Alfred Gusenbauer in der neuen Welt: Der Ex-Kanzler als Gastprofessor an US-Unis

In seinem Job als Gastdozent an amerikanischen Unis bricht Alfred Gusenbauer eine Lanze für Menschen, die das Vertrauen in ihn verloren hatten. Josef Barth über den geschmähten Kanzler, der dort angekommen ist, wo er glaubt hinzugehören.

Wen die New Yorker Columbia University einmal zu einem Vortrag einlädt, der ist jemand oder war zumindest einmal wer. Auf der Liste der Absolventen und Professoren finden sich neben 81 Nobelpreisträgern ehemalige oder amtierende amerikanische Präsidenten von Franklin D. Roosevelt bis Barack Obama oder theoretische und praktische Wirtschaftsexperten wie Milton Friedman oder Warren Buffett. Mit einem Vermögen von rund fünf Milliarden Dollar kann sich die private Elite-Uni das für ihre 20.000 Studenten auch leisten. Wer in den USA studieren möchte, für den ist die Columbia eine der ersten Adressen: Hier denken die besten Köpfe mitten in der weltoffensten Stadt der USA.

Mit den klapprigen Hörsälen der Uni Wien , wo ein Ex-Kanzler einst selbst Politik belegte, ist dieser Campus nicht vergleichbar. Hier studieren zu dürfen ist ein enormes Privileg; hier zu unterrichten ein noch viel größeres. Wer hier einmal angenommen wurde, genießt die Geborgenheit einer Elite-Enklave mitten zwischen dem beinharten Überlebenskampf des benachbarten Harlem und jenem der Finanzwelt im Süden Manhattans. Nirgendwo sonst im Land liegen die Gegensätze so dicht beieinander. Und die Millionen-Metropole New York ist nicht dafür bekannt, es Neuankömmlingen besonders einfach zu machen. Es kommt aber auch drauf an, wer man ist. Alfred Gusenbauer mag Amerika. Und umgekehrt. „Thank you very much. I’m very pleased to be here at Columbia University.“ Als der Kanzler a. D. entspannt die Krawatte richtet, sein überlegen wirkendes Lächeln aufsetzt und sich für die Einladung bedankt, spürt man mehr als deutlich: Hier ist einer angekommen. Hier ist er wer.

Der Ausblick aus dem 15. Stock der „School of International and Public Affairs at Columbia“ ist ein anderer als der aus dem Karl-Renner-Institut am Wiener Schöpfwerk, der „World Room“ des „Journalism Building“ mit einer Parteiveranstaltung in Donawitz nicht vergleichbar. Unter den Professoren des Privatissimum-Publikums sind keine Betriebsräte, unter den rund hundert Interessierten am Folgetag keine Basispolitiker. Es ist eine andere Welt, in der auch er ein anderer sein darf. Hier ist er nicht „der Gusi“, über den Parteifreunde zuletzt seufzten, weil jedes Wort nur noch Wählerstimmen zu kosten schien. Hier ist er „the former Chancellor of Austria“, ein Mann, der ein Land führte und die Politik der Europäischen Union mitbestimmte.

Hier schätzt man ihn, begrüßt ihn mit amerikanisch-überschwänglicher Höflichkeit und dennoch ohne Hintergedanken. Hier grinst er geschmeichelt, wenn ein Nobelpreisträger wie der Wirtschaftsprofessor Joseph Stiglitz von ihm als „my good friend Alfred“ spricht. Und wenn Gusenbauer selbst in seinen Ausführungen dann Namen anderer honoriger Uni-Professoren von internationalem Rang nennt, spricht er gern von „Kollegen von uns“. Nun ist er einer von ihnen. So schnell geht das.

Auch wenn es sich bei seinen sogenannten Lectures, die ihm in Österreich den Ruf eines Lehrstuhlinhabers an der Columbia University eintrugen, weniger um Vorlesungen eines Gastprofessors im herkömmlichen Sinne handelt als um vier Vorträge im Rahmen öffentlich zugänglicher Podiumsdiskussionen, ist man hier an seiner Meinung interessiert. An einem Tag diskutiert er im Privatissimum vor gerade einmal zwölf Professoren (und einem Dutzend österreichischer Konsulatsmitarbeiter) „Europe’s role in the world“, am nächsten parliert er mit Ökonom Stiglitz vor einer knappen Hundertschaft die notwendigen „Changes in Global Governance in Response to the Financial Crisis“. Alfred Gusenbauer sucht Antworten auf die Fragen, die die Welt bewegen.

