Jackson trug Schwarz, als er, abgeschirmt von der Presse, in einem Hangar am Flughafen von Santa Barbara gegen 12 Uhr mittags am vergangenen Donnerstag seinem Privatjet entstieg und sich den Behörden überantwortete. In Begleitung von drei Zivilbeamten wurde „der größte Popstar aller Zeiten“, so Michael Jacksons Selbstverständnis, in das örtliche Sheriff Department geführt. Kraftlos und resignativ streckte der 45-Jährige seine in Handschellen vertäuten Hände nach hinten, als er die Schwelle des Gebäudes überschritt.

Gegen eine Kaution von drei Millionen Dollar (2,5 Millionen Euro), die Abnahme seiner Fingerabdrücke und die Hinterlegung seines Reisepasses wurde Jackson bis zu seinem Prozess, der am 9. Jänner 2004 beginnen soll, eine Stunde nach der Festnahme wieder auf freien Fuß gesetzt.
Die trotzige Victory-Geste für die TV-Kameras konnte wohl nicht einmal ihn selbst darüber hinwegtäuschen, dass seine Lage nicht ernster sein könnte. „Wir haben ein sehr kooperatives Opfer“, verkündete der verantwortliche Sheriff Jim Anderson. „Jeder wusste, was Sache war“, erklärt Todd Gold vom US-Magazin „People“, „jeder hat davon geredet, was Michael mit den Jungs macht, aber bislang konnte es niemand beweisen.“

Das Verteidiger-Team rund um den medienversierten Staranwalt Mark Geragos, der unter anderem schon die Ladendiebstahlsaffäre der Schauspielerin Winona Ryder mit einer Bewährungsstrafe begradigte, arbeitet bereits unter Hochdruck. Der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson sprang für seinen Namensvetter in die Bresche: „Dieser Prozess muss vor Gericht und nicht in den Medien entschieden werden.“ Das schwarze Pop-Establishment, von LL Cool J bis Alicia Keys, erklärte sich solidarisch mit dem gefallenen Popkönig.

Jackson, Vater der drei Kinder Paris, Prince Michael I. und Prince Michael II., drohen aufgrund der Vorwürfe sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen acht Jahre Haft.

US-Rechtsexperten bezweifeln, dass Jackson vor dem allfälligen Beweis seiner Unschuld die eigenen Kinder weiter sehen darf – geschweige denn in weiterer Zukunft das Sorgerecht für sie behalten.

Ein-Mann-Irrenhaus. Am Dienstag vergangener Woche dürfte eine der einzigartigsten Karrieren der Popgeschichte den endgültigen Anfang ihres ohnehin schon lange angekündigten Endes genommen haben. Der einstige Kinderstar Jackson, der in frühen Jahren von Vater Joe mit dem Ledergürtel buchstäblich in die Perfektion gepeitscht worden war, konnte seinen Status als „verlässlichste Gelddruckmaschine des Popgeschäfts“ (so das Magazin „Vanity Fair“) schon lange nicht mehr behaupten. Zunehmend war die frühere Lichtgestalt des US-Entertainments durch verschrobenes Verhalten in die Niederungen eines „Ein-Mann-Irrenhauses“ („New York Times“) herabgerückt. Jackson hielt sich Schlangen und Schimpansen als Haustiere, nächtigte im Sauerstoffzelt, beschäftigte Vorkoster bei Mahlzeiten in Restaurants und raubte seinen drei – angeblich durch künstliche Befruchtung entstandenen – Kindern die Kindheit, indem er sie rigoros von der Außenwelt abriegelte und sie nur mit Masken und Chiffontüchern verhüllt ins Freie gehen ließ.

Schreckgespenst. An die Tatsache, dass Jackson durch zigfache chirurgische Eingriffe seit 1979 äußerlich zunehmend einem Schreckgespenst aus der Geisterbahn glich, hatte man sich fast schon gewöhnt. Jacksons unbestrittene künstlerische Verdienste (siehe Zeitleiste) verblassten angesichts seiner schaurig-exzentrischen Selbstinszenierungen zusehends. Das megalomane Album „HIStory“ aus dem Jahr 1995 geriet zum tragischen Manifest von Jacksons kaputter Psyche: „Schlag mich, hass mich, aber brechen kannst du mich niemals.“ Mit „Invincible“ (2001) schließlich, einem Machwerk von betongrauer Mittelmäßigkeit, wurde der Mythos von Jacksons kommerzieller Unbezwingbarkeit endgültig zertrümmert: Mit nur fünf Millionen verkauften Exemplaren – bei kolportierten Produktions- und Marketingkosten von 55 Millionen Dollar – besiegelte „Invincible“ den symbolischen Bruch zwischen Jackson und seiner Plattenfirma Sony, deren damaligen Chef Tommy Mottola Jackson öffentlich gar einen Rassisten schimpfte.

Weltweites Entsetzen löste Jackson aus, als er im November 2002 seinen damals neun Monate alten, völlig verhüllten Sohn Prince Michael II. gleich einer Puppe von der Balkonbrüstung des Berliner Hotels Adlon baumeln ließ. Drei Monate später kippte „Living With Michael Jackson“, eine TV-Dokumentation des britischen Journalisten Martin Bashir, die weltweit 27 Millionen Menschen sahen, das ohnehin schwer angeschlagene Denkmal endgültig vom Podest. Der Film enttarnte Jackson als schwerst verhaltensgestörten Entrückten, der seinem Interviewpartner riet, doch „auch mit Kindern in einem Bett zu schlafen“, weil „es einfach bezaubernd und süß ist“.

