Afghanistan-Reportage: Die Akten und die Toten

90.000 geheime Militärberichte, veröffentlicht auf der Website Wikileaks, ­dokumentieren das Scheitern des Westens im Kampf gegen die Taliban. Martin Staudinger hat die Papiere nach Erinnerungen an seine eigenen Erlebnisse am Hindukusch durchstöbert.

Doch, doch – es ist noch nicht lange her, da konnte man mit dem Taxi nach Kandahar fahren, in die Hochburg der Taliban. An einem sonnigen Märztag vor drei Jahren, am Beifahrersitz des klapprigen weißen Kleinwagens von Herrn Noor: Es geht von der Militärbasis Kandahar Airfield in die Stadt, und während Noor einen der über und über mit bunten Ornamenten verzierten Laster überholt, erläutert er, wie man ein zur Autobombe umfunktioniertes Fahrzeug erkennt: „Pkw, nur ein Insasse, aber ein Haufen Gasflaschen.“

So wie der grüne Toyota, der gerade vor uns auftaucht, ein bärtiger Mann hinter dem Lenkrad, ein halbes Dutzend Kartuschen im halb offenen Kofferraum?

„Exakt“, sagt Noor ungerührt und steigt aufs Gaspedal. Der Wagen holpert über eine notdürftig ausgebesserte Stelle im Asphalt. Wenige Tage zuvor hat eine Bombe hier den Fahrbahnbelag aufgerissen.

Zwei Tage später, am 26. März 2007, unmittelbar nach der in ständiger Angst vor Sprengfallen absolvierten Fahrt in einem Schützenpanzer der kanadischen Armee auf derselben Route: Beim Abendessen kommt die Meldung, dass unweit der Basis ein Konvoi in die Luft geflogen ist. Hubschrauber steigen auf, schwer bewaffnete Rettungskräfte rücken aus.
„At 261640ZMAR07 TF Kandahar reported a FF convoy struck an IED“, beginnt der Report (siehe Faksimile), den Soldaten der NATO-geführten Sicherheitstruppe ISAF über den Anschlag verfasst haben – und der sich jetzt unter den über 90.000 Militärakten wiederfindet, die vergangene ­Woche von der Website Wikileaks veröffentlicht wurden.

Es ist ein seltsames Erlebnis, darin zu stöbern und dabei auf Vorfälle zu stoßen, mit denen man bei Recherchen in Afghanistan zumindest mittelbar selbst konfrontiert war. Nicht nur, weil die Erinnerung an ein übermächtiges Gefühl der Ausgesetztheit zurückkehrt. Auch, weil die Berichte der Militärs in ihrer Gesamtheit nun schwarz auf weiß den Verdacht belegen, der sich schon Anfang 2007 aufdrängte: dass die Lage in Afghanistan bereits zu diesem Zeitpunkt unwiderruflich gekippt war.

Damals wollte das aber noch kaum jemand eingestehen. Die Militärs malten rote Kreise auf ihre Stabskarten, um damit die befriedeten Gebiete zu markieren. Dass die Taliban, die sich in den abgelegenen Winkeln der Provinz wieder breitmachten, mit bombastischer Rhetorik eine blutige Frühjahrsoffensive angekündigt hatten, nahm niemand so recht ernst. Die Zahl der Angriffe und Attentate war zwar im Steigen begriffen, die Fläche der von der internationalen Schutztruppe ISAF kontrollierten Zonen schien aber ebenfalls immer größer zu werden. Bald, versicherten die Kommandanten der westlichen Truppen, würden sie den Großteil ihres Einsatzgebiets mit roten Kreisen als sicher markieren können.

Die schiere Zahl der „sicherheitsrelevanten Vorfälle“, die nunmehr von Wikileaks aufgelistet werden, entlarvt diese Beteuerung nachträglich zumindest als Zweckoptimismus: 1263 waren es im März 2007, 1514 im darauffolgenden April.

In manchen Monaten des Jahres 2009, mit dem die Dokumentensammlung endet, sind es bereits deutlich mehr als 3000 – und das ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Immerhin handelt es sich dabei nur um einen Teil aller Berichte, die von den am Hindukusch stationierten ISAF-Truppen verfasst wurden. Wie repräsentativ die von Wikileaks präsentierte Auswahl ist und wer sie nach welchen Kriterien getroffen hat, bleibt unklar.

