Alleinverdienerinnen

Der unsichere Arbeitsmarkt, schlecht bezahlte Jobs und immer bessere Ausbildung von Frauen: In Österreich wird bald jeder zehnte Paarhaushalt finanziell von einer Frau versorgt. Tendenz steigend.

Der Satz ist ihr einfach herausgerutscht. Ein Mann hätte ihn vermutlich nicht gesagt. Nicht, weil er so unglaublich wäre, sondern weil es für ihn eine völlige Normalität darstellen würde. „Ich hab dich überholt“, sagt Sylvia Fassl-Vogler und schlägt die Hand vor den Mund. Sie spricht vom Gehalt. Schnell fügt sie hinzu: „Darauf kommt es nicht an. Wichtig ist, dass wir beide mit dem, was wir machen, zufrieden sind.“ Während sie Karriere gemacht hat, hielt er ihr den Rücken frei. Er arbeitete Teilzeit, um sich besser um die Kinder kümmern zu können. Das Ergebnis: Sie verdient heute mehr als er.

Eine ungewöhnliche Familienkonstellation, aber eine, die in Österreich immer häufiger vorkommt. In bis zu neun Prozent aller Paarhaushalte verdienen die Frauen mittlerweile mehr als die Männer. Ein Phänomen, das bisher sowohl in der Wissenschaft als auch in der öffentlichen Debatte völlig unbeachtet blieb. „Dieser Anteil ist überraschend hoch“, sagt Barbara Haas, Sozialwissenschafterin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Rechnet man Alleinerzieherinnen und Singles noch hinzu, so werden in Österreich bereits 36 Prozent der Haushalte von einer weiblichen Hauptverdienerin versorgt. In Deutschland hat sich der Anteil der Familienernährerinnen (ohne Alleinerziehende) seit 1990 verdoppelt – in Österreich gibt es keine langfristigen Vergleichszahlen, der Trend zeigt jedoch in die gleiche Richtung. Das männliche Ernährermonopol könnte denn auch innerhalb weniger Jahre der Vergangenheit angehören. Nicht immer ist die Konstellation freiwillig gewählt. So wie bei den Maiers*. Kurz bevor ihre Tochter geboren wurde, verlor Thomas Maier in der Wirtschaftskrise seine Arbeitsstelle. Seither muss sich die Familie ganz auf das Einkommen seiner Frau Marianne Bürger* verlassen. Er verdient als Tagesvater nur ein kleines Zubrot – immerhin kann er damit gleichzeitig die eigene Tochter betreuen. Die Wissenschafterin Christina Klenner hat für die deutsche Hans-Böckler-Stiftung eine breit angelegte Studie über Familienernährerinnen verfasst.

„Dass die Frau mehr verdient als der Mann, ist kein Oberschichtphänomen“, sagt Klenner. Im Gegenteil. Der häufigste Grund sei, dass viele Männer durch die zunehmende Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse die Familie nicht mehr allein durchbringen können oder ihren Job verloren haben. Noch gibt es keine verlässlichen Zahlen für die letzten beiden Jahre, aber die Wissenschafter nehmen an, dass durch die Wirtschaftskrise der Anteil an weiblichen Hauptverdienern noch gestiegen ist. Denn die Wirtschaftskrise hat vor allem typische Männerbranchen wie den Industrie- und den Bankensektor getroffen. Die Dienstleistungsbranche, in der viele Frauen arbeiten, blieb hingegen vergleichsweise verschont.

