Alexander Maculan: Der Stehaufmann

Am Dienstag vor zehn Jahren haben die Gläubiger den Ausgleichsantrag der Maculan Holding AG angenommen. Ein Gespräch mit Alexander Maculan.

Apotheker werde ich jetzt sicher nicht werden“, meinte Alexander Maculan in einem profil-Interview Anfang Juli 1996. „Ich möchte weiterhin Unternehmer sein. Meine Tätigkeit wird in irgendeiner Weise mit Bauaktivitäten zu tun haben. Aber als Unternehmer werde ich sicher nicht in Österreich bleiben.“

Am 26. Juni 1996, also wenige Tage zuvor, hatte eine Ausgleichstagsatzung über die börsenotierte Maculan Holding AG stattgefunden. Die Holding fungierte als Mutter von 157 in- und ausländischen Konzerngesellschaften, 23 angeschlossenen Unternehmen und weiteren 23 sonstigen Beteiligungen des in rasanter internationaler Expansion befindlichen Baukonzerns. Am 4. März 1996 war von Maculan der Ausgleichsantrag über die Holding eingebracht worden: rückblickend betrachtet der erste offizielle Schritt im Dominoprozess des schließlich vollständigen Zusammenbruchs der Unternehmensgruppe. Von da an passierte mit dem Traditionskonzern Hofman & Maculan, was sich seit dem Sommer 1995 immer deutlicher abgezeichnet hatte: die Auflösung des Konzerns per Insolvenz. Einer Insolvenz, gegen die der Haupteigentümer und Vorstandsvorsitzende Alexander Maculan ein dreiviertel Jahr lang angekämpft hatte. Mit kräfteverzehrenden Sanierungsversuchen, in endlosen Bankenverhandlungen hatte er davonzukommen versucht. Jetzt brach die Woge über ihn herein.

Schlag auf Schlag. Von März an ging es Schlag auf Schlag. Letzte Finanzierungszusagen wurden gemacht und wieder zurückgezogen; es gab Kaufangebote, die vorgelegt wurden und wieder verschwanden; ein Ausgleichs- oder Konkursantrag über eine Einzelgesellschaft des Konzerns jagte den nächsten. Für Alexander Maculan bedeutete es schlaflose Nächte und rundum nur böses Blut. Das Überleben der Holding, in ihr sah er seine Brücke zu einer unternehmerischen Zukunft, wurde für Maculan zum entscheidenden Etappenziel.

Als die Gläubiger bei der Tagsatzung am 26. Juni den Ausgleichsantrag akzeptierten, konnte Maculan zum ersten Mal seit Langem wieder durchatmen. Der Grundstein für seine Brücke zur Zukunft war gelegt.

Heute, exakt ein Jahrzehnt später, residiert die Maculan Holding AG nach wie vor an derselben Adresse in der Wiener Innenstadt: Annagasse 6. Wie ehedem ist sie jetzt wieder Zentrum eines – wenngleich ungleich weniger verzweigten – Geflechts von in- und ausländischen Gesellschaften, die wieder so etwas wie ein Maculan-Reich bilden. Damit endet aber auch schon der Vergleich mit der Vergangenheit. Die Holding von heute notiert nicht an der Börse, und ihr einziger Vorstand, der Hauptaktionär Alexander Maculan, früher ein absoluter Darling der Medien, gibt sich jetzt betont öffentlichkeitsscheu: „Ich bitte um Verständnis“, sagt er. „Für ein börsenotiertes Unternehmen war Offenheit wichtig und sexy. Heute ist das alles anders.“

Maculan will nicht einmal die Größenordnung seines Gruppenumsatzes bekannt geben. Journalisten sind auf das Firmenbuch angewiesen. 16,8 Prozent an der heutigen Holding hält die Rieder Fertigteile GmbH aus dem oberösterreichischen Maishofen, ein typisches mittelständisches Unternehmen des Baustoffsektors. Und „mittelständisch“ ist wohl auch das Wort, das die einzelnen Gesellschaften der einst industriellen Glamour-Gruppe kennzeichnet – auch wenn diese vornehmlich im Ausland, im Osten, und hier in erster Linie in Russland, tätig sind. Maculan nennt zwei wesentliche Standbeine seiner Tätigkeit, auf die er sich, mit neuen Partnern, heutzutage stütze: Baustoffe und Immobilien-Development. Der Investmentbanker Heinrich Pecina steht an der Spitze des Holding-Aufsichtsrats, in dem auch Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl, Maculan-Partner im Baustoffbereich, ein Mandat hält. Als seine Hausbank nennt Maculan die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, die er demonstrativ lobt und preist: „Ein hervorragendes, sehr unternehmerisch denkendes Institut.“

