Affäre: Die Spur der Brüder S.

Im deutschen Fußball-Skandal geraten heimische Vereine ins Zwielicht. Die Hauptverdächtigen unterhielten bis zuletzt enge Kontakte nach Österreich.

Es waren nur ein paar Andeutungen. Aber sie dürften ausreichen, um die österreichische Fußballszene nachhaltig zu erschüttern. Am Freitag, den 28. Jänner 2005, stellte sich Schiedsrichter Robert Hoyzer um 10.15 Uhr in der Kanzlei seines Anwalts einer ersten Einvernahme in der Strafsache 68Js 51/05, besser bekannt als der deutsche Fußball-Skandal.

Hoyzer steht im dringenden Verdacht, zumindest ein halbes Dutzend Fußballspiele der ersten und zweiten deutschen Liga manipuliert zu haben – zu Gunsten einer Gruppe bosnisch-kroatischer Geschäftsleute um die Brüder Milan, Ante und Filip S., die von ihrem „Café King“ in der Berliner Rankestraße Nummer 23 aus ein groß angelegtes, internationales Wettbetrugssystem aufgezogen haben sollen.

Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt wegen banden- und gewerbsmäßigen Betruges. Bei Hausdurchsuchungen konnte eine Fülle belastender Indizien gesichert werden. Obendrein entdeckten die Fahnder mehrere Bankkonten der Brüder S., auf denen 2,44 Millionen Euro geparkt waren. Das Geld wurde umgehend beschlagnahmt.

Hoyzer belastet zumindest zwei weitere Schiedsrichter und ein Dutzend Spieler, die seinen Aussagen nach in Schiebereien involviert waren. Der Deutsche Fußballbund (DFB) prüft 15 Spiele der 1. und 2. Bundesliga sowie der Regionalliga auf Unregelmäßigkeiten.

Ermittlungen. Auch der österreichische Fußballbund ÖFB hat unmittelbar nach Auffliegen der Affäre eine Sonderkommission eingerichtet. Sie muss nun feststellen, ob auch hierzulande geschoben wurde.

Offenbar waren die Herrschaften aus Berlin nicht nur in Deutschland tätig. Die Köpfe der Bande dürften bei der Entfaltung ihrer kriminellen Aktivitäten drei weitere Länder besonders im Visier gehabt haben: Griechenland, Kroatien – und Österreich. Und auf Österreich kam auch der geständige Kronzeuge und mutmaßliche Komplize Robert Hoyzer bei seiner ersten Einvernahme zu sprechen.

Hoyzer-Zitat aus profil exklusiv vorliegenden Ermittlungsakten, die den österreichischen Behörden am Donnerstag vergangener Woche übermittelt wurden: „Ich weiß, dass Filip (einer der Brüder S., Anm.) der Kontaktmann für den Bereich Österreich war und ist. Das heißt, er hat Kontakt zu österreichischen Fußballvereinen und Spielern.“

Der Schiedsrichter weiter: „In diesem Zusammenhang ist mir bekannt, dass er zu Spielern des österreichischen Vereins aus Bregenz Kontakte hatte. Namen dieser Spieler sind mir nicht bekannt. Unter ihnen soll sich aber ein Torhüter befinden.“

Die Kriminalabteilung des Landesgendarmeriekommandos Vorarlberg schaltete rasch. Unmittelbar nachdem Sicherheitsdirektor Elmar Marent die brisanten Unterlagen auf den Tisch bekommen hatte, wurden Ermittlungen eingeleitet. Marent: „Es gibt Hinweise, dass von Berlin nach Bregenz etwas gelaufen ist.“ Im Klartext: Für die österreichischen Behörden besteht der begründete Verdacht, dass die in deutscher Untersuchungshaft sitzenden Brüder S. auch in Österreich ins Spielgeschehen eingegriffen haben könnten.

Im Zentrum des behördlichen Interesses: die Torhüter des österreichischen Bundesligisten und Tabellenletzten Casino Schwarz-Weiß Bregenz, darunter Almir Tolja, Stammgoalie. Tolja streitet jede Verbindung zu den Verdächtigen, namentlich zu Filip S., vehement ab: „Ich kenne niemanden dieses Namens“, erklärte er vergangene Woche und unterzeichnete eine entsprechende eidesstattliche Erklärung.

Dem Goalie, der seit der Saison 2002/ 2003 insgesamt 7470 Minuten für SW Bregenz im Tor stand, sind aus derzeitiger Sicht keine strafrechlich relevanten Verfehlungen vorzuwerfen. Allenfalls sportliche. In der laufenden Spielzeit hat der 1,87 große und 86 Kilogramm schwere bosnische Teamkeeper bei Bregenz bedauerlich oft daneben gegriffen. In den vergangenen 21 von insgesamt 36 Runden kassierte sein Verein 52 Tore. Nur zehn weniger als in der gesamten vorangegangenen Saison.