„Nun blickt die Welt auf das G20-Treffen in London, beobachtet aufmerksam die Aktionen der US-Regierung, wie man den Banken aus der Patsche helfen, die Wirtschaft stimulieren und den Markt künftig regulieren könnte“, doziert er in bestem Englisch mit leicht österreichischer Färbung. „Daraus schließe ich: politics is back! Mächtiger als die Politik das von sich selbst erwartet hätte.“

Anders, als es viele von einem wehmütig seufzenden Tony Blair berichten, der hier im Herbst unterrichtete, macht Gusenbauer nicht den Eindruck, als wäre er jetzt gern zurück im Spiel der Politik. Wenn er sich auch für den Posten des österreichischen EU-Kommissars sicher geeignet hielte, ist ihm die Rolle des dozierenden Theoretikers stets gelegen. Der Mann weiß eben sehr viel – und sehr viel auch besser. Er formuliert lieber die Fragen, die nun die Regierenden zu lösen haben, ohne einen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass er selbst diese Herausforderung wieder annehmen würde. Wie schafft man den globalen Ausgleich zwischen Reich und Arm? Wie stimuliert man die weltweite Nachfrage? Welche Währungspolitik ist künftig die richtige? Was kann man tun, um verschuldeten Ländern zu helfen? Wie entgeht man einer Hyperinflation? Und wie lassen sich Märkte neu regeln, um nicht noch einmal in eine derartige Krise zu schlittern?

„Ökonomische Fragen, die nun politische Themen sind.“ Für die brauche es nach Gusenbauer folgende „fundamentale Lösungsansätze“: den Druck aus den Finanzmärkten zu nehmen; den Beistand der Regierungen für die Verlierer der Globalisierung; Garantien für Pensionen, Bildung und Gesundheitsversorgung und den Weg in ein sozialeres Wirtschaftssystem, ohne eine neue ideologische Diskussion zwischen Plan- und Marktwirtschaft heraufzubeschwören. „Die Zeit der maßlosen Gier ist vorbei! Nun muss endlich die Zeit der Gleichwertigkeit beginnen!“

Ironischerweise bricht der einstige SPÖ-Vorsitzende in seinen flammenden theoretischen Reden eine Lanze für all jene Menschen, die in Österreich das Vertrauen in ihn lange verloren haben. Den Zeilen über den freien Zugang zu Bildung hätten die gleichen Junglinken applaudiert, die am Tag seiner Angelobung gegen die beibehaltenen Studiengebühren demonstrierten. Ein Paradoxon, dass er just an einer der teuersten Privathochschulen davon schwärmt. Den Phrasen von der Gesellschaft der Gleichen hätte die sudernde Basis vielleicht zugejubelt, wenn sie das Gefühl gehabt hätte, auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Fast siebentausend Kilometer von Wien entfernt hat man das Gefühl, dass er der sein kann, als der er immer gern gesehen worden wäre.

Die Ausführungen des Alt-Kanzlers sind so konkret, wie sie freier Interpretation Spielraum bieten. Was den Mitdiskutanten Stiglitz, bei aller Wertschätzung für seinen „guten Freund Alfred“, zu einer süffisanten Replik reizt: „Während der Finanzkrise 1997 sprach man gern von einer Reform der globalen Finanzarchitektur – einem Wort, das so neu und ausgefallen war, dass man damit meinte, einfach am besten gar nichts zu tun. Und man tat auch nichts …“

In seinen Beispielen bleibt Gusenbauer aber konkret und fällt fast ein wenig zurück in beste Wahlkampfzeiten. „Wenn sie verstehen wollen, warum für viele in Europa die Krise noch nicht greifbar ist, kann ich Ihnen das leicht erklären“, lächelt er und bemüht ein Beispiel, das sich schon zu seinen Oppositionszeiten gut machte. „My mother is a pensioner“, sagt er. „Sie ist 73 Jahre alt. Ihre Rente hat sich heuer um 3,5 Prozent erhöht, die Inflation liegt bei 1,2 Prozent. Sie hat also mehr Geld in der Tasche als vorher. Erst wenn der Krise der Finanzwirtschaft jene der richtigen Wirtschaft folgt, die Arbeitslosenzahlen steigen, dann wird man auch in Europa verstehen, dass es die Nationalstaaten allein nicht schaffen können.“ Das Beispiel mit seiner Mutter funktioniert hüben wie drüben. Sein Auditorium nickt, applaudiert, bittet ihn danach noch um persönliche Gespräche.

An der Brown University im provinzielleren Providence, an der Alfred Gusenbauer einen einjährigen wirklichen Lehrauftrag hat, schätzt man ihn – so sagen Kollegen – für diese eingängigen Beispiele. Hier wird der promovierte Politologe sogar selbst zum Doktorvater. Ein indischer Student wird bei ihm über die Machtpolitik durch Energie- und Rohstoffreichtum am Beispiel Russlands dissertieren. Der kann dann die weitere Karriere eines anderen Polit-Pensionärs verfolgen: von Gerhard Schröder, einst deutscher Bundeskanzler und heute im Dienst des russischen Energieriesen Gazprom.

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