Alt-Europa: Die verlorenen Schriften

Bereits 2000 Jahre vor den ältesten mesopotamischen Texten entstand am Balkan das bisher älteste bekannte Schriftsystem der Welt.

Jahrzehntelang stand in den Lehrbüchern, die ältesten geschriebenen Texte stammten aus Uruk in Mesopotamien – um etwa 3250 vor Christus entstandene, bildhafte Schriftzeichen. In der Fachwelt ist jedoch längst bekannt, dass schon bis zu zweitausend Jahre davor, zwischen 5300 und 3500 vor Christus im Balkanraum eine bisher nicht entzifferte, fremdartige Schrift verwendet wurde. Diese alteuropäische Schrift findet sich auf unzähligen Tonscherben und Figürchen der von Ostungarn über Serbien und Rumänien bis Bulgarien und Nordgriechenland reichenden so genannten Vinca-Kultur, benannt nach dem Hauptfundort

Vinca, einem Dorf 14 Kilometer östlich von Belgrad an der Donau. Die zehn und mehr Hektar großen Siedlungen stammen von Ureuropäern, also aus der Zeit vor der Einwanderung der Indoeuropäer.

Schriftloses Stadium. Insgesamt sind von dieser Schrift mehr als 200 Zeichen bekannt. Einige davon dürften Zahlen darstellen, während andere nur am Beginn oder am Ende der jahrhundertelangen Epoche verwendet wurden. Mit den etwa ab der Wende zum vierten Jahrtausend einsetzenden Einwanderungswellen indoeuropäischer Völker nach Europa werden die weiblich dominierten Gottheiten durch männlich dominierte ersetzt. Gegen 3500 vor Christus fällt Europa in ein schriftloses Stadium zurück. Auf dem europäischen Festland werden erst 2000 Jahre später von mykenischen Griechen wieder Texte geschrieben.

Nur auf der Insel Kreta scheinen sich nicht bloß vorindoeuropäische weibliche Gottheiten erhalten zu haben, sondern offenbar auch eine dunkle Erinnerung an die alteuropäische Schrift. Archäologen fanden auf der Insel weibliche Figürchen und Tontäfelchen der minoischen Kultur aus dem dritten und zweiten Jahrtausend vor Christus, welche abstrakte Schriftzeichen tragen.

Diese völlig bildlose, so genannte Linear-A-Schrift ähnelt teilweise den Vinca-Schriftzeichen. Parallel dazu wurden auf Kreta auch spezielle Hieroglyphen verwendet, wie sie auf dem Diskus von Phaistos, einer spiralförmig beschrifteten Tonscheibe, zu finden sind. Eine durch die Explosion des Vulkans Santorin ausgelöste, bis zu 100 Meter hohe Tsunami-Flutwelle vernichtet um 1500 vor Christus die kretisch-minoische Kultur. 50 Jahre später schrieben die Mykener auf Tontäfelchen Schriftzeichen, welche offensichtlich von der kretischen Linear-A-Schrift inspiriert waren, weshalb sie als Linear-B-Schriftzeichen bezeichnet werden.

1952 gelang es dem Schweizer Altphilologen Michael Ventris, die Zeichen zu entziffern, wobei dieser erstaunt feststellte, dass es sich um eine frühe Form des Griechischen handelte und sogar Götternamen auftauchten, die auch 800 Jahre später im klassischen Griechenland noch in Verwendung standen.

Wieder folgen mehrere schriftlose Jahrhunderte, in denen beispielsweise Homers Epen nur mündlich tradiert wurden, bis auf Kreta und später am Festland erste Inschriften auftauchen, die jenen der seefahrenden Phönizier ähneln. Die frühesten Texte wechseln noch in jeder Zeile die Schreibrichtung. Schließlich entwickelte sich daraus das klassische griechische Alphabet und daraus wiederum die etruskische und lateinische Schrift.