Affäre: Doppelmoralkeule

Eine EU-Kunst-Plakataktion hat alte Reflexe ausgelöst. Der Boulevard entrüstet sich, die Politik hat von nichts gewusst, und die Verantwortlichen geben sich enttäuscht.

Man kann der Gegenwartskunst vieles unterstellen. Man kann sie beliebig nennen, unverständlich oder auch weltfremd, aber eines ist ihr nicht leicht abzusprechen: Meinungen mobilisiert nichts und niemand besser als sie. Als die Projektgruppe „25 Peaces“ am Dienstag vergangener Woche ihre anlässlich der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft initiierte Plakataktion „Peace gerollt“ (oder „euroPART“) mit 150 Kunstarbeiten aus den 25 Mitgliedsstaaten der Union auf 400 Wiener Leuchtwerbetafeln (so genannten Rolling Boards) enthüllte, setzte innerhalb weniger Stunden ein Flächenbrand der öffentlichen Meinungen ein.

Die „Kronen Zeitung“ gab in ihrer Mittwochsausgabe, angestachelt von drei sexuell konnotierten Sujets, den Ton vor („EU-Werbung mit Porno-Plakaten“) – die Regierung setzte wenig später nach: Durch die drei inkriminierten Arbeiten werde „die Menschenwürde verletzt“, ließ das Bundeskanzleramt (BKA) wissen – und beklagte die in den Bildern stattfindende „Verächtlichmachung“ prominenter politischer Persönlichkeiten. Kunststaatssekretär Franz Morak nannte die Plakate, mit denen sein Büro nichts zu tun hatte, „sexistisch“ und ebenfalls „verletzend“. Die Opposition sah sich in der heiklen Causa nun zwar außerstande, inhaltlich anderer Meinung zu sein, geißelte das Kunstprojekt aber immerhin als Schnapsidee der Bundesregierung. SPÖ-Klubobmann Josef Cap beklagte, populistisch korrekt, den Umstand, dass der Bund „Porno-Plakate“ mit einer halben Million Euro subventioniert habe. SP-Kultursprecherin Muttonen fand die strittigen Darstellungen „sexistisch“ und „geschmacklos“, und sogar die FPÖ bezeichnete die Plakate als „frauenfeindlich und sexistisch“ – nicht ohne gleich noch den Rücktritt des neben Wolfgang Lorenz als Projektleiter bei „25 Peaces“ fungierenden Bundestheaterholding-Chefs Georg Springer einzufordern. Selten, so scheint es, war sich Österreichs Politlandschaft so einig wie in der Ablehnung dreier simpler Fotografien.

Sexismus? Feminismus? Dabei macht offensichtlich der Kontext die Musik: Die anstößigen Ansichten – zwei von dem spanischen Künstler Carlos Aires inszenierte Nacktsexszenen mit Politikermasken sowie das Bild eines nur mit EU-Slip bekleideten Frauenkörpers, die ironische Variation eines Courbet-Gemäldes, angefertigt von der Exilserbin Tanja Ostojic, einer durchaus renommierten feministischen Künstlerin – könnten in keiner Kunsthalle dieser Welt besonderes Aufsehen erregen. Sie erhalten ihr Provokationspotenzial erst durch die Präsentation abseits der Kunstschutzzonen: im öffentlichen Raum.

Noch am Donnerstag gingen die Verantwortlichen der „25 Peaces“ unter dem Druck von Politik und Boulevard in die Knie und fassten den Beschluss, die drei Sujets zurückzuziehen. Dem Vernehmen nach soll seitens des BKA sogar damit gedroht worden sein, widrigenfalls eine Subventionsrückzahlung zu fordern. Carlos Aires machte es der Leitung der Projektgruppe jedenfalls leicht, indem er seine beiden Arbeiten auch selbst zurückzog, Tanja Ostojic hingegen beklagte den Ausschluss ihres Bildes ausdrücklich als „Akt der Zensur“.

