Affäre: Schocktherapie

Messerattacken auf Ärzte, Gewalt gegen Schwestern, mangelnde Ausstattung – teils traut sich nicht einmal die Polizei ins Otto-Wagner-Spital: Vertrauliche Unterlagen zeigen dramatische Zustände an der Wiener Psychiatrie.

Es ist ein Tag wie jeder andere in den historischen Pavillons der Baumgartner Höhe. Ein paar verstreute Stück Weihnachtsdekoration erinnern noch an die jüngsten Feiertage. Im muffigen Speisesaal starren verdatterte Menschen in Bademänteln mit leeren Augen in den Fernseher und lauschen gebannt den Problemen der Gäste in der Barbara-Karlich-Show. Im Raucherzimmer nebenan vertreiben sich andere die langen Stunden des Tages damit, Rauchringe in die ohnehin verqualmte Luft zu paffen.

Plötzlich Unruhe im Zimmer am Ende des Ganges. Ein Patient weigert sich, die Bettruhe einzuhalten. Er stößt seine Pflegerin zu Boden und tritt mehrfach brutal auf die Frau ein.

Business as usual auf der psychiatrischen Station des Wiener Otto-Wagner-Spitals. Denn dieser Vorfall steht keineswegs für sich allein.

Die Geschichten über Übergriffe auf Ärzte und Pfleger sind hier, im Spital im 14. Wiener Gemeindebezirk, ein offenes Geheimnis. Eine Ärztin konnte nach der Verletzung durch einen Patienten ihren rechten Arm monatelang nur eingeschränkt bewegen. Zwei Pflegern stach ein Tobender mit einem Messer fast die Augen aus (siehe auch Kasten Seite 16). „Früher hatten wir noch einen solchen Vorfall pro Woche“, sagt ein Mitarbeiter unter Zusicherung von Anonymität, „jetzt sind es manchmal zwei bis drei pro Dienst.“ Dem Personal am Otto-Wagner-Spital (OWS) ist es per Dienstanweisung nicht erlaubt, mit der Presse zu kommunizieren. Jeder Kontakt ist genehmigungspflichtig (siehe auch Kasten).

Doch profil liegen nun interne Papiere aus dem Krankenhaus vor, die für sich selbst sprechen. In zahlreichen E-Mails, Berichten und Sitzungsprotokollen weisen die Betroffenen ihre Vorgesetzten auf die dramatische Personalsituation und die Gefahr für Leib und Leben hin.

Ein Protokoll vom 27. November 2007 zeigt die Ängste der Mitarbeiter. Bei „gewalttätigen und potenziell gefährlichen Patienten“, schreiben zwei Ärzte, hätten „Mitarbeiter im Haus derzeit im Rahmen ihres Dienstes keine Absicherung und würden dadurch ihre Gesundheit und auch ihr Leben in Gefahr bringen“.

Abgesehen davon habe man die Psychiatrie ausgehungert: Regelmäßig komme es zu Dienstzeitüberschreitungen, bei denen sich die Ärzte selbst anzeigen müssten. Dienstposten würden systematisch um drei Monate verzögert nachbesetzt, um Geld zu sparen – wie ein profil ebenfalls vorliegendes Kurzprotokoll der ärztlichen Direktorin zeigt.

Warnung der Ärzte. Schlussfolgerung der Ärzte in einem Hilferuf an ihre Vorgesetzten: „Wir möchten Sie darüber informieren, dass eine adäquate ‚State of the Art‘-Versorgung psychiatrischer/internistischer Notfallpatienten infolge mangelnder personeller und/oder apparativer Ausstattung unseres Hauses nicht möglich ist.“

Benötigen Patienten außerdem aufgrund akuter Notfälle intensivmedizinische Betreuung, müssen sich die Ärzte laut Dienstanweisung „selbstständig um ein Bett in anderen Spitälern bemühen. Das Problem: Werden Patienten auf normalen Intensivstationen hysterisch, schiebt man sie gern auf die Psychiatrie ab. Wird ein Psychiatriepatient ein Fall für die Intensivmedizin, will ihn woanders oft keiner haben.

