Affäre: Kriminalfall Böhler

Im Zusammenhang mit den Verkaufsplänen beim börsenotierten Edelstahlkonzern Böhler-Uddeholm ist es offenbar zu massiven Insidergeschäften gekommen. Die Finanzmarktaufsicht prüft.

Geheimhaltung war oberstes Gebot. Der Ort der vertraulichen Zusammenkunft musste gleichermaßen neutral wie unbeobachtet sein. Fündig wurden die Herrschaften in den Räumlichkeiten einer großen Wiener Wirtschaftsprüfungskanzlei im ersten Bezirk. Der Zeitpunkt wurde zudem so gewählt, dass keine Mitarbeiter mehr im Hause waren. Dienstag, 13. März, nach Büroschluss.

Die zwölf Verschworenen waren also unter sich: drei Vertreter des Finanzinvestors CVC Capital Partners, der fünfköpfige Vorstand des Böhler-Uddeholm-Konzerns um Generaldirektor Claus Raidl, der Badener Rechtsanwalt und Böhler-Großaktionär Rudolf Fries, dazu die Rechtsvertreter von Böhler und CVC. Der Inhalt der Gespräche war hochbrisant und nicht für Außenstehende bestimmt: Die CVC-Gruppe deponierte bei dem Treffen ihre klare Absicht, die Aktienmehrheit des börsenotierten Edelstahlkonzerns zu übernehmen. Das tat die Gruppe zwar im Lauf der vergangenen vier Jahre mehrfach. Diesmal war es den Investoren aber offenbar ernst.

Leck im Sicherheitsnetz. Doch sosehr sich die handelnden Personen auch bemüht hatten, die Informationen unter sich zu halten, irgendwo war offenbar doch etwas nach draußen gesickert. Sei es, dass sich einer der Teilnehmer nicht an das Schweigegelübde gehalten, oder sei es, dass schlicht jemand die Runde beobachtet hatte. Bereits am Tag nach diesem ersten Meeting – am Donnerstag sollte ein zweites folgen – hinterließ das Zusammentreffen jedenfalls unmissverständliche Spuren an der Wiener Börse. Während am Dienstag exakt 186.815 Böhler-Uddeholm-Aktien zu Kursen zwischen 57 Euro und 58,39 Euro pro Stück gehandelt worden waren, kam es am Tag danach zu deutlich größeren Transaktionen. Fast 900.000 Böhler-Papiere wechselten im Handelsverlauf des 14. März den Besitzer – mehr als fünfmal so viele wie an einem durchschnittlichen Handelstag. Und das war erst der Anfang. Am Donnerstag sollten weitere 836.177 Aktien einen Abnehmer finden, der Kurs stieg auf Werte zwischen 58,81 Euro und 62,60 Euro.

Ursachenforschung. Eine vermeintliche Erklärung dafür wurde am Donnerstag auch gleich geliefert: Der deutsche Stahlkonzern Salzgitter wolle Böhler-Uddeholm übernehmen, wurde am späten Vormittag in Börsekreisen gemunkelt. Entweder eine schlichte Fehlinformation oder ein gezielt gestreutes Gerücht, mit dem vor den wahren Vorgängen abgelenkt werden sollte. Jedenfalls dementierten beide Parteien noch vor Ende des Handelstages entschieden. Die Aktie schloss mit einem Kurs von 62,40 Euro.

Am Freitag schließlich fand die Kursorgie ihren vorläufigen Höhepunkt. Eine bereits am Vormittag bei einem Broker deponierte Order, 991.660 Aktien zum Tagesschlusskurs zu kaufen, katapultierte die Aktie auf nie da gewesene Werte. Platziert wurde der ominöse Auftrag um 17.27 Uhr, also drei Minuten vor Börseschluss. Da waren die Böhler-Papiere längst rar geworden. Die große Nachfrage und das knappe Angebot trieben den Kurs unaufhaltsam nach oben. Wenige Minuten nach offiziellem Börseschluss lag der fiktive Stückpreis sogar bei 1000 Euro. Erst eine Stunde später sollte wieder eine ausreichende Anzahl zur Verfügung stehen. Der bis heute unbekannte Käufer musste letztlich 81,39 Euro pro Aktie zahlen.