Als Michael Jackson am Dienstag vergangener Woche gegen 8.30 Uhr im Beisein seiner drei Kinder im Mirage Hotel in Las Vegas das Frühstück einnahm, um sich für die Dreharbeiten zum neuen Videoclip „One More Chance“ zu stärken, standen die 120 dienstbaren Geister auf Jacksons Anwesen „Neverland“ bereits unter Schock. 70 Polizisten tummelten sich auf dem 1050 Hektar großen Anwesen in der Nähe von Santa Barbara, Kalifornien, auf dem Jackson seine Vision einer Tempelanlage im Geiste der Infantilität, inklusive Streichelzoo, sprechender Blumenbeete und Süßigkeitenautomaten, umgesetzt hat. Citizen Kane als ewiges Kind.

Jeder der ermittelnden Polizisten hatte die Kopie eines Haftbefehls „wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs“ gegen Michael Jackson in der Tasche. Das Timing der Hausdurchsuchung entbehrte nicht einer gewissen Perfidie. Denn am selben Tag erschien auch Jacksons neue CD „Number Ones“, eine Kollektion seiner größten Hits, die den Mythos der früheren künstlerischen Größe noch einmal lukrativ beschwören soll. Die einzige neue Nummer der „Best of“-Sammlung, die vorab ausgekoppelte Single „One More Chance“, schaffte nicht einmal den Einstieg in die Top 100 der Billboard-Charts. Kaum eine Radiostation wagt es mittlerweile noch, Jackson-Nummern zu spielen.

Als Produzent der Reue-Ballade „One More Chance“ firmiert übrigens der R&B-Sänger R. Kelly, der vergangenes Jahr in 21 Fällen der Kinderpornografie beschuldigt wurde und ebenfalls nur aufgrund einer Kaution in Millionenhöhe noch Freigänger ist. Kelly drohen im Höchstfall 60 Jahre Haft. Doch diese Pikanterie fiel im Zuge der kollektiven Erregung kaum noch jemandem auf.

„No bullshit“-Tom. 15 Stunden lang dauerte die Razzia auf „Neverland“ vergangene Woche. Darauf dürften sich die Beamten offenbar eingestellt haben, denn sie hatten neben Laboreinrichtungen auch Proviant und Mobiltoiletten mitgebracht. Im Zuge der Durchsuchung wurden Videos, Fotos, Briefe und der Privatcomputer des Stars beschlagnahmt sowie Textilproben aus den Schlaf- und Badezimmern entnommen. Angeführt wurde die Operation von Tom Sneddon, jenem „No bullshit“-Staatsanwalt mit Schnauzbart, der mit Michael Jackson seit zehn Jahren eine Rechnung zu begleichen hat. Genau im November 1993 nämlich hatte Sneddon Jackson wegen nahezu identer Anschuldigungen ins Fadenkreuz genommen. Der damals 13-jährige Jordan Chandler, Sohn eines Zahnarzts und Möchtegern-Filmproduzenten sowie häufiger „Neverland“-Gast, hatte behauptet, von Jackson zu Masturbationsspielen und Oralverkehr genötigt worden zu sein. Als „Jordy“ sich weigerte, habe Jackson, laut Chandlers Aussage im Polizeibericht, „zu weinen begonnen und ihm das Versprechen abgerungen, dass das ein Geheimnis bleiben muss“.

Pädophiler Onkel. Eine groß angelegte Hausdurchsuchung unter Tom Sneddons Ägide konnte die Beweislage damals jedoch nicht verdichten. Jackson schrie wiederholt und öffentlich: „Lügen, Lügen, Lügen!“, ließ sich in der Folge jedoch einen außergerichtlichen Vergleich mit dem Chandler-Clan kolportierte 20 Millionen Dollar kosten. Offiziell galt Jackson dadurch wohl als unschuldig, doch das Stigma vom pädophilen Onkel blieb an ihm haften. Die Aussagen anderer minderjähriger „Neverland“-Gäste, die bestätigten, mit Michael Jackson ab und an in einem Bett geschlafen zu haben, wobei er sich allerdings „nur so zum Spaߓ angeschmiegt habe, wirkten eher kontraproduktiv.

Entsprechend genüsslich zelebrierte Sneddon, damals um den Scoop geprellt, „diesen Verrückten“ aus dem Verkehr zu ziehen, seinen Presseauftritt am vergangenen Mittwoch in Santa Barbara, einen Tag vor Jacksons Verhaftung. „Kommen Sie bald hier rüber, und stellen Sie sich!“, rief er Jackson in Western-Manier über die TV-Kameras zu. Ob sich die Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs auf die Aussagen mehrerer Opfer stützen, ist bislang im Unklaren geblieben.

Der Nachrichtensender CNN zitierte anonyme Quellen, die angaben, dass es sich bei den Klägern um die Familie eines zwölfjährigen Buben handle, dessen Psychotherapeut die Behörden alarmiert hatte. Die TV-Station Fox Network berief sich ihrerseits auf Informanten, welche die Dimension der Anschuldigung noch potenzierten. Jackson soll sein mutmaßliches Opfer mit Alkohol und Tabletten zuerst wehrlos gemacht und dann missbraucht haben. Das missbrauchte Kind sei überdies schwer krebskrank. Vor zehn Jahren war Jackson am Ende noch einmal mit dem Scheck davongekommen. Im Gegensatz zur Chandler-Causa dürfte die Angelegenheit diesmal mit Geld allein nicht mehr aus der Welt zu schaffen sein.