Afghanistan: Der Tag, als die Taliban zurückschlugen

Sie wissen, dass der Krieg eigentlich vorbei ist – und müssen trotzdem weiterkämpfen. profil war mit US-Soldaten im Osten Afghanistans unterwegs: am Tag, als die Taliban zurückschlugen.

Von Franz-Stefan Gady, Combat Outpost „Wilderness“/ Afghanistan

Der Tod kommt zu Mittag, aus einem wolkenlos blauen Himmel, ohne Vorwarnung: „Incoming! Incoming!“, kann der Sergeant am Funkgerät gerade noch brüllen, bevor ein lautes Heulen ertönt und gleich darauf eine ohrenbetäubende Detonation alle anderen Geräusche auslöscht.

„Incoming“ heißt so viel wie „Geschoß im Anflug“. Diesmal ist es eine Rakete, die auf den Gefechtsstützpunkt „Wilderness“ abgefeuert wurde, ihn knapp verfehlte und im Flussbett daneben explodierte. Aber das war nur der Anfang, das wissen die Soldaten, die sich jetzt keuchend und schwitzend in ihren Bunkern ducken.

Die Luft ist staubtrocken und dünn hier auf 2300 Metern Seehöhe. Das macht jede Bewegung zum Kraftakt, wenn man Kevlar-Helm, kugelsichere Weste und schwere Feldschuhe trägt. Am gegenüberliegenden Hang stiebt eine Herde Ziegen aufgescheucht auseinander.

„Wir haben Verluste“
Gleich darauf heult es auch schon wieder. Dass diesmal ein lauter Knall ausbleibt, ist kein gutes Zeichen, ganz im Gegenteil. Die zweite Rakete hat ein Gebäude getroffen und ist in seinem Inneren explodiert. „Wir haben Verluste“, krächzt es aus dem Funkgerät. Ein paar Sekunden lang ist es still. Und dann sagt einer nur: „Fuck!“

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Der Combat Outpost „Wilderness“ liegt in den Bergen der Provinz Khost im Osten Afghanistans, umgeben von bis zu 4000 Meter hohen Gipfeln an einer strategisch wichtigen Passstraße, und man kann den Gefechtsstützpunkt durchaus als so etwas wie ein Mahnmal für die physischen Grenzen einer Supermacht betrachten.

Anfang 1988 lieferten sich nur wenige Kilometer entfernt 39 sowjetische Fallschirmjäger eine blutige Schlacht mit den Mudschaheddin. Das Gemetzel dauerte zwei Tage lang, kostete sechs Russen und 200 Einheimischen das Leben und ging als „Kampf um Hügel 3234“ in die Kriegsgeschichte ein. Wenig später begann Russland, seine Truppen aus Afghanistan abzuziehen.

Jetzt liegen hier rund 100 amerikanische Soldaten der 101 Airborne Division unter Beschuss: im Wissen, dass auch der Rückzug der USA aus Afghanistan längst beschlossene Sache ist – und dass sie bis auf Weiteres dennoch hier ausharren und kämpfen müssen.

Rund 98.000 Mann umfasst die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF), die Afghanistan nach 30 Jahren Krieg befrieden sollte, derzeit. Bis Dezember 2014 soll sie auf 15.000 Militärs, die reine Beraterfunktionen ausüben, reduziert werden.
Vor zwei Monaten haben die afghanischen Sicherheitskräfte offiziell die Verantwortung für alle Provinzen des Landes übernommen. Seither verlassen die ISAF-Soldaten ihre rund 90 Stützpunkte nur noch selten. Ihre Hauptaufgabe besteht nunmehr darin, die 350.000 einheimischen Soldaten und Polizisten zu unterstützen: logistisch und bei Bedarf durch Luftangriffe. Je weniger sich die westlichen Truppen an Gefechten beteiligen, desto weniger Verluste haben sie zu beklagen. Dennoch wurden heuer bereits fast 120 ISAF-Soldaten getötet – und mehr als 1000 afghanische Sicherheitskräfte.

„Die Afghanen führen den täglichen Kampf gegen die Feinde des Staates an“, sagt Lieutenant General Mark Milley, stellvertretender Kommandant der ISAF und oberster Planungschef der militärischen Operationen im Land.
Das klingt besser, als es in Wahrheit ist. Wie viele afghanische Soldaten und Polizisten desertiert sind, will niemand genau wissen. Und was sie können, ist umstritten. Ein US-Kongress-Bericht spricht nur zehn Prozent der Regierungstruppen die Fähigkeit zu, „unabhängig“ zu operieren.