Zurück zum Firmenbuch: Alexander Maculan findet sich dort jetzt mit 18 aktuellen Funktionen eingetragen (sei es als geschäftsführendes, sei es als kontrollierendes Organmitglied von Kapitalgesellschaften), während sich die Zahl seiner als „gelöscht“ angeführten Funktionen auf 69 beläuft. „40 bis 50 Prozent meiner Zeit verbringe ich derzeit in Russland, meinem Hauptmarkt“, erzählt er und berichtet begeistert wie einst über die Wirtschaftschancen unter Wladimir Putin. „Faktum ist, dass Putin – nach den Auflösungserscheinungen der Ära Jelzin – straff führt und für einen starken Staat eintritt.“ Maculan hält das „für eine positive Entwicklung“.

„Dritte Republik“. Einseitige Fokussierung auf betriebswirtschaftliches Denken war nie seins, und so macht er sich heute ebenso wie früher über sein Umfeld auch gesellschaftlich und politisch ein eigenes Bild. Was Österreich angeht, sieht Maculan „die Zeit der Dritten Republik für gekommen“. Indiz: „Wenn ich sehe, dass sich die siamesischen Zwillinge SPÖ und ÖGB trennen, dann hat das, denke ich, gigantische Folgen.“ Eine davon: Die Gewerkschaftsmacht, soweit morgen überhaupt noch vorhanden, werde sich auf Branchen- oder Einzelbetriebsebene verlagern.

Mittlerweile hält er auch jenes Bild von Österreich für überholt, das er 1997 in seinem Buch „Mein Fall“ geschildert hat: Damals sprach er von den Grenzen, an die ein freier und unabhängiger Unternehmer wie er in einem Land ständig stoße, in dem sich eine „rote“ und eine „schwarze Kaste“ alle Pfründe aufteilten und keinen Outsider zum Zug kommen ließen. (Wobei das frühere Top-Society-Mitglied Maculan seine vorgebliche Outsiderrolle stets ein wenig überzeichnete.) Zwischen dem Erscheinungsjahr des Buches und dem Jahr 2006 hätte sich besagtes „Kastenwesen“ zumindest wesentlich gelockert, räumt er ein und räsoniert auch darüber, dass die Pleite seines Baukonzerns vielleicht vermeidbar gewesen wäre, hätte Österreich schon 1996 und nicht erst später diese Entwicklungsstufe der sich auflösenden Kasten erreicht. Zeitgleich damit habe sich nicht zuletzt auch die Rolle der Banken, die früher einer Art industriellem Erbhofdenken angehangen seien und deshalb bei seinem Sturz eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hätten, verändert. „Aber das“, schüttelt Maculan Reminiszenzen an die Vergangenheit ab, „ist für mich nicht mehr relevant. Was zählt, ist die Zukunft.“

Baut der mittlerweile fast 65-Jährige die neuen Unternehmen nun für seine Kinder auf? Maculan: „Nein. Diese Art der Daseinsvorsorge für die nächste Generation ist nicht mehr zeitgemäß. Ich tue es einfach, weil es mir selber Freude macht.“

Haben die verloren geglaubten früheren Freunde wieder mit ihm Kontakt aufgenommen? „Es gibt viele Leute, die mich nach dem Crash nicht mehr gekannt haben und die mich jetzt doch wieder kennen. Aber das ist mir nicht mehr wichtig. Meine jetzigen Freunde und Geschäftspartner sind ganz andere als früher.“

Und sind seine Wunden in den zehn Jahren verheilt? „Ich schaue nicht mehr zurück“, sagt Maculan. Dann setzt er jedoch hinzu. „Ganz loswerden kann man die Wirkung solcher Erfahrungen freilich nie mehr.“

Von Liselotte Palme