„Ich bin überzeugt, dass jemand von dem Deal Wind bekommen hat. Irgendwer weiß bei solchen Verhandlungen immer vorzeitig Bescheid“, meint Alfred Reisenberger, Chefanalyst bei der Bank Austria Creditanstalt. Er ist in diesen Tagen der einzige Analyst, der es wagt, die Dinge beim Namen zu nennen. Naturgemäß verärgert reagierte Wilhelm Rasinger, Präsident des Interessenverbandes für Anleger (IVA): „Bei mir melden sich laufend Kleinaktionäre, die vollkommen verunsichert sind und wissen wollen, was hier wirklich passiert ist. Meiner Meinung nach sind die Beträge viel zu hoch, um sie mit irgendwelchen Zufälligkeiten zu erklären.“ Anfangs wurde mancherorts nämlich noch versucht, die Kursanomalien damit zu rechtfertigen, dass am 16. März gleichzeitig Fristen von Optionsgeschäften schlagend geworden seien und einige Dividendenfonds Böhler-Uddeholm in ihr Portfolio aufgenommen hätten. „Da können solche Kursausschläge durchaus vorkommen“, versucht auch Börse-Vorstand Heinrich Schaller die Angelegenheit herunterzuspielen.

Eine Argumentation, der die für die Überwachung des Börsegeschehens zuständige Finanzmarktaufsicht (FMA) jedenfalls nicht vorbehaltlos folgen will. „Wir glauben nicht an Zufälle. Wir analysieren Zahlen, Daten und Fakten und ziehen daraus unsere Schlüsse“, sagt FMA-Sprecher Klaus Grubelnik und bestätigt die „routinemäßige Prüfung der Angelegenheit“.

Gutes Geschäft. Unbestritten dürfte nach Meinung profunder Marktkenner jedenfalls sein, dass die Rechnung für einen Teil der Käufer voll aufgegangen ist. „Sie können davon ausgehen, dass in der Schlussauktion am Freitag schon ein paar von ihnen ihre Papiere wieder zu Geld gemacht und dabei ein ordentliches Plus erzielt haben“, sagt ein Fondsmanager. Eine simple Rechnung dazu: Eine Million Aktien, gekauft um Werte von knapp unter 60 Euro und zwei Tage später für 81,39 Euro wieder losgeschlagen, ergibt einen satten Gewinn von mehr als 20 Millionen Euro.

Zitterpartie. Ob sich das Insidertraden auch für jene bezahlt macht, die ihre Böhler-Aktien bis heute halten, muss sich hingegen erst zeigen. Viele von ihnen dürften im Schnitt zumindest 70 Euro pro Stück bezahlt haben. Ende vergangener Woche notierte das Papier bei Werten knapp darunter. Bestenfalls ein Nullsummenspiel also.

Auch sind sich manche Marktbeobachter nicht mehr so sicher, ob der Deal zwischen der BU Industrieholding von Anwalt Fries – diese hält derzeit 20,95 Prozent – und CVC tatsächlich zustande kommt. Christian Wildmoser, aus Oberösterreich stammender CVC-Partner, war bei seinem ersten öffentlichen Auftritt zur Sache jedenfalls bemüht, allzu große Hoffnungen zu dämpfen. „Ja, wir haben eine Vereinbarung mit Herrn Fries getroffen“, so Wildmoser am Mittwoch vergangener Woche. Diese sei aber „unverbindlich“. Da seine Investmentgruppe derzeit aber nur „prüfe, ob eine Übernahme infrage kommt“, liefen auch noch keine Fristen. Erklärt ein potenzieller Käufer nämlich seine klare Absicht, muss er diesen Schritt innerhalb der folgenden 40 Tage in die Tat umsetzen, sprich allen Aktionären ein offizielles Übernahmeangebot legen. Widrigenfalls muss er für den Zeitraum von einem Jahr die Finger davon lassen.

Auch was dieses Pflichtangebot betrifft, könnte es noch zu einigen Diskrepanzen kommen. Für die Festlegung des Preises gibt es im Wesentlichen zwei Richtwerte: den Durchschnittskurs der letzten sechs Monate – im Fall von Böhler rund 55 Euro – oder jenen Preis, um den der Käufer bereits zuvor Unternehmensanteile erworben hat. Mit 55 Euro würden sich vermutlich weder die Fries-Gruppe noch sonstige Anleger abspeisen lassen. Dem Vernehmen nach soll sich das vorläufige CVC-Offert an Fries bei knapp unter 70 Euro bewegen. Diesen Betrag müsste die Käufergruppe dann aber allen Aktionären bieten. Somit würde die Übernahme der Mehrheit an Böhler-Uddeholm – das erklärte Ziel der Kaufinteressenten – in Summe zumindest 1,7 Milliarden Euro kosten.

