Alexander Horwath: „Man kann auch gegensteuern“

Alexander Horwath, Direktor des Filmmuseums, über die Kanondebatte, „unrundes“ Kino und Effizienzfilme für Hausfrauen.

profil: Hat das Nachdenken über den Kino-Kanon denn noch Relevanz für die Entwicklung des Mediums?
Horwath: Die Frage des Kanons stellt sich jedem, der mit Kino ernsthaft arbeitet, weil es dabei um Vermittlung geht. Wir leben mit einem enormen Überfluss von Wissen; dadurch gibt es ein starkes Bedürfnis nach vorsortierter Information. Nun gibt es aber berechtigte Kritik an dieser – immer auch von Machtinteressen geprägten – Vorauswahl. Das Gegenbild zum Kanon ist die Enzyklopädie, wo nicht nur Kanonisiertes, sondern theoretisch auch Minoritäres Platz hat. Da man aber tatsächlich „enzyklopädisch“ nie sein kann, weil das Gesamte nie zur Verfügung steht, setzt sich das Prinzip Auswahl letztlich durch.
profil: Ist dem Kino-Kanon, wie er vor uns liegt, denn zu trauen?
Horwath: Ein Großteil der Filmgeschichtsschreibung ist dominiert von westlichen und männlichen Perspektiven, daher gerät dieser Kanon immer wieder unter Beschuss. Aber man wird den Prozess der Kanonisierung an sich ja nicht los. Es geht eher um die aktive Beteiligung daran, das heißt nicht nur das sowjetische, sondern etwa auch das lateinamerikanische Revolutionskino an den Schulen zu lehren – oder neben Godard auch die Filme Chantal Akermans zu vermitteln.
profil: Wie weit greift der Markt denn in den Kanon ein? Er produziert ja primär für den Augenblick, denkt nicht längerfristig, nicht historisch.
Horwath: Der Markt ist sicher die stärkste Kraft im Kanon – und mittlerweile auch historisch interessiert! Die Verwertung von Filmrechten ist eine der wichtigsten Einnahmequellen Hollywoods. Nicht ohne Grund sind die Copyright-Industrien derzeit so scharf umkämpft. Die US-Gesetzgebung dehnt, so gut sie kann, die Dauer der Copyrights immer weiter aus. Aus Sicht des Staatsbürgers hingegen ist das Ziel die freie Verfügbarkeit über die Kulturgeschichte: Man sollte zu Keaton, Stroheim und Chaplin so leicht Zugang haben wie zu Goethe und Schnitzler, um das alles lehren, vermitteln, damit arbeiten zu dürfen.
profil: Das Kino bestimmter Länder scheint überhaupt keine Chance auf Kanonisierung zu haben.
Horwath: Manche Länder haben es schon deshalb viel schwerer, weil in ihnen Bedingungen herrschen, die die Bewahrung und Verfügbarkeit wesentlicher Werke schlicht verhindern. In Südostasien etwa herrscht ein extrem feuchtes und heißes, also „filmfeindliches“ Klima, sodass hohe Energiekosten zur Klimatisierung anfallen; genau dafür fehlen in den armen Ländern aber die Geldmittel. Daher hat man inzwischen auch alternative, ökonomische und finanziell unaufwendigere Methoden zur langfristigen Filmsicherung entwickelt – zum Beispiel in Vietnam, wo es ein hervorragendes Filmarchiv gibt.
profil: Neuere Filme kommen in Experten-Bestenlisten praktisch grund-sätzlich nicht vor. Hat der alte Kanon eine solche Aura, dass er immer weiter perpetuiert wird?
