Aktienmarkt: Die Luft wird dünn

Die Wiener Börse eilt von einem Kursrekord zum anderen. Mit 3000 Punkten hat der Aktienindex ATX jüngst eine Schallmauer durchbrochen. Analysten warnen davor, dass mit dem Wachstum jetzt Schluss sein könnte.

Wenn an Börsen Champagnerkorken knallen, gilt das oft als schlechtes, ja bedrohliches Zeichen. Die Erfolge, die da gefeiert werden, sind häufig von besonders vergänglicher Art. Auf Kursfeuerwerke mit Schaumweinbegleitung folgt nicht selten die Katerstimmung.

Am Donnerstag, dem 16. Juni, war es in Wien so weit. Der österreichische Aktienindex ATX hatte am frühen Nachmittag die 3000er-Marke erklettert, die Chefs der Wiener Börse jubelten, die frohe Botschaft wurde auch dem Finanzminister überbracht. Weil Karl-Heinz Grasser bekanntermaßen über ein sicheres Gspür für fotowirksame Events verfügt, stornierte er für den späteren Nachmittag gleich ein paar Termine und ließ eilig ein Pressemeeting ansetzen, um auf das Ereignis öffentlichkeitswirksam anzustoßen.

Seit Jahresbeginn ist der Aktienindex ATX Prime – er bildet die Kurse von 22 heimischen Unternehmen ab – um 22 Prozent gestiegen, nachdem er bereits im Jahresverlauf 2004 rund 57 Prozent zugelegt und die Wiener Börse damit zu einer der weltweit erfolgreichsten gemacht hatte.

Entzücken. Was wiederum den Finanzminister entzückt. „Die dynamische Entwicklung des ATX ist das Ergebnis der nachhaltigen Maßnahmen der Bundesregierung zur Stärkung des österreichischen Kapitalmarktes“, adelte sich Grasser anlässlich des Festakts in der Wiener Börse. Dass er privat zuletzt nahezu ausschließlich in US-amerikanischen und kanadischen Unternehmen investiert war, ließ der Minister bei dieser Gelegenheit (wie auch bei früheren) unerwähnt.
Das war vielleicht auch besser so.

Der Höhenflug hat zahlreichen Anlegern auf dem Papier zu schönen Gewinnen verholfen. Und nicht wenige plagt inzwischen eine bange Frage: Wie viel ist im Markt noch zu holen?

Selbst Analysten raten inzwischen zu gesteigerter Vorsicht. „Im großen Stil sollte man jetzt sicher nicht mehr kaufen“, so der Chef-Aktienanalyst der Bank Austria Creditanstalt, Alfred Reisenberger, „denn so kann es nicht weitergehen.“

Vor allem private Kleinanleger täten gut daran, jetzt den Rechenstift zu spitzen: „Angenommen, dass bei den Kursen noch drei Prozent Spielraum nach oben hin drin ist“, stelle sich „für den Privaten natürlich die Frage, ob er angesichts von rund zwei Prozent Spesen meint, dass ein Erwerb noch Sinn macht“.

Die Luft, so Reisenberger, sei weit gehend raus. Seine indirekte Empfehlung an das Anlegerpublikum: Bleibt drin und hofft, dass nichts passiert, oder sichert euch eure Kursgewinne und verkauft. Aber Neuerwerbungen? Hände weg.

Ehrenzeichen. Dass solche Empfehlungen Stefan Zapotocky, dem Chef der Wiener Börse, keine Freude bereiten, versteht sich von selbst. Drei Tage nach der Champagnerjause hatte ihm Grasser das Große Silberne Ehrenzeichen der Republik Österreich für Verdienste um die Börse verliehen. Da käme es nicht gut, kippten die Kurse bald darauf ab. Also zieht „Zapo“, wie der Börsenchef in der Branche gerufen wird, alle Register, um die Anleger bei Kauflaune zu halten. Und etliche Argumente, die für eine weiterhin gute Performance des Wiener Marktes sprechen, haben tatsächlich etwas für sich:

Zunächst einmal sind die in Wien notierten Aktien in der Tat keineswegs überbewertet. Es gäbe in Wien „keinerlei Anzeichen für eine Bubble“, meint beispielsweise ein Analyst der Deutschen Bank in Frankfurt und urteilt: „Die Gründe, dass Wien boomt, liegen nicht in nebulosen Marketingerfolgen, sondern sind viel fundamentaler.“

Da ist vor allem das stete Gewinnwachstum der österreichischen Börsenunternehmen. Nach Erhebungen der Raiffeisen Zentralbank (RZB) sind die Ergebnisse zwischen 2002 und 2004 im Jahresschnitt um 35 Prozent gestiegen, heuer sollen es rund 32 Prozent sein. Und selbst für 2006 – da sagt man allgemein eine Abschwächung voraus – wird mit einem Zuwachs in der Größenordnung von fast zwölf Prozent gerechnet.