Selbst die ehemalige SPÖ-Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann nimmt sich in der Debatte kein Blatt vor den Mund: Sie habe schon in ihrer Amtszeit vorgeschlagen, die dortige Psychiatrie aufzulösen und auf andere Krankenhäuser aufzuteilen. Das Areal sei zu weitläufig, die Bauten aus der Jahrhundertwende zu alt. Auch die Anstalt im niederösterreichischen Gugging sei aufgelöst worden. Pittermann: „Diesen Mikrokosmos dort habe ich nie für gut gehalten.“

Eine Folge der Unterbesetzung, wie sie ein Arbeitskreis von Experten des OWS schon vor einiger Zeit protokollierte: „Der Arbeitskreis kommt weitgehend übereinstimmend zur Ansicht, dass vermehrte Personalressourcen (1:1-Betreuung) helfen können, Medikamente einzusparen.“ Mit anderen Worten könnte man sagen: Es scheint, als würden derzeit im Zweifel mehr Beruhigungsmittel verabreicht, als bei besserer Betreuung eigentlich nötig wären.

Der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) weist die Vorwürfe zurück. Und für das Büro von SPÖ-Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely war die Causa schon fast erledigt: Zwölf neue Ärzte, so wurde sie nicht müde, die angebliche Lösung des Problems zu betonen, seien ja ohnehin schon zugesagt. 92 statt 80 Ärzte: Das Problem sei gelöst. Was man weniger gern dazusagt: Bei rund 30 der bisherigen 80 Ärzte handelt es sich um Ärzte in Ausbildung, die also kaum echte Unterstützung sein können. Ebenso wie die neuen zwölf. In anderen Worten: Etwa 40 von 92 Ärzten am OWS genießen mehr oder minder noch Anfängerstatus.

Die nun aufgetauchten Unterlagen stellen die bisherigen Rechtfertigungen des Wiener Gesundheitswesens jedenfalls infrage. Die Psychiatrie wurde in den vergangenen Jahren mit Aufgaben überhäuft, ohne dass die Ausstattung Schritt hielt: Kinder und Jugendliche (der jüngste zehn Jahre alt) müssen nun mitbetreut werden, obwohl die Ärzte keine Spezialausbildung dazu haben; das Nordburgenland schickt seine Patienten, weil „Gugging überraschend schloss“, wie es in einem internen Schreiben heißt. Und selbst das Bundesheer schickte kürzlich einen Grundwehrdiener zur psychischen Tauglichkeitsprüfung für den Grenzeinsatz.

Kritik an Fesseln. Ins Rollen gebracht hatte die Affäre vor wenigen Wochen eine mutige Pflegerin. Der „Wiener Zeitung“ berichtete sie, wie Patienten angeblich stundenlang in eigenen Spezial-, so genannten Netzbetten, angebunden würden. Einige sollen stundenlang in ihren eigenen Exkrementen gelegen sein. Diese Beschränkungen, die nur von Ärzten verordnet werden können, würden am Otto- Wagner-Spital auch von Schwestern und Pflegern vorgenommen, so die Berichte. Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely wies das zurück, keiner der Vorwürfe gegen das Otto-Wagner-Spital könnte bestätigt werden. Die Staatsanwaltschaft Wien prüft die Vorfälle dennoch. 1600-mal wurden Patienten im abgelaufenen Jahr in Netzbetten gesteckt oder mit Gurten ans Bett geschnallt. Eine enorme Zahl, nicht zuletzt zurückzuführen auf die schwache Personalsituation. „Wenn jemand tobt und um sich schlägt, ist er eine Gefahr für sich, uns und die anderen Patienten“, sagt eine Mitarbeiterin im Spital. Weder die landläufig bekannten Zwangsjacken noch Gummizellen gibt es noch in der Psychiatrie. Auch jener Patient, der wegen verordneter Bettruhe die Pflegerin niederschlug und tobte, musste im Netzbett ruhiggestellt werden.

Und die Aggressivität der Patienten steige zusehends. „Früher waren die Leute entweder alkoholisiert oder am Trip eines verbotenen Rauschmittels. Heute haben viele einen ganzen Cocktail an Medikamenten und Drogen intus“, so der Insider. Meist sei Kokain dabei: „Die sind so überdreht, die kriegt man dann kaum mehr in den Griff.“ Auch immer mehr nicht ganz ungefährliche Waffen hätten die Delinquenten bei ihrer Einlieferung dabei: Gaspistolen, Messer, Geflügelscheren – alles schon da gewesen. Bisher wurde es immer noch rechtzeitig gefunden. Bisher.

