Alternativmedizin: Alles Placebo oder was?
Homöopathie, Akupunktur, Ayurveda

Homöopathie, Akupunktur, Ayurveda – der Trend zur „sanften Medizin“ ist ungebrochen. Die Schulmedizin prüft nun auf breiter Basis die Wirksamkeit der alternativen Konkurrenz. Mit erstaunlichen Ergebnissen.

Dringend gesucht werden Menschen mit Kreuzschmerzen. Sie müssen zwischen 20 und 60 Jahre alt sein und über Tagesfreizeit verfügen. Ausgeschlossen ist lediglich, wer keine 30 Minuten entspannt auf dem Bauch liegen kann. Wenn dies aber möglich ist, so steht nichts mehr einer neuartigen Behandlung entgegen, die derzeit im Orthopädischen Spital in Wien-Speising wissenschaftlich getestet wird: die Quarzschalentherapie.

„Diese Quarzschalen schauen so ähnlich aus wie Salatschüsseln“, erklärt Michaela Egger, die für die Organisation der Studie zuständig ist. 30 Personen nehmen bereits am Therapieprogramm teil, zehn weitere hätten noch Platz. Allerdings kann Egger nicht versprechen, ob die Teilnehmer auch tatsächlich in den Genuss der richtigen Therapie kommen oder bloß einer Vergleichsgruppe mit Scheinbehandlung zugelost werden. Wie eine Placebo-Quarzschalentherapie aussieht, darf hier nicht verraten werden. Doch Egger weiß, dass auch der therapeutische Bluff seine Meriten hat: „Gerade gestern kam eine Teilnehmerin aus der Placebogruppe zu mir und erzählte ganz begeistert, dass sie jetzt bereits seit drei Monaten gänzlich schmerzfrei ist.“

So ungewöhnlich die Ansätze auch sein mögen, Alternativtherapien erfreuen sich steigenden Zulaufs. Die Hälfte der Österreicher hat im Vorjahr Angebote der „sanften Medizin“ wahrgenommen, wie eine Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Fessel-GfK ergab, bei der im Auftrag eines Herstellers von Homöopathieprodukten 4000 Menschen befragt wurden. Gerade bei jungen Familien ist die homöopathische Hausapotheke beinahe schon obligatorisch, ebenso wie die Notfalltropfen auf Basis der Bachblüten. Und auch auf professioneller Seite wird alternativmedizinisch gewaltig aufgerüstet. Allein im Vorjahr vergab die Ärztekammer 2399 Spezialdiplome für frisch ausgebildete Akupunkteure. 536 Neuzugänge wurden bei den Homöopathen registriert, 64 Diplome bestätigten die Zusatzausbildung für zahnärztliche Hypnose. Die bunte Palette der Alternativen reicht vom Comeback der Blutegel, die praktischerweise gleich per Online-Bestellung für 2,50 Euro pro Stück frei Haus geliefert werden (www.blutegel.at), bis zur Magnetfeldtherapie oder daraus entspringenden Nebenprodukten wie angeblich magnetisch aktivierten Pflanzenextrakten.

Riesiger Markt. Besonders Frauen zeigen einen Hang zu alternativen Heilmethoden. 72 Prozent bezeichnen die Homöopathie als „gut wirksam“ und kauften Globuli und potenzierte Alkoholwässerchen im Wert von 40,5 Millionen Euro. 79 Prozent davon ohne ärztliche Verschreibung. Aber auch die Zahl der Anhänger fernöstlicher Heilslehren nimmt stetig zu. Bereits jeder vierte Österreicher hat konkrete Erfahrungen mit Tai Chi, Yoga oder Akupunktur. Insgesamt sind 83 Prozent der Österreicher der Meinung, dass ganzheitliche medizinische Ansätze einen höheren Stellenwert in der Medizin einnehmen sollten.

Dieser Trend zieht sich durch alle Industrienationen. Und wenn die Krankenversicherungen die Kosten derartiger Behandlungen nicht übernehmen, werden diese – anscheinend durchaus bereitwillig – aus der eigenen Tasche bezahlt. Eine zu Jahresbeginn veröffentlichte Studie der US-Gesundheitsbehörden ergab, dass Alternativmediziner mit 425 Millionen Besuchen bereits häufiger frequentiert werden als die normalen Hausärzte und Kliniker, die es gerade auf 388 Millionen Patientenkontakte bringen. Den Amerikanern waren solche Behandlungen abseits der Schulmedizin im Vorjahr immerhin 27 Milliarden Dollar wert. Eine Menge Geld für Heilmethoden, deren Wirksamkeit nur in den wenigsten Fällen auch wissenschaftlich eindeutig belegt ist.