Mag auch ein Teil dieser Gewinnerwartungen in den gegenwärtigen Börsenkursen bereits enthalten sein, so zeigt das gegenwärtige Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV, der Quotient aus Aktienwert und Jahresgewinn) von 13,5 laut RZB-Chefanalyst Peter Brezinschek, dass „von Überhitzung keine Rede sein kann“. Zum Vergleich: Im Jahr 1989/90, als es tatsächlich heftige Überhitzungserscheinungen gab, bewegte sich das KGV der Austro-Papiere mit mehr als 30 in lichten Höhen. Brezinschek und Birgit Kuras, die Chefanalystin der Raiffeisen Centro Bank (RCB), hätten die Anleger damals vor Absturzgefahren gewarnt. „Wir sind als Kassandra-Rufer abgetan worden“, meint Brezinschek grimmig.

Fantasie. „Damals“, räsoniert er, „war auch im Zusammenhang mit der Wiener Börse der Begriff Ostfantasie noch angebracht. Denn mehr als Fantasie war es damals noch nicht. Jetzt hingegen ist das starke Gewinnwachstum in den neuen Beitrittsländern bewiesene Realität.“ Es dauere nicht nur an, sondern habe die Erwartungen der Märkte schon mehr als einmal übertroffen und bei den Analysten Korrekturen nach oben hervorgerufen. Dass „in Wien notierte Unternehmen stärker im gewinnträchtigen Osten Europas engagiert sind als an anderen Börsen notierende Gesellschaften“, hat auch Carsten Brink, Österreich-Beobachter in der Schweizer Großbank UBS, erhoben. Er hält es für ein spezifisches Erfolgsmerkmal des Wiener Platzes.

Eine nicht zu unterschätzende Gefahr bleibt bestehen: Die Wiener Börse ist ein kleiner Markt mit vergleichsweise bescheidenen Umsätzen. Mehr noch als in anderen Ländern wird der Handel von professionellen Investoren wie Investmentfonds, Banken, Pensionskassen und Versicherungen bestimmt. Es bedarf nicht allzu großer Nachfrage, um selbst größeren Aktien zu messbaren Kursgewinnen zu verhelfen. Umgekehrt müssen nicht viele Investoren abspringen, um einen Aktienkurs zu drücken. Institutionelle Investoren neigen im Gegensatz zu privaten Anlegern eher dazu, Kursgewinne zu realisieren, also zu Geld zu machen. Sollten nur einige in den kommenden Wochen beginnen, ihre Positionen aufzulösen, wäre der Boom zumindest vorübergehend beendet.

Selbst wenn ein Totalabsturz aus heutiger Sicht ganz unwahrscheinlich erscheint: Anleger gehen bei steigenden Kursen ein immer größeres Risiko ein.

Nicht zuletzt deshalb sind die jüngsten Prognosen nur sehr verhalten optimistisch. Die Raiffeisen-Analysten Brezinschek und Kuras trauen der Wiener Börse bis zum Jahresende ein Plus von weiteren sechs Prozent zu. Ähnliches prognostiziert auch die Erste Bank.

Wenn es denn überhaupt so kommt. Nach den negativen EU-Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden, vor allem aber nach dem Scheitern des EU-Gipfels in Brüssel erscheint es erklärungsbedürftig, warum die Prognosen für Europas Börsen nicht generell zurückgenommen wurden. Geht doch die allgemeine Einschätzung dahin, dass innerhalb der Europäischen Union Keime des politischen Zerfalls am Werk seien, welche auch die Wirtschaft des Kontinents nicht unberührt lassen dürften.

