Affäre: Werke sind durch Zufall wieder da

Wer Kunst verleiht, erlebt bisweilen Kurioses. Ein Universitäts­professor findet bei seinem Steuerberater ausgerechnet eines jener Bilder an der Wand, die nach einer Renovierung seines Büros an der Hochschule verschwunden waren. Der Finanzexperte hatte, so dessen Erklärung, das Bild auf der Straße gefunden – an einen Müllcontainer gelehnt.

Ein österreichischer Botschafter nimmt die für seine Amtsräume entliehenen Werke mit nach Hause; nach seinem Tod verpackt die Witwe kurzerhand die Bilder – und lässt sie versteigern. Sogar der 1993 verstorbene Wiener Kulturpolitiker und Kunstsammler Viktor Matejka war einst in einen solchen Fall verstrickt: Von dem zuletzt an einer Wand seines Büros gesichteten „Damenbildnis mit roter Kappe“ von Josef Dobrowsky fehlt bis heute jede Spur.

In der Wiener Artothek, wo man die gigantische Kunstsammlung des Bundes verwaltet und für den Verleih an die hiesige Beamtenschaft präpariert, kennt man solche Geschichten zur Genüge. Vergangene Woche ist eine weitere dazugekommen, diesmal allerdings unter umgekehrten Vorzeichen: Nicht ein weiterer Verlust war anzuzeigen, sondern ein Fund – mindes­tens 15 Arbeiten, die man in der Artothek längst abgeschrieben hatte, fanden sich aufgrund von profil-Recherchen in einer Wiener Villa.

Verkauf. Das Haus hatte im Oktober 2007 den Besitzer gewechselt. In Vorbereitung der geplanten Umbauarbeiten bat der neue Käufer des 600-Quadratmeter-Domizils in der Wolfersberggasse im 14. Wiener Gemeindebezirk, ein russischer Großunternehmer, vor zwei Wochen einen Kunstspezialisten ins Haus, der den Wert des verbliebenen Inventars prüfen und ein Angebot stellen sollte. Als Dienstleister des Dorotheums war Christof Stein, gerichtlich beeideter Kunstsachverständiger und Teilhaber der Wiener Designmöbelhandlung Lichterloh, einigermaßen überrascht, in dem Haus – anders als angekündigt – nicht nur Mobiliar, sondern auch Bilder angeboten zu bekommen. Und 15 der etwas mehr als zwei Dutzend vorgelegten Arbeiten trugen kleine maschinenbeschriftete Zettel mit deutlichem Eigentumsvermerk. „Als ich sah, dass diese Aquarelle und Grafiken aus Beständen der Republik Österreich stammten, begann ich zu forschen, wie und wem diese am besten zurückzuerstatten seien“, erzählt Stein.
Die offerierten Arbeiten entstanden fast durchwegs in den 1950er- und 1960er-Jahren – besonders kostbar sind sie nicht. Einige der Namen sind Kunsthistorikern dennoch gut bekannt: Immerhin finden sich darunter Werke von Godwin Ekhard, Emil Rizek und Hans Pollack, zudem sind Arbeiten von Rudolf Zwickelsdorfer, Franz Schicker, Karl Fränkel und Hildegard von Jantsch vertreten. Alle Bilder der genannten Künstler stammen zweifelsfrei aus den Depots der Artothek des Bundes und sind Teil jener rund 2200 als „unauffindbar“ klassifizierten Werke der seit 1948 bestehenden Sammlung.
Die nun wiedergefundenen Arbeiten wurden, wie die Inventarscheine der Artothek bestätigen, offenbar von den Betreibern eines laut Selbstdefinition „patriotischen“ Vereins namens Österreich-Institut zwischen 1959 und 1964 entliehen – und auch nach dem Ende des Vereins nicht zurückerstattet. Da das Personal der Artothek bei seinen Ermittlungsversuchen vor wenigen Jahren auf den Entlehnscheinen nur eine nicht mehr existente Instituts­adresse (Judenplatz 6), aber keinen namentlich genannten Leihnehmer mehr finden konnte, wurde die Recherche ergebnislos abgebrochen.