Das Geschäft blüht – und damit auch der Missbrauch. Selbst ernannte Gurus nutzen die Verzweiflung kranker Menschen für abstruse Heilungsversprechen. Entweder aus messianischem Sendungsbewusstsein wie der Krebsarzt Ryke Geerd Hamer, der vor zehn Jahren mit seiner „Germanischen Neuen Medizin“ das Mädchen Olivia beinahe zu Tode therapierte und derzeit in Frankreich in Haft sitzt. Oder aus Geschäftssinn wie der deutsche Arzt Matthias Rath. Er betreibt von Holland aus einen florierenden Handel mit hoch dosierten Vitaminpräparaten. Diese so genannten Zellvitalstoffe empfiehlt er zur Vorbeugung gegen Krebs und sogar zur Therapie.

Im Umfeld des umstrittenen deutschen Mediziners machte jüngst ein Fall Schlagzeilen, der jenen von Olivia in manchen Aspekten nicht unähnlich ist. Doch während das berühmt gewordene Mädchen nach schulmedizinischer Tumoroperation mittlerweile eine gesunde erwachsene Frau ist, verstarb Raths Patient. Ein neunjähriger Junge namens Dominik aus dem Westerwald war an Knochenkrebs erkrankt und musste eine belastende Chemotherapie durchmachen. Die verzweifelten Eltern brachen die Therapie ab und ließen ihren Sohn fortan mit Raths Vitaminpillen behandeln. Der Mediziner benutzte Dominik als Werbeträger, ließ sich mit ihm fotografieren und präsentierte den Buben auf seiner Homepage als geheilt.

Graubereiche. Doch die dabei verwendeten Präparate entpuppten sich in der chemischen Analyse als nicht viel inhaltsreicher, „als wenn Sie ein Frühstück, bestehend aus einem Ei, einer Orange und zwei Tassen Tee, zu sich nehmen“, sagt Christian Steffen vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel. Um dem Entzug des Sorgerechts zu entgehen, wurde Dominik auf Anraten von Rath in eine mexikanische Klinik ausgeflogen, wo er im November des Vorjahres starb. An schulmedizinischen Behandlungsfehlern, wie der Vitaminguru mitteilte. Im gerichtsmedizinischen Gutachten wurde nach der Obduktion hingegen eindeutig das weiter fortgeschrittene Krebsleiden als Todesursache festgestellt.

Nüchterne Aufklärung zeigt wenig Wirkung in diesen Graubereichen der Medizin. Raths Gefolgsleute hängen nach wie vor gläubig an seinen Lippen, wenn er bei seinen Vorträgen die Festsäle füllt. Doch auch bei weniger dramatischen Fällen erweisen sich alternativmedizinische Präparate nicht notwendigerweise als hilfreich, in manchen Fällen sogar als nachteilig oder gefährlich. Gerade bei Vitaminen ist Vorsicht geboten. Vitamin E galt beispielsweise lange Zeit als potenter Hoffnungsträger zur Krebsvorsorge. Mitte März wurden nun die Ergebnisse einer Langzeitstudie publiziert, welche die Hoffnungen schwer enttäuschten. Die Vitamine boten keinerlei Schutz. Im Gegenteil: Bei jenen Menschen, die jahrelang die Vitaminpräparate eingenommen hatten, wurde ein signifikant erhöhtes Risiko für tödliche Herzkrankheiten festgestellt.

Wechselwirkungen. Auch Klassiker der Naturheilkunde wie das Johanniskraut sind mittlerweile ihren Nimbus völliger Harmlosigkeit los. Zwar wurde bewiesen, dass Johanniskraut-Präparate milde Formen der Depression ebenso wirksam beheben können wie schulmedizinische Antidepressiva, sie verursachen jedoch auch ähnliche Nebenwirkungen. Diese wurden entdeckt, als Mediziner bei Organtransplantationen unerklärliche Abstoßungsreaktionen beobachteten. Die betroffenen Patienten gaben an, dass sie zur Stimmungsaufhellung Johanniskraut-Kapseln eingenommen hatten. Mittlerweile ist eine ganze Reihe dieser Wechselwirkungen mit Medikamenten bekannt. Auch Knoblauchpillen, Ginkgo oder Ginseng können aufgrund ihrer blutverdünnenden Wirkung bei Operationen zum Problem werden. Deshalb ersuchen die Ärzte dringend, dass vor Eingriffen alle Mittel – auch rezeptfrei erhältliche Kräuterpräparate – genannt werden, welche die Patienten in Eigenmedikation nehmen.

