Altlasten: Schmutziges Geschäft

Mit präziser Technologie und unter Einhaltung oft massiver Schutzvorkehrungen sanieren spezialisierte Betriebe die gefährlichsten Giftmülllager Österreichs – und teilen sich dabei einen milliardenschweren Markt.

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ach und nach verändert sich das Erscheinungsbild der Deponie „Langes Feld“ am Nordrand von Wien. Ab 2015 soll auf dem einstigen illegalen Endlager für Bauschutt, Haus- und Sondermüll, von dem lange Zeit erhebliche Gefahr für das Grundwasser ausging, ein Naherholungsgebiet entstehen. Heute sind bereits rund 40 Prozent der Fläche mit frischer Erde bedeckt und bepflanzt. Besonders an den Außenrändern des Geländes sprießt die Wiese, wachsen junge Eichen und Hainbuchen.
Zwischen der gefährlichen Altlast von einst und der grünen Oase liegen Jahre teils hoch spezialisierter Arbeit – die Phase der Sanierung der Deponie. Übernommen hat diesen Job die von Bau- und Sanierungsunternehmen gegründete Langes Feld GmbH, ein Konsortium, zu dem die Porr Umwelttechnik GmbH, die Bilfinger Berger Bau-GmbH und die G. Hinteregger & Söhne Bau-GmbH zählen. Die Gesellschaft sichert die Altlast und verwandelt sie – ohne öffentliche Zuschüsse – in die geplante Grünlandschaft.
Eine der ersten Arbeiten, mit der die Sanierer vor zwölf Jahren begannen, bestand darin, den Müll nach dem so genannten Wiener Kammersystem hinter dichten Wänden einzuschließen. Dazu wurde eine doppelwandige Mauerkonstruktion angefertigt, die teils bis zu 56 Meter in den Boden reicht und rund 70 Hektar Deponiefläche umschließt. Die Tiefe dieses Schutzwalls sei „an der Grenze des technisch Machbaren“ gewesen, sagt Walter Martinelli, Geschäftsführer der Porr Umwelttechnik (PUT).
Der Raum zwischen den Wänden wurde in einzelne Kammern unterteilt. Der Clou bestand darin, den Wasserspiegel in den Kammern sowie in der eingeschlossenen Müllmasse gegenüber dem angrenzenden Grundwasserspiegel leicht abzusenken. „So können keine Schadstoffe aus dem System nach außen rinnen“, erklärt PUT-Prokurist Wolfgang Stanek.

Anschließend begannen die Experten, auf dem Areal oberhalb der Umschließung neue Deponien anzulegen – rechtskonforme Lagerstätten freilich, welche die geplante Grünzone ökologisch nicht beeinträchtigen. Auf diesen Arealen werden mineralische Abfälle wie Bauschutt, Bodenaushub, Schlämme und Streusplitt deponiert.

Materialkreislauf. Gewisse Chargen einlangender Abfälle werden allerdings auch recycelt oder verwendet, um daraus nach einem speziellen „Vererdungsverfahren“ Erde zu gewinnen. Dafür werden Holzreste, Grünabfälle und Klärschlämme einer sechs- bis achtwöchigen „Hitzerotte“ unterzogen, wobei bei Temperaturen von bis zu 60 Grad mikrobiologische Umwandlungsprozesse ablaufen. Anschließend werden bestimmte Tonmaterialien zugesetzt. Die derart hergestellte Erde wird benötigt, um die Oberfläche der sanierten Deponie zu schaffen: eine ein bis zwei Meter dicke Erdschicht, auf der schließlich Wald und Wiese gedeihen sollen.

Das Lange Feld ist eine jener 222 erfassten österreichischen Altlasten, von denen nach behördlicher Einschätzung erhebliche Gefahr für die Gesundheit von Menschen oder die Umwelt ausgeht. 53 dieser Öko-Bomben wurden bereits saniert. Das Umweltbundesamt schätzt jedoch, dass es im gesamten Bundesgebiet 1000 bis 2000 sanierungsbedürftige Standorte gibt.

Bei der Behandlung solcher Altlasten kommt zumeist eine überschaubare Anzahl bewährter Methoden zum Einsatz, etwa das Umschließen von Müllbergen wie beim Langen Feld. Auch die in diesem Geschäftssegment aktiven Unternehmen sind leicht zu überblicken – und teilen sich dennoch ein stattliches Projektvolumen.

Das Umweltbundesamt beziffert die Kosten für die Sanierung der bekannten 1000 bis 2000 Standorte mit rund 4,4 Milliarden Euro. Das jährliche Volumen für Sanierungsvorhaben wird auf 140 Millionen Euro taxiert. Allein in den vergangenen zehn Jahren genehmigte das Umweltministerium aus Mitteln der Altlastenbeiträge Förderungen in Höhe von rund 500 Millionen Euro für 120 Sanierungsprojekte.