Ein lückenloses Bild der westlichen Kriegsführung in Afghanistan ergibt sich aus den Dokumenten also keineswegs, zur Vervollständigung dieses Bilds trägt ihre Veröffentlichung dennoch maßgeblich bei. Immerhin bestätigen die Berichte jene unabhängigen Beobachter und Menschenrechtsorganisationen, die seit Jahren darauf hinweisen, dass die stetige Ausweitung der militärischen Aktionen nicht zur Stabilisierung des Landes geführt hat, sondern im Gegenteil zur Eskalation der Lage. Mehr Truppen – das hat schon in der Vergangenheit mitnichten mehr Sicherheit und weniger Gewalt bedeutet, sondern: mehr Widerstand, mehr Tote und damit wie das Amen im Gebet die Forderung nach noch mehr Truppen.

Was an der ständig länger werdenden Liste getöteter ISAF-Soldaten auf der täglich aktualisierten Website icasualties.org abzulesen ist oder an den Berichten von NGOs wie Human Rights Watch über die immer weiter steigende Zahl an zivilen Opfern, deckt sich vollinhaltlich mit der Informationslage der NATO.

Es deckt sich aber auch mit den persönlichen Erfahrungen aus einer Reihe von Afghanistan-Reisen in den vergangenen acht Jahren. Im Frühjahr 2002, unmittelbar nach dem Fall der Taliban, war es möglich, sich mehr oder minder im ganzen Land zu bewegen: Von den Aufständischen drohte damals weitaus weniger Gefahr als von den wild entschlossenen Spezialeinheiten, Söldnern und Kopfgeldjägern, die nach Osama Bin Laden und seinen Gefährten suchten.

Fünf Jahre später, 2007, waren große Teile des Südens für westliche Ausländer bereits nicht mehr zugänglich. Man konnte es, ein paar Sicherheitsvorkehrungen vorausgesetzt, aber noch riskieren, auf eigene Faust das Stadtgebiet von Kandahar zu besuchen: Herr Noor vermied es bloß, sich mit seinen Fahrgästen länger als eine Dreiviertelstunde am gleichen Ort aufzuhalten oder Spaziergänge im Bazar zu unternehmen.

Im Sommer 2009 ließ es die Lage in den südlichen Provinzen längst nicht mehr angeraten scheinen, sich außerhalb der Camps ohne Militärs aufzuhalten – mit ihnen übrigens auch nicht, weil man damit erst recht zum Ziel wurde. Von der Torwache der Militärbasis Kandahar Airfield hätte Herr Noor ­seine Fahrgäste gar nicht mehr ohne Weiteres abholen können: Autos mussten bereits weit davor stoppen, die Insassen ihre Ausweise gut sichtbar aus dem Fenster halten, nervöse Wachsoldaten überprüften die Personaldokumente per Feldstecher, das Gewehr schussbereit im Anschlag
Zahl und Fläche der roten Kreise auf den Stabskarten der Militärs waren im Vergleich zum Jahr 2007 nicht wesentlich größer geworden, die als halbwegs sicher geltenden Gebiete an den Fingern abzuzählen. In einem abgelegenen Tal der Provinz Uruzgan nördlich von Kandahar hatten es niederländische und australische ISAF-Truppen etwa geschafft, die kleine Stadt Chora und einen Teil des gleichnamigen Distrikts zu befrieden. Die Zone, in der keine unmittelbare Gefahr drohte, erstreckte sich – wie ein profil-Lokalaugenschein Ende Juli 2009 ergab – allerdings nur über wenige Quadratkilometer.

Ein Schritt über die unsichtbare Grenze hinaus, und der Krieg war wieder da: Ein australischer Soldat wurde zu dieser Zeit wenige hundert Meter vom Camp entfernt von einer Sprengfalle zerrissen. Eine Erwähnung seines Todes ist in den auf Wikileaks veröffentlichten Dokumenten übrigens nicht zu finden.

Und das, obwohl die Sammlung alleine für den Juli 2009 gezählte 3078 Berichte enthält.