Die Kosten dafür sind enorm. Das Verteidigungsbudget liegt bei mehr als vier Milliarden Dollar pro Jahr, einem Viertel des gesamten Bruttoinlandsprodukts. Bis 2011 haben die USA 90 Prozent davon aufgebracht, zusätzlich zu den 90 Milliarden Dollar, die ihre eigenen Militäroperationen pro Jahr kosten. Damit könnte es aber auch bald vorbei sein.

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Für die US-Soldaten am Gefechtsstützpunkt „Wilderness“ ist all das kein Thema. Sie liefern sich seit Wochen ein Artillerieduell mit Aufständischen, die mit Granat- und Raketenwerfern aus Pakistan auf afghanisches Territorium vordringen – etwa aus den Stammesgebieten von Nord-Waziristan, wo das Haqqani-Netzwerk regiert: einer der mächtigsten Clans der Region, der zu den erklärten Feinden der afghanischen Regierung gehört und von den USA bereits auf die Terrorliste gesetzt wurde.

Kämpfer der Haqqanis nutzen die Provinz immer wieder als Transitroute nach Kabul, wo mehrere spektakuläre Selbstmordanschläge auf ihr Konto gehen. Zuletzt attackierten sie am 2. Juli in der afghanischen Hauptstadt ein Nachschubdepot der ISAF.

Das ist der unsichtbare Gegner, gegen den US-Soldaten wie der 24-jährige Lieutenant John Orosz oder Staff Sergeant Octavio Herrera, 26, jetzt kämpfen. „Currahee!“, rufen die Soldaten, wenn sie ihre Befehle entgegennehmen – ein Wort aus der Sprache der Cherokee, das in etwa bedeutet: „Wir stehen allein gemeinsam.“

„Churrahee!“, hört man alle paar Minuten hier im Gefechtsstützpunkt „Wilderness“, auch in der Nacht zum 10. August, die sternenklar, mondlos und stockfinster ist. Und in der noch niemand wissen kann, dass Herrera und zwei weitere Soldaten am nächsten Tag tot sein werden – und Orosz schwerst verletzt.

Orosz und die anderen tragen Helm, kugelsichere Weste und darunter Turnhose, T-Shirt und Sportschuhe, als sie ihre Geschütze laden. Auf eines der Rohre hat jemand in gelber Farbe den Slogan „10.000 Taliban“ gepinselt: So viele Kämpfer wollen die Aufständischen einem Geheimdienstbericht zufolge angeblich gegen den Pass anrennen lassen.

„Stand by!“, kommandiert Orosz – „Fire!“ –, und gleich darauf erhellt eine Explosion in mehreren Kilometern Entfernung für Sekundenbruchteile die Nacht. In den vergangenen Wochen hat die Mannschaft der Batterie, Spitzname „The Lost Boys“ („Die verlorenen Jungs“), mehr als 600 Geschoße abgefeuert. Im Gegenzug regnen mehrmals täglich Raketen und Mörsergranaten auf „Wilderness“ nieder.

„Besser sie als wir“
Den Amerikanern hilft dabei ihre technische Überlegenheit. Sie können binnen drei Minuten lokalisieren, woher die Angreifer gefeuert haben, und dann mit ihrem gesamten Arsenal zurückschießen. „Hier im Gebirge gibt es nur sehr wenig Infrastruktur und menschliche Ansiedlungen“, sagt Orosz, während er die Koordinaten für das nächste Ziel in den Gefechtscomputer eintippt: „Der Feind kann sich oft nur hinter irgendeinem Gebüsch auf einem Hügel verstecken. Das macht es beträchtlich einfacher, ihn zu bekämpfen.“ Orosz’ Artilleriezug hat mittlerweile 27 bestätigte „Kills“, der Mörsertrupp allein vier seit Mitte Juli. Die Zahl prangt auf einem alten afghanischen Stahlhelm, der auf einem Holzpfosten steckt.

„Das ist unser Job“, sagt ein Soldat trocken auf die Frage, was er davon hält, Menschen zu töten: „Besser sie als wir.“ Diskussionen über den Sinn des Afghanistan-Einsatzes gehen meist ins Leere.