Zeitbudget. WU-Forscherin Barbara Haas glaubt, dass die deutsche Studie Rückschlüsse auf Österreich zulasse, da sich die Strukturen stark ähnelten. In einer Studie hat sie errechnet, dass in Österreich und Deutschland der Anteil weiblicher Hauptverdienerinnen jeweils rund sechs Prozent ausmacht. Die deutsche Studie von Christina Klenner kommt auf neun Prozent. Der Unterschied erklärt sich durch unterschiedliche Zugänge: Während die erste Studie von der geleisteten Arbeitszeit ausgeht, betrachtet die zweite die Einkommenshöhe. Das bedeutet, dass je nach Sichtweise zwischen sechs und neun Prozent der Haushalte von Frauen versorgt werden. „Österreich ist bei den Rahmenbedingungen sogar eine Spur fortschrittlicher als Deutschland“, sagt Haas. Denn während in Deutschland verheiratete Alleinverdiener steuerlich begünstigt, Frauen aber für Zuverdienste vom Fiskus bestraft werden, wird in Österreich individuell besteuert. Das fördert die Frauenerwerbsquote und legt damit die Grundlage für weibliche Hauptverdienerinnen. Nicht immer ist die Rolle der Familienernährerin eine unfreiwillige. Norbert Fassl und Sylvia Fassl-Vogler haben sich bewusst dafür entschieden. Sie hat studiert, hatte gute Aufstiegschancen und liebt ihren Job. Eine lange Auszeit mit der Tochter hätte bedeutet, dass sie ihre Führungsposition nicht hätte halten können. Gleichzeitig konnte sich ihr Mann kaum etwas Schöneres vorstellen, als ein Jahr zu Hause bei der Tochter zu bleiben und danach noch vier Jahre Teilzeit dranzuhängen – zumal es als Beamter auch leicht möglich war. „Ich habe das nicht als Zurückstecken empfunden, die Zeit war die schönste in meinem Leben“, erinnert sich Norbert Fassl. Obwohl seine Frau mehr Stunden als er im Büro verbringt, macht sie mehr im Haushalt. Eine typische Situation. „Ein richtiger Rollentausch findet ganz selten statt“, sagt Wissenschafterin Klenner. Das Zeitbudget verrät einiges über die tatsächliche Arbeitsbelastung, denn darin werden Kinderbetreuung und Haushaltsarbeit eingerechnet: Ganze zehn Stunden arbeiten Frauen in Österreich pro Woche mehr als Männer. Je jünger und höher gebildet die Paare sind, umso eher verschiebt sich das Zeitbudget hin zu einer gerechteren Aufteilung. Außer nach einer Familiengründung: In zwei Dritteln aller Haushalte mit Kindern unter drei Jahren verdient er allein den Unterhalt für alle. Die Bildung spielt dabei in Österreich keine große Rolle: Österreichische Akademikerinnen mit kleinen Kindern haben eine niedrigere Erwerbsbeteiligung als niedrig qualifizierte Frauen mit kleinen Kindern in Schweden. Das zeigt, dass eine hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen von vielen Faktoren abhängt. Steuerliche Anreize sind den Wissenschafterinnen zufolge dabei wichtig, aber auch die generellen Einstellungen zu Rollenbildern. Im Gegensatz zu Sylvia Fassl-Vogler hat Erika Senkowsky kein schlechtes Gewissen, wenn sie zu Hause weniger tut. Sie genießt die Vorteile, die ihr der Alleinverdienerinnen- Status einbringt. 50 Prozent des Haushalts macht ihr Mann, 50 Prozent die Putzfrau. Seit über einem Jahr arbeitet Markus Schönherr selbstständig von zu Hause, seine Erbenermittlungsagentur befindet sich noch in der Aufbauphase. Das Haushaltseinkommen bestreitet Erika Senkowsky als Architektin zum Großteil allein.

Konflikte. Ist die Aufgabenverteilung nicht so klar geregelt wie bei Markus Schönherr und Erika Senkowsky, kann es in solchen Beziehungen schon öfter mal zu Konflikten kommen. „Das Gleichheitsideal schafft Konflikte“, sagt Wissenschafterin Haas mit Blick auf repräsentative Umfragen. „Je mehr die Frau arbeitet, desto mehr Konflikte gibt es.“ Das sei nicht negativ, sondern bedeute lediglich, dass Ansprüche ausgesprochen würden. Die Wissenschaft nennt das „Verhandlungshaushalt“. Ob Erika Senkowsky, Marianne Bürger oder Sylvia Fassl-Vogler – alle drei Frauen wissen genau, was sie wollen und was nicht. Sie reden bei den wichtigen Entscheidungen mindestens so viel mit wie ihre Partner. Wenn nicht sogar mehr. „Ich bin bei uns der Mann“, sagt Erika lachend. Und erntet sofort Widerspruch von ihrem Mann: „Bei den wichtigen Dingen entscheiden wir gemeinsam. Ich fühle mich nicht unmännlich, nur weil ich einkaufen gehe.“

Doch auch wenn es der Einzelne nicht so empfindet, so wird der Familienernährerstatus nach wie vor dem Mann zugeschrieben. Für den Mann kann es schwierig sein, mit dieser Situation umzugehen. Auch wenn er für sich selbst damit kein Problem hat. „Die dominante Gesellschaftskultur ist eine andere“, doziert Haas. Schiefe Blicke oder Anspielungen müssen solche Paare aushalten können. Oft kommt der Druck nur unterschwellig, indem gefragt wird, wie lange die Situation wohl noch gehe. Auch Norbert Fassl glaubt, dass sich einige „ihren Teil dabei gedacht haben“, auch wenn er nie direkte Kommentare gehört hat. Alle drei Familien lassen sich von der gesellschaftlichen Norm nicht beeindrucken. Ihre Freunde sind aufgeschlossen, die könne man sich ja zum Glück selbst aussuchen, sagen beide Paare. Eine Bewältigungsstrategie könne es auch sein, die eigene Situation als die beste anzusehen, sagt Wissenschafterin Haas: „Das Motto lautet dann: ‚Es ist so, wie es ist, und deswegen ist es gut.‘“ Aber gerade die Tatsache, dass sich Menschen an die realen Gegebenheiten anpassen, macht die Forscher so sicher, dass die schiere Existenz der Familienernährerinnen langfristig eine Einstellungsänderung in der Gesellschaft vorantreibt. „Das Aufbrechen der alten Muster hat Vorbildwirkung für die Kinder. Langfristig wird das einiges verändern“, sagt Haas. Allerdings sei es derzeit noch immer so, dass sich die Mehrheit der Österreicher als Idealbild einen Vollzeit arbeitenden Mann und eine Teilzeit arbeitende Mutter vorstelle. Dabei zeigten die Umfragen, dass Teilzeitkräfte sehr unzufrieden seien – genauso wie diejenigen, die über 48 Stunden pro Woche arbeiteten. Und zwar egal, welches Geschlecht sie haben. Nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen sind diejenigen am zufriedensten, die in Familien leben, in denen beide gleichwertig zum Einkommen beitragen und beide im Haushalt mitarbeiten. Davon sind wir allerdings noch weit entfernt.