Allergien: Reizende Düfte

Jeder fünfte Österreicher ist von einer Pollenallergie betroffen – Tendenz steigend. profil beschreibt die Mechanismen unterschiedlicher Allergien und gibt Ratschläge, welche alte und neue Mittel dagegen wirklich helfen.

Ein Kribbeln in der Nase, heftiger Niesreiz, Husten sowie tränende, geschwollene Augen – zu Beginn der warmen Jahreszeit sind das die typischen Anzeichen für eine Pollenallergie. Mehr als zwanzig Prozent der Bevölkerung, also jeder fünfte Österreicher, sind von diesem Phänomen betroffen. Während sich andere unbeschwert auf den Frühling freuen, erwarten Pollenallergiker das erste zarte Grün mit gemischten Gefühlen: Sträucher und Bäume treiben aus – jetzt blüht ihnen was.

Wenn die ersten Pollen von Hasel, Erle und Birke an lauen Frühlingstagen durch die Luft schwirren, kann das bei Allergikern zu heftigen Reaktionen führen. Ihr Immunsystem reagiert auf bestimmte, über die Atemwege in den Körper gelangende Allergene und schlägt Alarm. Es verwechselt die harmlosen Bestandteile der Pollen mit gefährlichen Krankheitserregern und greift diese in wilden Attacken an. Dabei bildet das körpereigene Abwehrsystem Immunglobulin E (IgE) als Antikörper. Durch diese Entladung der Entzündungszellen wird die Allergie ausgelöst: Die Gefäße weiten sich, Haut und Schleimhäute schwellen an. Tränende Augen, Niesattacken, eine rinnende oder zugeschwollene Nase und juckende Haut sind die Folge. „Man spricht dabei von einer Soforttypreaktion“, erklärt Rudolf Valenta, Immunpathologe am Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH).

Wem diese Symptome zu Frühlingsbeginn nur allzu bekannt vorkommen, für den ist es höchste Zeit, sich auf eine mögliche Pollenallergie untersuchen zu lassen. Friedrich Horak, Hals-Nasen-Ohren-Facharzt und ärztlicher Leiter des Allergiezentrums Wien-West: „Es gibt viele Betroffene, die Vogel Strauß spielen und die Allergie ignorieren, und andere, die der Meinung sind, dass man als Allergiker eben sein Ränzlein zu tragen hat, denn es hilft ja sowieso nichts dagegen.“ Tatsächlich ist eine vollkommene Heilung zwar nicht immer möglich, sehr wohl aber eine deutliche Linderung der Beschwerden.

Der Botaniker Siegfried Jäger, wissenschaftlicher Leiter des Projekts „Zentraleuropäische Pollen-Information“ am Wiener AKH, warnt davor, Allergien unbehandelt zu erdulden: „Eine an sich harmlose Pollenallergie kann schwere gesundheitliche Schäden wie allergisches Asthma nach sich ziehen.“

Vor allem drei große Belastungswellen betreffen Allergiker: Im Frühjahr reagieren rund fünfzig Prozent der Pollenallergiker auf Birke, Erle und Hasel. 70 Prozent sind auf Gräserpollen allergisch, die zwischen Mai und Juni für Niesattacken sorgen. Im September folgen dann in tiefen Lagen noch die Blüten von Beifuß und Ragweed als Allergieauslöser. Zusätzlich kommt oft noch eine so genannte Kreuzallergie dazu: Wenn eine Verwandtschaft zwischen einer Pollenart und einer Obst- oder Gemüsesorte besteht, kann es zu einer Nahrungsmittelunverträglichkeit kommen. So vertragen Birkenpollenallergiker oft auch keine Haselnüsse, während Beifußallergiker auf Karotten, Paprika oder Tomaten reagieren können.

Spezialambulanzen. Damit es erst gar nicht so weit kommt, sind HNO-Fachärzte, Dermatologen und Kinderärzte mit allergologischer Ausbildung erste Ansprechpartner bei Beschwerden. Oft folgt eine Überweisung an ein Ambulatorium, das auf die Behandlung von Allergien spezialisiert ist. Dort versucht man zuerst einmal herauszufinden, welche Art von Allergie dem Patienten zu schaffen macht.

Erster Schritt dazu ist ein ausführliches Anamnesegespräch, in dem Zusammenhänge zwischen den Beschwerden des Patienten und möglichen Auslösern hergestellt werden. In mehreren Schritten werden die infrage kommenden Allergieformen eingegrenzt. Zu diesem Zweck werden in der Regel drei gängige Testverfahren eingesetzt. Bei Verdacht auf Heuschnupfen, allergisches Asthma oder Nahrungsmittelallergie wird ein Hauttest vorgenommen. Dabei werden Tropfen unterschiedlichster Allergie-auslöser auf die Innenseite des Unterarms gesetzt und die Haut leicht angeritzt, ohne dass Blut austritt. Der schmerzlose Test liefert innerhalb weniger Minuten ein Ergebnis. Im Fall einer Allergie auf den jeweiligen Stoff zeigt sich an der betreffenden Ritzstelle eine Hautrötung.