Giftfässer. Eine der größten und spektakulärsten Altlastensanierungen ist seit 2002 im Bezirk Wiener Neustadt im Gange: die Räumung der Fischer-Deponie. Jahrelang wurden in der ehemaligen Schottergrube nicht nur Haus- und Gewerbemüll entsorgt, sondern auch große Mengen Fässer mit gefährlichen Abfällen wie Lösungsmitteln versenkt. Die Mitterndorfer Senke, das größte Grundwasserreservoir Österreichs, wurde in der Folge massiv mit giftigen Substanzen verseucht.

Hauptauftragnehmer bei der nunmehrigen und von der Republik Österreich finanzierten Sanierung ist wieder die PUT, in Kooperation mit Bilfinger Berger, der Strabag AG und der Alpine-Mayreder Bau-GmbH. Die Kosten für die Neutralisierung der Giftmülldeponie werden mit 140 Millionen Euro beziffert.

Im November 2004, im dritten Jahr der Räumung der Fischer-Deponie, befindet sich die Sanierung in Phase zwei. Die Bergung der vergrabenen Abfälle – Phase eins – ist seit vergangenem Dezember abgeschlossen. 946.000 Tonnen wurden aus der 760 Meter langen, 80 Meter breiten und im Schnitt 18 Meter tiefen Grube geholt. Darunter befanden sich auch 14.875 Fässer und Fassfragmente, die mithilfe von Metalldetektoren aufgespürt worden waren. Deren Inhalt: Lösungsmittel, Öle, Teere und teils hoch toxische Chemikalien. Freilich waren große Mengen der Umweltgifte längst ausgeflossen, da die Fässer verrostet waren. Und noch während der Arbeiten stießen Techniker auf kontaminierte Flächen, deren Existenz zuvor unbekannt gewesen war.

Nun, in Phase zwei, ist der unter der Deponie gelegene Schotterkörper, der aufgrund von lecken Fässern ebenfalls massiv kontaminiert ist, Gegenstand der Sanierung. Auch in dieser Schotterzone stieß der Bergetrupp immer wieder auf Giftfässer.

Verseuchtes Gebiet. Bis zu dreißig Leute arbeiten in etwa zwanzig Meter Tiefe inmitten von Schotter, der an vielen Stellen in verschiedensten Farben schillert. Vielfach benötigt das Personal immer noch Schutzanzüge und Gesichtsmasken. Die eingesetzten Bagger sind allesamt mit Druckkabinen ausgerüstet, damit keine Gase hineindringen können. Dabei sei die Schadstoffbelastung in der kalten Jahreszeit eigentlich noch vergleichsweise harmlos, berichtet Roman Rusy, Pressesprecher der Arge Räumung Fischer-Deponie. Im Sommer indes, so Rusy, habe man in der Grube an manchen Stellen das Gefühl, „direkt in einer Lackdose zu sitzen“.

Die Baggerfahrer holen Tonne um Tonne an Schotter heraus. Immer noch ist dies eine Präzisionsarbeit, weil auf Giftfässer aufgepasst werden muss, die bei der Bergung leck werden könnten. „Unsere Baggerfahrer sind Spezialisten“, so Rusy, „sie arbeiten so präzise wie Chirurgen.“

Sämtliche Tätigkeiten werden außerdem gefilmt, um allfällige Beweise zu sichern – um die Fischer-Deponie gibt es seit Jahren Rechtsstreitigkeiten hinsichtlich der Klärung der Schuldfrage.

Ständig sind auch Chemiker vor Ort, welche die giftigen Funde in einem direkt an der Baustelle eingerichteten Labor analysieren. Die Experten trennen kontaminierten Schotter von nicht verseuchtem Material – was nicht verunreinigt ist, wird an Ort und Stelle gelassen, der Rest für den Abtransport vorbereitet. Bis Anfang 2006 sollen alle Verschmutzungen beseitigt und die Grube neu aufgefüllt sein.

Hoch kontaminierter Schotter landet in einer Bodenwaschanlage der Abbruch-, Boden- und Wasserreinigungsgesellschaft GmbH in Wien-Simmering. Dort werden die Abfälle mit Wasser und Waschchemikalien versetzt und in verschieden große „Kornklassen“ getrennt, wobei Schadstoffe in die Waschflüssigkeit wandern. Diese hoch giftigen Materialien müssen weiter zur nächsten Behandlung – zum Beispiel in die Stabilisierungsanlage der PUT am selben Areal. Nach einem patentierten Verfahren wird das Material dabei so bearbeitet, dass keine Umweltgefährdung mehr davon ausgehen soll.