Niederlagen. Besonders schmerzhaft waren die Monate Juli und August 2004. In den ersten sechs Spielen erlitt Bregenz drei Heimniederlagen (darunter ein 0:9 gegen Austria Wien) und verlor auch die drei Auswärtsspiele. Torverhältnis: fünf geschossen, 25 bekommen.

Der Verdacht der Behörden, für den es derzeit allerdings keinerlei Belege gibt: Die Brüder S. könnten auch Partien von SW Bregenz manipuliert und an Niederlagen des Vereins verdient haben. Ende vergangener Woche eilte SW-Bregenz-Präsident Hans Grill seinem Goalie zu Hilfe. Er sprach wörtlich von einer „Verwechslung“ mit einem anderen Torhüter: „Ich glaube nach wie vor nicht, dass Tolja etwas damit zu tun hat. Er hat die eidesstattliche Erklärung mit Freuden unterschrieben.“

Wie der Berliner Schiedsrichter Hoyzer bei seiner Vernehmung ausgerechnet auf den österreichischen Tabellenletzten Bregenz gekommen sein mag, vermochte Grill bislang allerdings nicht schlüssig zu erklären.

Hoyzer gab zudem an, die Brüder Milan, Ante und Filip S. seien „immer wieder mit dem Auto nach Österreich gefahren“, um hier Wetten abzuschließen.

Tatsache ist, dass bei mutmaßlichen Betrügereien auch österreichische Buchmacher zum Handkuss gekommen sind. Wie bereits vergangene Woche berichtet, haben zumindest drei Wettanbieter in Westösterreich und Wien fünf- bis sechsstellige Beträge bei Begegnungen verloren, die jetzt im Zentrum der deutschen Ermittlungen stehen.

Tatsache ist auch, dass Milan, Ante und Filip S. bis zum heutigen Tage eng mit Österreich verbunden sind.

Sie haben ihre Wurzeln in der bosnischen Gemeinde Bugojno, 80 Kilometer nordwestlich von Sarajevo. Vor dem Bürgerkrieg war ein Drittel der dort lebenden Bevölkerung kroatischen Ursprungs. Die meisten von ihnen, darunter auch die Familie S., mussten flüchten. Einen Teil des Clans zog es nach Berlin, ein anderer blieb in Wien hängen.

Hier kreuzen sich ihre Wege mit einem Kroaten, dessen Rolle demnächst Behörden in Deutschland und Österreich beschäftigen dürfte: Marko V.

Verbindungen. Der heute 50-Jährige hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe geschäftlicher Aktivitäten in Deutschland, Österreich und Kroatien entfaltet – als Gründer von Bauunternehmen, als Immobilienspekulant, als Hotelier, vor allem aber als Manager von Fußballern. Seit 25. Juli 2002 verfügt V. über eine Lizenz des Weltfußballverbandes FIFA zur Vermittlung von Spielern. In Österreich unterhielt er bis Ende der neunziger Jahre vier unscheinbare Gesellschaften, die allesamt nicht mehr existieren. Sie wurden entweder liquidiert oder in Konkurs geschickt. An einer der ehemaligen Adressen im vierten Wiener Gemeindebezirk befand sich – Zufall oder nicht – auch ein Kaffeehaus der Familie S. Das Lokal wurde inzwischen ebenfalls aufgelassen.

Einer von V.s Verwandten wiederum spielt im Kader des Amateuervereins SD Croatia Berlin – jenes ominösen Fußballvereins also, bei dem bis zuletzt auch die Brüder S. als Spieler und Sponsoren engagiert waren.

Nach profil vorliegenden Informationen hat Manager V. deutschen und österreichischen Vereinen mehrere Spieler aus Bosnien und Kroatien vermittelt. Selbst im fernen Japan soll der Geschäftsmann seine Schützlinge untergebracht haben.

Auch wenn V. mit den Umtrieben der Brüder S. nichts zu tun hat, könnte das Betrugssystem dennoch über derartige Verbindungen gelaufen sein: Spielervermittler, die Kicker bei den richtigen Vereinen platzieren; Spieler, die sich dafür erkenntlich zeigten; daneben aufstrebende Schiedsrichter wie Robert Hoyzer, die das schnelle Geld lockt – und selbst Helfershelfer in Wettbüros. profil liegt der Fall eines großen österreichischen Anbieters vor, der bis Ende vergangenen Jahres einen Buchmacher kroatischer Herkunft beschäftigte. Der Eigentümer: „Wir wissen jetzt, dass er Einsätze auf Spiele angenommen hat, von denen heute klar ist, dass sie geschoben waren. Wir haben uns von ihm getrennt.“ Ob der Mann mit den Brüdern S. gemeinsame Sache gemacht hat, ist noch unklar. Den Schaden will sein früherer Chef nicht beziffern.