Unzureichende Dokumentation. Die Sammlungsleiterin der Artothek, Notburga Coronabless, fügt an, dass „sich von den Entlehnungen, die zwischen 1946 und etwa 1966 stattgefunden haben, eben oft nicht mehr ein handschriftlicher Vermerk direkt auf den alten Inventarscheinen findet – ohne Gegenzeichnung oder Hinweis auf die entlehnende Person selbst“. Die Dokumentation dieser Jahre sei in vielen Fällen „unzureichend“ und habe dazu geführt, dass man, wie eben im Fall des Österreich-Instituts, oft keine Hinweise über den Verbleib einer Arbeit mehr finden könne. Ganz plausibel klingt dies im gegebenen Fall nicht: Ein Blick ins österreichische Telefonbuch hätte nämlich gereicht, um unter dem Eintrag „Österreich-Institut“ auch den Namen Herbert Janoschik zu finden – und dessen Wohnadresse am Wolfersberg.

Die Freigabe der Bilder zum Ankauf habe jedenfalls „irrtümlich“ stattgefunden, wie Janoschik, der langjährige Präsident des Österreich-Instituts, gegenüber profil nun betont. Die Kunstwerke seien mit dem Inventar niemals mitverkauft, sondern von ihm nur „noch nicht abgeholt“ worden – und er habe diese selbstverständlich „immer als Eigentum der Republik Österreich betrachtet“, so Janoschik. Um einem profil-Bericht zuvorzukommen, organisierte der 80-Jährige am Donnerstagvormittag vergangener Woche – von seinem Wohnsitz in der Ramsau am Dachstein aus – einen Transport der Arbeiten in das Bundesmobiliendepot. Dort konnte jedoch nur festgestellt werden, dass diese nicht dorthin, sondern eben dem Unterrichtsministerium gehörten. Er habe sich „an diese Bilder gar nicht mehr erinnert“, erklärt Janoschik unwirsch. Aber es seien Arbeiten, von denen „der längst verstorbene Hofrat Richard Dolberg“, der das Institut 1945 mitbegründet hatte, „schon seinerzeit gemeint hatte, dass sie von so genannten ,minderen Künstlern‘ stammten. Nur angesichts meiner angespannten familiären und gesundheitlichen Situation hab ich mich für diesen Dreck nicht interessiert. Das waren doch nur hilflose Versuche junger Künstler, von der Republik ein Honorar zu kriegen.“

„Der Wert tut erst mal nichts zur Sache“, meint dagegen Ilsebill Barta, die wissenschaftliche Leiterin des Hofmobiliendepots, die noch darauf hinweist, dass sie ähnliche Probleme aus eigener leidiger Erfahrung auch aus dem Mobiliarbereich kennt. „Es geht darum, dass man als Leihnehmer kein Gewohnheitsrecht erwirbt. Es geht ums Prinzip.“ Man könne nicht derart eigenmächtig mit Bundeseigentum verfahren. Der Vorwurf der Bereicherung trifft Janoschik nicht – dazu sind die Arbeiten nicht teuer genug –, wohl aber jener des achtlosen, auch selbstgerechten Umgangs mit österreichischer Kunst. Die insgesamt 40 Bilder, unter denen sich neben Grafiken und Aquarellen auch ein Holzschnitt findet, werden am Montag dieser Woche, so kündigt Barta an, ins Unterrichtsministerium überstellt und anschließend wohl in die Artothek weitergeliefert.

Rechnungshofkritik. Die seit 1948 bestehende Sammlung der Artothek dokumentiert und verwahrt über ein jährliches Ankaufsbudget (derzeit liegt es bei 500.000 Euro) zeitgenössische österreichische Kunst. Über 30.000 Exponate umfasst die Sammlung inzwischen, darunter Arbeiten von Hermann Nitsch, Maria Lassnig, Paul Flora und Max Weiler. Nach der massiven Kritik des Rechnungshofes an der lückenhaften Sammlungsführung der Artothek wurde die Verantwortung 2002 ausgelagert: Nun betreibt eine eigene „Gesellschaft zur Förderung der Digitalisierung des Kulturgutes“ das Depot. Seit fünf Jahren ist die Artothek in der Wiener Speisinger Straße untergebracht, in einem ehemaligen Fernsehstudio, in dem vor Jahren etwa die Realityshow „Taxi Orange“ gedreht wurde. Hier werden die Arbeiten aufbewahrt, dokumentiert und laufend res­tauriert. Und sie sind versichert – übrigens erstmals in der langen Geschichte der Kunstsammlung des Bundes. Vor der Auslagerung seien „die Arbeiten in den Depots der Artothek vor Diebstahl und Beschädigung nicht versichert und geschützt gewesen“, erklärt Artothek-Generalsekretär Christian Pultar.

