Afrika: Am Ende der Welt

Der Sudan wurde eben zum schlimmsten aller Staaten gewählt – noch vor dem Irak und Somalia. Die Hauptstadt Khartum ist die größte Flüchtlingssiedlung der Erde. Ein Lokalaugenschein mit Originaltönen.

Das einzige Zeichen von Hoffnung, das der Mann trägt, ist sein Name. Er heißt Muhammad Ali, ganz so wie jener zum Islam konvertierte amerikanische Boxer, der vor 33 Jahren in der Hauptstadt des benachbarten Kongo seinen berühmtesten Kampf gewonnen hat: Kinshasa 1974, Sieg durch K. o. über George Foreman in der achten Runde. Dieser Muhammad Ali lebt in Khartum, der Hauptstadt des Sudan. Er weiß nicht genau, wie alt er ist, vielleicht 25. Aber das tut hier ohnehin nichts zur Sache. Den Kongo kennt er. Das ist wichtiger. Denn Muhammad kam vor ungefähr einem Jahrzehnt aus dem Süden des Landes. Während er in die Hauptstadt floh, marschierte ein Teil seiner Familie in die andere Richtung, eben in den Kongo. Wer diesen ruhelosen und gefährlichen Staat als Zufluchtsort wählt, hat nichts mehr zu verlieren. Allenfalls sein Leben.

Sind Verwandte umgebracht worden?
Ja, natürlich. Zwei Brüder sind gestorben.
Haben Sie noch Familie im Süden?
Das weiß ich nicht.
Wovon leben Sie hier?
Ich habe nichts.
Was ist Ihr größter Wunsch?
Ein Stück Blech. Ich habe kein Dach.
Wollen Sie zurück nach Hause?
So bald als möglich.

Im Süden herrscht spätestens seit der Unabhängigkeit des Sudan von den Briten im Jahr 1956 eine Art Bürgerkrieg. Dort sind einige Millionen Menschen umgebracht worden – oder verschwunden, wie es die Zentralregierung in der Hauptstadt ausdrücken würde. Khartum hat stets mitgemischt. Derzeit wird versucht, durch Islamisierung und Terror ein für 2011 terminisiertes Referendum zu hintertreiben, das zur Abspaltung des ölreichen und eher christlichen Landesteiles führen könnte.

Ali hat überlebt, aber er lebt nicht wirklich. Er ist einer von vier oder auch viereinhalb Millionen Menschen, die sich rund um die 2-Millionen-Stadt Khartum in den Sand eingegraben haben. In dieser größten Flüchtlingsansammlung der Welt existiert keine Hoffnung. Das unterscheidet den Ort von anderen desperaten Teilen Afrikas, wo die Lebensfreude regelmäßig über die objektiven Verhältnisse der Armut und Krankheiten die Oberhand gewinnt. Hier gibt es nichts, und das schon seit Jahrzehnten und aller Wahrscheinlichkeit nach noch sehr lange. Wann immer eine politische Entwicklung, aktuell ein Waffenstillstand mit dem Süden, den Schein einer Zukunft aufkommen lässt, dann ist es ein anderes Ereignis, das diese Zukunft wieder zunichte macht, zum Beispiel der Konflikt im westlich gelegenen Darfur, wo eben erst 200.000 oder auch 400.000 Menschen umkamen und zwei Millionen fliehen mussten.

Der Sudan. Das renommierte Magazin „Foreign Policy“ und „The Fund for Peace“ haben ihn im Juli in ihrem jährlichen Index der schlimmsten Staaten der Welt an die erste Stelle gesetzt, noch vor apokalyptischen Gegenden wie dem Irak oder Somalia oder Afghanistan oder Haiti. Der Sudan ist in fast allen der zwölf Kriterien durchgefallen, von den Menschenrechten bis zur versagenden Staatsmacht. „Foreign Policy“ schreibt: „Zum zweiten Mal hintereinander liegt der Sudan an der Spitze der Länder mit dem größten Risiko zu scheitern.“ Begründung in diesem Jahr: „Die Hauptursache liegt im ebenso notorischen wie tragischen Konflikt in Darfur.“ Außerdem: „Die sudanesische Regierung wird beschuldigt, Rebellengruppen im Tschad und der Zentralafrikanischen Republik zu unterstützen, was weitere hunderttausende Flüchtlinge hervorgebracht hat. Riesige Lager in der gesamten Region sind durch gewalttätige, vazierende Milizen gefährdet, die Darfur in den vergangenen vier Jahren terrorisiert haben.“

