Aktienbesitz: Breit gestreut

Im vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl der österreichischen Kleinanleger merklich angestiegen – und Experten beobachten, dass sie zunehmend engagierter und kritischer werden.

Die Summe wirkt durchaus recht eindrucksvoll: 75 Milliarden Euro sind die an der Wiener Börse gehandelten Aktien derzeit wert. Sie gehören zumeist großen Geldhäusern, oft internationalen Investmentfonds. Stefan Zapotocky, Vorstand der Wiener Börse, beziffert den Anteil ausländischer institutioneller Investoren am Streubesitz mit „siebzig bis achtzig Prozent“. Der Rest entfällt neben den verschiedenen heimischen Fonds inzwischen zu einem Gutteil auf Kleinanleger – und zwar auf gar nicht so wenige: Ihre Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, und sie sind in gewisser Hinsicht „bissiger“ geworden.

„Den uninformierten Kleinaktionär, der sich bei der Hauptversammlung bloß die Brötchen geholt hat, gibt es heute eigentlich nicht mehr“, konstatiert Markus Fichtinger, Geschäftsführer des Aktienforums, das für Österreichs Blue-Chip-Konzerne Lobbying im Hinblick auf den Wertpapiermarkt betreibt. Fichtingers Eindrücke von den Hauptversammlungen der großen börsenotierten Unternehmen: „Die Kleinanleger sind kritischer geworden, sie üben aber vor allem konstruktive Kritik. Sie sind aufmüpfiger, zugleich jedoch informierter und engagierter.“

Mehr Aktienbesitzer. Jedenfalls hat Österreich inzwischen eine recht große Zahl an Wertpapierinhabern: Der Anteil der Aktienbesitzer an der Gesamtbevölkerung ist laut Aktienforum von zwei bis 2,5 Prozent Anfang der neunziger Jahre auf heute 7,5 Prozent gestiegen. Auch Richard Schenz, Regierungsbeauftragter für den Kapitalmarkt und Ex-Vorstand des Mineralölkonzerns OMV, sieht eine entsprechende Entwicklung: „Ich habe den Eindruck“, befindet Schenz, „dass aufgrund der beachtlichen Performance der Wiener Börse die österreichischen Minderheitsaktionäre interessierter und engagierter geworden sind und dass auch die Zahl der Privataktionäre gestiegen ist.“

Ansgar Löhner, Demoskop beim Meinungsforschungsinstitut IMAS, erhebt im Auftrag der Wiener Börse in regelmäßigen Abständen Daten über die Wertpapierbesitzer in Österreich. In seiner jüngsten Untersuchung im April 2004 ergaben sich tendenziell ähnliche Werte wie bei jener des Aktienforums: Der Anteil der Aktienbesitzer beträgt demnach sieben Prozent der Gesamtbevölkerung, um zwei Prozentpunkte mehr als bei der zuvor durchgeführten Untersuchung im Jahr 2001.

Vier Prozent der Befragten (repräsentative Stichprobe von 1000 Personen) bejahten die Frage nach Anleihebesitz, was ein Prozentpunkt mehr als 2001 war. Zehn Prozent des Samples besitzen Investmentfonds, immerhin um zwei Prozentpunkte mehr als im Vergleichszeitraum. Insgesamt besitzen 21 Prozent der Bevölkerung im Alter von mehr als 16 Jahren Wertpapiere irgendeiner Art. „Es ist ein Aufwärtstrend feststellbar“, meint Löhner.

Arrivierte Klientel. Auch ein Profil des klassischen Kleinaktionärs vermeint Löhner erstellen zu können. Die Kurzbeschreibung lautet: typisches Establishment. Löhner: „Wertpapierbesitz ist männlich geprägt. Und mit steigender Schulbildung steigt das Interesse.“ In der mittleren Altersgruppe zwischen 30 und 49 Jahren sind die meisten Aktienbesitzer zu finden.

Auch Wilhelm Rasinger, Präsident der Kleinaktionärsvertretung Interessenverband für Anleger (IVA), kennt diese Klientel. „Sie sind meistens etwas arriviert“, erläutert Rasinger, „Mitte vierzig und darüber, nicht die ganz Jungen.“ Für die Zusammensetzung dieses Personenkreises gibt es laut Rasinger historische Erklärungen: Eine große Gruppe habe vor zehn bis 15 Jahren beim Ostöffnungs-Boom der Wiener Börse und den ersten Privatisierungen mit ihren steuerlichen Begleitförderungen ihr Interesse an Aktien entdeckt. „Heute sind diese Leute Mitte fünfzig“, so Rasinger. „Sie sind keine typischen Trader, sondern veranlagen eher konservativ.“ Die bevorzugten Werte seien dabei typischerweise etwa Telekom- oder Immobilienaktien.

