Alexander Pereira: Salzburger Festspiele stürzen ins Chaos

Alexander Pereira: Salzburger Festspiele stürzen ins Chaos

Das Intendantenchaos an der Salzach geht weiter: Alexander Pereira deckt mit seiner Entscheidung, an die Mailänder Scala zu gehen, die strukturellen Probleme der Salzburger Festspiele auf.

Von Manuel Brug

Alexander Pereira war als neuer Künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele noch nicht aus Zürich an die Salzach gewechselt, da wurde bereits über seine Verbindungen zur Mailänder Scala spekuliert. Denn dort war klar, dass ihr Intendant Stéphane Lissner nach Ende seiner Amtszeit 2015 an die Pariser Oper wechseln wollte - für jeden Franzosen die berufliche Krönung. Lissner hatte die Scala nach dem turbulenten Abgang ihres langjährigen Regenten Riccardo Muti 2005 in ruhigeres Fahrwasser gebracht. Der bestens mit Sponsoren vernetzte Ex-Chef des Festivals in Aix-en-Provence und des Pariser Théâtre du Châtelet hatte der nur noch mit 36 Prozent ihres Budgets subventionierten Scala dringend nötige Drittmittel verschafft. Sein aus vielen Koproduktionen gebauter Spielplan hat dem Haus freilich seine nationale Eigenheit geraubt, und mit dem von ihm favorisierten Chefdirigenten Daniel Barenboim, den sie sich mit der Berliner Staatsoper teilen müssen, wurden die Mailänder nie richtig warm.

"Kein Nebenjob"
Es ist interessant, dass Salzburgs Politiker dieser Tage nun im Brustton der Empörung erklären, die Festspiele seien "kein Nebenjob“. Denn seit Gérard Mortiers Salzburger Abgang 2001 hat - mit Ausnahme des nur für ein Interimsjahr 2011 geholten Markus Hinterhäuser - keiner der dortigen Chefs die Festspiele mehr exklusiv geleitet. Peter Ruzicka (2002-2006) war neben seiner kompositorischen Tätigkeit auch noch für die Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater zuständig. Und bei Jürgen Flimm (2007-2010) überschnitten sich die vier Salzburger Amtsjahre mit seinen Cheftätigkeiten bei der Ruhrtriennale und als Intendant der Berliner Staatsoper.

Zudem wurden die Klagen immer lauter, die Festspiele wären unterfinanziert, weil schon seit 1998 die Zuwendungen nicht mehr erhöht worden waren, zusätzlich aber auch noch alle Tarifsteigerungen aus dem eingefrorenen Budget bestritten werden mussten. Seit damals kämpften sämtliche Festspieldirektoren nicht zuletzt gegen die wachsende Einflussnahme des politisch besetzten Kuratoriums als Kontrollinstanz, in dem es an Fachwissen fehlt - und in dem nicht selten künstlerische Entscheidungen aus parteistrategischem Kalkül torpediert wurden.

Auch deshalb konnte die als Salzburger Polit- und Gesellschaftsdame so wunderbar ihre Beziehungssilberfäden spinnende Helga Rabl-Stadler seit 1995 ihre Stellung als Präsidentin entscheidend ausbauen. Sie wirkte politisch ausgleichend und trieb die immer wichtigeren Sponsorenmillionen ein, welche die Festspiele mit ihren Privatempfängen und Limousinenstaus vor den Spielstätten bisweilen wie ein Industriespektakel aussehen ließen. Rabl-Stadlers Engagement wussten alle Intendanten schnell zu schätzen, sogar der streitbare Mortier.

Alleinherrscher Pereira
Dann aber kam Pereira, Alleinherrscher und umsatzbeteiligter Sponsoring-Midas am Zürcher Opernhaus für 21 Jahre. Er wollte, obwohl als Österreicher nach so vielen Belgiern und Deutschen besonders herzlich willkommen, auch in Salzburg Alleinherrscher sein. Und so verkrachte er sich schnell mit allen: mit seiner Präsidentin wie mit dem Kuratorium, aber auch mit seinem alten Freund-Feind, dem Ex-Zürcher Chefdirigenten Franz Welser-Möst, der inzwischen als Wiener Staatsopernmusikchef von manchen zum neuen Taktstock-Messias verklärt worden ist.

Pereira überzog gleich im ersten Festspielsommer sein Budget, trieb aber umgehend neue Financiers auf. Die Politiker sahen sich zu abnickenden Statisten degradiert, tadelten ihn öffentlich. Also begann der bereits nach einer Saison umstrittene Intendant, der freilich mit seinem Hang zum Glamourösen und Populären nichts anderes getan hatte als auch in Zürich, wieder mit seiner alten Liebe, der Scala, anzubandeln. Denn auch da wollte man zwar eigentlich nach Lissner wieder einen Italiener (es gab sogar zwei geeignete Kandidaten aus Venedig und Mailand), aber noch wichtiger war Pereiras Fähigkeit der Geldvermehrung. Denn auch die Scala muss sparen, 2014 sind einige Produktionen weniger angesetzt. Pereiras Jahresgehalt in Italien wird 25 Prozent unterhalb von Lissners 350.000 Euro liegen. Und Sponsoring-Beteiligungen sind nicht vorgesehen.

Als vergangene Woche bei der Verleihung des Siemens-Musikpreises in München bekannt wurde, dass Pereira ab Herbst 2015 nun doch die Scala übernehmen wird, mit der er so lange und öffentlich kokettiert hatte, hing er während der Preisübergabe an Mariss Jansons fast nur am Telefon. Aus dem Umfeld der ebenfalls anwesenden Helga Rabl-Stadler war hingegen zu hören, sie hätte, als sie es erfahren habe, einen freudigen Luftsprung gemacht. Schließlich kommt ihr, der von Pereira Degradierten, nun wieder eine Schlüsselrolle zu. Am 11. Juni wird das Kuratorium entscheiden, ob es den Intendanten seinen Vertrag bis 2015 erfüllen lässt oder ob es ihn auflöst - wie schon von einzelnen Vertretern dieses Kuratoriums öffentlich verkündet und in Pereiras Vertrag explizit festgehalten. Die Planungen des scheidenden Intendanten bis 2016 müssen jedenfalls erfüllt werden. Nur: von wem? Von einem neuerlichen Übergangsintendanten, zum Beispiel Pereiras Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf? Und weiterhin mit einer Präsidentin namens Helga Rabl-Stadler, die eigentlich nach dem Sommer 2014 aufhören wollte?

Markus Hinterhäuser, ein vor allem in Salzburg stets ersehnter Kandidat, ist gegenwärtig dabei, die Wiener Festwochen zu übernehmen, und dort bis inklusive 2016 gebunden. Und ob sich danach alle auf ihn einigen können werden? Fest steht: Die Struktur der Festspiele ist dringend änderungsbedürftig. In der Zwischenzeit werden sich die üblichen Verdächtigen in Position bringen: Nikolaus Bachler aus München, Roland Geyer aus Wien, Andreas Mölich-Zebhauser aus Baden-Baden und Pierre Audi aus Amsterdam, der gegen Pereira schon zweimal den Kürzeren gezogen hat - einmal in Salzburg und nun wieder in Mailand. Doch auch im Klassikbetrieb gilt: Nach dem Intendantenrennen ist vor dem Intendantenrennen.