Wir machen uns auf die Suche nach den Wurzeln dieser unglaublichen Zustände und nach weiteren Opfern. Dazu besuchen wir Kent Degerfelt, den Leiter der Delegation der Europäischen Kommission im Sudan. Kurz lassen wir uns täuschen, was sein politisches Gewicht unter den vor Ort akkreditierten Diplomaten betrifft: Der fette Mercedes hat das CD-Kennzeichen mit der Zahl eins. Aber das haben alle Botschafter hier, erfahren wir später. Irgendwo auf der Nummerntafel ist zur Unterscheidung das Herkunftsland oder die Organisation in arabischen Schriftzeichen vermerkt.

Herr Degerfelt ist kein augenfällig engagierter Vertreter der Europäer in Afrika. Sein Interesse an Besuchern entspricht den Temperaturen in den Amtsräumen: draußen 45 Grad, drinnen keine 20 Grad – vielleicht eine Aufforderung an die anwesenden Journalisten und Entwicklungshelfer, sich kurz zu halten.

Herr Degerfelt, sind Sie optimistisch?
Ich bin nicht optimistisch, ich bin realistisch.
Unterstützt die Regierung in Khartum die Milizen?
Die Regierung muss für Frieden im ganzen Land sorgen. Alles andere wäre absurd.
Wer sind die internationalen Power-Broker?
China hat großes wirtschaftliches Interesse. Es gibt Druck der internationalen Gemeinschaft auf China, damit es Einfluss auf die sudanesische Regierung ausübt.
Wo steht die EU?
Die EU geht immer mit der UNO.
Ist die islamische Scharia als Rechtsgrundlage jetzt für den Süden tatsächlich abgeschafft worden?
Das wird behauptet. Der Sudan soll ein Land mit zwei Systemen werden.

Das Gespräch mit dem EU-Botschafter erweist sich somit als wenig ergiebig. Vielleicht haben ihn die Jahre in Afrika so „realistisch“ gemacht, dass er auch jede politische Aussage und jede weiterführende Analyse für sinnlos hält. Möglicherweise leidet er aber bloß unter einer bei Diplomaten üblichen Kommunikationsschwäche. Der deutsche Botschafter im Sudan etwa zeigt sich bei einem zufälligen Zusammentreffen um nichts auskunftsfreudiger.

Herr Botschafter, was sind Ihre Erfahrungen auf diesem Posten in Khartum?
Ich liebe Wien. Das ist wirklich eine ganz außergewöhnliche Stadt.
Aber was für Eindrücke haben Sie von der Situation im Sudan?
Wir Deutschen schauen ja mit ein bisschen Neid auf die Österreicher, was sie da weitergebracht haben.

Die Einladungen der deutschen Botschaft in Khartum an jedem Dienstag der Woche sind legendär. Kein Wunder, ist Alkohol hier doch offiziell verboten. Eine österreichische Vertretung gibt es im Sudan nicht, bloß einen Honorarkonsul, der wenig Interesse zeigt, eine Delegation aus Wien zu treffen. „Ein guter und fleißiger Mann“, sagt der deutsche Botschafter. Wir können es nicht überprüfen.

Politische Auskünfte sind in einem Land, das von einem islamistischen Militärregime geführt wird, eben schwer zu bekommen. Kamal Samaan meint mit ein wenig Ironie: „Bitte um jede Art von Fragen, wenn sie nicht politisch sind.“ Er leitet die St. Vincent de Paul Society im Sudan, die auch Spenden aus Österreich im Wege der Caritas bekommt. Wenn sich Kamal nur einen Hauch zu sehr exponiert, dann ist seine Arbeit gefährdet und damit auch zigtausende Menschen. Seine Organisation tut das Einzige, was am Ende der Entwicklungshilfeskala noch möglich ist: Sie sichert das physische Überleben von Flüchtlingen, sei es durch das tägliche Abfüttern von Kleinkindern, die sonst zwangsläufig verhungern, sei es durch das Bohren von Brunnen in einem Landstrich, der Wasser nur in den Varianten von gar nicht oder Überschwemmungen kennt.

