Affäre: Freunderln und Wirtschaft

Die Spenderliste der „Freunde der Wiener Polizei“: warum Politiker, Banker und Manager einen Klub fördern, der nun im Visier der Justiz steht.

Ein frugales Festmahl im exklusiven Ambiente eines Wiener Luxushotels, ein Reisegutschein im Bawag-Chefbüro, ein Privatjet am Rollfeld des Schwechater Flughafens mit Ziel-Destination Sofia und einem Bundeskanzler an Bord: drei Szenen, die nur mit größter Fantasie zu einem Gesamtbild zusammengeführt werden können und trotzdem kaum Sinn ergeben.

Ein Unternehmenssanierer, ein ORF-Grande und ein Eissalonbetreiber: vier Personen, die nicht notwendigerweise miteinander etwas zu tun haben müssen.

Und dennoch sind sie alle, Szenen und Personen, durch die jüngste Affäre im Umfeld der ohnehin skandalgebeutelten Wiener Polizei verknüpft. Dreh- und Angelpunkt dabei: Adi Krchov, 72 Jahre alt und Chefinspektor in Ruhe. Ein soignierter Pensionist mit wallendem weißem Haar, ebenso schrullig wie schwerhörig, doch selbstbewusst genug, sogar Sonderermittlern, Richtern und Staatsanwälten nur jene Fragen zu beantworten, die er für relevant erachtet. Er war der Assistent von vier Wiener Polizeipräsidenten, inklusive des aktuellen, der Vertraute des nun (nicht rechtskräftig) verurteilten Roland Horngacher, der Jugendfreund von Ex-Bawag-General Helmut Elsner sowie Kassier des „Vereins der Freunde der Wiener Polizei“.

Sofia-Reise mit Kanzler. Er beglich als Kassier, der er ab 2004 erst wieder war, penibel die Rechnung für das Abschiedsessen des pensionierten Staatsanwalts Friedrich Matousek im Hotel Bristol; er übergab als Elsners Postillion den mysteriösen Reisegutschein an Roland Horngacher; er hütete das Gepäck des damaligen Kanzlers und dessen Entourage bei Wolfgang Schüssels legendärem Privatflug mit Helmut Elsner 2003 nach Sofia. Je nach Lesart war er der „heimliche Polizeipräsident Wiens“, wie ihn die Stadtzeitung „Falter“ bei ihrer jüngsten Enthüllungsstory titulierte. Ein Machtmensch, dessen Name Polizeibeamte in ganz Wien sofort habt Acht stehen ließ und lässt, weil man sich’s mit ihm und seinen Freunden nicht verscherzen will. Oder ein kleiner C-Beamter, der seine Penthouse-Miete über dem Wiener Café Landtmann mit den Verkäufen eines Hauses und zweier Spielwarengeschäfte seiner Schwiegereltern finanziert und eben immer nur unbürokratisch geholfen hat, wenn ihn jemand anrief. Details werden Justiz und Korruptionsbekämpfer klären, die den ominösen „Verein der Freunde der Wiener Polizei“ nun unter die Lupe nehmen.

„Wir sind sicher kein Exklusivklub für privilegierten Zugang zu privilegierten Polizisten“, versichert Vereinschef und Ex-Nationalbankpräsident Adolf Wala im profil-Interview. Mag sein, dass die Vereinsleute von Krchovs sonstigen Aktivitäten kaum wussten. Dennoch: Die Spenderliste des Vereins liest sich wie das Who’s who der Reichen und Mächtigen des Landes (siehe Seite 36). Vom Wiener Bürgermeister Michael Häupl und Ex-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer abwärts tummeln sich Top-Banker wie Erich Hampel und Klaus Liebscher sowie Unternehmergrößen wie Karl Wlaschek und Martin Schlaff in dem Verein.

Letzterer sicherte sich zuletzt die Dienste des überall bestens bekannten Krchovs. „Ich bin so eine Art besserer Kammerdiener für Martin Schlaff“, sagt Krchov zu profil. Schlaff selbst bleibt eher knapp: „Er ist mir bekannt“, sagte der Investor jüngst als Zeuge unter Eid im Prozess gegen Horngacher. Schlaffs Sprecher, Michael Fink, wird, darauf angesprochen, unwirsch: „Herr Krchov hat Herrn Schlaff hin und wieder begleitet.“ Er, Fink, gebe „grundsätzlich keine Kommentare zu solchen Dingen ab“. Was er mit „solchen Dingen“ meine? Fink: „Ich meine mit ‚solchen Dingen‘ überhaupt nix. Aus. Ende.“

Einsatz im Prater-Casino. Krchov selbst weist jedenfalls alle zuletzt kolportierten Vorwürfe vehement von sich: „Es soll einmal jemand aufstehen und sagen, ich hätte für irgendjemanden interveniert. Ich habe nie interveniert!“ Seine Kontakte scheinen dennoch bestens zu funktionieren. Dass Anrufe bei ihm durchaus fruchteten, ist nun auch gerichtlich bestätigt. Ex-Polizeikommandant Roland Horngacher wurde in erster Linie wegen eines Einsatzes seiner Polizisten gegen Schwarzafrikaner in einem Prater-Casino verurteilt. Der Anruf dazu kam von einem Manager des Glücksspielkonzerns Novomatic (auch Vereinsmitglied) bei Krchov, der wiederum verständigte Horngacher. Krchov empfindet derlei nicht als Intervention. Man hätte Dinge nicht nur für Vereinsmitglieder schneller abgewickelt. „Wenn Sie, Herr Staatsanwalt, für sich oder Ihre Frau einen Reisepass gebraucht hätten, hätten wir das auch schneller erledigt.“ Und selbst Polizeipräsident Peter Stiedl spielt gegenüber profil diese Art des direkten Drahts herunter: „Wenn jemand dringend eine Strafregisterauskunft gebraucht hat, kam es schon vor, dass er sich an Krchov als Vereinsvorstand gewandt hat, ob er ihm nicht helfen könnte, schneller dazu zu kommen. Das ist dann schnell erledigt worden. Aber wenn Sie mich anrufen wegen eines Problems mit Ihrem Auto und Sie wissen, ich weiß, wer die richtige Stelle dafür ist, dann werd ich Ihnen die auch sagen. Bitte das ist doch Bürgerservice.“