Nachdem alle Warnungen vor Scharlatanen, Voodoo und Kurpfuscherei wenig Wirkung zeigten, schwenkt die Wissenschaft nun immer mehr um und stellt die Methoden der Konkurrenz – wenn man sie schon nicht verbieten kann – großflächig auf den Prüfstand. Vielleicht ist ja doch was dran. Und wenn es gelänge, die besten Methoden ins eigene System zu integrieren, so wäre dies nicht nur lukrativ, sondern würde auch dem eigenen Ruf ein wenig auf die Sprünge helfen. Denn sosehr die Patienten im Notfall auf ihre hoch spezialisierten Fachärzte hoffen, so sehr fürchten sie auch die „Kälte“ des Massenbetriebs in den Kliniken mit ihrer Apparatemedizin und den unwägbaren Risiken und Nebenwirkungen der Therapien.

In den USA wurde dazu mit dem Nationalen Zentrum für alternative und komplementäre Medizin eine eigene, mit einem Budget von mehreren 100 Millionen Dollar ausgestattete Abteilung im Rahmen der nationalen Gesundheitsbehörde geschaffen. „Wir möchten vorurteilsfrei alle Therapien testen, die eine plausible Basis haben und Bedürfnisse der Patienten befriedigen“, kündigte der Leiter der neuen Bundesbehörde, Stephen Straus, an. Seither treten in multizentrischen Studien die verschiedensten Therapien der Alternativmedizin gegen die modernsten Methoden der Schulmedizin an.

Ein Substrat aus Crevettenschalen und Haifischknorpeln tritt gegen Cox-2-Schmerzmittel zur Behandlung von Gelenkarthritis an. Vitamin E und Selen werden auf ihre vorbeugende Wirkung bei Prostatakrebs getestet. Und ein Extrakt aus dem asiatischen Ginkgo-Baum soll seine angebliche Fähigkeit beweisen, alternde Gehirne fit zu halten. Dutzende dieser und ähnlicher Therapieduelle wurden gestartet und nun im Rahmen von Langzeitstudien aufwändig getestet. „Es ist sehr wichtig, dass der Staat hier die Finanzierung übernimmt“, sagt Edzard Ernst, Professor an der englischen Universität Exeter und Inhaber des europaweit einzigen Lehrstuhls für Komplementärmedizin. „Denn die meisten dieser Methoden haben keine wirkliche Lobby hinter sich, welche die teuren Studien finanzieren könnte oder wollte. In Europa hinken wir da leider noch weit hinter den Amerikanern nach“ (siehe auch Interview auf Seite 142).

Eine Ausnahme stellt eine umfangreiche, von deutschen Krankenkassen finanzierte Studienreihe zur Wirksamkeit der Akupunktur bei chronischen Rücken- und Knieschmerzen dar. Diese wurde initiiert, um einen jahrelangen Streit darüber zu entscheiden, ob die Kassen die Akupunktur nun bezahlen sollen oder ob die Patienten dafür selbst aufkommen müssen. Nun liegen seit Kurzem die Ergebnisse vor.

Schein-Akupunktur. Mehr als dreitausend Schmerzpatienten wurden einer von drei Gruppen zugeteilt. Je nach Gruppe erhielten sie entweder die Behandlung nach den strengen Regeln der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) oder eine herkömmliche schulmedizinische Behandlung mit Medikamenten, Massagen und Krankengymnastik. Für die dritte Gruppe haben sich die Studienleiter etwas Besonderes einfallen lassen: eine Schein-Akupunktur, wo die Nadeln systematisch falsch gesetzt wurden, und zwar mehrere Zentimeter neben den wirklichen Punkten. Das Ergebnis verstört nun Skeptiker und gläubige Anhänger der Akupunktur gleichermaßen. Denn Akupunktur wirkt – viel besser sogar als die schulmedizinische Standardtherapie.