Rätsel. Rätselhafterweise aber hat etwa der französische Börsenindex CAC 40 seit dem Referendum um 2,6 Prozent zugelegt und dabei sogar ein Dreijahreshoch gefeiert. Frankfurts Aktienindex, der DAX, schnellte seit dem Verfassungs-Nein gar um 4,1 Prozent und der gesamteuropäische Aktienindex DJ Euro Stoxx 50 um 3,5 Prozent in die Höhe. Währenddessen stieg Amerikas S&P 500 nur um karge 0,2 Prozent an, und der allgemeinere US-Index Dow
Jones Industrial Average sackte um 1,2 Prozent ab.

Führt man sich zusätzlich vor Augen, dass das Wachstum in Westeuropa ohnehin hinter dem amerikanischen nachhinkt und dass die gegenwärtigen Zinsanhebungen in den USA dazu geeignet sein könnten, globales Kapital nach Amerika zu locken, so verwundern Europas Börsenerfolge umso mehr. Ganz abgesehen davon, dass der Dollar gegenüber dem Euro gerade wieder an Wert zulegt.

Auch wenn die Luft langsam dünn wird – die gute Laune hält trotzdem an. Die politischen Dramen werden nicht als Störfaktoren wahrgenommen. Erste-Bank-Chefanalyst Friedrich Mostböck bringt die Haltung „typischer“ Börsianer vis-à-vis der Polit-Misere auf den Punkt. Fragt man ihn, ob die politische Tristesse nicht dazu angetan sei, die Börsenstimmung zu trüben, so fragt Mostböck zurück: „Warum sollte das Einfluss haben?“

Noch am ehesten einen Zusammenhang zwischen Politik und Wirtschaftserfolg sehen Börsianer beim Tempo der europäischen Strukturreformen, zum Beispiel am Arbeitsmarkt. Dass eine sukzessive Verbesserung der reformbedürftigen Strukturen in der „alten“ EU im Gange sei, werten Finanzleute als positiv für Europas Aktienmärkte. Wenn nun das Volk gegen rasches Reformtempo rebelliert, dann könnte das die Politiker in ihrem Reformeifer bremsen, so die Überlegung. Und dies wiederum könnte einen Wermutstropfen für die Aktienmärkte bedeuten. Als bedrohlich empfinden Börsianer dieses Szenario freilich nicht.

Exporte. Peter Brezinschek von der RZB kann dem Nachgeben des Euro gegenüber dem Dollarkurs sogar Gutes abgewinnen. Derlei stimuliere die Exporte, das könne sich auch auf die Aktienkurse positiv auswirken. Wobei es auf den ersten Blick nicht ganz plausibel erscheint, warum Börsen in Europa derzeit besser abschneiden als US-Börsen, wo doch der stärker werdende Dollar signalisiert, dass Geld nach Amerika strömt. Brezinschek: „Der Strom internationaler Fondsgelder an bestimmte Börsen einerseits und die Entwicklung der Wechselkurse großer Währungen andererseits sind durchaus zwei Paar Schuhe.“

An Nachfragemangel müssten Aktienanbieter derzeit eigentlich nicht leiden. Auf den internationalen Finanzmärkten gibt es jede Menge überschüssige Liquidität. Freilich strömt das viele Geld derzeit nicht nur in Aktien, sondern auch in Anleihen und drückt auf den Rentenmärkten die Renditen kräftig nach unten: Die ungewöhnlich niedrigen Langfristzinsen sind derzeit das heiße Thema schlechthin.

Die beiden Wiener Börsenvorstände Stefan Zapotocky und Michael Buhl brauchen Erfolge, um ihrem Wachstumsprojekt Dynamik zu verleihen: Die Wiener Börse bereitet sich auf eine große Ostbörsenallianz vor. Nach dem Einstieg bei der Budapester Börse wird nun mittelfristig auch eine Zusammenarbeit mit den Aktienmärkten in Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Rumänien, Bulgarien und Kroatien angestrebt. Ziel sei ein „mitteleuropäischer Börsenverbund“.

Randolf Fochler, Investors-Relations-Chef des in Wien notierenden Edelstahlkonzerns Böhler-Uddeholm, stellt der Wiener Börse jedenfalls ein gutes Etappenzeugnis aus: „Wir haben uns in den letzten Wochen intensiv mit internationalen Fondsmanagern auseinander gesetzt. Die Witzeleien über den Wiener Platz, die dort früher gang und gäbe waren, gehören der Vergangenheit an.“

Von Julia Heuberger und Liselotte Palme