„Affentheater“ nennt „25 Peaces“-Leiter Wolfgang Lorenz die entfesselte Debatte über drei der insgesamt 150 Bilder leichthin. Dass er, in Zusammenarbeit mit dem Kuratorenduo Ursula Maria Probst und Walter Seidl, die Provokation auch gesucht habe, gibt er indes nur andeutungsweise zu. Sein Kompagnon hat bislang nicht einmal das getan: In einem Fernsehinterview legte Georg Springer tatsächlich Wert darauf, „diese Aufregung nicht beabsichtigt“ zu haben. Kuratorin Probst betonte unterdessen, dass die beanstandeten Bilder keineswegs pornografisch seien; ihre Entfernung bezeichnete sie als „großen Rückschritt in der Freiheit der Kunst und ein starkes Signal für den Neokonservativismus“. Auch ihr Kollege Seidl findet im Gespräch mit profil deutliche Worte. Dem Entschluss, die Arbeiten zu demontieren, habe er zwar zustimmen müssen, aber: „Das war nicht unsere Entscheidung. Aufgrund des medialen und politischen Drucks hätten wir andernfalls das ganze Projekt, also alle anderen 146 Arbeiten, gefährdet.“ Man könne an dem Fall aber sehen, wie groß der Einfluss sei, den Politik und Medien auf die Kunst ausüben, „ohne wirklich ihre Inhaltlichkeit zu kennen“. Das Kunstverständnis habe sich hierzulande in den letzten 40 Jahren kaum geändert, klagt Seidl.

Dass das BKA, wie aus dem Büro Schüssel verlautbart, von den drei Bildern, an denen sich die Aufregung entzündet hat, nichts gewusst habe, gilt inzwischen als widerlegt. Selbstverständlich, sagt Seidl, seien die Sujets dem Förderungsgeber BKA vorgelegt worden, und Lorenz selbst verweist auf den Abdruck der Ostojic-Arbeit in allen Vorabpublikationen der Aktion.

Täuschungsmanöver. Um die Kunstförderung, einen traditionell sensiblen Punkt, rankt sich seit Mittwoch eine eigene Diskussion. Obwohl das BKA zunächst entrüstet feststellte, dass „selbstverständlich keine öffentlichen Gelder“ in das Plakatprojekt geflossen seien, sondern bloß Mittel „eines Sponsors“, erwies sich auch dies als veritables Täuschungsmanöver: Die halbe Million Euro, die das Bundeskanzleramt dem Projekt bereits im Juli zugesagt hat (zusätzlich zu einer Million Euro für das bereits seit Frühling 2005 laufende Großprojekt „25 Peaces“), stammt aus den Dividenden der staatlichen Industrieholding ÖIAG. Dass die 500.000 Euro, die sich Finanzminister Karl-Heinz Grasser erst selbst genehmigen musste, in jedem Fall aus dem Vermögen der österreichischen Regierung stammen, steht somit fest.

„Rund eine Million Euro“ habe die – ursprünglich viel größer, nämlich österreichweit geplante – Plakataktion gekostet, gibt Eberhard Schrempf, Geschäftsführer bei „25 Peaces“, zu Protokoll, wobei die KünstlerInnen-Honorare selbst mit bloß je 1000 Euro zu Buche schlagen.

Der plakative Erregungsfall hat, trotz grotesker Untertöne, einiges über den Zustand der Kulturpolitik und den öffentlichen Umgang mit der Kunst verraten. „Das Feuer mit der Zunge berühren“ steht auf einer der beiden Tafeln vermerkt, die Valie Export dem „euroPART“-Projekt beigesteuert hat. Auf ihrem zweiten Bild sind eine Reihe langer, blutroter, maschinell zustechender Nadeln zu sehen. Für effiziente kleine Sticheleien ist die Kunst, solang sie nah genug am Feuer bleibt, tatsächlich immer gut.

Von Stefan Grissemann
Mitarbeit: Nina Schedlmayer, Peter Schneeberger