Die IMAS-Studie gibt Rasinger prinzipiell Recht: Nur 13 Prozent der ihm Rahmen dieser Erhebung Befragten nannten die Aussicht auf kurzfristige Gewinne als Grund für die Geldanlage in Wertpapiere – stattliche 61 Prozent indessen die Altersvorsorge als wichtigstes Motiv (siehe auch Grafiken rechts).

Des Österreichers liebstes Anlageobjekt sind allerdings Fonds – das direkte Aktieninvestment wird oftmals lieber den Profis überlassen. Und die Österreicher veranlagen zudem eher passiv. Aus diesem Grund liegen derzeit Immobilienaktien, die über Strukturvertriebe oder Bankbetreuer verkauft werden, auffallend im Trend, meint Rasinger. Tatsächlich verwalteten die fünf großen österreichischen Immobilienfonds Ende 2004 laut Finanzmarktaufsicht ein Volumen von 456 Millionen Euro, ein Jahr zuvor waren es erst bescheidene 20,61 Millionen gewesen. Insgesamt stieg das in österreichische Investmentfonds veranlagte Kapital im Jahr 2004 um 11,9 Prozent auf 108,7 Milliarden Euro. Davon wird jedoch nur ein Viertel innerhalb Österreichs veranlagt; weniger als ein Fünftel fließt in Aktien.

Neue Bissigkeit. Die Zahl jener Anleger, die Einzeltitel kaufen, nimmt sich dagegen freilich nach wie vor bescheidener aus. Viele wurden auch durch die Kursverluste nach dem Ende der New-Economy-Begeisterung und dem Rückzug gut gehender Unternehmen von der Börse frustriert – das könnte teils unter anderem auch die heutige Bissigkeit erklären, welche manche Repräsentanten großer Börsenunternehmen bei ihren Kleinanlegern bemerkt haben wollen.

Bei einem Rückzug von der Börse kauft der Hauptaktionär die Minderheitseigner meist aus (Squeeze-out); oft zu einem nicht besonders attraktiven Preis – fatal für die Attraktivität der Aktie als Anlageform, meint Rasinger, der in solchen Fällen mitunter einen nachträglichen Aufschlag für sich und seine Mitstreiter herausschinden konnte: „Bei Kursverlusten bleibt noch die Hoffnung, aber wer die rote Karte gezeigt bekommt, ist draußen. Daher besteht das Phänomen, dass die Wiener Börse im eigenen Land relativ wenig zählt. Es gibt leider keine starke Lobby für Kleinaktionäre.“ Immerhin aber einen Lichtblick: Mit Raiffeisen International (RI), der Ostbankenholding der Raiffeisen-Bankengruppe, habe sich ein großer Emittent beim Börsegang erst kürzlich massiv auch an Kleinaktionäre gewandt, vermerkt der IVA-Chef.

Bei den großen Privatisierungen aus dem ÖIAG-Portfolio der neunziger Jahre sicherten sich dagegen die meist in London oder den USA gemanagten Investmentfonds den Löwenanteil des über die Börse verkauften Volumens. Auch im Vorjahr wurden laut Oesterreichischer Nationalbank per Saldo um 5,6 Milliarden Euro österreichische Aktien und Investmentzertifikate ins Ausland verkauft. Doch die neuen einheimischen Altersvorsorgefonds, Betriebspensionskassen und ähnliche Instrumente, die ebenfalls in Aktien investieren, werden immer wichtiger.

Aktienforum-Geschäftsführer Markus Fichtinger hofft auf Zukunftsvorsorge-Kampagnen und Imagepflege durch die Börse, um dem Instrument Aktie die Zukunft bei Kleinanlegern zu sichern. „Kleinaktionäre sind eine besonders wichtige Gruppe innerhalb der Kapitalmarktteilnehmer“, meint auch Kapitalmarktbeauftragter Richard Schenz. „Die private inländische Nachfrage ist ein wichtiges Kriterium für internationale und institutionelle Investoren.“

Denn weil die privaten Minderheitsaktionäre hauptsächlich langfristig orientiert seien, würden sie ein wichtiges Element der Stabilität darstellen. Fichtinger: „Natürlich gibt es einen Trend zu Investmentfonds, aber ich würde nicht sagen, dass die Kleinaktionäre rar werden. Vor allem nicht, wenn man bedenkt, dass bei RI das von Privatanlegern georderte Volumen gereicht hätte, um die ganze Emission aufzunehmen.“

Von Gerald Stefan