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Zwei Tage zuvor, am Ende des Fastenmonats Ramadan. Die Afghanische Kompanie hat die amerikanischen Artilleristen zum Mittagessen eingeladen. Es gibt Hammelfleisch und Reis, Lieutenant Orosz und Staff Sergeant Herrera bringen Softdrinks und Kekse mit. Die Stimmung ist herzlich.
„Die Amerikaner sind unsere Brüder“, sagt Oberleutnant Rahulla, Kommandant eines Artilleriezugs, der auf der Bergkuppe oberhalb von Gefechtsstützpunkt „Wilderness“ stationiert ist. Die US-Soldaten trainieren die afghanischen Geschützmannschaften und unterstützen sie bei der Bekämpfung der Aufständischen.

„Wir glauben an uns selbst. Wir können den Feind besiegen“, gibt sich Rahullah kriegerisch, klagt dann aber über fehlenden Nachschub und mangelhafte Ausrüstung: „Wir brauchen noch immer die Hilfe Amerikas.“
Ein hoher US-Offizier erzählt, er habe die Zusammenarbeit mit den Afghanen ohne große Erwartungen begonnen: „Das Einzige, was ich vor meiner Stationierung von diesem Kandak (Bataillon) gehört hatte, war, dass es scheiße ist. Aber in den vergangenen Wochen hat sich einiges getan, sie machen täglich Fortschritte und haben sich zu einer gut geführten Truppe entwickelt.“

Nach dem Essen und einer Besprechung über den Trainingsplan der kommenden Tage verabschieden sich Orosz, Herrera und die anderen mit Umarmungen und Freundschaftsbekundungen und stapfen wieder hinunter auf ihren Posten.

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Als am 11. August um 11.58 Uhr die erste Rakete über den Gefechtsstützpunkt hinwegfaucht, haben die Amerikaner seit der Nacht keinen einzigen Schuss abgefeuert. Sie kommen auch nicht mehr dazu, bis das zweite Geschoß die Decke der Artilleriebarracke durchschlägt, in der Orosz gerade die Koordinaten für den Gegenschlag zugewiesen bekommt.
Die Aufständischen haben dazugelernt: Ihre Späher konnten die genaue Position des Gebäudes lokalisieren, von dem aus die tödlichen Angriffe der Amerikaner gegen sie dirigiert werden.

Um 12.04 Uhr sterben dort Herrera und der 26-jährige Specialist Keith E. Grace Jr. Ein dritter Soldat, Sergeant Jamar A. Hicks, 22, wird auf den nächsten großen US-Stützpunkt, die Forward Operating Base Salerno, ausgeflogen und erliegt dort einige Stunden später seinen Verletzungen. „Manchmal stehen die Chancen einfach gegen dich“, sagt Captain Michael, Kommandant des Stützpunktes, später stoisch: „30 Raketen in 30 Tagen. Irgendwann mussten sie ja etwas treffen.“

In den Minuten nach der Explosion geht alles ganz schnell: Es dauert keine Viertelstunde, bis amerikanische Kampfjets vier 500-Pfund-Bomben über jenem Bergrücken abwerfen, auf dem die Angreifer vermutet werden. Ob sie dort jemanden treffen, weiß niemand. Währenddessen beginnen die Überlebenden bereits, eine neue Artillerieleitstelle aufzubauen.

Kaum jemand spricht, nur ab und zu hört man ein „Yes Sir, Churrahee!“ – und einmal einen lauten Schrei. Er kommt aus dem Krankenrevier, von einem Soldaten, der gerade seine übel zugerichteten Kameraden gesehen hat.

Dort kämpft der Sanitäter Charles Lane, 25, um das Leben von Orosz, der einen Arm zu verlieren droht. Was gerade geschehen ist, war längst nicht sein schlimmstes Erlebnis in diesem Krieg, wird er danach erzählen: „Bei meiner letzten Tour musste ich Leichenteile von 20 Frauen und Kindern bergen, die eine Sprengfalle zerfetzt hatte“, sagt er emotionslos: „Ich versuchte alles, um jeden der Verletzten zu retten, aber manchmal meint jemand auf der anderen Seite: ,Er gehört mir, und ich werde ihn mir jetzt holen.‘ Dagegen kann man nichts machen!”

Später am Nachmittag trägt er die Plastiksäcke mit den persönlichen Habseligkeiten zum Hubschrauberlandeplatz. Sein Gesicht ist jetzt kreidebleich.