Der Mittsiebziger ist ein typischer Vertreter seiner Spezies. Die lebenslange Konfrontation mit dem, was er wohl als den Wurmfortsatz des Werkes Gottes erkennen muss, hat ihn nur noch emotionaler gemacht und mit zusätzlichem Sendungsbewusstsein ausgestattet. Wer Kamal sieht, kann fliehen oder sich in seinen Bann ziehen lassen.

Was ist das Schlimmste hier?

Es gibt Armut, die zu einem unkomfortablen Leben führt, und es gibt Armut, die zum Tod führt. Hier ist es der Tod. Der Gegenwert von nur einem Cola kann fünf Kinder einen Tag lang füttern. Das zu wissen ist schrecklich und Hoffnung zugleich.
Mit welchen Krankheiten kommen die Menschen in Ihre Ambulanzen?
Malaria und Bauchgeschichten.
Sind die Frauen beschnitten?
Fast alle, soweit ich gehört habe.
Werden Sie persönlich bedroht?
Nein. Es gibt finanziellen Druck, aber keinen politischen, weil wir nicht politisch sind.

Die Suche nach jemandem, der offen über die politische Realität des Landes spricht, führt schließlich an einen abgeschiedenen Ort im streng moslemischen Land. Weit vom idyllischen Zusammenfluss des Weißen und des Blauen Nil, ohne diplomatische Kennzeichen und hochtourig laufende Klimaanlagen, mitten im glühend heißen Staub lebt Daniel Abouok Kur, der katholische Weihbischof von Khartum, Herr über eine Million Christen in seinem Einzugsgebiet.

Herr Bischof, ist der Sudan ein gefährlicher islamistischer Staat?
Die Presse nennt den Sudan so. Das ist die Realität, wenn sie auch nicht offiziell deklariert wurde. Diese Regierung kam 1989 mit einer religiösen Agenda an die Macht und ignorierte alle anderen Glaubensrichtungen. Daher die Islamisierung, daher die Scharia.
Wie geht die katholische Kirche damit um?
In einer Diktatur gilt: Wenn du zu nah bei den Herrschenden bist, dann manipulieren sie dich. Wenn du zu weit weg bist, dann vergessen sie dich.
Ist der Sudan mehr Diktatur, die sich des Islam bedient, oder mehr Gottesstaat, der diktatorisch herrscht?
Beides. Das Militär wurde benutzt, um das Land zu islamisieren. Macht und Glauben sind eng verwoben. Aber dies ist kein religiöses Regime. Der Machterhalt basiert auf den Sicherheitskräften und auf einem Netzwerk, das sich wechselseitig bespitzelt.
Was ist besser für die Menschen: ein vereinigter Sudan oder ein abgespaltener Süden?
Da gibt es keine eindeutige Antwort. Derzeit ist der Süden nicht geschlossen. Ein unabhängiger Süden könnte sofort zerfallen. Andererseits muss man überlegen, was der Preis für die Einheit ist. Ist es der Fortbestand der Sklaverei, ein Leben, das nicht lebenswert ist? Müssten Christen und Animisten weiterhin der Scharia gehorchen?
Wurden Sie selbst jemals eingesperrt oder gefoltert?
Ich habe keine Bestrafung erlebt, aber mehrfach verlorene Hoffnungen.

Vor zehn Tagen beschloss der UN-Sicherheitsrat einstimmig, 26.000 Soldaten und Polizisten nach Darfur zu schicken. Sie sollen unter einem gemeinsamen Mandat von UNO und Afrikanischer Union stehen. Der Sudan hat das unter dem Druck der Chinesen akzeptiert. Es ist die größte Friedensmission in der Geschichte der Vereinten Nationen. Auch das österreichische Außenamt „prüft und beurteilt, inwieweit Ressourcen für eine Teilnahme vorhanden sind“, so ein Sprecher zögerlich. Dabei ist der Einsatz durchaus im Sinne der außenpolitischen Selbstbeschränkung der Republik konzipiert: Die Truppe darf sich zwar selbst verteidigen. Illegale Waffen konfiszieren oder gar Sanktionen verhängen kann sie allerdings nicht.

So sieht Hoffnung aus am Ende der Welt.

Von Christian Rainer, Khartum