Bei der konventionellen Kreuzschmerzbehandlung verspürte nur ein Viertel der Patienten nach zehn bis fünfzehn Terminen eine Linderung der Beschwerden. Bei der Akupunktur betrug die Erfolgsrate fast 50 Prozent. Die wirkliche Überraschung lieferte jedoch die dritte Gruppe. Denn die Scheinakupunktur schnitt praktisch gleich gut ab wie das chinesische Original. Bis zum Sommer muss der Bundesausschuss der Krankenkassen nun entscheiden, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind und ob die Akupunktur in den Leistungskatalog aufgenommen wird.

Edzard Ernst interpretiert das Ergebnis als ziemliche Schlappe für die Heilslehre der alten Chinesen. „Denn es zeigt sich, dass die Wirksamkeit der Akupunktur wohl vor allem vom Schmerz ausgeht. Ob man nun auf die genauen Punkte entlang der mysteriösen Meridiane sticht oder glatt daneben, spielt keine Rolle.“ Wozu also investieren in eine Ausbildung an einer der TCM-Akademien oder Universitäten, wie sich die Schulungsstätten der chinesischen Medizin selbstbewusst nennen? Eine Akupunkturausbildung an der seit letztem August als Privatuniversität anerkannten TCM-Akademie in Wien kostet für jedes der vorgesehenen sechs Semester immerhin zwischen 1400 und 3300 Euro. Wer dazu noch chinesische Ernährungslehre, Pharmakologie, Qi Gong oder fernöstliche Techniken der Geburtshilfe erlernen will, muss für jedes Fach nochmal etwa den gleichen Betrag hinblättern. Kein Studium für Bettelstudenten.

Placebos wirken. Ist die Akupunktur also bloß ein „besonders starkes Placebo“, wie Edzard Ernst meint? Und – wenn dem so wäre – ist das nicht egal, wenn sie den Patienten hilft? An Studien, die dies bestätigen, gibt es keinen Mangel. Erst im vergangenen März bewies dies einmal mehr eine schwedische Untersuchung an 386 schwangeren Frauen, die unter Schmerzen im Beckengürtel litten und ebenso deutlich von der Akupunktur profitierten wie die deutschen Arthrosepatienten.

Ärzte sprechen achselzuckend von der Kraft der Einbildung, von Aberglauben und den Abgründen des simplen Gemüts. Erst vor 50 Jahren führte das britische Medical Research Council die erste placebokontrollierte Studie durch. An eine Gruppe Tuberkulosekranker wurden nach dem Zufallsprinzip Antibiotika oder Scheinmedikamente ausgegeben. Die Verwunderung war groß, als sich auch in der Placebogruppe Erfolge einstellten. Seither gilt ein neues Medikament nur dann als praxistauglich, wenn es die Ergebnisse des Placebos signifikant übertrifft.

Worauf sich die – seither tausendfach bestätigte – Wirksamkeit der wirkungslosen Zuckerpillen im Detail begründet, wusste lange Zeit niemand zu sagen. Inzwischen aber konnten Forscher mittels Gehirnstromanalysen nachweisen, dass allein das Ritual der Behandlung und der Glaube an die Heilkraft einer Pille konkrete Reaktionen in den Zell- und Gewebestrukturen des Organismus auslösen können. Was Iwan Petrowitsch Pawlow bei seinem Hund mit der Konditionierung durch ein Glockensignal erreichte, funktioniert auf vielfältige Weise auch beim Menschen. Neben der Ausschüttung körpereigener, morphiumähnlicher Substanzen ist inzwischen eine ganze Reihe weiterer Wirkmechanismen indentifiziert worden: placeboalarmierte Stressbremsen lassen allergische Hautausschläge verschwinden, ein placebounterstütztes Immunsystem besiegt Bakterien und heilt in der Folge sogar hartnäckige Magengeschwüre. Parkinson-Patienten hören unter Placebo auf zu zittern, und über gezielte Hormonmodulation beginnen in der Placebogruppe sogar Haare wieder zu wachsen.