Der Pflastertest wird vor allem bei Ekzemen der Haut angewandt. Dabei werden verschiedene allergieauslösende Substanzen in kleine Behältnisse gefüllt und mit einem Pflaster auf den Rücken geklebt. Der Test ist schmerzfrei, allerdings muss der Patient die folgenden drei Tage auf Duschen oder Baden verzichten. Besteht eine Allergie, tritt an der Stelle, die mit einer allergieauslösenden Substanz in Kontakt gebracht wurde, ein winziges Ekzem auf.

Chronische Entzündung. Um eine Allergiediagnose zu erhärten, wird zusätzlich noch ein Bluttest durchgeführt und im Labor die allergiespezifischen Antikörper bestimmt. Reinhart Jarisch, Leiter des Wiener Allergiezentrums Floridsdorf (FAZ), warnt davor, lediglich die Symptome des Heuschnupfens (Polinose) zu behandeln: „Eine Polinose betrifft nicht nur die Nase, wie uns der Begriff ,Heuschnupfen‘ weismachen will. Sie ist eine chronische Entzündung. Im Englischen spricht man vom ,hay fever‘. Das zeigt deutlicher, dass der ganze Körper von diesem Irrtum des Immunsystems betroffen ist.“

Dieser ganzheitliche Ansatz ist in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) schon seit Jahrtausenden bekannt. Anders als in der Schulmedizin existieren in der TCM Allergien aber nicht. Man spricht dabei lediglich von einem allgemeinen funktionellen Fehlverhalten des Immunsystems. Ziel der TCM ist es, das schwache System zu stärken und regulativ einzuwirken. Dabei soll der Körper in die Autarkie geführt werden, der Organismus lernt, sich selbst zu helfen.

Andreas Bayer, Präsident der österreichischen TCM-Akademie in Wien-Döbling, stellt jedoch klar, dass es sich bei der chinesischen Medizin um eine „Kooperationsmedizin“ handle: „Man muss ausgebildeter Mediziner sein, um die TCM richtig anwenden zu können. Die Grenzen, die ihr gesetzt sind, kann man nur erkennen, wenn man auch über eine schulmedizinische Ausbildung verfügt.“

So gehen auch einer Behandlung nach TCM-Prinzipien die herkömmlichen Allergietests voraus. Laut Bayer könne die chinesische Medizin vor allem bei Polyallergikern gute Ergebnisse erzielen: „Ist man nur gegen ein einziges Allergen allergisch, dann ist man mit der Schulmedizin besser bedient und sollte eine spezifische Immuntherapie machen. Bei Polyallergikern muss man hingegen das gesamte funktionelle System wieder einrenken.“

Gilt Gesundheit nach schulmedizinischer Betrachtungsweise als etwas Stabiles, so ist sie in der chinesischen Medizin ein dynamischer Zustand, sozusagen der Lohn für ein sorgfältiges Verwalten des Körpers. Die TCM geht von einer Eigenverantwortlichkeit des Kranken für seine Leiden aus. Das heißt, dass man selbst bewusst zur Wiederherstellung der Gesundheit beitragen kann. „Die kaum vorhandenen Nebenwirkungen der Behandlungsmethoden und die geringere Dosierung von Medikamenten sind sicherlich ein großes Plus der TCM in der Allergiebehandlung. Einen Nachteil sehe ich aber in der unzureichenden Akutwirkung. Da führt dann doch kein Weg an Cortison vorbei“, meint Bayer.

Die traditionelle Schulmedizin unterscheidet drei Arten der Therapie bei Polinose. „Am wirkungsvollsten ist natürlich die Allergenkarenz, das heißt, Betroffene sollten jeglichen Kontakt mit den Allergenen zu vermeiden suchen“, so Allergologe Horak. Ist man nur gegen eine bestimmte, vorübergehend wirkende Pollenart allergisch, wäre es am sinnvollsten, in dieser kritischen Zeit zu verreisen. Damit man nicht auch am Urlaubsort vom lästigen Heuschnupfen gequält wird, sollte man vorher einen Blick auf die Website www.pollenwarndienst.at werfen. Dort sind Polleninformationen für ganz Europa abrufbar.

Pollengitter. Weil eine Flucht vor den Pollen aber nicht immer möglich ist, kann man sich auch mit einfacheren und kostengünstigeren Methoden schützen. Es reicht, wenn man sich tagsüber in geschlossenen Räumen aufhält. Wer nicht ganz auf frische Luft verzichten will, kann an den Fenstern ein spezielles Pollengitter anbringen. In Deutschland durchgeführte Tests haben gezeigt, dass solche Gitter nicht nur große, sondern auch 87 Prozent der kleinen Pollen abhalten. Im Freien sollte man sich zu belasteten Zeiten nicht länger als unbedingt nötig aufhalten und dabei eine Kopfbedeckung und Sonnenbrille tragen. So hält man zumindest einen Teil der Pollen von den Augen fern und schützt die bereits irritierte Augenschleimhaut. Ist man mit dem Auto unterwegs, lohnt sich der Einbau eines Pollenfilters. So wird verhindert, dass die Allergene über die Lüftung ins Fahrzeug gelangen. Hat man sich über längere Zeit im Freien aufgehalten, haben sich bereits Pollen in Kleidung und Haaren festgesetzt. In einem solchen Fall hilft beim Heimkommen Duschen, eventuell Haarewaschen und Kleidungwechseln.