Neutralisierung. Auch eine andere Methode, die so genannte Diagenetische Inertisierung, soll gewährleisten, dass Müll verfestigt und derart unschädlich gemacht wird. Dieses Verfahren kam in Österreich bislang bei zwei Altlasten zum Einsatz: bei der Ablagerung Grubhof der früheren Lederfabrik Wurm in Neumarkt am Hausruck sowie bei der Deponie Hehenberg, beide in Oberösterreich.

Bei der Diagenetischen Inertisierung werden die Abfälle mit Tonschlamm und Kalk vermischt, um giftige Substanzen darin zu binden. Die Methode mache „den ganzen Deponiekörper dicht“, erklärt Zivilingenieur Josef Ringhofer, der die Rechte an dem Verfahren hält. Beim Einsatz in der Praxis arbeitet Ringhofer mit der oberösterreichischen Burgstaller GmbH zusammen, welche die Methode in Grubhof und in Hehenberg anwandte.

Gebannter Schaden. Durch das Binden der Schadstoffe könnten weder Wasser noch Luft in das Material eindringen, erläutert Ringhofer, auch Deponiegas werde bloß in vernachlässigbaren Mengen gebildet. Eventuelle Emissionen seien jedenfalls so gering, dass sie keinen Schaden anrichten könnten. Ringhofer: „Aus dem Abfall wird eine ungefährliche Lagerstätte.“ In Grubhof sei es mit dem Verfahren gelungen, beträchtliche Mengen einst gefährlicher Gerbereischlämme zu neutralisieren. Für ein noch recht neues Verfahren entschieden sich die Errichter eines Businessparks im niederösterreichischen Brunn am Gebirge, der inzwischen eröffnet ist. Die Investorengruppe steckte mitten in den Bauarbeiten, als sich herausstellte, dass ein Teil des Bodens auf dem Grundstück mit Mineralölen und Teerrückständen verseucht und das Grundwasser kontaminiert war. Das Gift stammte vor allem aus einer 1878 eröffneten Teerfabrik.

Die Errichter des Businessparks brauchten eine Lösung, die schnell umgesetzt werden konnte und zugleich die Bauarbeiten wenig beeinträchtigte, berichtet Peter Niederbacher, Ingenieurkonsulent für Technische Geologie, der das nun realisierte System konzipierte. „Außerdem kamen aus wirtschaftlichen Gründen ein Gesamtaushub oder eine Umschließung nicht infrage“, so Niederbacher.

Das Baukonzept sah im Businesspark einen Landschaftsteich vor, und in diesen führt heute auch Niederbachers System: Barrieren, die die Ausbreitung bedenklicher Substanzen verhindern, lenken zugleich das kontaminierte Grundwasser von seinem ursprünglichen Weg ab und lassen es unterirdische Großfilter durchströmen. Aus der Filteranlage fließt heute das Wasser, nunmehr sauber, in den von Anfang an geplanten Teich.

Das zur Sanierung der Altlast an dem niederösterreichischen Geschäftsstandort angewandte Verfahren ist insofern ungewöhnlich, als es sich dabei nicht um eine der traditionell angewandten Methoden handelt. Stattdessen wurde die Verunreinigung vor Ort behandelt, was im Fachjargon „in situ“ oder „on site“ genannt wird. Dies gilt zwar als innovativ und verspricht erhebliche Einsparungspotenziale. Allerdings wird nicht immer eine hundertprozentige Sanierung garantiert, wie sie üblicherweise vom Wasserrecht verlangt wird, und manchmal dauern die Verfahren recht lange. Derzeit sind in der Branche deshalb Diskussionen über Gesetzesänderungen im Gange (siehe Kasten unten).

Phytosanierung. Bei dieser Debatte setzt auch das derzeit laufende Forschungsprojekt „Interland“ an, an dem die Wiener Universität für Bodenkultur sowie die ARC Seibersdorf Research GmbH federführend beteiligt sind. „Eines unserer wesentlichen Ziele ist es, Methoden zu entwickeln, die es ermöglichen, mit dem gleichen Geld mehr zu sanieren“, erklärt Projektkoordinator Thomas Reichenauer.

Im Zentrum von Interland steht die bessere Erforschung von In-situ- und On-site-Verfahren mit biologischen, physikalischen und chemischen Methoden. Dazu zählen auch Verfahren der Phytosanierung, also der Reinigung kontaminierter Böden mithilfe von Pflanzen. Interland nimmt dabei hauptsächlich die Phytoextraktion unter die Lupe. Dabei ziehen bestimmte Pflanzen, etwa Weiden und Pappeln, Schwermetalle aus dem Boden, speichern sie in extrem hohen Konzentrationen in den Blättern – und sollen Schadstoffe derart auf natürliche Weise unschädlich machen.