Körper-Apotheke. „Das Gehirn ist der selbstständige, eigenwillige Apotheker des Körpers“, erklärt Irving Kirsch, Psychologie-Professor an der Universität Plymouth. „Je nach individueller Erwartung und nahezu ohne Kontrollmöglichkeit durch den bewussten Verstand verteilt es seine Drogen punktgenau im Organismus.“ Demnach ist auch ein Medikament mit wirklichen Wirkstoffen nie für sich allein wirksam, sondern wird von innen durch Ausschüttung weiterer Wirkstoffe begleitet. Damit erscheint auch die ewig schwelende Diskussion um viele alternative Heilmethoden in einem neuen Licht. Die Behauptung „Alles nur Placebo“ mag in vielen Fällen stimmen. „Aber“, dreht Ernst das Argument um, „manche Placebos sind so wirksam, wie man es sich für so manche Arzneimittel nur wünschen kann.“

Streit über Wirkeffekt. Dass ihre Kunst allein auf Einbildung beruhen soll, gefällt allerdings weder den Vertretern der Akupunktur noch den Homöopathen. „Wenn man wirklich annähme, dass wir unsere Heilerfolge nur deswegen erzielen, weil wir so nett sind“, sagt Michael Frass, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Homöopathie, „so sollen sich die Schulmediziner eben ein Beispiel daran nehmen. Nett sein schadet ja nichts.“ Nach wenigen Wochen, meint Frass, wäre es mit diesem Effekt allerdings auch wieder vorbei. „Denn die Patienten gewöhnen sich rasch an einen freundlichen Umgang.“ Daran allein könne es also nicht liegen.

Tatsächlich mehren sich langsam auch die ernsthaften Hinweise, die der Homöopathie einen über die Kraft der natürlichen Selbstheilungskräfte hinausgehenden Wirkeffekt bescheinigen. Dazu trug originellerweise eine überzeugte Schulmedizinerin bei, die mit einem wissenschaftlichen Versuch den Homöopathen eigentlich das Gegenteil beweisen wollte. Madeleine

Ennis, Pharmakologin an der Queens-Universität in Belfast, benützte dafür die Eigenschaft bestimmter weißer Blutkörperchen, im Rahmen einer Entzündungsreaktion Histamine auszuschütten. Sind jedoch bereits Histamine im Blut vorhanden, dann stellen diese Zellen die Histaminproduktion rasch wieder ein. Ennis verschickte nun an Kollegen, die an vier europäischen Universitäten tätig sind, Teströhrchen, von denen die eine Hälfte Histamin in homöopathischen Dosen, die andere Hälfte pures Wasser enthielt. Die Forscherin bat die Kollegen, den ihnen unbekannten Inhalt der Röhrchen an den weißen Blutkörperchen zu testen. Die Ergebnisse waren verblüffend: Alle vier Zentren meldeten, dass die homöopathischen Lösungen den Histaminausstoß der Abwehrzellen wirksam unterdrücken. Auch wenn nachweislich kein einziges Histaminmolekül mehr in der Wasserlösung vorhanden war. Damit scheint bestätigt, dass Wasser tatsächlich Information speichern kann. „Auch wenn das bedeutet, dass man über bestimmte Gesetze der Physik und Chemie neu nachdenken muss“, wie Ennis zerknirscht anmerkt.

Schulmediziner bleiben dennoch skeptisch. Schon öfter haben sich derartige Effekte in Nachfolgeuntersuchungen nicht bestätigen lassen. Die Beliebtheit der Alternativmedizin bei den Patienten allein dürfe kein Freibrief dafür sein, nun in Bausch und Bogen alles ins Medizinsystem zu integrieren, was eine Heilwirkung nachweisen kann, worauf immer diese nun beruhen mag. „Die Schulmedizin ist alles andere als perfekt“, sagt Manfred Stöhr, Professor für Neurologie am Klinikum Augsburg, „aber sie unterzieht ihre Verfahren immerhin einer ständigen kritischen Prüfung und gegebenenfalls einer Korrektur.“ Die simple Schlussfolgerung „Wer heilt, hat Recht“ dürfe nicht zur Therapiebeliebigkeit führen. „Wer dennoch seine Gelenkschmerzen durch Haifischknorpel oder die klein gehackte und zweimal gekochte Schlange Wu Bu She heilen möchte“, sagt Stöhr, „der soll dies tun. Aber auf eigene Kosten und Verantwortung.“

Der von Stöhr kritisierte Knorpelextrakt zur Behandlung von Gelenkschmerzen, der seine Wirksamkeit im Großversuch gegen ein schulmedizinisches Schmerzmittel beweisen sollte, steht übrigens seit Kurzem ohne Gegner da. Der Cox-2-Hemmer Vioxx musste nämlich wegen schwerer Nebenwirkungen im vergangenen Oktober vom Markt genommen werden.

Von Bert Ehgartner