Eine deutliche Linderung der Beschwerden verspricht die medikamentöse „konservative Therapie“. Eine Variante sind so genannte Mastzellenstabilisatoren, die wie ein Katalysator wirken. Über einen kurzen Zeitraum können mehr Antikörper an die Mastzelle andocken, die allergische Reaktion wird gemildert. Das Medikament muss aber mindestens eine halbe Stunde vor dem Pollenkontakt auf die Schleimhaut gebracht werden, da es zeitverzögert wirkt.

Eine gute Möglichkeit, die allergische Reaktion in den Griff zu bekommen, sind Antihistaminika. Sie reduzieren Schwellungen und Sekretion auch dann noch, wenn die allergische Reaktion bereits voll im Gang ist. Sie sind als Sprays, Tabletten, Pulver und Tropfen erhältlich. Auch Corticosteroide (Cortison) werden zur Allergiebehandlung eingesetzt. Siegfried Jäger rät jedoch zu einem verantwortungsvollen Umgang: „Spritzt man Cortison, hat der Patient zwar wochenlang seine Ruhe, es tritt aber ein Gewöhnungseffekt ein, und die Nebenwirkungen können massiv sein.“ Eine sehr kleine Dosis Cortison dort anzuwenden, wo es gebraucht wird, etwa mithilfe eines Nasensprays, hält der Allergieexperte aber für unbedenklich.

Die einzige ursächliche Behandlung der Pollenallergie ist die spezifische Immuntherapie (SIT). Bei etwa neunzig Prozent der behandelten Patienten lässt sich so eine weit gehende bis völlige Beschwerdefreiheit erreichen. Dabei wird während zwei Monaten vor dem erwarteten ersten Pollenflug über drei Jahre hinweg eine Allergenimpfung in zuerst steigender Dosis, später dann auf stagnierendem Niveau verabreicht. Dabei wird das Immunsystem beständig mit den Allergieauslösern konfrontiert. So wird es auf das Allergen trainiert und gewöhnt sich allmählich daran, sodass eine Überreaktion ausbleibt. Mit einer Besserung der Beschwerden kann man schon nach wenigen Monaten rechnen.

Sublinguale Therapie. Bis vor kurzem wurden wässrige Lösungen der Pollenextrakte als Trainingsstoff verwendet. Die verschiedenen darin enthaltenen Allergene schwankten aber in ihrer Zusammenstellung je nach Pollenernte. „Mithilfe der Gentechnik können wir mittlerweile sicherstellen, dass der Patient mit jedem Präparat exakt die für ihn richtige Zusammenstellung der allergenen Inhaltsstoffe bekommt. Die rekombinanten Allergene können in gleich bleibender Qualität und in den gewünschten Mengen produziert werden“, sagt Immunpathologe Valenta.

Eine neue Variante der Hypersensibilisierung ist die sublinguale Therapie (SLIT). Dabei wird das Allergen unter die Zunge getropft. Das Risiko einer Impfreaktion fällt solcherart weg, allerdings ist diese Therapieform langwierig. Sie muss über einen Zeitraum von drei Jahren dreimal wöchentlich angewendet werden.

Auch die chinesische Medizin kennt Arzneimittel, die bei Allergien helfen. Kräuterauszüge, Granulate und Ähnliches wirken in erster Linie entlastend und regulativ. Medikamente sind aber nur ein Grundpfeiler der TCM. Viel größeres Augenmerk wird auf Maßnahmen gelegt, die ein hohes Maß an Eigenverantwortung erfordern. Wichtige Teile des Behandlungskonzepts sind daher Ernährung und Qi- gong, eine Einheit von Bewegung, Atemtechnik und Visualisierung. Dadurch wird das Immunsystem positiv beeinflusst. Das gelingt auch durch Akupunktur. Die kleinen Nadeln stimulieren das Immunsystem, wirken schleimhautabschwellend und entzündungshemmend und lindern Beschwerden. Wer Angst vor Nadeln hat, ist mit Tuina, einer „Handtherapie“, besser dran. Darunter versteht man spezielle Massagegriffe wie Drücken, Schieben oder Reiben. In Kombination mit Mitteln der klassischen Schulmedizin haben Allergiker also gute Chancen, ihre Beschwerden loszuwerden.

Vielleicht gehören Allergien aber bald der Vergangenheit an. Denn Rudolf Valenta und seine Arbeitsgruppe arbeiten schon am nächsten Schritt: einer Allergieschutzimpfung, die gleich nach der Geburt verabreicht werden soll. Auf diese Weise könnte man eine Sensibilisierung, die später allergieauslösend sein könnte, von vornherein verhindern.