Und dieses Ziel sei ziemlich unverrückbar, sagt Investor Wildmoser. „Wir wollen in jedem Fall die Mehrheit, es müssen aber keine 100 Prozent sein.“ Müssten es letztlich unter Umständen aber doch. Wenn nämlich alle Aktionäre dem Abfindungsangebot zustimmen, muss CVC auch alles aufkaufen. Macht zu den kolportierten Konditionen die schlanke Summe von 3,4 Milliarden Euro. Eine Dimension, die CVC Capital Partners in ihrer 26-jährigen Geschichte erst zweimal erreicht haben. Und das nicht unbedingt im Alleingang wie jetzt bei Böhler-Uddeholm. Laut Wildmoser sei jedenfalls nicht einmal daran gedacht, Partner hereinzunehmen, geschweige denn gäbe es konkrete Gespräche dazu.

Bieterwettstreit oder Finte? Hinzu kommt, dass zuletzt Gerüchte laut wurden, es gebe noch weitere Interessenten. „Ich habe so etwas vernommen“, bestätigt Böhler-Chef Raidl und erklärt bereitwillig, sich „selbstverständlich mit allen ernst zu nehmenden Interessenten zu unterhalten“.

Ob es diese Mitbewerber tatsächlich gibt oder es sich dabei um eine gezielt gestreute Information handelt, mit der der offizielle Interessent zu einem höheren Gebot bewogen werden soll, weiß derzeit wohl nur Anwalt Rudolf Fries.

Davon, dass CVC ihm und seinen Vorstandskollegen eine Unternehmensbeteiligung, zumindest aber eine Erfolgsprämie in Aussicht stellt, zeigt sich Raidl eher unbeeindruckt: „Glauben Sie mir, das ist für mich derzeit wirklich nicht das schlagende Argument.“

Ohne die Zustimmung des Managements will Christian Wildmoser, wie er sagt, „das Geschäft jedenfalls nicht machen“. Ein erster Schriftwechsel hat bereits stattgefunden. Mitte vergangener Woche ging eine Art Positionspapier in der Böhler-Chefetage ein, Anfang dieser Woche wird Raidls Antwort beim Gegenüber einlangen. Über den Inhalt dieses Schreibens hüllt sich der Generaldirektor freilich in Schweigen. Ein grundsätzliches „Nein, danke!“ wird es nicht sein. „Wir haben bei CVC die Chance, eine Art Geschäftspolitik festzulegen. Einklagbar ist so etwas später natürlich nicht“, sagt er. Ausgemacht sei der Verkauf jedenfalls noch nicht. Raidl: „Die Sache ist noch lange nicht gelaufen. Ich habe den Eindruck, dass das einige ein wenig gar zu optimistisch sehen.“

In wenigen Wochen dürften sich diesbezüglich allen die Augen geöffnet haben. Auch wenn, was rechtlich umstritten ist, die Fristen für ein Angebot tatsächlich noch nicht laufen, wird sich CVC nicht unnötig lange Zeit lassen. Diese Woche wird Böhler-Uddeholm seine – sehr erfreuliche – Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr präsentieren und damit vermutlich einen weiteren Kursanstieg auslösen. Hält sich die Aktie nun über mehrere Wochen bei Werten um die 70 Euro, kann die Sache nur teurer werden. Spätestens Ende April sollten die Fakten auf dem Tisch liegen.

Bis Licht in die mutmaßlichen Insidertransaktionen kommt, werden hingegen zumindest Monate vergehen. Böhler-Uddeholm ist eines der wenigen Papiere am Wiener Markt, für das sich auch ausländische Investoren interessieren. Um Informationen über deren Orders zu bekommen, müssen erst Rechtshilfeersuchen an die zuständigen Behörden gestellt werden. So etwas kann dauern. „Die FMA hat in der Vergangenheit bei diesen Dingen im Trüben gefischt. Ich rechne nicht unbedingt mit einer Aufklärung“, so Analyst Reisenberger.

In Sicherheit wiegen können sich der oder die Täter dennoch nicht. Ab 12. April müssen sich 16 hochrangige Manager und frühere Eigentümer der Brau Union wegen Verdachts auf Insidergeschäfte vor Gericht verantworten. Diese hätten, so die bereits vorliegende Anklageschrift, Ende 2002 oder Anfang 2003 im Zuge von Verkaufsgesprächen mit dem niederländischen Heineken-Konzern ihr Insiderwissen dazu genützt, um durch gezielte Aktiendeals im Wert von 1,9 Millionen Euro einen finanziellen Vorteil zu lukrieren. Die Angeklagten, darunter Ex-Brau-Union-Generaldirektor Karl Büche sowie Vertreter der Eignerfamilien Beurle, Kretz, Atzwanger, Mirtl und Mathes, bestreiten dies bis heute. Im Falle einer rechtskräftigen Verurteilung drohen ihnen Haftstrafen von bis zu zwei Jahren.

Von Martin Himmelbauer und Josef Redl