In einem Protokoll schreiben Ärztevertreter: „Wir haben offensichtlich keine Deckung durch das Rechtssystem.“ Die Ärzte seien damit „weder personell noch von der apparativen Ausstattung in der Lage, mit solchen potenziell gefährlichen Patienten umzugehen“. Es sei bedauerlich, dass am OWS das „Verletzungs- und Aggressionsrisiko als berufsimmanent einfach in Kauf genommen wird und Mitarbeitern sogar von Anzeigen von Körperverletzungen oder Drohungen abgeraten wird!“ Und die Ärzte fordern eine klare Dienstanweisung, wie man Patienten künftig korrekt „niederringen“ solle – oder die sofortige Installierung eines Security-Services, damit man sich wieder auf die Hauptaufgabe – das Heilen – besinnen könne.

Das Problem ist beim Spitalsverantwortlichen, dem KAV, lange bekannt: Bereits am 7. März vergangenen Jahres fasst die Personalabteilung des KAV die Probleme in einem internen Sitzungsprotokoll unter dem Betreff „Körperliche Gewalt und tätliche Übergriffe von Patienten gegenüber Mitarbeitern im OWS“ zusammen. Darin orten die Verantwortlichen eine „wahrnehmbare Steigerung der Gewaltbereitschaft“ sowie Risiken für die „Sicherheit für Mitarbeiter des OWS“.

Bisher einzige Reaktion seitens der Spitalsführung: ein drei Jahre zurückliegendes Deeskalationstraining und ein Selbstverteidigungskurs im Turnsaal für alle Interessierten ...

Die Wiener Grünen haben das Gesundheitsthema für sich entdeckt und machen seither Druck auf die Stadträtin Wehsely. „Die Strukturen in der Psychiatrie in Wien haben sich seit den Reformen der achtziger Jahre leider nicht mehr weiterentwickelt“, kritisiert die Grüne Sigrid Pilz. „Psychische Erkrankungen sind immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Man will die Leute einfach weghaben. Denen, die sich dann um sie kümmern, gibt man aber nicht die notwendigen Ressourcen dazu.“ Wehsely selbst lässt über ihren Sprecher nur auf den ihr unterstellten Krankenanstaltenverbund verweisen. Was Pilz besonders ärgert: „Die Frau Stadträtin ist ausschließlich damit beschäftigt, die problematische Situation wegzuleugnen. Die Menschen hätten aber weit mehr davon, wenn man endlich einräumt, dass es hier ein Strukturproblem gibt – und die Energie darin investiert, dieses zu lösen.“ Doch der Untergebene, KAV-Chef Wilhelm Marhold, sorgt im profil-Gespräch für eine Überraschung. Obwohl das Stadtratsbüro und der Krankenanstaltenverbund seit Wochen predigen, es gebe keine Probleme, verspricht Marhold nun nach den profil-Recherchen die Einrichtung von Security-Services: „Wir werden punktuell Security-Dienste einsetzen und erheben derzeit gerade, in welchen Ambulanzen und Aufnahmestationen das am wichtigsten ist. Die Psychiatrie am Otto-Wagner-Spital gehört aber mit Sicherheit dazu!“ Und nicht nur das: Auch die Anzahl der Pflegekräfte, die in der medialen Diskussion wochenlang als „völlig ausreichend“ qualifiziert wurde, soll nun erhöht werden. 18 zusätzliche Dienstposten werden den sechs Regionalpsychiatrien genehmigt. „Wir wollen die Kräfte dort verstärken, wo sie in der akutpsychiatrischen Versorgung gebraucht werden.“

Ob das Ärzten und Personalvertretern reicht, ist offen. Denn der nächste Ansturm auf die Psychiatrie ist programmiert. Für die Fußball-Europameisterschaft erwarten Experten hunderte so genannter Fans, die sich psychisch nicht im Griff haben: „Und was die alles im Blut haben werden, wollen wir uns gar nicht ausmalen.“

Von Josef Barth