Horwath: Natürlich, das ist die Stärke der Tradition. Andererseits: Wieso fallen bestimmte Filme plötzlich raus? Fellinis „La strada“ etwa oder Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ haben seit den sechziger Jahren offenbar stark an Bedeutung verloren. Und wieso ist Hitchcock, der bis in die siebziger Jahre in solchen Listen kaum vertreten war, dort seither so fest etabliert? Jede Generation befragt diese Werke neu, auch die kanonisierten, scheinbar festgeschriebenen. Das Problem ist nur: Es wird immer schwieriger, nicht kanonisierte Arbeiten überhaupt befragen zu können.
profil: Ist die Idee des „Meisterwerks“ denn noch zeitgemäß?
Horwath: Kanon-Debatten werden zwar immer noch stark am alten Werkbegriff entlang geführt, aber nebenbei wird auch anderes diskutiert. Der Kanon, der früher so sehr dem autonomen Einzelkünstler vorbehalten war, lässt längst auch triviales Kino gelten; jetzt tauchen Industriefilme – Melodramen, Pop-Komödien, die Shaw-Brothers-Produktion aus Hongkong – im Kanon auf. Das historische Verständnis der populären Kultur hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten massiv gewandelt. Aber wie geht man mit Arbeiten um, die zutiefst „unrund“ erscheinen – mit extremen, obskuren Filmen, mit Fragmenten, wissenschaftlichen Filmen und Home-Movies?
profil: Können solche Filme je kanontauglich werden?
Horwath: Das gegenwärtige Interesse an so genannten orphan films – Filme, um die sich traditionelle Archive und Cinematheken nicht kümmern, weil sich mit ihnen kein Künstler-Autor verbinden lässt – könnte dazu ein erster Schritt sein. Man muss sammeln, und zwar enzyklopädisch: weil wir jetzt nicht wissen können, welche Fragen in 100 oder 1000 Jahren an das filmische Material gestellt werden.
profil: Der autorenlose, „verwaiste“ Film wird gegen die kanonisierten Meisterleistungen wohl dennoch kaum bestehen können.
Horwath: Ich weiß nicht. Ist Antonionis „L’avventura“, menschheitsgeschichtlich gesehen, wirklich das stärkste Film-Artefakt über die bürgerliche Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg? Ist ein 15-minütiger Film, der sich an Hausfrauen richtet mit der Anleitung, wie man seine Küche effizienzsteigernd einrichtet, nicht das aussagekräftigere Werk?
profil: Hängt davon ab, welche Aussage man sich erhofft.
Horwath: Erwarte ich mir vom Kino absolute Kunstwerte oder eher Aussagen, die mir bestimmte Zeiten und Gesellschaften plastisch vorführen? Der Effizienzfilm für die Hausfrau macht mir die westliche Kultur der fünfziger Jahre eventuell transparenter als Antonionis entfremdete, Ennui-befallene italienische Bürger, die durch Sizilien irren.
profil: Beide Filme sind theoretisch natürlich gleich wichtig. Nur hat das eine eben Kunstwert und das andere nicht.
Horwath: Die Frage ist aber, was wichtiger ist: das Kunstverständnis einer vergangenen Kultur oder ihr Lebensalltag? Man müsste versuchen, beides in einem zu diskutieren. Das inhärent Bürgerliche dieses Kanonspiels sorgt dafür, dass man Gesellschaftliches außen vor lassen kann.
profil: Indem man nun am Kanon mitschreibt, wirkt man an dem synthetischen Gebilde, das man Geschichte nennt, doch auch selbst mit.
Horwath: Muss man ja auch. Wenn man Geschichtsschreibung und die Auswahl wesentlicher Artefakte bleiben lässt, weil das zu künstlich scheint, überlässt man das Feld einfach dem Markt, der ohnehin unbeeindruckt vor sich hin kanonisiert. Man kann aber auch gegensteuern, neue Schneisen schlagen, Behauptungen aufstellen und etwa ein „nomadisches“ Kino gegen die Meisterwerksgeschichte setzen – und daran arbeiten, dass andere Traditionen, andere filmische Denkweisen sich im öffentlichen Raum bewahren und behaupten können.