Diesen „Service“ soll der Klub seinen Mitgliedern geboten haben, worin die Beteiligten nichts Böses erkennen wollen. Als der kasachische Ex-Botschafter Rakhat Aliyev einen Parkplatz vor seiner Botschaft brauchte, rief er Vereinspräsident Wala an. Der sagte ihm, wer für Derartiges zuständig sei. „Mehr nicht“, beteuert Wala. Aliyev sponserte via Verein dennoch einen Defibrillator für ein Einsatzfahrzeug der Polizei.

Vorgänge wie diese lassen Ermittler nun hellhörig werden. Dabei war der „Verein der Freunde der Wiener Polizei“ mit der besten Absicht gegründet worden, „das Mäzenatentum auf eine unkünstlerische, nüchterne, amtsschimmelverfallene Atmosphäre abzuwandeln“, wie der „Kurier“ im März 1973 über die Vereinsgründung ironisch vermerkte. Seine erste Aktivität: die Ehrung eines Polizeibeamten namens Gaunersdorfer wegen dessen „dienstlicher Leistungen“. Über 200 Verdächtige hatte er festgenommen, 13 Menschen vor dem Tod gerettet. Weitere 5999 dieser Vereins-Ehrungen sollten bis Ende des vergangenen Jahres folgen. „Verletzte, erkrankte und in Not geratene Bedienstete der Wiener Polizei“ wollte man unterstützen. Aus heutiger Sicht weit befremdlicher liest sich die „Einrichtung eines Informationsdienstes und Leistung von Hilfestellung“, die in den Statuten ausdrücklich vorgesehen war, „um Bevölkerung und Wiener Polizei einander näherzubringen und konkrete Ansprechpartner zur Lösung von Problemstellungen zu nennen“.

Verein als Selbstzweck. Doch so hehr der Gründungszweck auch gewesen sein mag, irgendwann im Laufe der Jahre kam dem Verein, ohne dass es jemand gemerkt hätte, seine Geschäftsgrundlage abhanden. Der Verein wurde Selbstzweck. „Mir war die karitative Achse des Vereins immer zu wenig ausgeprägt“, sagt Ex-Bank-Austria-Vorstand und Vereins-Vize Heinz Gehl. Zu viele andere Organisationen hatten sich auf die Unterstützung notleidender Polizisten und ihrer Anverwandten gestürzt. Irgendwann waren alle Polizistenwitwen versorgt, alle versehrten Kollegen subventioniert. Und so verlegte man sich auf die Unterstützung der aktiven Exekutive: Polizeitreffen wurden gesponsert, Wachstuben ausgemalt, selbst Polizeiautos wurden für die Behörde angeschafft. Ein Verein von Prominenten begann plötzlich die ureigenste Aufgabe des Staates zu übernehmen. Wo die Republik auf Kosten der Polizisten sparte, sprang der Verein ein. Auf die Idee, das eigene Gewicht zugunsten der Polizei in die politische Waagschale zu werfen, kam niemand. Im Gegenteil: Um die Mittelmisere der Exekutive zu beheben, stellte sich der Verein als Umverteilungsstelle für Finanztransaktionen zwischen den Körperschaften zur Verfügung. In den neunziger Jahren subventionierte die Stadt Wien den Verein mit rund 25 Millionen Schilling. Von dort floss das Geld in die Polizei: 200 Bildschirmarbeitsplätze gab’s für die Behörden, Millionen wurden in die Sanierung von Wachstuben investiert, hunderte Faxgeräte, Drucker und Kopierer angeschafft. Selbst ein komplettes Versorgungsfahrzeug stiftete die Stadt Wien der Bundespolizei via Verein. Als würden Finanznöte der Exekutive im Ressort-Budget des Innenministeriums nicht veranschlagt und Finanzausgleichsverhandlungen zwischen Bund und Ländern Selbstzweck. Selbst die Nationalbank übernahm im Jahr 2003 die Finanzierung von 16 Einsatzfahrzeugen (Marke: VW-Polo); wieder via Verein.

Der Promi-Klub, bei dem eine Jahresspende von rund 1000 Euro Usus war, generierte so auch durch indirekte Finanzmittel Prestige und Einfluss. Dass dies –ähnlich wie die Mitgliedsausweise im Scheckkarten-Format – den einen oder anderen Polizisten dazu verleiten könnte, das eine oder andere Auge zuzudrücken, selbst wenn die Mitglieder das nicht goutieren würden, lässt sich nicht ausschließen, räumt auch Vereins-Vize Gehl ein. „Es war aber nie Zweck des Vereins! Wir wollen die Polizei unterstützen, nicht behindern.“ Vereinspräsident Wala will nun mit Innenminister und Polizeipräsident über die Zukunft des Vereins beraten, Krchov kündigte seinen Rückzug an. Innenminister Günther Platter meldete sich bisher nur zaghaft zur Causa. Er ließ sich übrigens kürzlich auch vom Verein einladen: Bei der Ausmusterung von rund 60 Junginspektoren in der Polizeischule der Wiener Marokkaner-Kaserne war auch der Innenminister am Buffet. Sponsor des Caterings: die „Freunde der Wiener Polizei“.

Von Josef Barth