Verliehen wird vor allem an Bundesdienststellen und -behörden im In- und Ausland, an Ministerien, Botschaften, Schulen und Universitäten. An die 20.000 Arbeiten sind derzeit im Umlauf, ein gutes Zehntel davon muss wegen fehlender Hinweise auf die Leihnehmer als verloren gelten. Die unauffindbaren Werke werden zwar als „gelöscht“ geführt, aber weiter „in Evidenz“ gehalten – für Fälle wie jenen des Herbert Janoschik, der als Ehrenringträger der Gemeinde Ramsau am Dr.-­Janoschik-Weg 1 lebt. Er habe in der Steiermark „viele geschäftliche Tätigkeiten entfacht“ und besitze zudem das Goldene Verdienstabzeichen des Landes Steiermark, so Janoschik: „Ich bin hier sehr bekannt, weil ich große Projekte wie die Dachsteinseilbahn initiiert habe und diverse Firmen saniert habe.“ Er habe nichts zu verbergen und sich nichts zuschulden kommen lassen, betont er. Der Ex-Polizeibeamte, der ab 1955 als Unternehmer eine Holzfachhandlung in Favoriten betrieb, stellt klar, dass er das Österreich-­Institut stets ehrenamtlich betrieb. „Alles war privat finanziert durch Mitgliedsbeiträge und mich selbst.“

Der konservative Verein legte, im Sinne repräsentativer Tätigkeit, von Anfang an Wert auf politische und wirtschaftliche Naheverhältnisse: Das Institut sprang für Kurt Waldheim in die Bresche, Rudolf Kirchschläger und Anton Benya fungierten als Ehrenpräsidenten, und Wirtschaftsvertreter von den Austrian Airlines bis zu den Austria Tabakwerken zählten zu den Mitgliedern. Herbert Neumayer, bis 1997 Chef des Bundespressedienstes, diente dem Österreich-Institut lange als Vizepräsident. Die so glanzlose Geschichte der in seinem Haus „vergessenen“ Kunstwerke passt Janoschik nun nicht ins Bild seiner Laufbahn. Im Keller seien sie an der Wand gelehnt, sagt er, am Boden neben einem langen Schießstand. „Nur fünf der Bilder hatte ich überhaupt aufgehängt – und auch die nur in den einstigen Angestelltenräumen im Parterre“ und da, „wo früher die Gärtner gewohnt haben“. In seinen Salons hätten diese Werke nichts zu suchen gehabt: „Ich hätte mich ja geniert, so schäbige Bilder als meine ,Schätze‘ an die Wand zu hängen.“

Verwischung. Auch wenn Janoschik darauf pocht, dass seine Villa auch nach dem ­Ende des Österreich-Instituts vor Jahren schon weiterhin als dessen Sitz zu gelten habe: Eine Verwischung zwischen beruflichem Einsatz und privater Nutzung liegt hier deutlich vor. Artothek-Chef Christian Pultar sieht darin alles andere als einen Einzelfall: „Trotz der von uns eingeführten Inventarkontrollen, die nun alle fünf Jahre prüfen, wo die entliehenen Arbeiten sich befinden, ist es möglich, dass Leihnehmer die Werke in Eigenregie von ihren Dienststellen abziehen und mit nach Hause nehmen. Das ist zwar nicht erlaubt, aber leider auch nicht zu verhindern.“ „Ich denke, dass es viele solcher Geschichten verlorener Kunstwerke gibt“, setzt der Möbelhändler Christof Stein nach. „Vielleicht regt das Beispiel dazu an, dass nun weitere Werke identifiziert und zurückgegeben werden.“ Ist die Causa Janoschik nur die Spitze des Eisbergs? Die Leitung der Artothek hat inzwischen angekündigt, „eine intensive Recherche nach möglichen weiteren verschollenen Kunstarbeiten, die im Umfeld des Österreich-­Instituts zu finden sein könnten, zu starten“. Im dichten Kunstverkehr ist jedes neue Überholmanöver zu begrüßen.