Mutmaßungen, Verdächtigungen, Vorwürfe: In Österreich brach nach Bekanntwerden der möglichen Spur zu Bregenz vergangene Woche eine regelrechte Schiebungshysterie aus. Plötzlich galt jedes Spiel, bei dem überdurchschnittliche Einsätze registriert worden waren, als möglicherweise manipuliert (siehe Kasten).

„Es gab zwei sehr auffällige und sechs zumindest auffällige Spiele, in denen extrem hohe Umsätze mit Wetten gegen den Favoriten gemacht wurden“, erklärte Arnold Redhammer, Sprecher des Anbieters bets-4-all.com gegenüber dem „Kurier“: „Wir werden die Zahlen dem ÖFB und der Staatsanwaltschaft weiterleiten.“

Das Meisterschaftsmatch GAK gegen Admira Wacker Mödling am 8. Dezember des Vorjahres etwa, bei dem ungewöhnlich viele Zocker auf einen 5:2-Sieg der Grazer gesetzt haben sollen – der schließlich auch eintrat.

Drohungen. Oder die Relegationsspiele zwischen Bad Bleiberg und Blau-Weiß-Linz um den Aufstieg in die erste Division (Red-Zac-Liga). Die Linzer hatten das Hinspiel in Kärnten mit 2:0 gewonnen und waren als haushohe Favoriten ins entscheidende Heimspiel am 12. Juni 2003 gegangen. Zur Halbzeit stand es 2:1 für die Linzer, ehe diese in der zweiten Hälfte 2:4 untergingen. Bad Bleiberg stieg auf. Und bescherte vorerst Unbekannten, die hohe Summen auf die krassen Außenseiter aus Kärnten gesetzt hatten, satte Gewinne. Konkrete Hinweise auf Unregelmäßigkeiten seitens der Mannschaften gibt es allerdings nicht.

Schließlich wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Leoben im Mai 2004 Ermittlungen eingeleitet hatte, nachdem einer der Spieler des Zweitligisten SV Kapfenberg, der Kroate Dragan Bodul, vor einem Match gegen LASK Linz angeblich von der Wettmafia bedroht worden war. „Chef“, eröffnete er Präsident Erwin Fuchs vor dem Anpfiff, „wir müssen verlieren. Wenn wir beim LASK gewinnen, dann passiert meinen Kindern etwas.“ Alle Boduls sind bis heute wohlauf. Kapfenberg verlor 2:0.

Dem Vernehmen nach sollen gerade auf Spiele von Kapfenberg im asiatischen Raum exorbitant hohe Summen gesetzt worden sein. Dass der kroatische Spielervermittler Marko V. und enge Vertraute der mutmaßlichen Wettbetrüger Milan, Ante und Filip S. immer wieder geschäftlich in Japan weilte, mag ein Zufall sein. Faktum ist, dass aus der Region über das Internet immer wieder auffällige Wetten bei deutschen und österreichischen Buchmachern gespielt wurden.

Profiteure. Obschon die Ermittlungen der Behörden in Deutschland und Österreich erst am Anfang stehen, lässt sich heute bloß eines mit Gewissheit sagen: Nicht jedes Spiel, bei dem hohe Wetten eingegangen wurden, war auch manipuliert. Nicht jeder Favorit, der einem Außenseiter unterlegen ist, hatte gedungene Spieler in seinen Reihen. Und: Auch wenn Betrüger versuchten, den Spielverlauf zu beeinflussen, führte das nicht zwangsläufig zum gewünschten Ergebnis. Schiedsrichter Robert Hoyzer selbst scheiterte nach eigenen Aussagen zweimal daran, ein Match durch absichtliche Fehlpfiffe umzudrehen. In eine andere Partie musste er dagegen überhaupt nicht eingreifen, weil sie ohnehin vorstellungsgemäß verlief.

Völlig unklar bleibt indes, wie groß der Kreis der Investoren und Profiteure rund um die Brüder Milan, Ante und Filip S. wirklich gewesen ist.

In Berlin kursiert inzwischen das Gerücht, das Trio hätte das „Café King“ wie eine Privatbank der besonderen Art geführt. Demnach seien dort Schwarzgelder, von Geschäftsfreunden aus Ex-Jugoslawien zur Veranlagung übernommen und auf ausgesuchte Spiele gesetzt worden – um die programmierten Wettgewinne anschließend blütenweiß und steuerfrei unter Abzug von Spesen auszuzahlen.

Gut möglich, dass auch Gelder aus Österreich durch das System geschleust wurden. Belegen lässt sich dies vorerst nicht. Die Verdächtigen haben sich seit ihrer Verhaftung vor nunmehr drei Wochen als echte Steher erwiesen. Sie schweigen. Und zwar beharrlich.