Abends läuft in der Cafeteria die Filmkomödie „Jungfrau (40), männlich, sucht …“ Da und dort hört man ein Lachen. An einem Tisch sitzt ein Soldat, vor sich ein Tablett mit Hühnerbrüstchen, Kartoffelpüree, Nudeln und Eiern. Er starrt minutenlang ins Leere, dann steht er auf, ohne einen Bissen angerührt zu haben, und kippt das ganze Essen in den Müllkübel.

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Am Tag nach dem tödlichen Angriff bricht ein Trupp Amerikaner von „Wilderness“ Richtung Westen auf. Sie wollen nach Shawak, einem Stützpunkt der afghanischen Armee, um dort gemeinsame „Kampfpatrouillen“ anzuregen. Seit Juni dürfen ISAF-Soldaten ihre Stützpunkte ohne die Begleitung einheimischer Truppen nicht mehr verlassen.

Lieutenant Jemil Jones, 25, der einzige afro-amerikanische Offizier der Kompanie, hat das Kommando. Bei der Besprechung vor dem Abmarsch erinnert er die Soldaten noch einmal kurz und bündig an die Einsatzregeln: „Wenn ihr einen Typen mit einer Kalaschnikow auf einem Bergrücken seht, blast ihr ihm den Kopf weg. Seht ihr den Bewaffneten aber in ein Dorf laufen, erstattet ihr mir Meldung und tut sonst nichts!“

Was die Patrouille in Shawak erwartet, weiß keiner so recht: „Wir kennen die Soldaten dort nicht sehr gut. Es ist unser erster Besuch. Wir werden sie nicht als Feinde betrachten, aber auch nicht als Freunde. Waffen bleiben am Mann und geladen!“

Dieses Misstrauen hat einen konkreten Hintergrund. Im Jahr 2012 starben insgesamt 37 ISAF-Soldaten bei sogenannten „Green on Blue Attacks“, also Angriffen durch afghanische Sicherheitskräfte, mit denen sie eigentlich zusammenarbeiten sollten – was dazu führte, dass das Pentagon kurzfristig sämtliche gemeinsamen Trainingsmissionen aussetzte.

Seither ist die Zahl der Anschläge zwar stark zurückgegangen, das Risiko bleibt allerdings hoch. Die Afghanen in Shawak empfangen die Amerikaner mit offenen Armen. Der Stabschef des Bataillons, Major Noor Mohamed, kondoliert zu den Verlusten des vergangenen Tages, kredenzt Tee und besteht darauf, Lieutenant Jones den Blumengarten zu zeigen, den er persönlich am Stützpunkt angelegt hat. Der Amerikaner lässt die Führung leicht verunsichert über sich ergehen. Von nichts, brummt er später, habe er weniger Ahnung als von Blumen.

Dann wird es politisch: Die Afghanen beschweren sich über den örtlichen Polizeichef, der korrupt sei und Geld dafür nehme, die Nachschubtransporte für den Gefechtsstützpunkt „Wilderness“ passieren zu lassen. „Der Bezirkshauptmann tut nichts dagegen“, beschwert sich Major Mohamed: „Er gehört abgesetzt.“

Die Amerikaner machen sich still Notizen – mehr können sie eigentlich nicht tun. Die Zeit, in der die ISAF ambitionierte Projekte zur Korruptionsbekämpfung unterstützt hat, sind vorbei. Vor einem Jahr existierten im Bereich des Regional Command East, das für mehr als ein Dutzend Provinzen im Osten Afghanistans zuständig ist, noch 15 sogenannte Provincial Reconstruction Teams (PRTs). Experten für Wiederaufbau und zivile Berater versuchten dort, staatliche Strukturen zu etablieren und abzusichern. Inzwischen arbeiten laut Information der ISAF nur noch drei PRTs – alle anderen wurden im Verlauf des Rückzugs aufgelöst.

Das Einzige, was den Soldaten der westlichen Koalition, die 2001 antrat, um Afghanistan in einen funktionierenden Staat zu verwandeln, noch bleibt, ist, bis zum endgültigen Abzug auszuharren – und zu hoffen, dass sie überleben.

Mit diesen Aussichten macht sich die Patrouille auf den Weg von Shawak zurück nach „Wilderness“. Als sie dort ankommt, ist die Ersatzmannschaft für die getöteten und verletzten Soldaten bereits eingetroffen. Die Geschütze sind wieder schussbereit.

Und vor der neuen Artilleriebaracke ragen drei weiße Holzkreuze aus dem Boden.